Claudia am 11. Juni 2010 — 6 Kommentare

Entfremdung – mal anders

Es liegt in der Macht eines Schreibenden, einem Wort eine neue, ureigene Bedeutung zu geben, die vom allgemeinen Verständnis deutlich abweicht. Thinkabout hatte sich so ganz eigene Tagebuchgedanken zur Entfremdung gemacht, woraufhin er zu einem Interview-Gespräch ‚rund um sein „fremdeln“ eingeladen wurde. Den ungeschnittenen Podcast hab‘ ich mir grade auf rebell.tv angehört.

ThinkaboutNormalerweise höre ich kaum Podcasts und schaue nur wenige Videos: einen Text kann ich viel schneller erfassen und meine Aufnahmegeschwindigkeit selbst bestimmen. Wogegen mich zuhören und zusehen dem Timing der Akteure ausliefert, wofür mir oft genug die nötige Hingabebereitschaft fehlt.

Anders, wenn ich den Interviewten kenne – und sei es „nur“ als Blogger bzw. Autor, der seine Gedanken mit der Welt teilt. Da riskier ich schon mal ein wenig Lebenszeit und lasse mich nicht mal von minutenlangen Veranstaltungsgeräuschen & Plaudereien abhalten, die man mit Gewinn vom Anfang hätte wegschneiden können. Wenn es dann auch noch Schweizer sind, die miteinander reden, fällt es nochmal leichter: dieser Sound gemäßigten Schwitzerdütschs ist mir an sich schon ein Genuss. Viele gewichtige Themen erscheinen mir in diesem Sprachgewand „leichter“ – eigentlich seltsam!

Inhaltlich fand ich das Gespräch inspirierend und bezüglich meiner aktuellen Sinnkrise in Sachen Bloggen auch beruhigend. Es ist schön, jemandem zuzuhören, der darin aufgeht, bloggend Fragen zu formulieren und Denkanstöße zu geben, der sich also gerade nicht darin verstrickt, allzu viel nach der Nützlichkeit dieses Tuns zu fragen.

Entschleunigtes Leben

Entfremdung ist für Thinkabout ein Erleben, das einsetzte, nachdem er seinen Brotjob auf 40% reduziert und mit dem intensiven Bloggen begonnen hat. Er führt seitdem ein „entschleunigteres“ Leben, das mehr seinem persönlichen Wertempfinden entspricht – Geld, Karriere, Status etc. sind nicht mehr wichtig. Dabei macht er die Erfahrung, dass er von anderen beneidet wird, die vordergründig gerne auch so leben würden. Oft genug aber stellt sich beim Nachfragen heraus: Viele Menschen KÖNNTEN durchaus auch so „halb aussteigen“ – es wollen aber tatsächlich nur wenige.

Und so wird diese Welt und die Menschen, die all das, unter dem sie so vielfältig zu leiden scheinen, dennoch weiter betreiben und befördern, für Thinkabout immer fremder. Es macht ihn aber nicht zum isolierten Eigenbrötler oder verbitterten Misanthopen. In seinen Texten schwingt immer Anteilnahme mit, ein Verstehen sämtlicher Verstrickungen ins vermeintlich Alternativlose, das heute so viele im Griff hält.

Im Interview ist das nur ein Thema unter mehreren. Das Selbstverständnis als Blogger, das Schreiben, auch in experimenteller Form, das „Gewand der Sprache“ und vieles mehr wird angetippt. Eine gefühlte halbe Stunde, die sich für mich gelohnt hat!

Diskussion

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6 Kommentare zu „Entfremdung – mal anders“.

  1. Liebe Claudia
    Danke Dir für die netten Worte! Das Format, für das Du Dir wünschen würdest, man hätte den Anfang weg geschnitten, lebt eben gerade davon, dass es ungeschnitten unverfälscht daher kommt. Wir reden zusammen – und zu Beginn auch mit anderen, und das bekommt man halt mit. Natürlich mag so mancher wegzappen – aber als Alternative gibt es ja auch noch den Balken, auf dem man vor und zurück fahren kann…
    Die Videos und Radions auf rebell.tv leben von dieser ganz eigenen unverkrampften Art: Mam macht nicht richtig fernsehen und nicht richtig Radio, kommt mit minimaler Technik aus, niemand vermag richtig zu stören – auf jeden Fall nicht die Protagonisten. Und das tut dann dem Innhalt auch wieder gut, weil er sich spontan entwickeln kann. Stefan hat nix als ein paar Schnipsel im voraus, er bereitet sich nicht akrybisch vor, er hat einfach einen bewussten Entscheid fürs Gespräch getroffen. Und bei der Begegnung kann man dann zuhören.
    Und am Ende ist das Interview Teil seines Zettelkastens. Abgelegt im Internet, wie er selbst sagt.
    Im Resultat sieht so ein Marathon dann so aus:
    http://blog.rebell.tv/20100610

  2. Hallo Claudia!

    Sei einigen Jahren lasse ich Veränderungen zu, bei denen es mir um den Sinn meines Lebens geht. Bei diesen Veränderungen spielte „Entschleunigung“ eine wichtige Rolle. Bemerkenswert dazu: http://www.zeitverein.com!

    Nun, vor kurzem habe *ich* also meinen Brotjob „halbiert“. Eine „Entfremdung“ fand dabei z.B. gegenüber den Menschen statt, welche diesen (ihren eigenen) Weg nicht gingen – obwohl sie es gekonnt hätten. Sprachen wir darüber, zählten sie sich wieder & wieder auf, warum das eben so ist, was dagegen spricht und wie mühselig es wäre. Was ihnen bleibt, ist ein Gefühl der Ohnmacht und Inkompetenz.

    Mein Lohn dagegen ist Integrität. Klar, auch diese ist kein Mußtopf voller Zufriedenheit (der „Weltschmerz“ hat tatsächlich eher zugenommen). Aber ich empfinde trotzdem heute den Alltag nicht selten so, wie früher die Tage des Urlaubs. Es ist das erholsamste, was ich mir je selbst gönnen konnte.

    Matthias

  3. Hallo Claudia,
    dank für diesen Podcast.
    Auch ich hatte etwas Schwierigkeiten, dabei zu bleiben (man ist ja dabeibleiben nicht mehr gewöhnt), aber es gab in diesem Gespräch so manchen Punkt, der mich immer wieder gefangennahm. Die gefühlte halbe Stunde wurde so zur vollen Stunde – kaum zu glauben!
    Interessant war etwa „Freewriting“, auf einen gegebenen Begriff hin – das hat ja einen therapeutischen Touch für mich, lässt vermutlich ein „ganz anderes“ Abtauchen in die eigene Persönlichkeit zu.

    Auch daß ein Text nie fertig ist, habe ich selbst schon oft – leidvoll passioniert – erfahren. Da ich – ganz eigen -nicht jeden Kommentar sofort wegschicke, merke ich nach einiger Zeit, daß andere Aspekte hochkommen, ich manche Dinge anders formulieren kann und würde.

    Von hier Gruß an @thinkabout!

    Gruß
    Gerhard

  4. Daaaaaanke Gerhard.
    Und Gruss zurück

  5. hi, ist alles wunderbar chaotisch, wie zu den Anfangszeiten des Webs. Ich muss gestehen, das hat meine Sympatie. Ein ungeschnittenes Audiofile mit einem buntgehüpften Fanden. Das könnte von mir sein. Am besten fand ich den Hinweis auf Q10. So etwas habe ich schon lang gesucht. So habe ich vor Jahrzehnten meine Abschlussarbeit geschrieben, allerdings noch auf einem Atari ganz ohne Internet. Das einzige Problem ist die Seite von thinkabout. Da verschwinden immer alle Kommentare. Das Ding läuft nicht stabil. Um meinen ist es sicher nicht schade aber um die anderen. Ich schreib eh immer das gleiche, der Altersstarrsinn eines Mannes.
    schönen Sonntag
    Ottmar

  6. hallo Ottmar
    Meine Seite läuft SEHR stabil. Das einzige Problem:
    Kommentare müssen erst mit dem Vorschau-Button „bestätigt“ und danach mit dem „Absenden“-Button losgeschickt werden.
    Danke Dir aber für Dein positives Feedback.

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