Claudia am 19. Juni 2010 — 25 Kommentare

Vertrauen in der Liebe – eine schwindende Ressource?

Gelegentlich schaue ich nach, welche Digital Diary-Artikel den größten Anklang finden. Dabei steht lange schon der Beitrag „Vertrauen und Beziehung“ mit großem Abstand an erster Stelle. Der Beitrag hat sechs bis zehnmal so viele Leser wie der nachfolgende, und das dauerhaft!

Mich stimmt das nachdenklich: Vertrauen scheint ein großes Problem zu sein und ich frage mich, ob denn die Menschen heute weniger „vertrauenswürdig“ sind als früher? Oder – dazu neige ich eher – liegt es an den gestiegenen Erwartungen, die an eine Liebesbeziehung gestellt werden?

Aus allen Kanälen wird uns heute nahe gelegt, uns den Bedürfnissen der Wirtschaft anzupassen, hoch flexibel zu sein, lebenslang zu lernen, den Wohnort für eine Arbeit zu wechseln und unser gesamtes Auftreten dem jeweiligen Anlass entsprechend perfekt zu stylen. Als besonders erfolgreich gilt, wer „zur Marke wird“: die Kraft, das eigene Image zu gestalten scheint zwei unvereinbare Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Ressource für dieses Me-Styling ist ja immerhin die eigene Individualität, man verteidigt also einen Rest persönlicher Freiheit und macht damit sogar Kasse. Andrerseits ist so eine „Marke“ dann aber auch ein Hindernis: wer es mal geschafft hat, JEMAND zu sein, kann sich nicht mal eben so erlauben, morgen ganz anders zu werden – jedenfalls nicht ohne Verluste.

Beziehung als entspannte Wellness-Oase?

In der Liebe soll nun alles ganz anders sein. Zwar wird jede Menge Aufwand getrieben, den „Richtigen“ zu finden und sich dabei „ins rechte Licht zu setzen“, doch wenn er dann mal gefunden ist, soll plötzlich alles anders sein: Im Rausch der Verliebtheit fühlt sich der Mensch mit seinem SoSein ANGENOMMEN und erwartet, künftig mühelos und entspannt für das geliebt und begehrt zu werden, was er ohne jegliche „zielgruppenspezifische“ Anpassungsanstrengungen ist. Dass man sich in dieser Phase gegenseitig nur die Schokoladenseite zeigt, steht nicht im Bewusstsein, denn es geschieht ja zunächst „wie von selbst“. Aber jeder Rausch verblasst und im Alltag zeigen irgendwann alle ihre „ganze Person“ mit allen Ecken, Kanten und Defiziten. Ist DAS die Enttäuschung, die als „Vertrauensbruch“ wahrgenommen wird? (Ich liebte dein Märchenprinz-Image – und nun DAS!!)

„Also mein Geliebter und ich haben oft gesimst und uns 4 mal bei ihm getroffen, was superschön war, auch emotional. Ich habe gemerkt, dass er mich mag. Er war immer sehr zuvorkommend und aufmerksam mir gegenüber. Letzten Dienstag habe ich dann alles kaputtgemacht, weil ich spontan ein Treffen wollte und er nicht so wollte, wie ich.“

schrieb eine Leserin. Sie hat ihren Lover dann mit bösen SMS traktiert, sich später entschuldigt, doch „sein Vertrauen“ war unwiederbringlich dahin. Ihres wohl schon vorher, als er nicht so wollte wie sie. Ok, die Geschichte ist ungemein dünn und ein viermaliges Treffen macht noch keine „Beziehung“, wie die meisten sie verstehen. Und doch demonstriert der Vorfall den Kern der meisten „Vertrauensverluste“: Es gibt jede Menge Erwartungen ans Gegenüber, über die niemals gesprochen, geschweige denn ein Konsens erziehlt wurde. Das konnte in früheren Zeiten noch besser gelingen, da es einen kollektiven Konsens darüber gab, wie eine Zweierbeziehung zu gestalten sei – der aber ist heute weg!

Zwar beschreit die Werbung und vielerlei Medien immer noch das romantische Märchen vom „Einen für alles und immer“, doch sieht die Realität lange schon anders aus: die Lebensabschnittspartnerschaft ist der Normalfall und Fernbeziehungen werden immer häufiger. Seitensprungportale etablieren ganz selbstverständlich den Anspruch auf „geilen Sex“ mit Dritten, wenns in der Hauptbeziehung nicht mehr so prickelt. Und die zunehmende „Katalog-Suche“ in vielerlei Flirt- und Kontakt-Communities lassen jeden Teilnehmer spüren, dass die Auswahl groß ist und der Gefundene vielleicht doch noch durch einen „besser Passenden“ ersetzt werden kann – nur ein paar Mausklicks weiter…

Unter solchen Bedingungen ist es im Grunde vermessen, noch die Erwartung zu hegen, dass ab dem „Sich-finden“ auf einmal ganz andere Werte zählen. Bloß weil es erotisch geklappt hat und das anfängliche Zusammensein sich wundervoll anfühlte, ist der Geliebte dennoch nicht in derselben Manier „meiner“, wie es früher üblich war. Was als „Vertrauen“ reklamiert wird, ist oft genug das leidbringende Festhalten und Bestehen auf Erwartungen, wie sie in weniger dynamischen Zeiten im kollektiven Bewusstsein etabliert wurden. Zu Zeiten auch, als Menschen noch kein so extrem individualistisches Selbstverständnis hatten, das es immer schwerer macht, sich aneinander anzupassen und in der Alltagsnähe nervige Reibungsverluste zu vermeiden. Anpassung, die ansonsten allüberall gefordert und belobigt wird, sieht man im vermeintlich entspannten Raum der Beziehung als verzichtbar, ja als Verlust an. Folgt er mir nicht, hat er mein Vertrauen enttäuscht, der Saubär!

Alltagsnähe – nicht ohne gemeinsames Interesse!

Wenn ich meine eigene Geschichte der Lebensabschnittspartnerschaften und Affären betrachte, so war mein Weg raus aus heftigem Beziehungclinch ein weiträumiges Aufgeben von Erwartungen, sowie ein zunehmender Verzicht auf kontinuierliche Alltagsnähe. Stark individualisierte Menschen brauchen persönliche Freiräume, die nicht vom Anspruch, dass man „alles“ zusammen erleben und genießen müsse, befrachtet sind. Das bedeutet lange schon: ich wohne nicht mit meinem Liebsten zusammen, jeder hat eigene Freunde, Interessen und Tätigkeiten, die nicht geteilt werden. Unverzichtbar sind allerdings auch gemeinsame Aktivitäten (!), die über bloßes Genießen/Konsumieren/Erotik hinaus gehen: es gab Beziehungen, da war der „politische Kampf“ das gemeinsame Aktionsfeld, in anderen waren es unternehmerische Aktivitäten, jetzt ist es ein gemeinsamer Garten. Aber keine Regel ohne Ausnahme: auch das „philosophische Gespräch über die Welt“ trug eine Beziehung über zehn Jahre – und trägt sie auch heute noch, denn meine wichtigsten „Ex“ sind meine wahren Freunde geworden.

Gemeinsame Aktivitäten bedeuten Alltagsnähe, die dann gelingt, wenn zwei sich einig sind, die gemeinsame Sache VOR die Beziehung und ihre wechselnden Stimmungen zu stellen. Der Garten muss gegossen werden, auch wenn wir uns mal nicht grün sind – so ein Konsens in Bezug auf gemeinsam für wichtig erachtete Aktionsfelder hat dann etwas Stabilisierendes.

Gesamtgesellschaftlich fände ich es nicht schlecht, es würde statt der staatlichen „Ehe“ künftig die „Elternschaft“ geben, die Rechte und Pflichten im Miteinander begründet. Das hätte vielleicht eine entlastende und kinderfreundliche Wirkung im allgemeinen Erwartungshorizont.

Diskussion

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25 Kommentare zu „Vertrauen in der Liebe – eine schwindende Ressource?“.

  1. Sehr schöner Text, weil es einen schönen Einblick in für mich anderes „Beziehungskonzept“ gibt, wie es derer ja so viele eben gibt. Ich bin, wie damit angedeutet, streckenweise ganz anders gestrickt.

    Nach dem erstem Treffen, wo man bildlich sicherlich noch mal eben den eigenen Atem vorher heimlich prüft, gebe ich mich, egal bei wem, so wie ich meine zu sein. Natürlich (für mich) ist in der Verliebtheitsphase manches rosiger, aber alleine das muß eben langen, über meine Alltagsschmudelecken in diesen ersten Findungstagen hinweg zu kommen. Sonst käme ja immer der „Tag der Wahrheit“, und den habe ich lieber gleich zu Anfang abgehakt.

    Ich bin einerseits ein ziemlich freiheitsliebender Mensch, mag keine Kompromisse, will nichts „haben“, wo ich darüber hinweg sehen müsste oder zurück stecken müsste, denn ich denke, das sind dann alles Bumerangs.

    Anderseits muß ich das alles meinem Gegenüber, Liebeslebenpartnern erst recht, auch immer zugestehen.

    Das aber gepaart mit meinem innigem Wunsch, den Partner gleich zu einem Teil von mir zu machen (und ein Teil von ihr zu werden) ergibt dann die „Pflicht“, eine große wirklich gefühlte Offenheit und Gelassenheit dem anderen Gegenüber zu haben, und zwar nicht gezwungen, sondern als Selbstverständlichkeit.

    Ich hab seit vielen Jahren das Glück, genau in einer solchen freiheitlichen kompromisslosen vollverwachsenen Beziehung zu sein. Mit allem zwischen Alltagssituationen und Mondscheinmomenten. Ohne jemals etwa Erwartungen aufgeben zu müssen. Das kann gehen.

  2. „Anderseits muß ich das alles meinem Gegenüber, Liebeslebenpartnern erst recht, auch immer zugestehen. “

    „eine große wirklich gefühlte Offenheit und Gelassenheit dem anderen Gegenüber zu haben, und zwar nicht gezwungen, sondern als Selbstverständlichkeit“

    Nun, das sind jetzt nur andere Beschreibungen für das, was ich mit dem Aufgeben von Erwartungen meinte. Nämlich die Erwartung, der Andere solle möglichst ein „Gleicher“ sein und alles, was ich gerade tue und wünsche, auch tun und wünschen – und nichts anderes, eigenes, mir Fremdes.

    Glückwunsch zu deiner harmonischen Partnerschaft!

  3. „Dass man sich in dieser Phase gegenseitig nur die Schokoladenseite zeigt“

    gehört ergänzt. Man sieht auch nur Schokoladenseiten beim Anderen. Selbst Dinge die von Anfang auffallen und ein ? auslösen, werden in dieser Phase gerne als neckische und liebenswerte Eigenart wahrgenommen, geeignet um das Liebesprofil aus der Masse ähnlicher Personen abzuheben. Mit Verzögerung entdecken dann die Leute, dass sich aus der geliebten Eigenart ein monströses Problem entwicklet hat, mit dem man nicht „mehr“ umgehen kann. Oft gibt es zu diesem Zeitpunkt bereits eine Beziehungsalternative, die vor allem dadurch glänzt, dass die „störende“ Eigenart fehlt und dafür eine andere besonders wertvolle und sehr sehr seltene Eigenart ausgemacht wird.

    Man muss Flexibilität leben und pflegen und das heisst für mich, dass BEIDE abwechselnd „Fünf gerade sein lassen“ , wo es nicht um Grundsätzliches geht und man das Gespür für die Stimmungslage des Anderen hat, die in diesem Moment keine Diskussion um unwichtige Kleinigkeiten erträgt. Aber es ist nur ein sehr hilfreicher Tipp, wenn es gegenseitig respektiert und praktiziert wird.

  4. „Fernbeziehung“ – sagt m.E. nach mehr über eine Beziehung, als über eine berufliche Notwendigkeit aus.

  5. wenn ich den artikel und die kommentare lese, weiß ich was in meinen früheren beziehungen oft falsch lief. auch andere beziehungserfahrene, mit denen ich über liebe, beziehung und vertrauen diskutiere, teilen mir ähnliche vorerfahrungen und neue erfahrungen mit, wie sie
    in diesem artikel stringent dargestellt werden.
    am schluss ein wunderbarer denkansatz was die idee der „elternschaft“ betrifft:
    gerade kinder haben oft noch diese bilder einer „heilen welt“ der harmonischen kleinfamilie tief verinnerlicht. wenn sich ihre eltern trennen, erfordert es eine besondere aufmerksamkeit für die kinder, die oft hin- und hergerissen scheinen in ihrer gefühlslage. die anzahl der kinder aus getrennten familien und in patchwork-familien ist ja sehr groß, vielleicht hülfe es ihnen und auch den eltern.

  6. Hallo Claudia,

    Partnerschaft ist wie Girokonto, man darf nicht nur abheben.

    Und.

    Partnerschaft bedarf der beiden Gaben, nicht nur gleiches Ziel, auch gleichen Schritt zu haben.

    Gruß Hanskarl

  7. […] 1: Claudia Klinger, Berlin. Ihr aktueller Blog-Post hier, twittern tut sie unter (als?) […]

  8. @Menachem: Was du zu „Fernbeziehung“ schreibst, klingt ein wenig abwertend – ohne dass du es explizit so sagst. Magst du ein wenig mehr „Farbe bekennen“? :-)

    Wenns aus der Ferne mal funkt, werden die meisten nicht gleich ihr Leben umkrempeln und zum neuen Liebsten ziehen. Sondern Verkehrsmittel nutzen..

  9. @Relax-Senf: zu „BEIDE abwechselnd “Fünf gerade sein lassen”:

    ein allermeist und mit guten Gründen für nahezu jedwedes „Problem“ gegebener Ratschlag ist ja, miteinander zu reden: über alles, offen, ehrlich, etc. analysieren, Interessen offen legen, Missverständnisse ausräumen, Ängste besänftigen, Kompromisse finden…

    Ist ja auch richtig. Und doch machte mein Beziehungsleben einen Quantensprung vom Gewürge hin zum Flow, als ich begriffen hatte, dass Reden nicht immer und jederzeit das Hilfreichste ist.

    Dazu bedarf es aber einer Gelassenheit, die von sich weiß, dass der Partner/Geliebte zwar ein Geschenk und seine Nähe unersetzlich ist, dass aber dennoch das Leben auch OHNE IHN möglich bleibt – und nicht mal als ein Schlechtes.

    (Die ist mir persönlich erst im „vorgerückten“ Alter ab 40plus zugewachsen – also ab einem Alter, vor dem die Jüngeren sich meist irgendwie grausen, da sie nur Verluste imaginieren).

  10. Mir fällt auf, daß die Begriffe Liebe, Partnerschaft und Beziehung gerne in einem Atemzug genannt und gedanklich miteinander verwoben werden. Ich erzähle mal, wie ich das wahrnehme:

    Beziehung ist das, was jeder Mensch zwangsläufig gegenüber anderen Menschen einnimmt. Menschen müssen in Beziehungen leben, andernfalls wären sie Authisten. Beziehungen sind immer Beziehungsgefüge und bestehen nicht nur zwischen ZWEI Menschen. Man kann eine Zweierbeziehung nur gedanklich isoliert betrachten und analysieren aber nicht isoliert leben. Es gibt Zweierbeziehungen, die einseitig oder beidseitig viel Liebe, wenig Liebe oder das Gegenteil von Liebe beinhalten, nämlich Furcht (z. B. vor Verlust) und in Folge der Furcht, Gewalt (in Form von Forderungen). Meist beinhalten sie Liebe und Furcht in zeitlich veränderlicher Quantität und das hat eben mit dem Beziehungsgefüge außenherum zu tun.

    Partnerschaft ist das Wort für eine bestimmte normierte Form von Beziehung, die heute weltweites Kulturgut ist. Partnerschaft institutionalisiert menschliche Beziehungen dergestalt, daß jeweils zwei Menschen in bilaterale Verhandlungen und Vereinbarungen über Kernthemen, wie Sex, Aufenthaltsort, Rechte und Pflichten usw., eintreten. Wie jede kulturelle Vereinbarung, so sind auch die Spielregeln für Partnerschaft nicht fixiert sondern unterliegen einer ständigen Diskussion und Veränderung. Das kann unter Umständen sehr aufreibend sein, doch oft werden auch längerfristig befriedigende Lösungen gefunden. ;)

    Jede Partnerschaft ist eine Beziehung und beinhaltet mal viel und mal wenig Liebe oder auch garkeine Liebe sondern Hass und Gewalt, aber nicht jede Liebesbeziehung muss eine Partnerschaft sein und nicht jede Liebesbeziehung muss etwas mit Sex zu tun haben.

    Das Streben nach Partnerschaft und das Aufrechterhalten einer solchen, ist demnach keine Bedingung, um Liebe zu fühlen und es ist keine Methode, um Liebe herzustellen. Umgekehrt ist aber die Fähigkeit, Liebe zu fühlen und sich für Vertrauen, für Hoffnung und gegen die Furcht zu entscheiden, ein Erfolgsfaktor für glückliche und befriedigende Beziehungen, also auch für Partnerschaften.

    Da für mich das Vertrauen eine direkte Folge von Liebe ist, hieße die Überschrift des Threads für mich: „Liebe in der Zweierbeziehung – eine schwindende Ressource?“ und weil die Liebe wenn, dann nicht nur in einer gedanklich isolierten Zweierbeziehung sondern in jeder Beziehung fehlt, wäre das Thema „Liebe – eine schwindende Ressource?“. Tja, und warum die Liebe schwindet? Weil die Furcht zunimmt.

  11. Die Furcht vor WAS?

  12. @Claudia
    Furcht ist wie Liebe ein Gefühl, eine Stimmung oder Schwingung. Deine Frage „Furcht vor WAS?“, zielt darauf ab, einen Auslöser oder ein Objekt zu benennen, welches das Gefühl rationalisiert. Natürlich könnte man gedanklich eine Kausalkette isolieren und sie als Begründung anführen, wie etwa „Furcht vor Jobverlust“ oder „Furcht vor der Entdeckung eigener Minderwertigkeit“ aber was bringt das, wenn man nicht Kausalketten ausgesetzt ist sondern mehrdimensionalen Kausalnetzen?

    Gefühle entstehen in jedem einzelnen, durch eigenes Tun und eigenes Denken aber auch, und nicht zuletzt, durch „Ansteckung“ bzw. Übertragung. Du hast ja selbst unlängst erlebt und darüber geschrieben, wie Begeisterung und Freude in einem See aus Skepsis und Bedenken untergehen kann. ;) Je nach Kräfteverteilung kann es aber auch umgekehrt laufen und Sonnen voller Liebe und Zuversicht trocknen pessimistische Sümpfe im Nu. :)

    Ich meine, wenn Beziehungen jeglicher Art als problematisch empfunden werden und wenn Partnerschaften belasten, dann ist es die Furcht, die das bewirkt. Sie zeigt sich z.B. in der Angst vor dem Alleinsein, in der Angst zu kurz zu kommen oder unberücksichtigt zu bleiben, zu Mißtrauen, Zweifel usw. und führt zu Erwartungen, Forderungen und vielleicht zu Kontrollmaßnahmen. Mit dem Gefühl der Liebe in mir, bleibe ich entspannt im Vertrauen und in der Zuversicht, auch wenn sich eine Partnerschaft mal auflöst :). Ob ich nun Gefühle von Liebe oder von Furcht „beziehe“, das hängt von mir und meiner Beziehung zur Welt ab. Wenn ich freiwillig am Tropf täglicher (regelmäßig mieser) Nachrichten hänge, dann brauche ich mich über einen Liebesmangel bzw. Furchtüberschuss im Gefühlshaushalt nicht zu wundern.

    Ich fürchte, viel näher kann ich dem Thema mit Worten nicht kommen. ;)

  13. @Uwe: das hast du wirklich wunderbar in Worte gefasst! Herzlichen Dank für die guten Beiträge (das wären auch ganz eigene Artikel, WENN du denn bloggen würdest.. ;-)

    Was die Nachrichten angeht, muss man sich bewusst bleiben, dass allermeist nur das Bedrohliche bzw. Fehlerhafte überhaupt einen Nachrichtenwert hat. Dass die Dinge auch klappen und gut laufen ist allgemeine Alltagserfahrung, die als selbstverständlich genommen wird. Only bad news are good news…

  14. Ich danke Dir, Claudia, für den Platz, den Du hier zur Verfügung stellst und für die vielen interessanten Gedanken.

    Ja, über die Mechanik der Nachrichtenindustrie sprachen wir ja kürzlich. Deren einzige Alternative, um genügend Aufmerksamkeit zu generieren, wäre es wohl, das Heil zu verkünden aber daran glaubt halt gerade (fast) keiner mehr.

  15. Der Artikel ist echt toll – ich hoffe ja nicht, dass Vertrauen in dem Bereich eine schwindende Ressource ist, das wäre echt traurig für die Menscheit.

  16. „Only bad news are good news…“

    @ Claudia: Betreffend obige Aussage, muss ich Dir für 1 x – mit Bedauern – recht geben.

    @ Uwe: Schliesse mich der positiven Wertung von @ Claudia an. In kompakter Form, lese ich da Aussagen, die meine Zustimmung finden – auch wenn ich gewisse Aspekte so noch nicht betrachtet habe. Daher gute Impulse aufgenommen.

  17. Die Überschrift „Vertrauen in die Liebe“ setzt voraus, dass man eine klare Definition des Begriffes Liebe hat. Anders als früher wird heute stärker die Phase des „Verliebtsein“, d. h. die Phase mit starken körperlichen und emotionalen Reaktionen abgegrenzt und dennoch ist es genau das, wonach man sich insgeheim sehnt. Ohne auf die unterschiedlichen Ausprägungen der Liebe einzugehen ist die Frage, „Was kommt danach?“ die eigentlich Entscheidende. Meines Erachtens spielt das Vertrauen die wichtigste Rolle, das Vertrauen darin, die Beziehung – auch wenn es nicht rund läuft – nicht (leichtfertig) in Frage zu stellen. Das würde bedeuten, dass Liebe und Vertrauen Synonyme sind. Und somit ist die Überschrift rückbezüglich. Das eine ohne das andere geht nicht. Und als meine Antwort: Natürlich schwindet das Vertrauen. In einer Zeit von vielfältigen, oberflächlichen Kontakt- und Beziehungsmöglichkeiten, in einer Zeit in der durch TV und Netz alleinerziehende, sexuell offene und Patchworkfamilien als Ideal und Begehrenswert dargestellt werden, ist kaum noch Raum echte Partnerschaften zu entwickeln. Von der Möglichkeit zu substituieren wird schnell und mannigfach Gebrauch gemacht. Allenfalls die Sehnsucht bleibt, nach dem was wir als Liebe bezeichnen.

  18. Hallo Lars-Henrik: danke für deine Gedanken, denen ich gerne ein wenig nachgesonnen habe.

    Ja, Verliebtheit wird heute nicht mehr mit Liebe gleich gesetzt – das sehe ich auch so und bewerte es als kollektiven Weisheitszugewinn: es ist in die Kultur eingeschrieben, dass das eine Phase ist, die noch lange nichts darüber aussagt, ob man diesen Menschen jemals lieben wird. Es ist der Trick der Natur, uns zur Paarung und Fortpflanzung zu motivieren – und noch lange kein Votum aus ganzem Herzen (und klarem Geist) für eine bestimmte Person.

    Dass du mit deiner Frage nach dem DANACH dann gleich beim Vertrauen in den Durchhaltewillen landest, wundert mich allerdings! Warum sollte ich denn eine Beziehung nicht wieder aufgeben, wenn die Verliebtheit vorbei ist und nichts ANDERES bindet?

    Das, was zwei Menschen verbindet, wenn man von der erotischen Anziehung absieht, kann doch nie und nimmer bloß so ein Durchhaltewillen sein! Ich denke, Vertrauen muss in den Gemeinsamkeiten gründen, im Wissen darum, was mein Gegenüber an mir schätzt und was ich an ihm schätze und nicht missen mag. Gibt es so etwas gar nicht, dann ist mir und ihm zu raten, schleunigst unserer Wege zu gehen – und zwar verschiedene, ganz ohne Ärger und Vorwürfe.

    Liebe und Vertrauen sind also für mich zwei ganz unterschiedliche Dinge.

    Vertrauen entsteht mit der Zeit und gemeinsamer Erfahrung, ist im Grunde ein Vertrauen darauf, dass mein Partner mit hoher Wahrscheinlichkeit auch morgen noch der ist, der er bis heute für mich war.

    Liebe ist, wenn ich spüre, dass ich sein Wohl wünsche – ganz unabhängig von meinem. Und wenn er in Bezug auf mich ebenso eingestellt ist, ich also wiedergeliebt werde, ist das ein richtiges Glück!

    Ich weiß nicht, was für Sender du schaust, aber ich habe nicht den Eindruck, als würden Patchworkfamilien und Alleinerziehende als Ideal hingestellt. Dass es heute nicht mehr diskriminiert wird, auch wieder auseinander zu gehen, wenn nichts mehr verbindet, sehe ich als positive Entwicklung. Ebenso, dass es Paare gibt, die einander eine gewisse sexuelle Offenheit zugestehen – schließlich sagt ja die Statistik, dass ein totaler Exklusivitätsanspruch „Seitensprünge“ nicht etwa verhindert. (in Anführungszeichen, weil auch die Begriffe rund um dieses Spannungsfeld schon eine Wertung transportieren, die ich nicht teile).

    Ich nehme auch nicht an, dass TV und Internet daran schuld sind, dass jemand oberflächliche Beziehungen zu leicht austauschbaren Partnern präferiert. Dass liegt doch eher in der Verantwortung der Individuen, die ihr Beziehungsleben so gestalten – oder eben nicht.

    Zum Schluss: Wenn Verliebtheit für dich gleich Liebe ist, nämlich das, „wonach man sich insgeheim sehnt“, dann bist du aus meiner Sicht prädestiniert für schnelles Beziehungs-Zapping. Denn Verliebtheit geht vorüber und bloßes Vertrauen, dass der Parner nicht gleich abhaut, wenn mal ein Konflikt kommt, kann sie nie und nimmer ersetzen!

  19. Hallo Claudia. Weiter oben hast Du, wie ich finde, richtig kommentiert:

    „Und doch machte mein Beziehungsleben einen Quantensprung vom Gewürge hin zum Flow, als ich begriffen hatte, dass Reden nicht immer und jederzeit das Hilfreichste ist.

    Dazu bedarf es aber einer Gelassenheit,“

    und mir fällt da spontan zu ein: Gelassenheit schafft man auch dadurch, in dem man ab und an mal mit einer Person über seine Gefühle redet, mit der man eher selten und nicht selten verkrampft redet: mit sich selbst.

    Dies sollte man freilich nicht laufend, denn dann fängt man gerne an zu stolpern. Aber ab und an mal hilfts, Konflikte schon vor dem „aussprechen“ verpuffen zu lassen und einfach frei durchatmend gelassen weiter mit seinem Partner um zu gehen.

  20. Vielen Dank für deine Antwort und ich denke, dass wir im Grundgedanken nicht weit voneinander entfernt sind.

    Allenfalls beim Übergang von Verliebtheit in das Vertrauen in den Durchhaltewillen scheiden sich anscheinend ein wenig die Geister. Diesen scharfen Übergang habe ich so nicht beschrieben bzw. so nicht gemeint. Die Verliebtheit endet nicht urplötzlich, sondern es ist vielmehr ein schleichender Prozess. Fehlt – wie du auch schreibst – eine tiefere Bindung, ist eine Trennung durchaus in Ordnung und wahrscheinlich auch sehr gesund.

    Mir geht es bei der Frage „Und was kommt danach?“, genau um diese Bindung und für mich ist das Vertrauen ein Schlüssel dazu. Nicht in den Durchhaltewillen, sondern das Vertrauen in Ehrlichkeit, Zuneigung, gemeinsame Ziele oder Werte oder was auch immer. Nach reiflicher Überlegung bin ich zu dem Schluss gekommen, dass Liebe und Vertrauen sehr, sehr eng miteinander zu tun haben. Und erst an dieser Stelle spielt auch der Durchhaltewillen für die Phasen die schwierig sind eine entscheidende Rolle. Das hat aber nichts mit der anhalten Qual des Festhaltens an etwas Imaginären zu tun.

    Leider habe ich mittlerweile zu viele Trennungen im Familien und Freundeskreis begleiten müssen. Bei einigen sicherlich nachvollziehbar und wahrscheinlich richtig, leider bei vielen jedoch wurde ein gemeinsames Leben mit Kindern, Zielen und Hoffnungen allzu leichtfertig durch ein Abenteuer – durch den Kick des Verliebtsein – zunichte gemacht. Eine Rückkehr ist dann aufgrund des Vertrauensbruches oft allzu schwierig. Die Argumente waren jedes Mal die Gleichen und die Leiden auf der anderen Seite auch. Die Oberflächlichkeit der modernen Kommunikationsmittel via sms und email haben das Einbrechen in eine Beziehung oder auch das Ausbrechen nicht gerade erschwert und leider waren es fast nie reife Überlegungen die zu einer Trennung geführt haben.

    Vielleicht noch eine Anmerkung zu TV und Netz. Es gibt kaum einen Film oder eine Sendung, bei dem Affären oder Trennungen keine Rolle spielen. Nur werden die Schmerzen und das Unheil der Betrogenen fast nie realitätsnah gezeigt. Und es ist schon auffällig, dass „erfolgreiche“ Menschen häufig mit einem bunteren Beziehungsleben verbunden sind. Das dies möglicherweise interessanter erscheint, als langjährige Beziehungen mit Kindern ohne Skandale liegt auf der Hand und aus den persönlichen Erfahrungen heraus muss man leider sagen, dass dies durchaus Vorbildcharakter hat.

    Und zu meinem und deinem Schluss: Verliebtheit ist für mich nicht gleich Liebe. Ich bin seit zwanzig Jahren immer noch mit meiner ersten Frau zusammen und wir haben vier Kinder, obwohl wir auch schwere Zeiten durchgemacht haben und ich leider das Gefühl des betrogen werden aus eigener Erfahrung nachvollziehen kann.

    Ich danke für deine Zeit

  21. Mittendrin in allem fand ich diese für mich wunderschönen Sätze:

    „Vertrauen entsteht mit der Zeit und gemeinsamer Erfahrung, ist im Grunde ein Vertrauen darauf, dass mein Partner mit hoher Wahrscheinlichkeit auch morgen noch der ist, der er bis heute für mich war.

    Liebe ist, wenn ich spüre, dass ich sein Wohl wünsche – ganz unabhängig von meinem. Und wenn er in Bezug auf mich ebenso eingestellt ist, ich also wiedergeliebt werde, ist das ein richtiges Glück!“

    Einfach, schlicht und richtig.

    Gerhard

  22. Liebe Claudia,

    mit anfänglichem Staunen, gleichbleibender Bewunderung, aber auch stetig zunehmendem Wundern lese ich, was Du hier alles so schreibst, was man alles so über die Liebe schreiben kann. Ich lese die Antworten Deiner Kommentatoren, und was Du Ihnen entgegnest.

    Wirklich lesenswert fand ich diese beiden Sätze:

    ‚Vertrauen entsteht mit der Zeit und gemeinsamer Erfahrung, ist im Grunde ein Vertrauen darauf, dass mein Partner mit hoher Wahrscheinlichkeit auch morgen noch der ist, der er bis heute für mich war. ‚

    ‚Liebe ist, wenn ich spüre, dass ich sein Wohl wünsche – ganz unabhängig von meinem. Und wenn er in Bezug auf mich ebenso eingestellt ist, ich also wiedergeliebt werde, ist das ein richtiges Glück!‘

    Zum Schluss beschließe ich jetzt -sozusagen als Fachfremder- etwas vielleicht Banales dazu zu sagen:
    ‚Liebe ist ein warmes Haus. Wenn man nicht in einem solchen Haus wohnt oder wenn man dieses Haus gefährdet sieht, dann redet man über die Liebe. Ansonsten schreibt man Gedichte.‘

    Grüße nach Berlin
    Jorge D.R.

  23. Hallo Jorge,

    hab Dank für deinen wertschätzenden Beitrag, deine gar nicht banale Aussage – und den Link zu deinem Blog mit den schönen Gedichten! :-)

    Dies ist kein „Fachblog“, insofern bist du ganz gewiss kein Fachfremder! Werden hier doch meist Themen besprochen, die jeden Menschen angehen – so hoffe ich wenigstens. (Gedichte kann ich leider nicht gut, ob liebend oder nicht liebend.)

    Sei herzlich gegrüßt
    Claudia

  24. Hallo zusammen!
    Ich habe zu dem Thema auch etwas beizutragen. Ich führe seit 1,5 jahren eine sehr schöne Beziehung. Doch plötzlich,ist das Vertrauen von mir zu ihr weniger geworden. Haben uns irgendwie ständig in den Haaren wegen Kleinigkeiten. Was mir selbst an mir aufgefallen ist, das so bald ich was merke, was negativ ist anfange mir Gedanken zu machen. Werden diese stärker, kann ich einfach mein Mund nicht halten und rede mit jemand Dritten darüber. Das hat es jetzt schon soweit gebracht, das Sie schon von Trennung gesprochen hat. Liegt das daran, das mein Vertrauen in sie weg ist?

  25. Du wirst das sehr viel besser wissen, als es jemand aus der Ferne sagen kann, der Euch nicht kennt!

    „Reden mit Dritten“ wenn einen was sehr bewegt, halte ich nicht für falsch oder irgendwie verboten – es sollte halt ein guter Freund/gute Freundin sein, bei dem das Gesagte auch verbleibt.

    Wogegen es eine recht dumme Idee ist, sich jemandem anzuvertrauen im Wissen oder sogar Kalkül, dass der/die es brühwarm dem Partner weiter trägt.

    Wenn die direkte Kommunikation gestört ist, muss man GENAU hin schauen, woran das liegt. „Haben uns irgendwie ständig in den Haaren wegen Kleinigkeiten“ ist da deutlich zu wenig Erkenntnis!

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