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Claudia Klinger am 29. Juli 2010

Über Lokalisierungsdienste und die Relevanz von Empfehlungen

Wie man liest, sind die sogenannten Lokalisierungsdienste (Gowalla, Foursquare) alles andere als ein Erfolg. Junge, meist männliche Technik-Freaks sind die spärlichen Nutzer, die es toll finden, beim Besuch von allerlei “Locations” (Restaurants, Clubs, Bahnhöfe, Bushaltestellen…) ihren Standort per Handy den Diensten und ihren “Freunden” kund zu tun. Laut den Webevangelisten haben in Deutschland grade mal 20.000 Nutzer Foursquare genutzt. Wie viele davon das nur einmal und dann nie wieder taten, konnte nicht ermittelt werden.

Trotzdem gilt vielen die Lokalisierung länger schon als “das nächste große Ding”: Nirgends mehr wäre man wirklich alleine, sondern könnte sehen, ob Freunde in der Nähe sind und könnte lesen, wer auch schon mal da war. Ja, im Idealfall wäre die Speisekarte eines Restaurants nicht die einzige Info-Quelle, sondern mir würde gesagt, dass User X die Pizza Quattro Stagioni hier voll daneben fand. Super nützlich, oder?

Ist das Votum der “Freunde” immer besser?

Selbst WENN man die Nützlichkeit in diesem Fall bejaht: wären die Infos beliebiger bisheriger Gäste des Restaurants (deren Bewertungen ich z.B. auf Qype lesen kann) nicht aussagekräftiger als das Votum der paar Leute, mit denen ich mich aus völlig anderen Gründen “verbunden” habe? Selbst der Pizza-Geschmack meines meistgeliebten Mitmenschen muss doch nicht der meine sein, bloß weil er im realen Leben mein Geliebter ist!

Diesen Gedanken vermisse ich übrigens bei allen Lobgesängen auf “Social Media”: Nur noch das mitbekommen, “was Freunde empfehlen”, sehe ich als mutwillige Verengung des eigenen Weltbilds an. Dass Google mir Suchergebnisse präsentiert, die u.a. nach Kriterien wie Alter, Vertrauen/Trust und Verlinkung sortiert sind, mag ich nicht missen. Empfehlungen von echten und virtuellen Freunden bzw. Verbundenen können das höchstens ergänzen, nicht ersetzen.

Und: Bewege ich mich physisch an einen anderen Ort, tue ich das in der Regel, weil ich mal was Anderes erleben will. Als Fakt an sich ist das für alle meine “Freunde” erstmal nicht so interessant, sondern wird es allenfalls, wenn mir dort etwas Bemerkenswertes begegnet, das mir berichtenswert erscheint. Dafür bieten sich schon jetzt und ganz ohne Lokalisierungsdienst vielerlei Möglichkeiten. In “Echtzeit” will ich aber erstmal ERLEBEN, was es zu erleben gibt: einfach DA sein und nicht schon gleich wieder im virtuellen Irgendwo.

Vielleicht muss ich ja eines Tages die Gruppe der “RealLife-User” gründen, wenn es mir unter lauter aufs-Smart-Handy-Guckern zu einsam wird.
Oder ich kauf mir einen Hund.

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4 Reaktionen zu “Über Lokalisierungsdienste und die Relevanz von Empfehlungen”

  1. Tobias schreibt:

    Sind Lokalisierungsdienste womöglich nur ein Spiel? Die Badges bei Foursquare deuten z. B. darauf hin.
    Und Please Rob Me stellt die wohl ironischste Anwendung von Lokalisierungsdiensten dar.
    Allerdings lassen sich deine Argumente ebenso auf die Smartphone-Clients einiger anderer Dienste anwenden. Entbehrlich ist das vermutlich alles – oder?

  2. limone schreibt:

    “Vielleicht muss ich ja eines Tages die Gruppe der “RealLife-User” gründen, wenn es mir unter lauter aufs-Smart-Handy-Guckern zu einsam wird.”

    ich find’s immer wieder interessant, wie gerade leute, die zum internet-urgestein gehören, sich tendenziell wieder mehr dem “meatspace” zuwenden. mir hat sich nämlich auch noch nicht erschlossen, warum ich immer und überall per smartphone & co. die verbindung zum netz halten soll – obwohl ich das vor vielen jahren sogar mal erstrebenswert fand. inzwischen beobachte ich an mir selbst immer öfter das bedürfnis, mal ganz bewusst offline zu sein, um das erleben nicht zu zersplittern. wer an zwei orten gleichzeitig zu sein versucht, wird am ende an keinem von beiden gewesen sein.

  3. Gerhard schreibt:

    Etwa 2002 fiel mir einer asiatischen Großstadt auf,bzw. prägte sich mir ein Bild ein, daß das Handy allgegenwärtig war. Auf einem der belebtesten Plätze, einem Zugang zu einer U-Bahnstation, schien fast jeder auf das kleine Viereck zu gucken. Gaukler, hübsche Bienen, lebendiges Geschehen an sich, das wurde anscheinend nicht wahrgenommen. Stehenbleiben und die Atmosphäre auf sich wirken lassen, noway. Auch in der Werbung war dort das Handy immer mit im Spiel – nur noch gefehlt hätte, daß man sich mit dem Handy das Brot geschmiert hätte.
    Nun sind mehr als 8 Jahre vergangen und hier an dieser Stelle wird von Technologien gesprochen, die noch 1, 2 Stufen weiter sind.
    Wir haben mal als junge Leute gelernt, daß Aufmerksamkeit, Gewahrsein und Beachten von Natur und Geschehen ein Königsweg sei, um das Leben intensiver wahrzunehmen, um sich zu sättigen. Nun eignet man sich offenbar das Gegenteil an.

  4. Anne schreibt:

    Dein Artikel bringt genau das auf den Punkt, was mir schon länger durch den Sinn geht. Der digitale Alltag ersetzt mir keineswegs meine fünf Sinne! Und damit ich diese beisammenbehalten kann, geniesse ich es immer mehr, die Welt mit diesen wahrzunehmen und zu geniessen – statt allzeit und überall “informiert” zu sein. ich hab keine lust, irgendwann selber zu einer “app” meines handys zu verkommen. unter leben stelle ich mir mehr vor! meine zeichnung zum thema: http://www.flickr.com/photos/planet111/4745699662

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