Claudia am 31. Mai 2010 — 25 Kommentare

Hoffnung auf die Jungen: Rifkins empathische Zivilisation

Wie es mit der Menschheit doch noch was werden könnte, vermittelt der amerikanische Soziologe und Ökonom Jeremy Rifkin in seinem neuen Buch „Die emphatische Zivilisation – Wege zu einem globalen Bewusstsein“. Und in diesem Video, das Ihr Euch mal ansehen solltet:

Entdeckt auf der Hyperbaustelle, wo Urb ein wenig mehr dazu schreibt. Und zum Fazit kommt:

„Zu schön, um wahr zu sein? Ein pessimistischer Skeptizismus gegenüber Rifkins Entwurf ist verständlich, wenn man auf das globale Chaos, am Schwelen gehaltene Kriege und die Zockermentalität der Finanzwelt blickt. Aber Pessimismus angesichts gut verargumentierter Visionen ist nichts, was uns weiterbringt und leicht zu einem weiteren Sargnagel werden kann. Rifkin liefert jedenfalls so viele Denkanstöße, dass Zyniker ihre Miesmacherei als Denkfaulheit begreifen lernen könnten. „

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Diskussion

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25 Kommentare zu „Hoffnung auf die Jungen: Rifkins empathische Zivilisation“.

  1. Eine neue Generation? (das hieß auch einmal: eine neue Zeit!)
    Empathie? (klingt in meinen Ohren gefährlich wie: Volkstum und Volksgemeinschaft)

    Ja, all das Gelabere über neue Wege der Kommunikation ödet mich (leider) nur an. Während die Handelnden über die Erde hinweg rasen wie die apokalyptischen Reiter (Sprudeln sollen unsere Quellen! Sprudeln!) debattiert das Mittelschichthirnlein über die bequemen Kissen der Möglichkeiten seines Kommunizierens (Cafè, Internet, Zeitung, Buch und Mail)

    Natürlich wäre eine Welt der Klarheit spannend. Wo sich ihres Handelns und seiner Implikationen umfassend bewußte Individuen aneinander und miteinander erhöben über das Reich der Notwendigkeit. Ein sehr nettes Bild!

    Aber: kann es handlungsleitend sein? Oder sollte es doch besser abgelegt werden im Shangri-la der enttäuschten Hoffnungen?

    Dieses Video ist in meinen Ohren und Augen entlarvend. Es betrachtet die Welt aus der Perspektive einer klimatisierten High-School. Es flüstert verschämt die Sehnsucht hinaus der zahnspangen-optimierten Dummheit einer Friedensaktivistin und tut so, als gäbe es immer einen Reset-Schalter, wenn Plan A nicht geklappt hat und zumindest die Botschaft oder das Konsulat den Rückflug bezahlen werden.

    Kurzum: es ist so verlogen wie Fox-News, CNN und ARD/ZDF zusammen genommen.

    Erstens: die Welt, wie sie ist, ist nicht das Produkt eines Mißverständnisses (‚ach Gott, an sich wollten wir doch nur alle, daß alles gut sei‘), sondern das, was heraus kommt, wenn sich jeder mit all seiner Kraft genau das genommen hat, was er nur haben will.

    Zweitens: Stärke und Schwäche sind Eigenschaften, die sich durch keine Interpretation in ihr Gegenteil verwandeln lassen.

    Drittens: Vorteilsnahme ist so menschlich wie die Unfähigkeit, den anderen Tag unter das andere Jahr zu beugen, um das andere Jahrhundert nachhaltig zu bessern.

    Viertens: Menschen schauen auf das, was ihnen nützt. Auch der Altruist kämmt seine eigenen Haare, bevor er sie eitel in den Blickwinkel der Kamera schüttelt.

    Fünftens: I don’t wanna know what extinct species usually have thought about how the world should look like to please them really good! In fact I assume their thoughts have always shown some lack of fit. Maybe it would have been a good idea to have a close look just at the opposite of what they were a-thinking of in order to find out what really might have been appropriate for not to extinct!

  2. Dagegen will ich mal lieber nicht anreden.

    Kauf‘ mir lieber das Buch, denn ich finde ihn sehr ermunternd und motivierend! Stoff, um Kraft zum Handeln zu gewinnen, anstatt im Klagen & Schimpfen stecken zu bleiben oder im Zynismus zu baden.

  3. „Wie es mit der Menschheit doch noch was werden könnte …“

    Sag´ bloß, es ist noch nichts geworden?
    Haben wir nicht schon eine Menge erlebt, gesehen und gehört und uns noch viel mehr eingebildet und vorgestellt? Haben wir nicht die Vor- und Nachteile unterschiedlichen Handelns kennengelernt (und wieder vergessen)? Und das wird zweifellos so weitergehen, mit und ohne uns. ;)

  4. Bezüglich dessen, was wir so hören, sehen und lesen, hat Rifkin recht: es ist, sofern über Medien vermittelt, eine Negativauswahl, die der Realität nicht gerecht wird. Z.B. halten sich die Katastrophen in meinem Leben echt in Grenzen, das Positive überwieg bei weitem.

    Mit „was werden“ meinte ich natürlich: wieder was Besseres als das derzeit so instabil und problematische globale Mit- bzw. Gegeneinander – und gemeinsam gegen die Natur.

  5. Ja, was wir so hören, sehen und lesen ist, sofern über Medien vermittelt, eine Negativauswahl. Diese Auswahl wird vielleicht sogar der Realität gerecht. Die Frage ist nur, wessen Realität, wen betrifft es und wie betrifft es ihn? Dich und mich scheinbar nicht. Der Effekt, den Medien haben, ist der, daß die Einbildung einer Betroffenheit massenhaft dort erzeugt wird, wo sie ohne Medien nicht wäre.

    Weshalb treffen Medienunternehmer und deren Bedienstete diese Negativauswahl? Weil es nur zwei Wege gibt, jene Aufmerksamkeit zu generieren, welche für die Medien (aber nicht nur für diese) Umsatz und Gewinn bedeutet. Der eine Weg ist Liebe und Freude, die Verheißung des Paradieses, das Versprechen von Wohl und Glück. Der andere Weg ist es, Angst zu verbreiten, Gewalt und Gefahr, Unglück und Zerstörung auszumalen. Letzteres scheint einfacher zu gehen, zumal die Menschen ersterem gegenüber aufgrund schlechter Erfahrungen etwas mißtrauisch geworden sind.

    So führt die gewöhnliche Geschaftstätigkeit von Medien ganz zwanglos zu einer Verstärkung und Betonung von Furcht und Unglück, bei Leuten, die eigentlich auf der Sonnenseite stehen. Das lähmt deren Zuversicht und ihr Vertrauen und schränkt dadurch ihre Möglichkeiten ein. Für mich persönlich ein guter Grund, den Medien wenig Aufmerksamkeit und Glauben zu schenken.

  6. Es geht ja hier nicht um das Überleben eines kleines Völkchen irgendwo, das sich besinnt um irgendeine saisonalle Dürrekatastrophe durchzustehen. Im Moment sprechen wir von 5.900.000.000 einzelnen Individuen, wovon der Großteil in Asien lebt und auf der ersten Sproße der Wirtschaftswachstumsleiter steht, 150 Jahre europäische Entwicklungsgeschichte werden dort im Zeitraffer nachgeholt.
    Wenn die alle in Rifkin`s Sinn mitmachen, sind wir schon mal ein kleines Stück weiter.

    Aber was nutzt uns eine emphatische Zivilisation, solange es z.B. noch shareholder value gibt. Es ist unglaublich, wozu die menschliche Intelligenz fähig ist, ob im All, in der Medizin oder im Erforschen des Urknalls. Aber in dieser Risikobereitschaft zeigt sich doch auch, wie sehr wir lediglich nur hoffen, dass alles gut gehen wird. Bohren ein Loch in 1500 mtr. Tiefe um an das heißgeliebte schwarze Gold ran zukommen, und sind absolut unfähig, das kleine Loch wieder zu schließen. Überall werden immer wieder Grenzen überschritten, ob in Korea, in Israel oder in Tschernobyl.

    Ich glaube nicht, dass wir Menschen schneller ein globales Bewusstsein erlangen werden, als es an irgendeiner Stelle dieses brodelnden Kessels Erde überläuft.

  7. Nach meiner Beobachtung ist in den letzten Jahren eine Menge solcher Literatur auf den Markt gekommen. Man könnte es fast ein „Genre“ nennen.
    Die Botschaft liest sich für mich so: Es ist 5 vor 12, aber es ist im Grunde leicht, etwas zu ändern. Es gäbe gewisse Schlüssel, sei es ein verändertes Bewusstsein, sei es eine völlig neue Herangehensweise oder ähnliches, schon packen wir das Ding.
    Ich bin wie Susanne und Menachem der Meinung, daß es alles andere als leicht ist, ja, daß ein gewaltiger Ruck durch die Menschheit gehen müsste. Und zwar müssten 100 Prozent mitmachen und nicht ein mickriger Prozentsatz. Von einem solchen habe ich mal vor Jahren gelesen, daß er völlig ausreiche, damit entscheidend Gutes für die Menschheit in Gang käme. Woher diese Gewissheit stamme, hat damals jener Autor nicht erzählt.

    Gruß
    Gerhard

  8. Ich gebe zu, meine erste Einlassung war sehr krass und emotional gefärbt formuliert. Um es weniger zynisch oder blumig klingen zu lassen, hier ein weiterer (leider wieder sehr geschwätzig daher kommender) Versuch!

    Mögliche (und zur vorhandenen gar alternative) Lösungen des grundlegenden Allokationsproblems (i.e. die Aufgabe, alle Produktionsfaktoren täglich immer wieder derart zueinander zu bringen, das ausreichend und nachhaltig Waren und Dienstleistungen für die Versorgung der Bevölkerung bereit gestellt werden können) in einem globalen Rahmen (i.e. keine kleinen, gemütlichen Nationalökonomien, die bestens mit amtlichen Verlautbarungen reguliert werden können, und schon gar nicht unmittelbare Subsistenz-Wirtschaften, die es schaffen, ihren Warenaustausch im mit Biogas betriebenen Kombi oder per Weidenkorb zu bewerkstelligen) können nach meiner Auffassung nicht gewonnen werden aus Überlegungen, die sich vor allem orientieren an:

    – den Umständen und Begriffen direkter face-to-face Kommunikation (Empathie, Mitgefühl, Zuneigung, Ehrlichkeit usw.). Unter anderem weil letztere die (möglichst volle) Kontrolle der Einzelnen über die Parameter ihrer Kommunikation voraussetzen. Was die Zahl und den Raum möglicher Adressaten für solches Handeln deutlich einschränkt und sich mit dem naiven Optimismus eines Satzes wie ‚Ich kann mit jedem Menschen an jedem Ort der Erde in Bruchteilen von Sekunden Informationen austauschen … und dabei Mitgefühl, Empathie entwickeln‘ kaum verträgt (das ist ein dem Video entnommener Satz, dessen Qualität als intelligente Aussage jede/r selbst beurteilen können sollte – ein paar Minuten in einem stillen Kämmerlein reichen m.E. Dafür vollkommen aus. Immerhin hat ihn Herr Rifkin nicht selbst geäußert, vielleicht hatten die Macher des Videos nicht genug Empathie, ihm diesen Satz zur Endredaktion vorzulegen);

    – den Kriterien individuellen Handelns (Verursacher, Verantwortung, Schuld), wie sie etwa der klassischen Rechtsprechung unterliegen. Unter anderem weil sich immer mehr zeigt, wie sehr die Gründe für ein (oft global fatales) Geschehen den Bereich der persönlichen Verantwortung von Entscheidungsträgern transzendieren. Es gibt eben keine Tschernobyl- oder Deepwater-Horizon- oder Klimawandel-Täter;

    – dem Rückgriff auf ein Wissen um ein Eigentliches und Wesentliches etwa des Seins, der Welt, der Zeit oder, wie hier bei Herrn Rifkin, der Natur des Menschen. Unter anderem, weil solche grandiosen Vorstellungen als mögliche Begründungen für soziale Ordnungen (die dann in der Folge fast immer elitäre Herrschaftsansprüche umsetzen) nur selten allgemeine Anerkennung finden, falls sie nicht mittels begleitender Machtinstrumente (wie Gewehre und Haftanstalten) zur allgemein verpflichtenden Ideologie aufsteigen.

    Für mein Urteil sind solche Ansätze recht gut geeignet für den Rahmen von Coaching-Seminaren, weil sie sich vor allem zur Motivierung unzufriedener Mitarbeiter eignen (und sehr oft aus dem Umfeld solcher Aufgabenstellungen erwachsen). Und sich daher selbstverständlich ebenfalls zum Trost vergrätzter Bürger/innen wohlhabender Gesellschaften anbieten. Für die Mitglieder einer militanten Befreiungsbewegung (Stichwort etwa: Hamas) oder die Anhänger eines populären Volkshelden (Stichwort etwa: Peronismus) spielt ein Mangel an Empathie dagegen wohl eher selten eine Rolle, da dort Empathie einen ganz wesentlichen Bestandteil der Macht und des Zusammenhaltes darstellt.

    Vorschläge, die zur Veränderung von Wirklichkeit (und, bevor es jemand für erwähnenswert hält: ja, ich weiß, daß, wenn ich von Wirklichkeit rede, ich stets nur von dem reden kann, was ich mir darüber denke) explizit an einer Veränderung vom Denken über ‚unser Denken‘ ansetzen, welcher sie dann typischerweise enorm weitreichende Wirkungen nicht nur für eine Neuordnung der Welt, sondern vor allem für unser Gefühl des Aufgehoben-Seins (in der aktuellen oder eben in der neuen, kommenden Welt) zuschreiben, gewinnen ihre Attraktivität großenteils aus den als schrecklich wahrgenommenen Mängeln der aktuellen Lebenswelt. In der Regel geht es dabei wohl auch immer um Verlustängste, was wiederum voraussetzt, das etwas besessen sein oder besessen werden können muß, soll es überhaupt verloren werden oder erst in diese Gefahr geraten können. Dieses muß nichts Materielles sein. In Regionen wie Europa oder Nordamerika mag es vor allem materieller Besitz sein, vor dessen Verlust die Menschen sich fürchten. Woanders haben zu wenig Leute so etwas in nennenswertem Umfang. Auf lange Sicht jedoch, so denke ich, wird der Verlust von sozialer, menschlicher Nähe und Wärme viel bedeutsamer sein, und zwar unabhängig vom materiellen Reichtum. Für mich ist es daher kein Wunder, daß Begriffe einer (wohlwollenden) Gemeinschaft und eines (befriedigenden) Miteinanders in vielen Gegenentwürfen zum (kalten) Status-quo an prominenter Stelle auftreten, eben weil sie versprechen, genau diesem Mangel abhelfen zu können. Im kleineren Rahmen (s.o.) können sie das ja durchaus schaffen, vor allem in einem für die direkt Beteiligten sehr gut sichtbaren Maße.

    Ich sehe in solchen Vorstellungen aber schon einige sehr unangenehme Gefahren, sobald sie den übersichtlichen Rahmen von Wochenendseminaren und therapeutischen Aktivitäten verlassen und an die frische Luft getragen werden. Dorthin halt, wo am laufenden Band massenhaft Energie erzeugt, Rohstoffe gewonnen und verarbeitet, Lebensmittel produziert und herum transportiert und vielfältige und oft einander ausschließende Interessen und Begehrlichkeiten ausgeglichen werden müssen.

    Und zwar sehe ich vor allem diese Gefahren:

    – eine grobe Vereinfachung von sozio-ökonomischen Ordnungsvorstellungen (über ein Handeln unter Unsicherheit und mangelhafter Information und Kontrolle) durch ein schnelles Herunterbrechen vermutlich komplexer Zusammenhänge auf die ihnen möglicherweise nicht angemessene Ebene des unmittelbaren Handelns von lebendigen Menschen (eines unter annähernd voller Information über seine Bedingungen);

    – eine populistische Tendenz, weil das Versprechen eines individuellen Sich-Wohlfühlens in der folgenden Rezeption sehr leichtfertig an eher harmlose und ohne scharfe Konsequenzen mögliche Verhaltensweisen (Sport, gesunde Ernährung, meditative Binnenschau, positives Denken usw.) geknüpft werden kann (und wird), deren Wellness-Effekt (nach dem anfänglichen Placebo-Effekt jedes therapeutischen Kümmerns) allerdings in der Regel leider später schnell wieder versiegt;

    – die Verlockungen einer elitären Wesensschau mit der damit oft verbundenen Tendenz zum Ersatz offener Begründung und Kritik durch eine sich eher dagegen abschließende Mischung aus Bekehrung und Erlösungsversprechen. Erwähnt seien nur viele aus der jüngeren Geschichte bekannte Reformbewegungen (Anthroposophie, Lebensreformer, Scientology, Drogenexperimente) oder politische-ökonomische Ansätze (Marxismus-Leninismus, Neoliberalismus) mir ihren oft verführerisch einfachen Handlungsanweisungen oder gar die weltlichen Fußabdrücke der großen Religionen mit ihren intellektuellen Stellungskriegen.

    Allerdings sollte auch die andere Seite dieser Medaille nicht unerwähnt bleiben. Sie besteht für mich in einem scheinbar kollektiven Verzicht (in Wissenschaft, Politik und Wirtschaft) darauf, die Mechanismen der Reproduktion einer globalen Gesellschaft anders begreifen (und vielleicht: haben?) zu wollen als in den überschaubaren Termini der Kapitalbewegung (Geld scheißt Geld) und damit letztlich eines individuellen Tauschaktes (den jeder Depp verstehen kann). Dem scheint mir eine Form der Wirklichkeitsdeutung zu korrespondieren, welche Welt gerne als irgendwie selbst ablaufende Organisation gleichartiger, atomarer, vor allem aber einfacher Entitäten in einfachen Relationen (Tausch z.B. für die Gesellschaft, molekulare Vorgänge z.B. für das Gehirn und den menschlichen Geist/Verstand) sehen möchte. Die latente Destruktion des freien Willens und moralischer Verantwortung der Handelnden, die damit einher geht (siehe das Verbrecher-Gen), wie auch die Kapitulation jeglicher gesellschaftlicher Planungsansätze (Deregulierung, Neoliberalismus) zugunsten einer hingenommenen ‚Anarchie der Produktionsweise‘ seien als Beispiele angeführt.

    Ich habe den Eindruck, daß angesichts einer Welt mit einer (vermeintlich oder tatsächlich) überkomplex gewordenen Informations- und Handlungsfülle unterschwellig (erneut, so etwas geschieht ja nicht zum erste Male) die Sehnsucht nach unterkomplexen Modellen als Krücke für eine (fehlende) Orientierung wächst. Und dieses eben nicht nur bei den traditionellerweise potentiell Verführten, den ‚einfachen‘ Leuten, der Masse. Sondern auch und gerade bei jenen, denen qua Ausbildung und materieller Absicherung die Aufgabe der begleitenden und vorausschauenden Wirklichkeitsinterpretation obliegt.

    Oder, anders ausgedrückt, ich fühle mich sehr unbehaglich bei der mich beschleichenden Vermutung, daß die kurzfristige und einfache Perspektive ökonomischer Transaktionen sich als Paradigma der Ordnung globaler Veränderungen fest in unseren Köpfen etabliert zu haben scheint.

    Demgegenüber kann ich in einer (Rück-) Besinnung auf die Qualitäten des persönlichen Umganges von Individuen, die ihrer Entscheidungen mächtig sind (i.e. sich eben nicht fremdbestimmt verhalten müssen), leider keinen allzu sinnvollen Ansatz für einen Hebel sehen, welcher die Zwänge, die täglich auf Individuen und ihre Assoziationen wirken, nennenswert beeinflußen könnte.

    Sehr pointiert gesagt (sozusagen als Sollbruchstelle):

    Solche Ideen sind in meinen Augen vor allem dazu geeignet zu verhindern, daß sich das Personal in den Kantine für die leitenden Angestellten zu laut über das Essen beschwert. Was dieses Personal sagt oder tut, hat man es erst einmal gefeuert, spielt dabei keine Rolle. Auch nicht, was es an seinen Schreibtischen und Computern tat, bevor man es feuerte. Und irgendwelche anderen Statusgruppen kommen darin gar nicht erst vor. Geschweige denn der Hinterhof, wo vielleicht die Fässer mit dem Giftmüll gestapelt werden.

    Ich befolge übrigens selbst auch gerne eine sehr einfache Regel: Jede Theorie, die an einem allgemeinen Wesen des Menschen ansetzt, um Einfluß darauf zu nehmen, wie aktuell Reichtum, Macht und Privilegien verteilt werden, hat für mich die (gewollte oder nicht gewollte) Absicht, eben daran nichts zu ändern, sondern lediglich dessen weniger schöne Auswirkungen nach Bedarf abzufedern.

    Das kann natürlich sehr sinnvoll sein, wenn dir tatsächlich nichts anderes mehr übrig bleibt. Auch ich würde es in diesem Falle vorziehen, in stiller Abgeschiedenheit mit freundlichen Menschen (sogar bei ca. 18° Raumtemperatur und auf einfachen Holzstühlen) über Zeit, Welt und Unendlichkeit nachzudenken und zu diesem Zwecke makro-biotische Kost ohne Strom und Chemie mit meinen eigenen Händen zuzubereiten. Statt etwa zusammen mit den im Unglück unerwartet hilfsbereit gewordenen Nachbarn Ölschlamm aus meinem Boot oder den Schutt aus meiner Werkstatt heraus zu schippen, damit der Konkursverwalter vielleicht doch noch etwas mehr für meine Gläubiger heraus holen kann. Oder ganze Vormittage bei der Agentur für Arbeit damit zuzubringen, die Ausdünstungen fremder Menschen zu ertragen und mir, weil ich so freundlich gelächelt habe, traurige Geschichten vom hundsgemeinen Treuebruch der Liebsten und den arschigen Kollegen und Vorgesetzten anzuhören. Oder ganz gegen mein hochanständiges Gewissen und meine Zuneigung gegenüber der älteren Kollegin doch heimlich zu hoffen, daß statt meiner sie, die mit Fünfzig vermutlich keine Chance mehr hat, je wieder einen vergleichbaren oder überhaupt einen Job zu bekommen, freigesetzt wird, wenn erst einmal unsere Abteilung mit der aus dem ersten Stock zusammen gelegt wird.

    Sekt oder Selters, das ist sicherlich keine Frage – so du die Wahl hast. Die Frage aber ist – hast du sie? Und wenn nicht – kannst du sie dir vielleicht nehmen? Und dann aber bitte ohne dir nur einzubilden, du hättest sie!

    ;-) Meinen Dank für das geduldige Lesen bis hierher…

  9. Just stieß ich heute auf folgenden Artikel:

    http://www.heise.de/tp/r4/artikel/32/32706/1.html

    Ich bin der Letzte, der konstruktive Impulse ablehnt. Dennoch geht Realismus vor Idealismus.

  10. Gut, das das Thema angeschoben wurde. Es beschäftigt unterschwellig doch mehr, als es im ersten Moment aussah. Auch wir haben gestern nochmals lange darüber diskutiert. Der heise-link ist sehr informativ und sagt eigentlich, das Rifkin mit seinem vorgeschlagenen Weg, zumindest von der Tendenz her, nicht auf der tatsächlichen Linie liegt. Trotzdem muss man ihm zu gute halten, das er eine Diskussion öffentlich in Gang gesetzt hat, die auch jetzt mich erreicht hat.

    Noch vor wenigen Wochen haben wir schon einmal darüber gesprochen, und da habe ich es noch als theoretische Philosophie abgetan, das alles mehr unsere Kinder betreffen wird, als mich. Doch geh ich einmal von einer noch möglichen Lebenserwartung von 30 – 40 Jahren aus, die die meisten hier Schreibenden noch erleben dürfen, bin ich mir da nicht mehr so sicher.

    Dabei musste ich auch erstmals über die bereits o.g. apokalyptischen Reiter nachdenken, zumal ich noch vor ca. 2 Wochen eine Weltuntergangs-Szenariensendung gesehen hatte, und dabei immer nur ungläubig den Kopf schütteln kann, was sich Menschen alles für einen Quatsch einfallen lassen können. Doch hat der Mensch nur drei Möglichkeiten:
    Rückschritt – Stillstand, oder – Fortschritt.

    Würden wir im Paradies oder Schlaraffenland leben, immer nur faul auf dem Sofa liegend uns die gebratenen Tauben in den Mund fallen lassen, würden als erstes unsere Muskeln und Knochen degenerieren, weil sie nicht mehr gebraucht würden. So ginge es weiter, auch über unseren Denkapparat, bis wir irgendwann eines Tages wieder bei der Amöbe landeten. Für den, der das mag, wäre also das Paradies der richtige Weg zurück.

    Derjenige der Stillstand mag, liebäugelt vielleicht damit, wieder als beerensammelnder Neandertaler durch die Natur zu streifen. Damit wäre auch die Diskussion Stadt-Land abgearbeitet.

    Fortschritt ist nun irgendwie das immer treibende im Menschen. Und diese „immer treibende“ Kraft scheint sich, wie ich jetzt auch meine zu erkennen, und sei es nur um ein my, mehr nach dem eigenen Vorteil zu richten, als um das der Gesamtheit. Schon dieses kleine my der eigenen Vorteilsnahme reicht aus, um sich über Jahrhunderte zu dem Ungleichgewicht zu kumulieren, vor dem wir nun stehen. Und genau das,glaube ich, wird durch die apokalyptischen Reiter ausgedrückt. Genial, dies schon vor vielen hundert Jahren als ein im Wesen des Menschen verankertes, erkannt zu haben.

    Dabei ist unwichtig und auch nicht vorhersagbar, aus welcher Ecke her es uns erwischen wird. Das ist wohl wie im richtigen Leben. Denkst du, deine Waschmaschine gibt bald ihren Geist auf, macht der Motor im Auto schlapp.

    Eine Hoffnung sehe ich darin, dass der Mensch als das anpassungsfähigste Wesen gilt. Auch hier müßig zu spekulieren, wie das für die Zukunft aussehen müsste und könnte.

    Eins ist mir auch noch wichtig zu erwähnen, weil ich dies erstmal unter einem neuen Licht dieser Diskussion hier sehe. Die Schreibtischtäter, die Susanne oben anspricht und die aus ihrer Deckung fast nicht zu fassen sind, sei es ein Eichmann der infantil handelt, ein BP-Lamar McKay oder ein HRE-Boni-Abstauber, werden zwar den Erdball nicht vernichten, doch sind sie in der Lage, große Katastrophen zu verschulden. Diesen Despoten, und allen Unberechenbaren mit großem Konfliktpotential, muss ganz klar die rote Karte gezeigt werden und der Versuch unternommen werden, Ordnung zu halten. Ich möchte jetzt keine Afghanistan oder Iran Diskussion auslösen, doch, wenn eine Weltgemeinschaft an das Überleben denkt, dann muss sie auch dort, wo Gefahr droht, präsent sein um schlimmeres zu verhüten. Punktuell müssen die Strohfeuer gelöscht werden. Das mag alles noch nicht ganz glücklich verlaufen und so, wie wir es gern sähen. Aber was ist schon perfekt?

    Indem, was ich schreibe, fühle ich auch eine große Unsicherheit. Aber ich glaube, damit steh ich nicht allein.

  11. Zufällig lese ich zur Zeit Wolf Schneiders „Der Mensch – Eine Karriere“. Dieses Buch beschreibt sehr schön, wie es gelingen konnte, daß der Mensch sich in seinen Möglichkeiten weiter entwickeln konnte. Seine anfänglichen Eroberungen wie das Feuer oder die Zuhilfenahme des Pferds wirken im Nachhinein als genial, da eine jede seinen Wirkungskreis und seine Möglichkeiten entscheidend erweitert hat.
    Mit der Entwicklung einer Landwirtschaft begann die große Aktion „Macht Euch die Erde untertan“, zunächst in scheinbar harmloser Manier, aber zunehmend mit mehr zerstörischem Gepräge – siehe den Kolonialismus, die Ausbeutung der Schätze der Erde und vieles mehr.

    Ich muß sagen, daß mich das Lesen des Buches immer mehr zu schmerzen beginnt – denn der Phantasie des Menschen, was Raubbau, Nutzung und Benutzung allweder Ressourcen betrifft, scheint keinerlei Grenzen gesetzt zu sein. Der Mensch scheint ein überaus gieriges und von nichts aufzuhaltendes Wesen zu besitzen. Er scheint mir wie ein Mr. Smith zu sein, der um jeden Preis Neo vernichten will, um dann, als es ihm endlich gelingt, feststellen zu müssen, daß seine Existenz damit auch ausgelöscht wird.

  12. @Susanne
    Gern geschehen! Das Lesen war mir ein wirkliches Vergnügen und ich freue mich auf die Fortsetzung, denn nach der brillant erscheinenden Analyse bleibt mir ein Gefühl der Orientierungslosigkeit aber doch die Hoffnung zu verstehen.

    @Menachem
    Ich bin auch unsicher. WEM genau soll WER „die rote Karte zeigen“ und WIE soll die aussehen? WER gehört zur „Weltgemeinschaft“ und darf entscheiden, wessen Überleben auf welche Art gesichert wird? Fragen, die ich nicht beantworten kann. :)

    @Mr. Rifkin
    Prima, daß Sie so ein empathisches Bewußtsein haben, ich habe auch eines! Wir beide haben allerdings auch genug zu essen und Sie haben sogar Anzug und Krawatte (und gut laufende Verkäufe?). Ich vermute, viele andere tun sich schwerer mit der Empathie, als wir …

    @Gerhard
    „Der Mensch“ kann ganz unterschiedlich sein und manche sind ganz liebenswürdig, nicht besonders gierig und nicht auf Raubbau aus. Doch auch die hinterlassen ihre Spuren in Flora und Fauna.

  13. Durchaus, Uwe! Auch die liebenswürdigen benötigen ihren Standard, ihr bequemes Leben. Es ist klar, daß die, die diesen Standard nicht geniessen dürfen, Hunger danach haben und aufholen wollen. So gesehen ist unser gutsituiertes Leben mit den vielen netten Details auch keine ganz unschuldige Sache.

  14. @alle: mich hält eine heftige Erkältung im Griff, deshalb bin ich grad nicht so spritzig im antworten. Freu mich aber, dass so eine kleine Buch-Erwähnung mal wieder ein Gespräch über die „Lage der Welt“ anstößt!

    @Susanne: wow, bei dieser vielschichtigen Analyse fühl ich mich ebenfalls von „Überkomplexität“ geradezu erschlagen! :-)
    Das Buch hab ich mir nun bestellt und werde ja sehen, ob es nicht mehr enthält als es das Interview denken lässt. Insgesamt halte ich aber den Verweis auf die „Empathie“, wie man heute die Gefühlsebene nennt, eben doch für den einzigen Hebel, überhaupt etwas zu verändern. Denn dem Verstand alleine wäre ja sogar jeglicher Untergang egal, es muss schon jemand geben, der daran leidet!

    Dazu braucht es dann z.B. Bilder von im Öl versinkenden Vögeln, wie sie (nach vielen Versuchen von BP, genau das zu verhindern!) gerade herum gezeigt werden. Da überdenken dann auch mal ein paar mehr Amerikaner ihren Öl-versessenen Lebensstil – und sag mir keiner, das sei egal, denn immerhin hat kein Land derart massive Energiesparreserven wie die USA!

    Bemerkenswert finde ich es durchaus, wie massiv bei vielerlei Katastrophen mittlerweile Hilfe geleistet wird – beim Tsunami in Thailand hat das erstmalig eine neue Qualität angenommen und geht seither auch weiter. Es nehmen viel mehr Menschen Anteil an dem, was weit weg passiert – das lässt sich doch einfach nicht leugnen! Man erwartet auch von den Konzernen, dass sie sich zunehmend um die Arbeitsbedingungen bei Lieferanten kümmern. Und so muss Steve Jobs jetzt hingucken und möglicherweise Einfluss geltend machen, wenn Produzenten des IPad so unter Stress stehen, dass die Suizid-Rate deutlich steigt. Gut so!

    @Menachem: dass allerlei Übel erst „bei unseren Kindern“ richtig zur Wirkung kommen, ist selbst für mich als Kinderlose kein Grund, irgend etwas als weniger schlimm oder weniger bekämpfenswert anzusehen. In meinem kürzlichen Nachrichtenrundblick hat mich sogar am meisten aufgeregt, dass man noch immer Atommüll im Salz endlagern will – ohne Rückholmöglichkeit, weil das zu teuer wäre. Das trifft womöglich erst Lebewesen in 100.000 Jahren – aber macht nicht gerade DAS das Verbrechen so über alle Maßen groß?

    Was Fortschritt und Wachstum angeht: wir müssen verdammt nochmal eine Art Wachstum finden, die eben NICHT sinnlos Ressourcen verschleudert! Wer sagt denn, dass Wachstum immer nur materiell und „Stoffe/Energie verbrauchend“ sein muss? Dienstleistungen, digitale Güter z.B. Und wenn sich die Einsicht der Menschen dahin gehend verändert, dass es nicht darauf ankommt, etwas möglichst billig zu bekommen, sondern möglichst haltbar, ist auch schon eine Menge gewonnen! (Es gibt schließlich nicht nur Arme, die sich das nicht leisten können).

    @Gerhard: ein schöner Vergleich! Es ist u.a. das wissenschaftliche Denken, dass sich durch die verschiedensten Bereiche zieht und eine Hybris entfaltet, die oft genug kurzfristigen Nutzen bei langfristigem Schaden erzeugt. Das reicht bis ins Kleingärtnertum, wo es noch immer Standard bei vielen Gärtnern ist, den Gartenraum/Boden als „Tabula Rasa“ zu begreifen, den dann der Mensch in seinem göttergleichen Wahn komplett neu gestaltet: hier der gepflegte Rasen, dort die Nutzpflanzen auf kahler Erde, gut gedüngt in 35 cm Abstand. Und dann noch die Schmuck-Rabatten… ätzend! Und für jede Pflanze die „speziell komponierte“ Erde und der passende Dünger aus dem Gartencenter – WACHSTUM wird gekauft, nicht etwa befördert.

  15. Die Wesen der Erde zehren von anderen, vom Gras, vom Reh oder vom Kadaver des Löwen, die sind ihnen Nahrung. Wir Menschen haben sie alle zu Dingen gemacht, die wir verarbeiten. Uns selbst trauen wir ein liebevolles, einfühlendes Miteinander zu. – Auch ich – mir ist das pessimistische Menschenbild (wir würden einander sogleich ermorden, gäbe es keine Polizei) sehr suspekt. Doch ich fürchte, wir kommen mit unserer anthropozentrischen Ethik, unserem Uns-Einreden, wir seien allein auf dem Planeten, nirgends hin, als wo wir schon sind. Dabei ist es gleich, ob wir uns als Prospektoren der Biosphäre oder als Hüter des Garten Eden verstehen – den Hochmut zeichnet immer aus, dass man nichts sieht.

    Lebt man z.B. im Wohlstand, hat keinen Hunger, allenfalls Übergewicht, hat Fernsehen und Internetzugang, ist krankenversichert, sorgt sich vielleicht um die Kosten des Studiums der Kinder – hat man dann einen Blick für die Milliarde, der es nicht so geht? Sieht man noch Afrika? Beispiel Haiti – schön. Was ist mit Burma? Im Video (das Buch kenne ich nicht) kommt das nicht vor. Da sind wir alle per Internet verbunden. Da brauchen wir alternative Energie, weil uns das Öl ausginge. Da sind wir gar nicht wir alle, nur die, die mitreden können. Wie sie eben so ist, die Empathie: in der Nähe (so trifft der Verweis von Götz auf den Telepolis-Artikel).

    Immer muss die Welt gerettet werden. Kleiner geht’s nicht. Vor uns selbst. Und für uns selbst. Ich glaube längst nicht mehr daran. Ich kann meinem Nachbarn helfen, nicht der Menschheit. Mein Nachbar kann mir helfen. Von der Menschheit habe ich so wenig, wie sie von mir. Wie unsere Welt wäre, wenn alle anders dächten, anders empfänden, sich anders verhielten – das gibt spannende Unterhaltung, und vielleicht manche Anregung für mich, aber wissen kann es keiner. Utopien verwandeln sich auf dem Weg und das Paradies fühlt sich, wenn man dort ist, bestimmt anders an, als es geträumt war.

    Rifkin fordert nicht, uns anders zu denken, sondern uns zu sehen, wie wir wirklich seien. Unsere Auffassung vom Menschen sei falsch. Das klingt überspannt, weil wir nach Millionen Jahren uns doch kennen müssten, ist aber möglich. Auch dass die Erde nicht der Mittelpunkt des Universums ist, erschloss sich nicht der Anschauung allein (noch heute geht die Sonne auf und geht sie unter). Und, ja: ich habe viel begriffen durch Netzkommunikation, z.B. dass andere öfter bessere Argumente haben als ich. Nur kommen wir nicht weiter, wenn wir unsere Kultur von unserer Natur abgelöst wahrnehmen, Kulturen (und Lebensbedingungen) anderer Menschen ignorieren, nur unseren Status quo verschönern und erhalten wollen usw.

    Es geht voran. Unbestritten. Aus dem monströsen Unhold des ‚alten Testaments‘ ist der ‚liebe Gott‘ des ’neuen‘ geworden, Todesstrafe ist in Europa nicht mehr normal und dass jeder zu essen haben sollte, ist zumindest gedacht. Andererseits sind in Deutschland die letzten Teilnehmer des Mordes an Millionen gerade erst gestorben. – Auch ich glaube, dass z.B. das Internet die Möglichkeit einer direkten Demokratie demonstriert hat, dass wir wegkommen könnten von kriegführenden Obrigkeiten, dass uns vieles möglich ist, das wünschenswert scheint. Aber ich denke auch, dass Menschen sich durch Jahrtausende verändern, nicht plötzlich. Lese ich heute lateinische Texte, kann ich mir den römischen Senator mühelos im modernen Geschäftsanzug vorstellen – das Gleiche sagend, ‚oh, mein Gott‘ vielleicht, statt ‚ach, Jupiter‘. Gerne auch online.

    Derweil frisst die Katze ihr Mäuschen und grinst uns zu: C’est la vie.

  16. @Gerhard, das ist ein ganz interessanter Aspekt, den du weiter oben anführst. In Nordrhein-Westfalen gab es an der Schule meiner Schwester ein Projekt, Zivilcourage. An einem Beispiel „Gewalt in der Straßenbahn“ wurde gezeigt, dass wenn niemand eingreift, auch nichts geschieht. Schreitet aber einer beherzt zur Hilfe, so scheinen auch die bis dahin Unbeteiligten, wie aus einer Starre gelöst, plötzlich auch zur Hilfe fähig und lassen weiterhin den Ersten, der zu Hilfe geeilt ist, nicht allein im Regen steh`n.

    Und dann macht das auch irgendwie wieder Sinn, was @Dirk sagt. Die Welt retten, ja, indem jeder bei sich selber nachschaut und bleibt. Das kann anstecken. Und ich glaube auch, dass das klappen könnte, wenn dieses Wachstums- und Fortschrittstempo nicht so rasant schnell wäre und mich manchmal dabei die Hoffnungslosigkeit packt, dass wir mit unseren kleinen Schritten zu langsam sind und zu spät kommen.

    Ich hoffe, @Claudia, das es dir wieder besser geht und Sonne und Garten deine Erkältung ganz einfach weggeblasen hat. Indem dein Beitrag „Hoffnung auf die Jungen“ heißt, lese ich auch „Hoffnung für die Jungen“ Und ich glaube auch ohne Zweifel, das Kinderlose die gleiche Verantwortung für die nachfolgenden Generationen empfinden, wie Eltern. Und ich habe das so geschrieben, weil ich einfach das Gefühl habe, dass aufgrund der ständigen Wiederholungen „Verantwortung für die kommenden Generationen“ gar keiner mehr richtig darüber nachdenkt, es immer nur noch wiedergekäut wird und mittlerweile nur noch heiße Luft ist. Für mich persönlich ist das ein Statement, das eigentlich nur in mich gefressene Wut in den Raum wirft um zu sehen, ob da wirklich noch jemand drüber stolpert.
    Und ich habe es theoretische Philosophie genannt, weil ich dachte, das die, die sich so maßlos übelst viel damit intellektuell beschäftigen, antworten für mich hätten. Aber die einen, verstaubt und aus einer alten Welt, und die anderen, sprechen nicht mit mir und schon garnicht meine Sprache. Was sag ich jetzt meinen beiden Töchtern? „Alles wird gut“?

    Ich sage ihnen das, wo ich dann auch wieder bei Rifkin bin,was ich hier im Internet erkannt habe, in blogs, in feeds, in Kommentaren, bei Menschen, wie du und ich: Ich habe keine Antwort, ich glaube jedoch, dass ich das Übel und das Gute in einer Person bin. Und ich kann nur an mir arbeiten. Andere scheren mich nicht, und das ist schon verdammt schwer genug, wenn diese ihre Millionen Steuern über Lichtenstein hinterzieh`n und ich keine Zigaretten bei den Czechen kaufe, sondern mit Banderole hier im Laden. Und wenn ich mir das so nicht mehr leisten kann, dann muss ich mit Rauchen aufhör`n. Und das gilt genauso für die Energiesparlampe und den Schwarzhandwerker, und wirklich, an diesem persönlichen Großobjekt habe ich noch Jahre und reichlich zu tun.

  17. Hallo Menachem,
    Du schreibst: Ich kann nur an mir arbeiten…das klingt für mich wie Resignation. Das hat Ähnlichkeit mit einem schrecklichen Bild, das ich irgendwann im TV gesehen hatte : Ein Tier labt sich an Pflanzen (so scheint es zumindest), während es von hinten durch einen Räuber (eine Schlange?! langsam aufgefressen wird.
    Ich weiß nur, daß der Club of Rome ein großes Thema um 1971 war und seitdem sind 40 Jahre vergangen. 40 Jahre sind eine lange Zeit, mit genug Raum für gezielte Maßnahmen und geeintes Handeln. Offenbar gibt es aber kein echtes Interesse, das Steuer rumzureissen. Stattdessen verfolgen wir wie das angegriffene Tier weiter unsere Ziele wie Wohlstand und Güteranhäufung mit dem Ziel, es noch ein Stückchen besser zu haben wie letztes Jahr.

    Gruß
    Gerhard

  18. Gerhard, deine Feststellung trifft mich, jedoch glaube ich, das du das wahrscheinlich richtig siehst. Das macht mich sehr nachdenklich und dafür danke ich dir.

    Das erste was ich meine,ist: Wenn der das macht, dann mach ich das auch. Im weiteren Sinne von, wen der nicht aufsteht um einem Behinderten Platz zu geben, dann bleib ich auch sitzen. Begonnen mit den kleinen Dingen im Leben, was dann immer größere Kreise zieht. So auch, wie heute abend im Tatort: Wenn der die alten Menschen in ihrer Demenz und Pflegebürftigkeit ausnutzt um an ihr Geld zu kommen, dann mach ich das auch. Auch in diesem Sinne meine ich Arbeit an mir, mich von solchen Dingen nicht einholen zu lassen.

    Das zweite mag Resignation sein, indem mir in meiner eingerichteten Bequemlichkeit wie auch aus den Anforderungen des täglichen Lebens die zusätzlich Kraft für größeres gesellschaftliches Engagement fehlt. Ich bin bisher nicht in attac, in amnesty oder in Gorleben aktiv geworden. Das muss ich jetzt einfach mal so stehen lassen.

    Und so versuche ich zumindest, in meinem kleinen Kosmos ordentlich und fair mit meiner Umwelt zu leben. Da mag Resignation drin liegen, das mit meinen kleinen Schritten die großen gewünschten Veränderungen manchmal in so weite Ferne rücken.

  19. Menachem,
    Du schreibst:
    „Begonnen mit den kleinen Dingen im Leben, was dann immer größere Kreise zieht.“
    Ja, gibt es wirklich einen solchen Mechanismus? Funktioniert das so? Also wenn wir alle Gärtner im Kleinen sind, baut sich da sozusagen wie von selbst, radial, Grösseres heran, bis schlußendlich die Kräfte sich so hochgeschaukelt haben, daß Maßnahmen für die Erde daraus werden?

    Im übrigen war die Verwendung des Worts Resignation nicht als Kritik zu verstehen oder als Vorwurf.

  20. Auch wenn dem Buch eine „auf gründlichen Analysen und einem weiten Horizont aufgebaute Utopie“ zugesprochen wird – eine Utopie bleiben Rifkins Theorien wohl dennoch. Und wie das Utopien so immanent ist, eignen sie sich bestenfalls dazu (kurzfristig) über eine unbefriedigende Wirklichkeit hinwegzutrösten/-täuschen, nicht aber sie zu verändern.

    Empathie (da gehe ich wohl tendentiell mit Susanne konform) schmeckt für meine Begriffe immer irgendwie nach „betreutem Wohnen für Fortgeschrittene“. Diese Art des Denkens (oder besser Nicht-Denkens?) und Kommunizierens hat sicher ihre Daseinsberechtigung in allerhand Nischen und Randabteilungen der Gesellschaft, wie Ökodörfer, spirituelle Gemeinschaften (das ZEGG im brandenburgischen Belzig hat gerade das „Erste europäische Empathiefestival“ veranstaltet, wie auf deren Website zu lesen), Non-Profit-Oragnisationen. In solch mehr oder weniger abgeschlossenen Mikrokosmen mag das in der Tat bis zu einem gewissen Grade funktionieren. Wo es aber um Sachzwänge und knallharte ökonomische Notwendigkeiten geht, scheint dieses Modell sehr schnell und unvermeidbar an seine Grenzen zu stoßen (siehe dazu auch den Wikipedia-Artikel über Gewaltfreie Kommunikation, Unterpunkt „Kritik an der GfK“).

    Ich staune immer wieder aufs Neue, wie sehr auch (scheinbar) intelligente Menschen (z.B. mit Hochschulabschluss in Pädagogik, Psychologie, Soziologie etc.) auf solch einen Blödsinn „abfahren“ (als weiteres Beispiel in dieser Richung seien die Abzocke und Luftverkäuferei genannt, die die sog. Coaching-Branche veranstaltet) ohne sich auch nur die geringste Mühe eines Versuchs der geistigen Durchdringung derartiger Theorien zu machen – Nach-Denken (das Denken, was andere vor-gedacht haben) ist wohl immer noch bequemer als Selber-Denken; ebenso wie die Sehnsucht nach Utopien ungebrochen ist und es wohl immer sein wird.

  21. Ergänzung (um der Sachebene noch etwas Auftrieb zu geben):

    Eine meiner Ansicht nach kluge und fachkundige Rezension des Buches findet sich hier:

    http://www.amazon.de/product-reviews/3593385120/

    (gemeint ist der Artikel „Grandiose Selbstüberschätzung“ von Gerald Mackenthun).

    Ich für meinen Teil bin auch eher skeptisch gegenüber Propheten jeglicher Coleur, und noch mehr wird mein Misstrauen geweckt, wenn Menschen vorgeben „Universaltheorien“ anzubieten zu haben oder die Geschichte (eines bestimmten Forschungs-/Erkenntnisgebiets) „neu zu schreiben“.

    Es ist sicher nichts verkehrtes daran, einen „visionären Blick“ in die Zukunft zu werfen. Wer das jedoch als Wissenschaftler (und ein solcher gibt Rifkin vor, zu sein) tut und dabei seine „Visionen“ bunt mit Fakten (als vorläufig gesichert geltende wisschenschaftliche Erkenntnisse) durcheinander würfelt, entzieht sich damit m.E. selbst die Reputation.

    Die Popularität solcher Theorien wie der Rifkin’schen beruht wohl nicht zuletzt darauf, dass der Mensch (an sich und als solcher) nicht nur ausgesprochen empfänglich gegenüber Utopien ist, sondern auch gegenüber Heilsversprechungen jeglicher Art – vor allem und ganz besonders, wenn sie ihm suggerieren, dass „alles gut wird“, und das auch, ohne dass er seinen Arsch bewegen und etwas ändern muss.

  22. […] Hoffnung auf die Jungen: Rifkins empathische Zivilisation […]

  23. habe die diskussion durchgelesen.
    mir fällt eine angst vor utopien auf.
    warum?
    es gab sicher utopien, die nicht halfen.
    es gab utopien, die veränderten.
    ohne die utopien und das antizipierende denken einiger weniger wären ganze geschichtsepochen nicht entstanden.
    welt verändert sich durch kommunikation und träume, nicht durch menschen, die denken, es habe alles keinen sinn zu träumen. die belassen die bestehende realität, bzw. überlassen die veränderung denen, die ihren profit daraus ziehen.
    dann verändert sich alles im sinne der profitgeilen
    „träumer“, die ihren „traum“ realisieren können.
    der zynismus hilft uns nur, die gefahren aufzuzeigen, wenn unsere träume zu naiv sind und wir nicht darangehen, sie zu realisieren.
    was tun? das ist für mich die entscheidende frage, die hier gerade im internet diskutiert werden kann.
    wir sollten uns auf die möglichkeiten konzentrieren und nicht in resignation verfallen, dass ja doch nichts hülfe
    gegen das handeln dieser „bösen“, die die welt kaputt
    machen.
    am beispiel susanne und anderer hier kommentierender sehe ich deren großes potential des analysierens.
    ihr zynismus hat sicher auch was mit ihrer empathie zu tun für die notleidenden menschen dieses planeten.
    hilft er diesen?
    ich schlage vor sich aus diesem verständlichen zynismus zu befreien.
    er allein hilft nicht.
    ich lese gerade wieder mal nach jahrzehnten ernst bloch, der das träumen und antizipieren der zukunft knallhart mit
    handeln verbindet, der utopische phantasie mit realer möglichkeit verbindet.
    die derzeitige realität fordert uns geradezu heraus dazu.
    träumen, empathie und denken schließen sich nicht gegenseitig aus, sondern gehören zusammen um was zu verändern.
    auch ich schrieb diese sätze sehr aufgewühlt.
    ich weiß selbst, dass alles nicht so ganz einfach ist, sondern die realität derzeit sehr komplex ist und einfache rezepte zu naiv sind sie zu verändern.
    es geht nur, wenn wir alle unsere stärken bündeln.
    die kräfte der veränderung sind anfangs nie in allen menschen vorhanden, die zum großteil mit dem überleben in mehr oder minder wohlhabenden kontexten befasst sind.
    dies soll keine heilsversprechung sein, dass „alles gut wird“.
    je mehr „ihren arsch bewegen“ und nicht in zynischer resignation und unnötiger abwertung jeden utopischen ansatzes verharren, umso mehr chancen für uns und unsere nachfahren. lieber begeisterung für als abwertung
    jeder utopie.
    ohne diese begeisterung wird das handeln nicht wirken können. die negativ-nachrichten alleine ändern nichts zum „guten“. sie lähmen nur, wenn jede handlungsüberlegung als naiv kleingeredet wird. wenn schon bitte, diskussionsfähige alternativen aufzeigen!
    das brauchen wir dringend!

  24. @indy: Es wurde hier nicht „JEDE Handlungsüberlegung als naiv kleingeredet“, sondern lediglich EINE (die Rifkinsche), die offensichtlich weniger auf Begeisterung und profunder Kenntnis der zugrunde liegenden Materie, dafür aber um so mehr auf Selbstüberschätzung und Ausblendung jeglicher Realität, beruht.

    Und meine Empfehlung an Jeremy Rifkin wäre: Öfter mal in der Eigenschaft als Wissenschaftler und Soziologe Manschettenknöpfe und gestärkten Hemdkragen ablegen, das Reinraumlabor verlassen und sich z.B. an einen der hier:

    http://www.sibilla-egen-schule.de/konflikt/liste.htm

    genannten Orte begeben. Wahrscheinlich würde er dann auch keine besseren Bücher schreiben (respektive schreiben lassen; denn in den Ligen, in denen sich R. längst bewegt, legt man gemein hin nicht mehr selbst Hand an) – wozu auch, wenn sich doch die schlechten viel besser verkaufen -, aber seine Haushälterin hätte weniger Hemden zu bügeln. Das wäre doch mal ein echter Fortschritt in Sachen praktischer Umsetzung seiner empathischen Visionen.

    Und wer sich noch ernsthaft (allerdings nicht ganz unvoreingenommen) mit Rifkin auseinander setzen möchte, möge – außer bei Rifkin selbst – z.B. hier:

    Welt Online

    hier:

    SPIEGEL Online

    oder/und hier:

    FAZ Online

    weiterlesen.

    Empathisch mit mir selbst frage ich mich jetzt natürlich, was mich zu solch ketzerischen Attitüden treibt. Wahrscheinlich ist es die Angst, dass sich der gesunde Menschenverstand eines Tages gänzlich von seinem Inhaber, dem Homo sapiens, verabschieden und im Nirvana der Rifkinschen (nicht nur seiner) New-Age-Banalität verschwinden könnte.

  25. hallo peter,

    danke für deinen kritischen kommentar und die links!
    was den „gesunden menschenverstand“ betrifft, setze ich auf ihn im besten sinne. ich stelle mir vor, dass er nicht eindimensional ausgeprägt sein sollte, sondern – den zunehmend komplexer werdenden problemlagen angemessen –
    vernetzt denkend.
    bei der vielzahl beteiligter an entscheidungsfindungsprozessen in schwierig zu lösenden problemlagen, die unsere zukunft betreffen, scheint mir
    empathie nicht schädlich zu sein, um verständnis für die
    argumentation, die interessen und die lebensentwürfe der beteiligten aufzubringen, um konsensfähige und realisierbare
    maßnahmen zu finden.
    warum sollte sich der verstand verabschieden müssen?
    du selbst verweist engagiert auf den link mit den derzeitigen kriegen.
    ich unterstelle dir da einfach mal große empathie für das leid der betroffenen menschen.
    diese, deine empathie wird sicher nichts mit new-age-banalität zu tun haben!
    deine empathie scheint dein engagiertes denken geradezu
    herauszufordern!
    kopflastiges denken und new-age-banalität sind für mich falsche alternativen.
    kreative lösungen können gerade bei schwierigen problemen
    durch logisch-analytisches denken und intuitive
    problemlösungstechniken gefunden werden und empathie ist dann gerade wichtig, wenn schwierige konfliktlagen mit
    parteien unterschiedlichster lebenszusammenhänge friedlichen lösungen zugeführt werden sollen.
    den autor selbst und seine womöglich eigenen interessen kann ich nicht beurteilen, sein buch auch noch nicht, weil
    ich es nicht gelesen habe. die propagierung von empathie
    finde ich allerdings wenig schädlich.
    eventuelle widersprüche aufzudecken finde ich sehr sinnvoll.
    wir brauchen sicher keine heilslehren, sondern denkansätze, die diskussionsfähig sind und nicht gleich pauschal vernichtet werden, weil sich widersprüche darin finden mögen.
    gerade aus dem denken in widersprüchen können fruchtbare neue möglichkeiten entstehen.
    übrigens: ketzerisch empfinde ich deinen kommentar keineswegs! wir leben in einer sehr vom verstand geprägten, wenn nicht dominierten lebens- und arbeitswelt. ich selbst halte verstand für sehr wichtig, aber nicht allein seligmachend.

    lg indy

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