Claudia am 23. Juni 2010 — 9 Kommentare

Das Meer in mir: Film über das Recht auf selbstbestimmtes Sterben

Es war schon sehr spät. doch bei diesem Film bin ich dann doch hängen geblieben: „Das Meer in mir“ erzählt die Geschichte des Ramon Sampedro, der seit 26 Jahren vom Hals abwärts gelämt ist und für sein Recht auf ein selbst bestimmtes Sterben kämpft. Mit 25 hatte er einen Badeunfall, bei dem er – abgelenkt durch den Blick auf eine schöne Frau – kopfüber in allzu flaches Wasser sprang und sich dabei das Genick brach.

Die vielen Jahre seitdem gehörte Ramon ganz offensichtlich zu den glücklicheren Schwerbehinderten: die Familie seines Bruders kümmert sich aufopferungsvoll um ihn, er bekommt viel Besuch, schreibt mit einem Stift im Mund veröffentlichungsfähige Gedichte und ist – man staunt ein wenig! – meist ziemlich gut gelaunt. Dennoch empfindet er sein komplett von Anderen abhängiges Leben als würdelos und will es beenden, wofür er dann auch eine Anwältin engagiert, die sich (ebenfalls von einer tödlichen Krankheit betroffen) auf dem Rechtsweg für sein Anliegen einsetzt.

Mit dieser Anwältin entwickelt sich gar noch eine richtige Liebesgeschichte, wobei sie nicht einmal die einzige Frau ist, von der Ramon geliebt wird. Auch Rosa, die Fabrikarbeiterin, kümmert sich rührend um ihn und bezieht durch seine Zuwendung „Kraft zum Leben“, wie sie sagt. Ramon wird insgesamt ziemlich viel geliebt, doch ändert das nichts an seinem Sterbewunsch, worüber man sich als Zuschauer dann schon manchmal wundert: er steht bzw. liegt doch so „mitten im Leben“! Warum nur will er nach 26 Jahren immer noch sterben?

Das Recht, diese Frage selbst zu entscheiden, wollen auch die meisten dieser Ramon-Liebenden ihm zunächst nicht zugestehen. Bruder und Vater empfinden den Wunsch als Undankbarkeit und fast persönlichen Angriff. Rosa gesteht ihm ihre Liebe, doch als er sagt: „Wenn du mich wirklich liebst, dann hilfst du mir“, verweigert sie das erschrocken. Der (noch) egoistische Charakter ihrer Liebe wird damit deutlich, doch am Ende ist sie es, die ihn bei sich aufnimmt, auf dass sein „Abgang“ ungestört von statten gehen kann.

Das Sterben zelebriert Ramon nach wie erwartet verlorenem Prozess vor einer Kamera. Er trinkt ein Glas mit Wasser und Zyankali und stirbt unglaubhaft schmerzfrei binnen einer halben Minute.

Wechselnde Identifikationen und ein Hinweis auf falsche Prioritäten

Richtig gut an diesem Film fand ich, dass man als Zuschauerin gezwungen ist, beide Seiten mitzufühlen: den Wunsch Ramons, seine abhängige und bewegungslose Situation zu beenden, ganz ebenso wie die Seite der liebenden Angehörigen, die nicht wollen, dass er sie verlässt. Der Streit ums Recht auf Sterbehilfe tritt dem gegenüber in den Hintergrund. Letztlich geschieht ja auch, was er will, eben ohne staatlichen Segen.

Das Schicksal Ramons hat mir überaus deutlich gemacht, dass ich den (kostenlosen!) Basisbereich des Lebens, das sinnliche Dasein, sich bewegen, riechen, hören, sehen, schmecken, berührt werden und berühren können nicht genug schätze. Das alles scheint so selbstverständlich und steht ja auch „ganz von selbst“ zur Verfügung. Und doch führe ich viele Stunden pro Tag freiwillig ein Leben, das sich von dem Ramons faktisch nur durch den Netzzugang unterscheidet: zwar sitze ich (noch!) aufrecht und muss nicht liegen, kann mir selbständig Essen und Getränke besorgen und schaffe es auch alleine aufs Klo. Dennoch sind das Unterbrechungen der „Default-Stellung“ vor dem Monitor, die ich kaum wahrnehme, solange ich im Netz meinen den Geist fesselnden Aktivitäten nachgehe. (Hätte Ramon auch mit Netzzugang sterben wollen?)

Vermutlich verhält es sich mit alledem so, dass erst der Verlust klar macht, was man einst mal „hatte“, aber gar nicht richtig schätzen konnte: Das Wunder, einfach nur da zu sein und mit allen Sinnen die Welt wahrzunehmen!

Was wäre, wenn…

Genau wie die Liebende im Film würde auch ich zunächst den Freitod eines Geliebten abwehren wollen. Dann aber, wenn ich sehe, dass er leidet und wirklich abtreten will, würde ich es akzeptieren und im Rahmen meiner Möglichkeiten auch helfen. Wenn ich mich aber nicht als Angehörige sehe, sondern als diejenige, die demnächst sterben wird (sei es als Freitod oder auf natürlichem Weg), dann erlebe ich in dieser Identifikation etwas ganz Erstaunliches: meine Liebe zu den Hinterbleibenden macht einen Quantensprung! Nicht dass ICH sie verlassen muss, tut dann am meisten weh, sondern ihr möglicherweise vorhandenes Leiden daran – überhaupt jegliches ihrer Leiden, einschließlich des Leidens an der Endlichkeit.

Der Film hat mir also viel gegeben, nämlich gezeigt, was wirklich wichtig ist – im Leben und im Sterben.

Diskussion

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9 Kommentare zu „Das Meer in mir: Film über das Recht auf selbstbestimmtes Sterben“.

  1. Ich habe als junge Physiotherapeutin einen jungen Mann – nicht älter als ich – behandelt, der genau diesen Badeunfall erlebt hat. Mir ging es so ähnlich wie dir beim Film – nur war alles Realität.
    Vielleicht müsste ich mal wieder so etwas erleben, um das hier und jetzt mehr zu schätzen!
    Lieben Gruß von Clara

  2. Ich war von diesem Film auch hochbeeindruckt – ich hatte ihn seinerzeit im Kino gesehen.
    Daß Ramon gehen wollte, hatte auch mit der Liebe zu seiner Anwältin zu tun. Es gibt da doch eine sehr schmerzlich-anrührende Szene, in der er in der Phantasie eine Begegnung mit ihr am Strand erlebt/herbeisehnt, in der er seine Liebe AUSLEBEN darf. Er darf die Gefühle in körperliche Aktion setzten, ihr Haar anfassen, sie an sich schmiegen, mit ihr am Strand jubelnd tanzen u vieles mehr. Wie schmerzlich ist das, wenn diese „dazugehörigen “ Affekte und Impulse nicht umgesetzt werden können. Diese Liebe hat ihm sein Dilemma nur noch deutlicher vor Augen geführt.
    Auch sehr grausam war die Szene, als er hilflos im Bett lag und seiner gestürzten Liebe über Stunden nicht helfen konnte, ja nicht einmal schauen konnte, wie es ihr geht. Da schrie doch „das Tier“ in ihm.

    Ich habe das Plakat des Films in meinem Zimmer, seit diesem Film. Ich schätze auch den Schauspieler Bardem sehr.
    „Das Meer in mir“ gemahnt ja an das „Mehr in mir“, das Mehrwollen, das so schmerzlich ist, weil das Mehr versagt ist.

    Was Clara und DU, Claudia, sagen, ist fürwahr wahr: Man schätzt die Möglichkeiten nicht, die man so mir nicht dir nichts zur Verfügung hat.

    Gruß
    Gerhard

  3. Ja, ist leider so. Ich erlebe es selbst und habe es oft beobachtet: Wer alles hat, was viele andere sich sehnlich wünschen und schmerzhaft vermissen, ist deswegen noch lange nicht permanent zufrieden und glücklich. Wohlbefinden braucht offensichtlich mehr, als die Erfüllung von Wünschen …

  4. Es gab im deutschen TV (vielleicht vor gut 20, 30 Jahren) mal eine Doku über einen Bodybuilder oder Körperkulttreibenden, der am Bassin verunglückt ist. Dieser Unfall wurde sogar zufällig gefilmt.
    Dieser Mensch, der so stark mit seinem schönen Körper identifiziert war, konnte es nicht mitansehen und -fühlen, daß sein Körper jegliche physische Kontur verlor, eine Kontur, die mal alles für ihn war.
    Ich denke in diesem Zusammenhang auch an den großen Plastiker und Steinbildhauer Hrdlicka, ein Mann, der über viele Jahrzehnte Tonnen an Stein weggeschlagen hat, oft an einem einzigen Tag eine schier unglaubliche Menge an Stein. (Ich stand einst vor einer sogennanten „Skizze“, einem 2,50 x 2,50 großen Block, den er skizzenhaft durchgearbeitet hatte! )
    Ende seiner 60er, denke ich, versagte sein Körper diesen Dienst. Der kraftvolle Mensch konnte Kunst nur noch in wuchtigen Zeichnungen ausleben. Wie muß sich diese Entbehrung angefühlt haben?
    Selbst kennt man ja auch, in meist viel kleinerem Maßstab „Entzüge“ – Dinge, von denen man sich verabschieden muß, obwohl sie sehr viel bedeutet hatten.

    Gruß
    Gerhard

  5. Bücher und Filme sind Eines um zum Sinnieren zu kommen. Wer die Realität erlebt, findet keine Worte. Man kann und mag nicht streiten mit Leuten, die lautstark und mit Vehemenz dafür eintreten, dass alles Andere als ein „natürlicher“ Tod völlig unakzeptabel ist. Ja, die Theoretiker haben keinen blassen Schimmer, welche Schmerzen die Betroffenen aushalten müssen. Wenn es keine Krankheitsschmerzen wären, würden es die gleichen Leute sofort als Folter akzeptieren. Aber kommen die Schmerzen von einer Krankheit, hat der Kranke Pech gehabt und soll nicht blöd rummeckern sondern sich mit seinem Schicksal versöhnlich arrangieren.

    Ich habe es mit ansehen müssen, wie die Pflegeperson aus Überlastung und Kram selber gesundheitlich angeschlagen wurde und das Risiko da war, dass die Pflegeperson noch vor dem Kranken sterben könnte. Was zum doppelten Desaster geführt hätte.

    Zum „Glück“ kam es anders. Nach vielen Krankenhaustagen, in x Notfalleinweisungen unterteilt, nach Tonnen von Medikamenten und einer schleichenden aber unaufhaltsamen Vergiftung des Körpers durch die Pillen die helfen sollten, kam es letztlich zur „erwünschten“ Erlösung durch Organversagen, weil der Kranke der Pflegenden das Versprechen abgenommen hat, ihn in gar keinem Fall nochmals ins Krankenhaus bringen zu lassen. Das Versprechen wurde eingehalten als das Koma eintrat. Die Stunden die folgten, waren die Hölle.

    Das war vor langer Zeit. Zum Glück habe ich heute vom Bahnbrechenden Urteil des BGH gelesen, das der Selbstbestimmung den richtigen Platz zuordnet. Wer es im richtigen Leben erlebt hat, mag keine Filme darüber sehen, egal wie sehr darüber geschwärmt wird.

  6. @Relax-Senf: danke für deine bedrückende Schilderung, zeigt sie uns doch genau das, was wir gewiss alle fürchten! Und es war überfällig, dass der Bundesgerichtshof edlich ein entsprechendes Urteil gefällt hat!

    Die Geschichte im Film (der einen realen Fall nachzeichnet) ist allerdings nicht die eines unter großen Schmerzen leidenden Sterbenden, sondern eines vom Hals abwärts Gelähmten, der – ansonsten gesund – dieses Leben nicht mehr führen will und Hilfe zum Selbstmord einfordert. Das ist schon eine andere Qualität von Todesverlangen als das in einem finalen, scherzhaften Sterbeprozess.

    Doch bin ich auch hier der Meinung: der Mensch muss frei bleiben, das Leben auf eigenen Wunsch zu beenden – das gehört einfach dazu zur viel zitierten „Würde“.

  7. Zitat Claudia:
    „Nicht dass ICH sie verlassen muss, tut dann am meisten weh, sondern ihr möglicherweise vorhandenes Leiden daran.“

    Angesichts meiner zuvor beschriebenen persönlichen Erfahrung bin ich „für mich philosophisch“ zur Überzeugung gekommen, dass der unerwartete Tod – wenn es denn das Schicksal so will – für die betroffene Person und die Hinterbliebenen von Vorteil ist. Diese Aussage kann Leser/innen irritieren, aber der lange Abschied kann zu Seelenverletzungen führen, die nie mehr ganz vernarben:

  8. „Das Meer in mir“ ist ein Meisterwerk.
    Auf behutsame Weise gibt er Denkanstöße zum Thema „Selbstbestimmtes Sterben“.

    Meine Eindrücke zum Film habe ich schon hier abgesondert:
    http://forum.sf-fan.de/viewtopic.php?p=73501#p73501

    Gruß
    Ralf

  9. Danke Ralf, aber ich muß widersprechen:
    „Hinzu kommen wundervolle Bilder, wenn Ramón in seinen Träumen aus dem Bett aufsteht, sich aus dem Fenster schwingt und über die galizischen Hügel zum Meer fliegt“
    Wundervoll ist/war das in meinen Augen keineswegs: Dies zeigte die Tragik von Ramón: Phantasie, die sich nicht umsetzen lässt. Ich empfand das so: Da werden in mir Wünsche wach, die ich nie erfüllen/erleben kann.
    Wenn schon „wundervoll“, dann bitte wundervoll-schmerzlich.

    Gruß
    Gerhard

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