Claudia am 09. Februar 2010 — 22 Kommentare

Web 2.0: Sind zu viele Sender?

Die Klage ist nicht neu, sondern begleitet mich seit ich 1996 meine erste „Homepage“ ins Netz stellte: Du lieber Himmel, da kann ja JEDER einfach so rein schreiben! Und beim Können bleibt es nicht, immer mehr Leute tun es tatsächlich: berichten aus ihrem täglichen Leben, bekennen ihre Vorlieben und Abneigungen, loben und kritisieren, lästern und plaudern, philosophieren und analysieren – und stellen sich damit selber dar, ringen um Aufmerksamkeit im Tsunami der tägliche Informationsfluten.

Die Frage nach der Bewältigung und Filterung all der vielen Inhalte, die durch das neue Mitmachweb über uns gekommen sind, wird derzeit vielfältig und engagiert diskutiert. Auch mögliche Abhängigkeiten und eine Art Suchtverhalten bei den „allzu Vernetzten“ werden immer mal wieder thematisiert. Darum soll es hier mal nicht gehen, sondern um drei andere Fragen:

  • Was stimmt manche, die dieses Geschehen beobachten, so ärgerlich und aggressiv?
  • Und: Gibt es mittlerweile zu viele Sender und zu wenige Empfänger, die all diese Botschaften auch hören, lesen und anschauen wollen?
  • Was ist es wert, veröffentlicht zu werden? Gibt es eine Pflicht zur „Relevanz“?

Ein Kommentierer namens „Zement“, der – wie alle, die mal so richtig auf den Putz hauen wollen – lieber anonym bleibt, postete gestern einen ellenlangen aufgebrachten Text unter einen Blogbeitrag, der das allüberall zunehmende SENDEN von Inhalten jedweder Art durch den Kakao zieht. Hier ein Auszug:

„liegt hier eine neue Form von Gesellschaftspsychose vor, eine Art telekommunikativer Publikumswahn inkl. Medien-Overkill-Zwangsneurose? Lustig. Obschon. Auch ein klein wenig beengend. An & für sich. Find ich ja. Übrigens. Nachzulesen auf meiner neuen Homepage. Brandneu. Und top-betreut. Da werden auch meine neusten Blähungen und Brieffreundschaften eingehend erörtert. Mehr als eingehend. Geradezu fachkundig. Und keine Angst: alle halbe Stunde ge-Up-Dated. Aber subito. Hier wird Ihre kostbare und unersetzbare Aufmerksamkeit kein Sekündchen sich selber überlassen. Aber iwo. Gesendet. Und gespeichert. Ob auf Podcast oder auf CD. Amen. Bzw. Publikum. Punktum. Senden. Senden. Ich sagte SENDEN. SENDEN. SENDEN AAAAAAA SENDEN SENDEN SENDEN! Boa, gottlob, jetzt hats doch noch geklappt IHRE NACHRICHT WURDE GESENDET UND GESPEICHERT, boa, nochmal gutgegangen, haarscharf, Schwein gehabt, ich lebe. Amen. Bzw. Publikum. Online. Im Netz. On the line. Auf der Welt. Existent. Manifest. Authentisch. Da. Dasein. Daseiend. Gesendet.“

Interessiert das jemanden?

Mich hat dieses Posting in einer Situation erwischt, in der ich mir gerade sowieso Gedanken um die Relevanz eigener Artikel machte – und zwar ganz konkret. Seit Wochen beschäftige ich mich mit der Auswahl eines mobilen Computers: viele Stunden suchen, lesen, bewerten, lernen – und all das wollte ich nun ganz gerne auch bloggen! Beginnend beim Anlass der Suche, fortfahrend mit der Qual der Wahl (Netbook? Notebook?) und dem Schwanken zwischen zig Möglichkeiten, bis hin zum Kauf und zur darauf folgenden Erfahrung mit der Nutzung.

Warum dieses Mitteilungsbedürfnis? Schließlich kauften sich Hunderttausende in den letzten zwei Jahren so ein Netbook, das ist nun wirklich „nichts Besonderes“. Ja, stimmt! Allerdings hab‘ ich bei meiner Suche und Entscheidungfindung originäre Erfahrungsberichte Anderer nur so verschlungen! Sie waren mir freudig aufgefundene Stecknadeln im Heu der vielen Preisvergleichs- und Produktbeschreibungsseiten und gaben mir manchen nützlichen Tipp. Glaubhafte Erfahrungen lebendiger Menschen lese ich 1000mal lieber als kühle Informationen ohne jeden persönlichen Bezug.

Und das Ergebnis gibt mir recht: Die beiden Artikel zu diesem Thema haben die Aufrufe des Webwriting-Magazins jeweils um ca. 20% gesteigert – es scheint andere also ebenso zu interessieren, wie es mich interessiert hat.

Nun ist „Netbook-Kauf“ ein durchaus massenkompatibles Thema. Doch auch, wenn es um ein Halsband für eine Perserkatze oder den richtigen Zeitpunkt, Tomaten vorzuziehen, gegangen wäre, gäbe es viele Leser, die Botschaften dazu gerne „empfangen“. Über Relevanz entscheidet der Empfänger (so auch kürzlich Peter Kruse im sehenswerten Video des Elektrischen Reporters: das ICH im JETZT). Was spricht also dagegen, zu senden, was immer man mag, und die Sinnhaftigkeit den Lesern zu überlassen?

Angemaßte Bedeutung?

Aus meiner Sicht rührt die Aggressivität, die manche angesichts des allgemeinen Publizierens vermeintlicher Nichtigkeiten verspüren, aus dem Verhaftetsein in der alten Medienwelt: Da gab es Redaktionen, die die Flut der Möglichkeiten filterten und mit ihrer Gatekeeper-Autorität nur dem aus ihrer Sicht „Wichtigen“ den knappen Medienplatz einräumten. Nur Inhalte mit Bedeutung FÜR DIE MASSEN hatten die Chance, gesendet und gedruckt zu werden. Heute aber ist der Platz nicht mehr knapp und jeder darf selbst entscheiden, was er senden möchte. Überlegungen zur Relevanz beziehen sich allenfalls auf den „Ort“ der Platzierung: schreibe ich nur einen Kommentar oder einen eigenen Artikel? Oder schicke ich nur einen Link mit Kurzbemerkung über Twitter in die Welt?

Die ÄRGERLICHEN empfinden das als Anmaßung: Wer bin ich schon, dass ich denke, es könnte „die Welt“ interessieren, was ich täglich so denke und meine, gut finde oder kritisiere? Ich denke aber gar nicht an „die Welt“, wenn ich etwas aussende, sondern erlebe das Senden als „bereit stellen“ für unbekannt viele oder wenige Interessenten. Ich schwimme im Fluss all der Botschaften, die ich mitbekomme und erlebe zusätzlich Eigenes durch mein Handeln und Reflektieren. Was mir davon PERSÖNLICH wichtig erscheint, reiche ich weiter – mal in Gestalt eines ausführlichen Artikels, mal nur als kurzen Link-Tipp.

Was nun die Empfänger ihrerseits damit anfangen, bekomme ich dank Web2.0 ja zumindest stellenweise mit. Und auch, was IHNEN wichtig ist – etwa durch die personalisierte Darstellung der von meinen „Twitter-Followern“ empfohlenen Inhalte auf Rivva, ebenso durch Kommentare im Blog und „Status-Kommentare“ auf Facebook.

Zuwenig Empfangende?

Die manchmal geäußerte Sorge, es gäbe mittlerweile zu viele Sender und zu wenige Empfänger, teile ich nicht. Zum einen nehmen diejenigen, die selber senden, deutlich mehr Inhalte auf als die bloß passiven Leser. Zum anderen sind nach wie vor in einer x-beliebigen Community immer nur 5 bis 10 Prozent der Teilnehmer selber aktiv – der große Rest liest, schaut zu und schweigt. Von den derzeit ca. 300 Digital-Diary-Besuchern pro Tag kommentieren hier z.B. fluktuierende 5 bis 25 Stammleser. Einige der Nicht-Kommentierer kenne ich persönlich, sie sind manchmal richtige „Inhalts-Giganten“, die aber leider leider – eine Temperamentsfrage! – ihre Gedanken nicht ins Web senden, sondern sich allenfalls im persönlichen Gespräch offenbaren.

Es soll und darf eben jeder, wie er mag. Und ich finde das GUT so, denn dem steht meine Freiheit gegenüber, zu bemerken, was mir bemerkenswert erscheint, und den Rest zu ignorieren.

Tja – wie eingangs gesagt ist das ein URALTES Web-Thema. Und vermutlich war es überflüssig, es wieder einmal aufzuwärmen. Mir hat es aber Spass gemacht – und niemand MUSS das ja jetzt lesen! :-)

Diskussion

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22 Kommentare zu „Web 2.0: Sind zu viele Sender?“.

  1. Die Problematik ist doch aus der Luft gegriffen. Zu wenig Empfänger? Jeder Sender ist doch gleichzeitig auch ein Empfänger, wie soll man sonst die Eindrücke sammeln um zu schreiben? Das heisst, die Sender-Menge dürfte eine echte Teilmenge der Empfänger-Menge sein…

  2. Es scheint Leser / Empfänger zu geben, die eine Art „Publikationsdruck“ verspüren, so als sei es irgendwie SCHLECHT, sich nicht publizierend einzumischen.

  3. Naja, ich sende auch gerne. Auch aus Eitelkeit, aber nicht selten aus einfacher Begeisterung. Wenn ich etwas bemerkenswert finde, dann will ich das gleich teilen. Nun habe ich einen tollen echten realraumverhafteteten Empfängerkreis, aber nicht wenige meiner Vorlieben teile ich mit denen gar nicht so sehr. Es muß nicht jemand meinen Buchgeschmack haben, um mein (Realraum-) Freund zu sein. Er würde also höflich beim Bier in der Kneipe mir zuhören, aber letztendlich würde sich manches da „versenden“.

    Und ich will ja die ganze Begeisterung weiter transportieren. Von Zeit zu Zeit. Oder die ganze Echaufiertheit. Oder die ganze Jagd nach dem richtigen Notebook ;-)

    Nur gibt es in der Tat schon so viele Sender, die das auch alles wollen. Und machen. So wie Du Claudia, was ich sehr angenehm finde. Denn da kann ich mich, wie bei anderen, einfach schmarotzend dranhängen ohne eine eigene (Blog-)Bühne zu zimmern und die Zahl der Bühnebesitzenden Sender noch mehr zu erhöhen. (ich ignoriere hier einfach mal CK mathematische Gleichung *zwinker*)

    Nur: gerade weil ich das mache, wie alle „Zements“ es auch immer machen, kann ich ja kaum darüber poltern. Eher danken, daß man mich als Trittbrettfahrer geradezu eingeladen hat.

    Die Leute, die IM Netz immer darüber meckern, das IM Netz immer über jeden Pups gesprochen wird, und damit IM Netz nur ihre eigene entsprechende Duftmarke dazu gesetzt haben, sind einfach nur in die chinesische Fingerfalle getappt.

  4. Liebe Claudia,
    ich poste auch nur ab und an – hauptsächlich aus „Ehrfurcht“ vor dem Artikel:
    Habe ich ihn richtig gelesen? Habe ich verstanden, was den Autor bewegt hat, was seine Schlüsselaussagen sind? Habe ich genug über den Text nachgedacht, um etwas Substantielles beizutragen?
    Poste ich dagegen schnell etwas ins Ungefähre, bloß weil das Thema was in mir angerührt hat und ich keine Zeit erübrigen kann, dann kann ich es MEIST auch lassen.
    Nichts gegen Spontanität im allgemeinen, aber mein Beitrag sollte auch ein Beitrag sein.

    Gruß
    Gerhard

  5. Zu viele Sender, zu wenige Empfänger, das ist keine ergiebige Fragestellung. Was bedeutet senden und was bedeutet empfangen, das finde ich interessant.

    Zuerst waren Propheten, die verkündeten was und die Menge lauschte. Wenige redeten und viele hörten zu.
    Dann konnten ganz wenige etwas drucken und sie druckten die Bibel. Die Menge las und lauschte den Vorlesern. Dann konnten noch mehr Leute drucken und noch mehr Leute konnten lesen. Diejenigen, die schrieben und druckten nahmen ihre Sache ernst und hatten hohe Maßstäbe für das, was sie veröffentlichten, schließlich war es „wertvoll“ zu publizieren. Entsprechend hoch war die Achtung, welche diejenigen genossen, die sendeten.

    Immer und immer mehr wurde gedruckt und geschrieben, das Radio und das Fernsehen kamen dazu und die „Programmvielfalt“ wuchs und wuchs. Es wird veröffentlicht, was das Zeug hält und die Maßstäbe an das Veröffentlichte sinken offenbar. Nun wird veröffentlicht, daß der Kater mal wieder in die Wohnung gekotzt hat. Besteht da ein Unterschied zur Gutenberg-Bibel?

    Unbestreitbar hat sich auch das Mengenverhältnis der Sender zu den Empfängern verschoben. Die Sender sind Teilmenge der Empfänger und das Verhältnis beider Mengen entwickelt sich in Richtung Kongruenz.

    Noch immer steckt aber in manchen Köpfen die Vorstellung, publizieren sei etwas Ehrenwertes, das per se Achtung bzw. Beachtung verdiene. Diese Auffassung kollidiert mit der Erfahrung, daß heute Hinz und Kunz publizieren und mittlerweile das gesamte Spektrum menschlicher Irrtumsmöglichkeiten, man könnte auch sagen, Denkmöglichkeiten, abgedeckt wird.

    Die Zeiten des gemeinsamen ergriffenen Lauschens sind vorbei. Vorbei auch die Zeiten, in den man sich nicht mit Inhalten beschäftigen musste, weil es sowieso nur eine publizierte Meinung gab. Die Bibel war heilig, weil sie einzig war und nun herrscht fast schon maximale Vielfalt.

    Ich denke, viele beklagen das innerlich und können nicht einsehen, wieso nun jeder, der eine Meinung (oder auch nur Blähungen) hat, sie auch veröffentlichen darf. Diejenigen hängen an der „guten alten Zeit“, als Publizieren noch gleichbedeutend mit Rechthaben war. Sie werden sich daran gewöhnen müssen, daß das Publizieren heute nichteinmal mehr gewährleistet, ernst genommen zu werden.

  6. @Uwe: ja, genau. Das meinte ich mit „verhaftet sein in der alten Medienlandschaft“ der Gatekeeper und des knappen Platzes.

    Vielleicht stimmt aber auch schon das Wort „veröffentlichen“ nicht mehr – und mit ihm all die Konnotationen und Ansprüche rund um das Veröffentlichte. Die Sphäre des (ehemals) Privaten, der Gegenpol zur „Öffentlichkeit“, ist ja im Schwinden begriffen und auch die kürzlich noch von Netz-Affinen gefühlte Unterscheidung in „online“ und „real life“ wirkt zunehmend vorgestrig.

    Wenn man mal versucht, einen großen Schritt zurück zu treten und das GANZE zu sehen (geht nicht wirklich, aber versuchen ist erlaubt..)., dann sehe ich die Zerschlagung und Entflechtung althergebrachter traditioneller Verbindungen zugunsten technisch vermittelter, „frei gewählter“ Vernetzung der Individuuen.

    Man bewegt sich (wenn man „an vorderster Front“ agiert) mittels Navi von Ort zu Ort und erfährt an jedem Ort, was die „Freunde“ zu diesem Platz schon gesagt/bewertet/empfohlen/kritisiert haben. Bevor man ins Café geht, schaut man über die Video-Cam mal rein, was so los ist (ok, noch sieht man da nicht sooo viel…). Verspeist man höchstselbst einen Kuchen, schreibt man in die Matrix allen Geschehens, wie es gemundet hat und wie das Preis/Leistungsverhältnis war. Tut man es nicht, entwickelt man ein kleines Schuldgefühl: ich habe die Community vernachlässigt…

    VERÖFFENTLICHEN passt in diesem Szenario nicht mehr wirklich!

    Ich rechne im Gegenteil mit neuen Begriffen für die Verweigerung des vernetzten In-der-Welt-Seins, das aktive Sich-Herausziehen aus der Kommunikation vieler mit vielen. „Retreat“, „offline“ oder dergleichen – und irgendwann wird es anstößig bzw. verdächtig sein, wenn man das zu exzessiv betreibt.

    Was „einsam sein“ bedeutet hat, werden die Menschen der Zukunft vielleicht gar nicht mehr verstehen…

  7. „Verspeist man höchstselbst einen Kuchen, … entwickelt man ein kleines Schuldgefühl: ich habe die Community vernachlässigt…“

    Oha! Da bist Du mir in Deiner Perspektive aber um etliches voraus, Claudia. Das vermag ich mir kaum vorzustellen, weil ich ja noch nichtmal publiziere. Da kriege ich sofort „Retreat-Tendenzen“. :)

    Aber klar, sollte die Masse der Avantgarde folgen, wird es dorthin gehen. Spannende Sache.

  8. „Was “einsam sein” bedeutet hat, werden die Menschen der Zukunft vielleicht gar nicht mehr verstehen…“

    Sich „einsam fühlen“, wenigstens ab und an, das wird wohl nie verloren gehen. Da hilft auch keine Ultra-Vernetzung und aller Technik-Hype nicht.

    „Spannend“, wie Uwe beschreibt, finde ich die oben prognostizierte avantgardische Richtung keinesfalls. Es gibt den uralten Begriff „Hand und Fuß haben“, der mir in diesem Zusammenhang zu-fällt.

    Gruß
    Gerhard

  9. Öhöm. Danke.
    Hervorragendes Thema zum Prokrastinieren
    Meine 2-Cent-Gedanken dazu:
    1. Mit Qualität hat diese Entwicklung meinem Eindruck nach gar nichts zu tun. Fast alle Blogs, die ich lese, schlagen das Privatfernsehen („Profis“) auf diesem Gebiet um Längen. Und das ist gut so. Jetzt hat der geneigte Leser* endlich eine wirkliche Auswahl und kann sogar spürbar seiner Neigung durch statistische Erfassung und Kommentare Ausdruck verleihen.
    *Kulturpessimisten haben sich ja schon lange beschwert, das heute das Lesen nicht mehr gefördert wird – ich denke, das können wir abhaken.
    2. Kompetenz durch Übung: Sowohl „Sender“ als auch „Empfänger“ (und Kommentator) können jetzt durch direktes Feedback in ihrem Tun immer besser werden (Schreibe, Lesekompetenz)
    3. Nochmal Qualität: Endlich können sich die vielbeschworenen Maßstäbe („Qualitätsinhalte“) direkt durchsetzen – ohne „Doping“ durch wirtschaftliche Vorherrschaft (Verlagsmonopole).

    Die Liste könnte ich fortsetzen. Warum einige Leute sich darüber aufregen, kann ich mir nur mit einer Art „Untertanmentalität“ erklären: Wenn jetzt jeder alles „veröffentlichen“ kann (kann er nicht, es gibt Gesetze, aber das ist noch ein anderes Feld), auf wen kann ich dann noch hören, wer hat dann die „Deutungshoheit“?
    Antwort: „Du.“ Damit kann nicht jeder umgehen.
    Aber es wird höchste Zeit, dass wir das alle endlich mal lernen.
    Finde ich.

    p.s. Ein ganz anderes Problem ist die Sache mit dem übermäßigen Informationskonsum zum Zerstreuen und Ablenken oder eben krankhaften Aufschieben, also das Thema Zeit. Aber das gilt für Sender und Empfänger gleichermaßen. Und andere sitzen stattdessen vor der Glotze – also kein großer Unterschied.

  10. Der Kurzkommentar zu Deinem Artikel lautet: Amen!

    Etwas länger: Interessanter Artikel zu dem Thema bei Basic Thinking: http://www.basicthinking.de/blog/2010/02/05/nicht-die-blogs-sterben-aus-sondern-die-blogger/
    Andere Sichtweise (und so verschieden von einer, dass er meine Kommentare gelöscht hat: Lumma http://lumma.de/2010/02/02/blogs-in-deutschland-sind-nett/
    Zusammenfassung hier: http://www.rorkvell.de/news/2010/Die_deutsche_Blogosphere.html.de
    Vielleicht noch ergänzend: Ich persönlich schreibe in meinem Blog eigentlich hauptsächlich für mich selbst, um meine Gedanken zu konkretisieren. Aber Jeder hat wohl individuell unterschiedliche Motive zu schreiben. Da kann man wohl kaum Alle über einen Kamm scheren.

  11. @Rudy Gasson: Prokastination, auch gerade mein Thema :)

    Mir geht es beim Posten um 3 Dinge:

    1. Aufmerksamkeit, Anerkennung, Bestätigung, Wertschätzung

    2. Die Freude am eigenen Text und das narzißtische Bespiegeln in eben diesem, das Arbeiten an Inhalt, Form, Ausdruck, die Übung im Explizieren eigener Gedanken etc.

    3. Kommunikation und Korrespondenz mit Anderen

    Würde ich für ein Posting oder einen Artikel Geld erhalten, ginge es mir wohl
    auch um das Geld …

    Ein interessanter Nebeneffekt: liest man einen explizierten eigenen Gedanken
    in einem Posting, dann erscheint er einem plötzlich merkwürdig belanglos,
    gar nicht mehr so „eigen“ und originell.

    Zudem kommt der Verdacht auf, das auch das Geschriebene der „Professio-nellen“ (Journalisten, Kritiker, Autoren, Schriftsteller, Dichter) nicht so heiß gegessen wird , wie es gekocht wurde.

    Immer wieder deutlich wird mir das, wenn ich z.B. Texte von Sozialwissen-schaftlern der 68ger Generation lese, mit welch hanebüchenem, pseudo-wissenschaflichem Jargon sie damals im Grunde hochgestochenen Unsinn produziert haben.

    Mir gefällt nämlich im Kontrast dazu an der Blog-Kultur so sehr, dass man sich auf direkte, unverblümte Weise ausdrücken lernt und sich zudem im Alltag und den Gedanken der Anderen wiederfindet. Die amüsante, verschriftlichte Präsentation von ALLTAGSKULTUR empfinde ich als große, nie dagewesene Bereicherung.

    Ob Frank Schirrmacher das auch so sieht ? :)

  12. @Rudy Gasson & alle Anderen: es muß natürlich Prok-r-astination heißen, ach ja, das Posten, die Perfektion und die Rechtschreibung … De-Bugging rules :)

  13. Ich frage mich immer schon, warum sowas Altbekanntes wie das Aufschieben irgendwelcher Tätigkeiten, Vorhaben und Aufgaben unter dem Label „Prokrastination“ derart viel publizistisches Gewese erfährt. Das unterscheidet sich m.E. nicht groß von der „Begriffshuberei“ älterer Soziologen/Philosophen und vom heute eher modischen Marketing-Sprech mit seinen per Anglizismen zu (vermeintlicher) Bedeutung aufgeblasenen Nichtigkeiten.

  14. Hallo Claudia,

    das Thema scheint wieder aufzupoppen.
    Hier eine unter der Rubrik „Humor“ abgelegte Anleitung zum analogen Twittern.

    Gruß
    Ralf

  15. so, nun muß ich auch mal was sagen, ob’s nun jemanden interessiert oder nicht :)
    Als erste Assoziation beim Artikellesen kam mir ein TV-Spot in den Sinn, wo jmd. mit seinem Handy irgendwas fotografiert oder filmt und das sofort an seine „Community“
    weitersendet.
    Was passiert da?
    In den nächsten Sekunden werden 10 angesendete Personen in ihren laufenden Aktivitäten unterbrochen, weil deren Handy klingelt. Dann schauen sie rauf und werden ggf. für weitere Minuten aus ihrem bisherigen Aufmerksamkeitsumfeld gezogen, um sich den Beitrag anzuschauen.
    DANN erst können sie beurteilen, ob das Mitgeteilte es Wert war, angeschaut zu werden.
    Einige werden sich genötigt fühlen, aus Begeisterung oder Höflichkeit zu antworten usw.
    Ich finde, das der lebenszeitraubende Belästigungseffekt der Handy (?) / E-Mail /Twitter /Facebook-Community durch wahlloses Zwangsbeglücken mit der eigenen Körper/Geist/Seelenverfassung nicht Recht im Bewusstsein der Sendenden ist.
    Ich glaube, das mit dieser Art „Nachrichtenverbreitung“ tatsächlich -den Meisten ziemlich unbewußt bleibende- Wünsche, Triebe, Begierden erfüllt werden (jmd. denkt an mich – er sendet mir ein Botschafts-Geschenk-, ich gehöre dazu, Gemeinschaftsgefühl, ICH BIN DER TOLLSTE-SEHT HER_, ich hab‘ auch was zu sagen,usw.)

    Zum Thema : …bevor ich in ein Cafe gehe, schaue ich, was andere zu dieser Location gesagt haben.
    Also wenn ich eine Weihnachtsfeier plane, dann informiere ich mich natürlich bei Freunden/Internet über das Lokal.
    Aber: Laß ich meine Entdeckerkräfte, meine subtilen Wahrnehmungen und mein darauf bauendes Urteilsvermögen verkümmern, wenn ich in einer fremden Umgebung in ein CAFE gehen will, indem ich mir vorher Meinungen und Bewertungen von anderen einhole?
    Was verschließe ich mir an Erfahrungen, wenn ich dann höre „die Erdbeertorte schmeckte nicht, der Kellner war langsam etc.“ und darum nicht reingehe?
    Vielleicht hat der Besitzer längst gewechselt, der Kellner ist nicht mehr da und die Nußtorte ist ein Hit usw.
    Dahinter ,könnte man philosophieren, steckt der Wunsch, negative Erfahrungen zu vermeiden und stets auf der richtigen (Erfolgs-) Seite zu stehen.
    Ebenso der Navi-Hype.
    Führt bei vielen direkt in die Orientierungslosigkeit [Stadtplan lesen, Himmelsrichtung (wo steht die Sonne zu welcher Tageszeit), markante Gebäude], Unmündigkeit (das Navi sagt: LINKS ABBIEGEN, also fahr ich auf den Schienen weiter), Abhängigkeit (ohne NAVI fahr‘ ich nicht), also insgesamt zu einer Lebensuntüchtigkeit.
    Auch hier werden vielfältige Wahrnehmungsmöglichkeiten in einer „fremden“ Umgebung und damit die Auseinandersetzung mit sich selbst völlig obsolet, dem Trieb nach Sicherheit, Sicherheit, Sicherheit geschuldet.

    Das gilt natürlich für alle technischen und elektronischen „Hilfsmittel“.
    „Dienen“ sie mir in besonderen Situation und nutze ich sie mit wachem Bewußtsein oder machen sie mich unmündig, träge,abhängig, verkleistern meine Sinne und klauen mir Zeit.
    Und für Fortgeschrittene die Frage, die immer am Ende steht: Wem nützt es?
    Danke für die Aufmerksamkeit :)
    Gruß
    Achim

  16. Hallo Achim,
    dem kann ich nur ganz zupflichten.
    2002, als ich noch kein Handy besaß, bemerkte ich in einer Weltmetropole an einem U-Bahnplatz, daß fast jeder sein Handy in Augenschein nahm – mir war so, als würde der Gaukler nicht wahrgenommen, das süße Mädchen an der Ecke, überhaupt die Lebendigkeit auf dem Platz – das Leben war prall da, aber fast jeder guckte ins Miniquadrat.
    Die Werbung zu dieser Zeit war auch so, daß immer ein Handy dabei war: Auf dem Fahrrad, beim Kaffeetrinken, beim Gewichtkontrollieren ect.
    Ich hatte auf dem U-Bahnplatz die Vision: Würde man die Situation einfrieren, dann würde man in jeder Tasche ein oder 2 Handys finden.

    Was Du, Achim, sehr schön beschreibst, ist der allzu sorglose Umgang mit den Medien und der Technik. Ich muß mich da selber an die Nase greifen: Wie schnell sind 45 Minuten für sinnloses Spielen im Internet vergammelt?
    Fürs TV analysierte man vor vielleicht 20 Jahren eine Nutzerzeit von einigen Stunden täglich im Schnitt, wenn ich mich recht erinnere.
    Welche von diesen Stunden fiel auf Informationssendungen oder Arthousefilme?
    Ja, unsere Zeit ist eine Zeit des Zeitvertreibs.

    Nix für ungut

    Gerhard

  17. Danke für Eure Beiträge, die mir ja aus der Seele sprechen! Ich sehe die Entwicklung des öfteren als Bemühen, endlich dem perfekten Funktionieren eines Ameisenstaats nahe zu kommen.

    Schaut man sich deren zielsicheres Gewusel von oben an, fragt man sich: woher wissen die alle, WAS sie tun müssen – mit so wenig Gehirn? Mittlerweile weiß man, dass sie sich über Signaldüfte gegenseitig informieren: jede Ameise empfängt und sendet Duftsignale über das, was der Fall ist – und so entsteht ein Netz aus „Vorschriften“, dem sie alle bereitwillig gehorchen: weil MAN das so macht. Weil DAS der erfolgreiche / nützlichste Weg ist.

    Zum Senden von Botschaften: bin ja Handy-Verweigerin, doch beim Surfen im Web melde ich Bemerkenswertes ins Web 2.0 (Mento -> Friendfeed -> Twitter ->Facebook sind mit genau 2 Klicks „bedient“). Nun hab ich neuerdings ein Netbook, wo das noch nicht alles bequem installiert ist – und ich machte beim Lesen/Surfen die verstörende Erfahrung, mich irgendwie „kastriert“ zu fühlen, wenn ich nicht weiter melden kann… Als wäre dadurch mein Lesen SINNLOSER, weil bloß individuell und nicht „potenziell für viele“ nützlich!

    Nun, ich werde auch das Netbook „auf den Stand“ bringen, klar. Und denke: es ist gut und richtig, die Inhalte, die ich gut finde, weiter zu melden und so an der großen SORTIERUNG mitzuwirken. ABER es braucht eben auch Disziplin und Medienkompetenz bei den Empfängern! Wer sich zum Sklaven herein kommender Infos macht, ist selber schuld.

    Oder etwa nicht?

  18. @Claudia
    Vielleicht sind wir jetzt beim Thema „Sucht“ gelandet.
    Prinzipiell ist natürlich immer jeder selber schuld, wenn er sich zum Sklaven macht, bzw. trägt selbst die Verantwortung dafür. Es scheint mir aber so, als ob der eine stärker dazu tendiert, sich abhängig zu machen und der andere weniger. Mir scheint es auch Umgebungen zu geben, die Sucht und abhängiges Verhalten fördern und andere, die das weniger tun.

  19. Stimmt. Zudem braucht es wohl Erfahrung, nämlich auch Frust- und Stress-Erfahrung mit den neuen Möglichkeiten. Und Mut, diese auch zur Kenntnis zu nehmen bzw. zu äußern. Wenn die Leute öfter erleben würden, dass ihr Gegenüber stinksauer reagiert, wenn sie zwischendurch telefonieren oder gleichzeitig was ins Smartphone tippen, wäre das auch ein Lerneffekt.

    Dass JUNGE Menschen jegliche Form der Nachfrage nach ihrer Person tendenziell klasse finden, wird sich allerdings nicht ändern. Sie lernen höchstens, dass Nachfrage nicht gleich Nachfrage ist – das wär aber auch schon viel!

  20. @Achim: Whow! Das war mal eben ein vollständiger Rundumschlag. Absolut richtig.

    Allerdings hat auch das hier, wie immer, seine zwei Seiten. Auch schon vor Erfindung des Internets haben wir uns nicht allein auf eigene Erfahrungen verlassen. Spätestens seit Erfindung der Schrift verlassen wir uns zu einem guten Teil auf die Erfahrungen unserer Vorgänger. Man nennt das Phänomen „Kultur“. Folgerichtig könnte man sagen, dass sich mit dem immer-und-überall Web eine neue Kulturdimension entwickelt.

    Aber andererseits hast Du natürlich Recht. Fehlende Risikobereitschaft steht Innovation im Weg.

  21. […] Digidiary […]

  22. Hi Siegfried,
    schade, dass man auf deinem Blog nicht kommentieren kann!
    Habe auch den Beitrag darunter gelesen: was für eine Arbeit du dir da machst! Es gibt doch genug Blogscripts und ein Server mit PHP kostet 1 Appel &`n Ei! ???

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