Claudia am 30. Januar 2010 — 28 Kommentare

Sterben aus Angst vor dem Arzt?

Man regt sich bei Anderen allermeist genau über die Eigenschaften und Verhaltensweisen so richtig auf, zu denen man selber neigt. Das schicke ich gleich mal voraus, damit nicht der Eindruck entsteht, ich wolle hier ein wenig über Kranke und Verrückte herziehen, während ich mich selbst auf Seiten der Normalität ansiedle.

Normalität? Ein Deutscher geht im Schnitt 18 mal pro Jahr zum Arzt (z.B. auch, weil man bei uns „krank geschrieben“ werden muss). Dem entsprechend hat ein Arzt grade mal acht Minuten Zeit pro Patient, 30% weniger als im europäischen Durchschnitt, womit wir am Ende der Skala liegen. Da bleibt kaum Zeit zum Reden, geschweige denn zum abwägen und diskutieren verschiedener Therapien: es WUNDERT NICHT, dass man auf dieses fabrikartige Durchwinken keine Lust hat.

Zum Beispiel haben sich bei mir im Lauf der letzten 10 Jahre verschiedene, zunehmend behindernde Beschwerden eingestellt (vor allem am Bewegungsapparat wg. zu vielem Sitzen). Jedem dieser „Zipperlein“ – ich verniedliche das gerne – hab‘ ich EINEN Arztbesuch gegönnt, doch hätte ich mir den auch sparen können. Weder interessierten sich die Ärzte dafür, den Dingen auf den Grund zu gehen, noch gab es eine richtige Diagnose, gar eine Behandlungsperspektive. Bei Orthopäden scheint es da allgemein besonders schlimm zuzugehen, wie ich auch aus verschiedenen Arzt-Bewertungsportalen mitbekam. Ich erforsche meine Symtome also im Internet und behandle sie so gut es geht selbst, was bei Beschwerden mit dem Bewegungsapparat ja auch halbwegs gut geht.

Trotzige Verweigerer

Nur ungern denke ich daran, wie das werden wird, wenn ich ernsthafte Krankheiten bekomme. Und im Prinzip verstehe ich diejenigen, die trotzig jeglichen Arztbesuch angesichts des „real existierenden Medizinwesens“ verweigern – einerseits. Andrerseits erlebe ich es als krasse Verrücktheit, wenn mir jemand, dessen Sehkraft sich binnen Tagen so verschlechtert, dass er die Buchstaben auf seinem Monitor fünf Zentimeter groß einstellen muss, erzählt, eine neue Brille wäre nutzlos, da es ja nicht nur das Augenlicht sei, was gerade den Bach runter gehe. Er habe im übrigen alles getan, was er in diesem Leben tun wollte und „wolle nicht behandelt werden“.

Ich glaube davon kein Wort! Der Lebenserhaltungstrieb ist uns allen eigen und lässt sich nicht wegdiskutieren. Niemand tritt einfach so ab, weil er meint, „alles getan“ zu haben. Hinter solchen Sprüchen steht die nackte Angst vor der manifestierten Diagnose, die man zwar schon zu wissen meint, doch lieber „nicht wirklich“ gesagt bekommen will. Denn das „innere Kind“ glaubt unverdrossen an die Möglichkeit, eines Morgens gesund aufzuwachen als wäre nichts geschehen. Hat man erst mal harte Fakten, ist das Übel durch die Messungen und Durchleuchtungen der Apparate-Medizin konkret geworden, sehen die Dinge anders aus. Dann ist man „Patient“ und muss sich fortan mit den Therapien auseinander setzen, soll womöglich ins Krankenhaus, soll Medikamente schlucken, belastende Untersuchungen mitmachen oder Operationen über sich ergehen lassen, die allesamt evtl. (so denkt man zumindest) nicht wirklich helfen, sondern nur das Elend verlängern. Ist es da nicht besser, gleich gar nichts zu tun und einfach abzuwarten?

Nein, ist es nicht! Der irrationale, von den Symtomen und eigenständigen „Forschungen“ geängstigte Geist redet sich selber ein, dass ein Arztbesuch sowieso nichts, bzw. nur Übles bringen würde. Fakt ist aber, dass es heute wirklich jede Menge leichter und schwerer Krankheiten gibt, die tatsächlich behandelbar sind. Ein einfaches Beispiel ist der Blindarmdurchbruch: daran stirbt man schnell, wenn er nicht alsbald operiert wird, geht aber binnen kurzem gesund nach hause, wenn die Standard-Op durchgeführt wird. Als „Arztverweigerer“ würde man mutwillig sein Leben wegwerfen – und das finde ich einfach verrückt, feige und lieblos!

Nun sagt der Artzverweigerer natürlich: „bei mir ist es aber nicht sowas Harmloses wie der Blinddarm…“ – aber woher will er denn wissen, was es genau ist? Wie gesagt gibts eine Menge lebensbedrohlicher Komplikationen, die durchaus therapiefähig sind. Jede Menge Leute waren schon mal auf einer Intensivstation und gehen heute wieder fröhlich ihrer Arbeit nach. Und auch bei unheilbaren Krankheiten machen Behandlungen oft einen großen Unterschied in Sachen Lebensquälität und Dauer der „Restlebenszeit“ – und wo dem nicht so ist, kann man sich ja dann immer noch dagegen entscheiden.

Der Horror der Angehörigen

Arztverweigerer denken oft nicht nur falsch, sondern vor allem total egozentrisch. „Ich habe alles getan und kann abtreten“ mag für einen Einsiedler im fernen Urwald als Aussage hingehen, nicht aber für einen Familienvater, einen Ehemann oder Beziehungspartner, und auch nicht für alle, die noch gute Freude haben, die sich um sie sorgen. Wer da seine Verweigerungshaltung trotz immer schlimmer werdender Symptomatik beibehält, scheisst auf die Gefühle der liebenden Verwandten und Freunde. Diesen Aspekt lässt der Verweigerer gar nicht erst ins Bewusstsein treten, denn für ihn gehts ja schließlich ums eigene Leben, das er aus schierer Angst vor dem, was im Behandlungsfall kommen könnte, innerlich loszulassen versucht. Da bleibt kein Restgefühl für die, die ihm nahe stehen: sie sind es ja, die weiter leben werden, sie haben aus seiner Sicht doch gar kein Problem!

Konsequente Arztverweigerer sind in der Regel Menschen, die sich selber nicht wirklich lieben können. Und weil das so ist, sind sie auch nicht im Stande wahrzunehmen bzw. zu berücksichtigen, was sie ihren Lieben antun. Dem Verweigerer reicht seine (vermeintliche) „innere Gewissheit“ – wogegen die Nahestehenden ja nicht durch direkte Betroffenheit im Geiste vernebelt sind. Sie denken sehr wohl an all die Möglichkeiten, die es geben KÖNNTE, wäre der Betroffene nicht so verstockt und würde verdammt nochmal zumindest „mal nachsehen“ lassen. Mutwillig sein Leben wegwerfen ohne eine gesicherte Diagnose, das sagt den Angehörigen: Eure Gefühle und Unsicherheiten sind mir egal! ICH bin mir sicher und das hat auch euch zu genügen!

Bei alledem vergisst der Verweigerer auch gerne, dass man ja nicht plötzlich tot umfällt. In der Regel geht dem Tod eine längere Zeit zunehmender Hinfälligkeit und Pflegebedürftigkeit voraus. Diese mit einem starrköpfigen Verweigerer zu erleben und zu ertragen, ist dann nochmal eine doppelte Zumutung für die Angehörigen – aber das ficht ihn ja alles nicht an! Über all das will er am liebsten gar nicht nachdenken, sondern pflegt nur seine vermeintlich heroische, in Wahrheit aber bloß feige Entschlossenheit, einfach nichts zu tun, sich der Sache nicht zu stellen.

Und weil er lieber nicht darüber redet, entschwindet im weiteren Verlauf die Authentizität und innere Nähe aus den Beziehungen zu den Angehörigen. Es gibt immer mehr, was nicht erwähnt werden darf, man macht auf Smalltalk, tut, als ob nichts wäre – und ist doch verdammt besorgt, registriert jede Verschlimmerung der Symptomatik, hadert innerlich mit dem verstockten Kranken, reisst sich aber zusammen, frisst die Sorge in sich hinein… nun, ich muss das wohl nicht weiter ausmalen.

In Frieden gehen?

In Frieden diese Welt verlassen kann aus meiner Sicht nur einer, dessen Angehörige und Freunde ihn ebenfalls in Frieden gehen lassen. Und das kann man nicht, wenn es nicht mal eine definitive „finale Diagnose“ gibt, sondern nur die Vermutungen des Betroffenen. Vor dem Abtreten muss Klarheit für alle herrschen – auch bezüglich der Chancen und Risiken der vom Medizinbetrieb angebotenen Behandlungen. Wenn ein lieber Freund sagt: „Ich habe (diagnostizierten!) Krebs im finalen Stadium. Mit noch einer Chemotherapie würde mein Leiden vielleicht drei Monate länger dauern. Darauf möchte ich gerne verzichten“, dann kann ich das als liebende Freundin nachvollziehen und akzeptieren und wäre sogar im Stande, den Wunsch nach einem Freitod zu unterstützen. Nicht aber ein diffuses, trotziges „ich geh nicht zum Arzt und will nicht behandelt werden“, das über meine Gefühle einfach so hinweg trampelt!

So, das wollte ich mir länger schon mal von der Seele schreiben. Und ich bin gespannt, was Ihr zu alledem sagt!

Diskussion

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28 Kommentare zu „Sterben aus Angst vor dem Arzt?“.

  1. Das Thema scheint gerade „in“ zu sein.
    Für eine andere Form davon siehe http://www.bananenblatt.net/2010/01/25/technikfolgenabschatzung-folgenabschatzung/

  2. Hallo Claudia, guten Tag!

    „Arztverweigerer“ ist ein komisches Wort. Aber ich fühle, was gemeint ist. Im Text lese ich übrigens ein zwischenmenschliches kommunikatives Problem heraus.

    Sei es wie es sei. Über Leben und Gesundheit kann und darf nach meiner Meinung letztlich nur der einzelne selbst entscheiden. Sei es rational oder intuitiv/instinktiv. Egal ob „richtig“ oder „falsch“. Niemand kann tief genug in einen Menschen blicken, daß er den laufenden Film seiner Ängste sähe. Andere stehen bestenfalls vor seinem Kino, betrachten die Aushänge. Wenn sie gut beobachten, erfahren sie vielleicht den Hall des Tons oder einen Reflex des Schattenspiels. Ein Arzt des Vertrauens wäre an dieser Stelle ganz bestimmt wünschenswert! Aber wer hat den schon?

    Der Vorwurf des Egoismus kommt schnell. Doch auch wenn es dem Partner weh tut, niemand hat das Recht über Leben oder Gesundheit des anderen zu befinden. Selbst wenn der in seiner Einschätzung „daneben“ liegt. Es stellt sich sogar die Frage, wer dann egoistisch ist?

    Für sich selbst befinden, ist jedenfalls kein Egoismus. Das ist eine Notwendigkeit! In meinen Augen der einzige Weg, der überhaupt funktionieren kann.

    Gruß
    Matthias

  3. Schönes philosophisches Thema!

    Muss ich mich genötigt fühlen zum Arzt zu gehen, nur weil andere sich genötigt fühlen, mich unbedingt am Leben zu erhalten? Was ist mit dem Recht auf Selbstbestimmung? Vielleicht gibt es verschiedene Motive, den Arzt zu meiden?

  4. Ihr hab ja alle so recht! Jeder hat selbstverständlich alles Recht der Welt, all das für sich selbst frei zu beschließen – völlig klar! Und wäre es nicht so, würde ich für dieses Recht kämpfen.

    ABER: ich darf auch sagen, wie es mir damit ergeht! Und es ist für mich deutlich ANDERS, wenn klar ist, was wirklich Sache ist – einfach nur „nicht zum Arzt wollen“, ist für mich Kopf in den Sand stecken. Es könnte ja doch immerhin auch was sein, was recht easy und erfolgreich behandelbar ist, warum das nicht einfach mal klären?

    Ich halte die Rede wie gesagt auch für mich selbst, denn ich meide den Arzt, wo ich kann. Dennoch nehme ich mir fest vor, im Fall des Falles über meinen Schatten zu springen, um Klarheit zu gewinnen. Für mich, aber auch für alle, die auf mein Dasein in diesem Leben noch Wert legen. Wenn da mal niemand mehr ist, mag es wieder anders aussehen.

  5. Ich verstehe was Du meinst, Claudia.
    Einfach mal zum Arzt gehen, seine Meinung hören und dadurch Klarheit erhalten oder vielleicht sogar schnelle Heilung. Das klingt einleuchtend – wenn man voraussetzt, daß Ärzte in jedem Fall zur „Klärung“ beitragen. leider tun sie das aber nicht immer, sondern sind manchmal sogar eine Bedrohung. Eine Risikoabschätzung sollte dem Betroffenen überlassen bleiben, meine ich.

    Ich habe mal eine Bronchoskopie machen lassen, weil ich einige Jahre lang immer wieder Husten hatte, ohne daß die konsultierten Ärzte das ändern konnten oder auch nur einen Grund dafür nennen konnten. Die nicht ganz ungefährliche Untersuchung verlief zwar komplikationsfrei aber auch ohne neue Erkenntnisse. Ich trug das Risiko, der Arzt hatte Arbeit und was zum Abrechnen.

  6. Die Totalblockade ist in meinen Augen albern. Trotzdem sollte man jeden Teilschritt, der medizinische mit einem geschehen soll, bedenken. Ich arbeite seit 20 Jahren als Krankenpfleger auf einer Inneren Station mit Patienten, deren Alter durchschnittlich 70 Jahre beträgt. Die über 90-Jährigen werden übrigens immer mehr. Es muß gefragt werden, warum ein 85-jähriger, gebrechlicher Mensch unbedingt einer Darmspiegelung ausgesetzt werden muß. Sie belastet den Kreislauf ungeheuerlich; oft sind die alten Menschen danach tagelang durch den Wind. Eine mit allen Mitteln erreichte Diagnose stellt im Krankenhaus vielfach nur den Kostenträger zufrieden, der diese Untersuchungen fordert. Es herrscht Fließbanddiagnostik. Inzwischen verweigern schon immer mehr Betreuer solche Maßnahmen, deren Sinn fraglich ist. Hier geschieht ein durch erworbenes Wissen und wachsende Courage positiv einzuschätzendes Mündigwerden. Wofür ich plädiere, ist ein mutiges Nachfragen nach dem Sinn anstehender Maßnahmen. Beispielsweise sind beinah-tägliche Blutentnahmen beim selben Patienten eine verbreitete Unsitte. Ein bißchen Nachdenken seitens des Arztes, ein bißchen „Sammeln“ und logistische Finesse spart Zeit und Schmerz. Meist interessieren mitgebrachte Blutbefunden wenig. Es wird auf Teufel komme raus nochmals das gesammte Programm gemacht. Ähnlich mit den Röntgenaufnahmen. Warum etwas nochmals röntgen, wenn es ambulant vor wenigen Tagen bereits getan wurde? Weil es Mühe macht, die Befunde einzuholen. Die Prozesse gehörten durch Controller besser beobachtet, damit Betriebsblindheit und durch Faulheit verursachte Dopplungen und Fehlentscheidungen zum Schutze des Schutzbefohlnenen minimiert werden.

  7. Da hast Du Dir ganz eindeutig einen ganz persönlichen Frust von der Seele geschrieben – und Dich auch von Verletzungen zu befreien versucht, die man als sorgende Freundin oder Angehörige erleiden kann bei gewissen Büffeleien. Dennoch sehe ich Vieles in Deinem Artikel anders. Die allererste Verantwortung hat der Mensch für sich selbst. Das gilt für den Kranken wie für den Angehörigen neben ihm. Und wenn jemand für sich entscheidet, auf Behandlung zu verzichten, so ist das zu respektieren. Die Verantwortung für andere, die wir reklamieren, für uns, für unseren drohenden Verlust – sie muss zurück treten und sie ist für sich auch keine Legitimation für einen Kampf wider die innere Überzeugung des Betroffenen.
    Etwas anderes ist es, bei sichtbar und fühlbar schlechtem Zustand die Selbstdiagnose zu bevorzugen. Das kann Angehörige zum Wahnsinn treiben – wenn denn trotzdem munter vom Kranken gejammert wird zumindest.
    Vielleicht kann man es so sagen:
    Krankheit, möglicher naher Tod, Leid, Schmerzen – sie mahnen uns, verantwortlich mit unserem Leben und unserer Haltung zu unserer Endlichkeit umzugehen. Welches Resultat, welche Form von Verantwortlichkeit der einzelne dann aber für sich wählt – das ist seine autonome Entscheidung. Wir alle sind darauf ausgelegt, dass wir alleine auf die Welt kommen – und alleine wieder gehen. Und niemand kann vom anderen mehr Wegstrecke verlangen, als sich dieser selbst gönnen will. Selbstliebe, menschliche Güte ist gerade auch im Umgang mit sich selbst als kranker Mensch stets eine Frage der Reife. Und manchmal, kann man auch hier beobachten, gibt es kaum weisere Wesen als Kinder…

  8. In Frieden diese Welt verlassen kann aus meiner Sicht nur einer, dessen Angehörige und Freunde ihn ebenfalls in Frieden gehen lassen

    Ich glaube eher, dass der eigene Friede der Masstab der Dinge ist, und der muss absolut nicht deckungsgleich mit dem Dritter sein. Ich würde daraus vielleicht sogar meinen, dass sich in der deckungsgleichen Harmonie die gestellten Fragen nicht stellen.

  9. Ich habe einmal versucht die Aussagen, die Dein anfangs doch sehr hangreifliches und gut nachzuempfindendes Thema ins eher Allgemeine wenden, zusammen zu tragen:

    Über Leben und Gesundheit kann und darf nach meiner Meinung letztlich nur der einzelne selbst entscheiden. … Für sich selbst befinden, ist jedenfalls kein Egoismus. Das ist eine Notwendigkeit! In meinen Augen der einzige Weg, der überhaupt funktionieren kann.“ (Matthias)

    Was ist mit dem Recht auf Selbstbestimmung?“ (Uwe)

    Die allererste Verantwortung hat der Mensch für sich selbst. … Die Verantwortung für andere, die wir reklamieren, für uns, für unseren drohenden Verlust – sie muss zurück treten und sie ist für sich auch keine Legitimation für einen Kampf wider die innere Überzeugung des Betroffenen.“ (Thinkabout)

    Ich glaube eher, dass der eigene Friede der Masstab der Dinge ist, und der muss absolut nicht deckungsgleich mit dem Dritter sein.“. (Menachem)

    Abgesehen von den gefühlt zweihunderttausend (berechtigten) Ängsten und Vorbehalten einem Arzt- oder Krankenhausbesuch gegenüber, die zumeist doch eher praktische Gründe (Angst vor Schmerzen und Tod, Kritik am jeweiligen Procedere usw.) haben, rührst Du mit Deinem Artikel offenbar an einer weiteren Frage, nämlich der der Unabhängigkeit der eigenen Entscheidungen, so sie vor allem die eigene Person zu betreffen scheinen.

    Ich glaube nicht ganz falsch zu liegen, wenn ich die Positionen der oben Zitierten wie folgt umreiße:

    Letztendlicher Maßstab jeder menschlichen Entscheidung ist allein das urteilende Ich. Dieses sollte frei von Rücksichten auf Äußeres denken, urteilen, entscheiden und handeln können. Dann (oder sogar nur dann) kann etwas Gutes dabei heraus kommen.

    (Für etwaige Verkürzungen und Sinn-Entstellungen dieser Positionen trage natürlich allein ich die Verantwortung)

    Ich halte diese Auffassung für bodenlosen Kokolores! Wie überhaupt die ganze Idee, seine Wirklichkeit wie ein Demiurg allein aus sich heraus aufzudröseln. Für mich ist jeder Mensch nur, weil er neben, mit, für und wegen anderer Menschen ist. Daß ich als Einzelne diese allseitige gegenseitige Ahängigkeit nicht unentwegt laut oder explizit bedenke und ausspreche, kann nicht verhindern, daß sie immer vorhanden ist. Mit jedem Bissen Brot, jedem Löffel Suppe, jedem Schluck Kaffee, jeder nicht in Kälte und Näße verbrachten Stunde, jedem zurückgelegten Meter in einer Bahn und jeder Anästhesie bei Operationen etwa nutze ist sie, verlasse ich mich auf sie. Und ich bestätigte sie mit jedem Handgriff, den ich tätige.

    Das Bild des selbstischen Individuums, das aus sich heraus urteilend und handelnd die Gründe und Folgen seines Handelns übersehen kann, ist so blutarm wie das Märchen des in der Konkurrenz zu anderen sich frei behauptenden Warenhüters, die Idee des seine Arbeitskraft nach Wahl des besten Nachfragers Verkaufenden oder die Konstruktion der Rechtsperson, die in voller Verantwortung sich für Gut oder Böse, für oder gegen das Gesetz entscheidet. Diese Bilder mögen in je besonderen Gedankenspielereien ihre Funktion (und damit auch eine gewisse Berechtigung) haben. Aber jeder, der mit ihnen andere Bauklötze außerhalb dieser Sandkästen aufstellen oder umschubsen will, sollte sich ihrer gedanklichen Beschränktheit bewußt sein.

    Wenn ich über meine Person, meinen Körper, meine Gefühle, meinen Verstand und meinen Besitz entscheide, tue ich das stets in einem sozialen Zusammenhang (Familie, Freunde, wirtschaftlich Abhängige usw.). Dem mich fallweise zu verweigern, mag jeweils durchaus überzeugend begründet werden können. Auch ich stelle oft meine Gefühle und Ängste und Sehnsüchte über die leidigen Rücksichten des Alltags und andere Menschen. Aber ich würde mich hüten, daraus eine Weltanschauung abzuleiten, in der ich allein für mich gedankenmächtig oben auf dem Olymp hocke und es dem gemeinen Volk weiter unter überlasse, all die Steine aufzufangen, die mein donnerndes Schreiten auf dem Gipfel so ganz nebenbei lockerte.

    Meiner Erfahrung nach sind prinzipielle Festlegungen wie die oben von mir – sehr polemisch, wie ich gerne zugebe – dargestellte und damit zugleich angegriffene zum Glück eher etwas für gemütliche Diskussionsrunden vor dem Kamin als für den zugigen Alltag im Winter hinter dem Schuppen, um das angefrorene Feuerholz herein zu schleppen. Der immer schneller zunehmende Ersatz direkter Beziehungen durch solche, die über Geld vermittelt werden, hilft natürlich die Illusionen über unsere grundlegenden Abhängigkeiten zu erhalten und mächtig undurchsichtig zu gestalten. Viele Menschen äußern daher solche Sätze, handeln dann aber praktisch zumeist vollkommen anders. Doch in extremen Momenten (und Krankheit kann sehr schnell so einen Moment darstellen) greifen wir alle gerne nach extremen Gedanken und Gefühlen, um die extremen Wellen in uns nach Möglichkeit zu glätten. Auf lange Sicht fahren vor allem die geradeaus, die heftig am Lenkrad kurbeln. Während jene, die immer nur schnurgerade zu fahren meinen, am Ende mit einem ganz gewaltigen Bias dastehen können!

  10. @Susanne
    Schöne Polemik!
    Ich frage mich, welche Erfahrungen Dich dazu bringen, so vehement die „grundlegenden Abhängigkeiten“ zu betonen, wenn sich wer daranmacht sich frei aufzuschwingen. :)

    Dennoch, ich sehe keinen Gegensatz zwischen „selbstbestimmt entscheiden“ und „die Interessen anderer berücksichtigen“. Das Wort „selbstbestimmt“ bedeutet mir lediglich, daß ich es bin, der darüber befindet wie ich für mich Selbst- und Nächstenliebe in Einklang bringe und zwar auch dann, wenn der Nächste das ganz anders sieht.

    Selbst und abgetrennt sein sowie eins und verbunden sein existieren parallel und beide Aspekte fordern ihre Berücksichtigung. Die Überbetonung des einen und Verdrängung des anderen bringt gefühlte Disharmonien. Wo momentan mein Punkt der Balance ist, kann ich nur selbst wissen. Wollte ich alle Wünsche, Bedürfnisse und Interessen der mir bekannten und unbekannten Mitmenschen jederzeit berücksichtigen, wäre ich ein unglückliches Fähnchen im Wind. Wem wäre damit gedient?

  11. Was, Uwe, ist daran („Das Wort “selbstbestimmt” bedeutet mir lediglich, daß ich es bin, der darüber befindet wie ich für mich Selbst- und Nächstenliebe in Einklang bringe und zwar auch dann, wenn der Nächste das ganz anders sieht.“ keine Überbetonung (hier des Ich’s gegen alle Anderen!) und klingt auch nur annähernd harmonisch? Ich vermag das, was Du schreibst, beim besten Willen nicht als ‚Balance‘ zu sehen – es sei denn, dieses Wort würde auch auf auf ein längst gekentertes Schiff noch zutreffen.

    Da Du nach einschlägigen Erfahrungen fragst, will ich Dir gerne ein paar skizzieren:

    z.B. jene Erfahrungen mit der ‚unverbrüchlichen Soldiarität‘ von Menschen, die, wenn diese dann tatsächlich einmal gefragt ist, dreihundertundelf gute Gründe finden, warum sie ausnahmsweise in diesem einen Falle einmal andere und bedeutendere Gesichtspunkte zu berücksichtigen haben und deshalb leider diesmal eben nicht und Rhabarber Rhabarber..

    z.B. die Beobachtung, wie leicht es (gerade sich als intellektuell verstehenden) Menschen fällt, eine Million hieb- und stichfester Ausflüchte herbei zu zitieren, sind sie einmal gar zu sehr gegen ihre eigenen Interessen gefordert (verbringe nur einmal eine halbe Stunde in einem Altenheim zu einem jener Anlässe, zu denen die Kinder oder Enkel sich anstandshalber hätten frei machen müssen!)

    Ich müßte mich täuschen, wenn nicht ein jeder von uns solches mindestens schon einmal erlebt hat. Aktiv und Passiv, ich bin da sicherlich nicht besser als andere auch und sogar recht einfallsreich, wenn es um pfiffige Ausreden geht.

    Ich liebe Freiheiten, ganz zweifelsohne. Aber ich sehe auch, welche Preisschilder auf allen meinen Freiheiten kleben. Meistens irgendwo unauffällig in einer Falte oder im Futter versteckt oder nur schwer zu erkennen, solange die Sonne scheint und der Himmel fröhlich über mir lacht.

    Und hierzu: „Wollte ich alle Wünsche, Bedürfnisse und Interessen der mir bekannten und unbekannten Mitmenschen jederzeit berücksichtigen, wäre ich ein unglückliches Fähnchen im Wind“ – es geht doch nicht darum, sich einem unübersehbaren Universum an Ansprüchen auszuliefern, sondern in der Regel um einige wenige, sehr überschaubare Zusammenhänge. Meistens wohl auch nur um einen einzigen, mit etwas Mühe leicht benennbaren Gegensatz. Konflikte haben meistens eine Hauptkampflinie! Das Aufwerfen hunderter anderer Gräben an den Seiten ist doch nur Taktik oder Ablenkung. Howgh! ;-)

  12. Danke Uwe.
    @Susanne:
    Mich würde interessieren, wie denn nun mit diesen Deinen „Erkenntnissen“ Dein Rückschluss für den kranken Menschen aussieht? Ich wage nämlich zu behaupten, dass das Erkennen der Tatsache, dass – aller Wechselwirkungen von Menschen mit Menschen zum Trotz – der Weg, den man gehen muss, ein einsamer und ganz eigener ist, mit Egoismus herzlich wenig zu tun hat, sondern vielmehr genau das ist, was Last von anderen Schultern nimmt – und es erst möglich macht, Begleitung zu leisten – und sich als Kranker umgekehrt nicht zu entziehen.

    Dein Satz:

    „Für mich ist jeder Mensch nur, weil er neben, mit, für und wegen anderer Menschen ist.“

    ist tatsächlich jenseits aller meiner Überzeugungen. Und damit sage ich gerade eben NICHT, dass mir die Menschen egal wären. Ganz im Gegenteil.

  13. Auf diesen Satzteil („das Erkennen der Tatsache, dass – aller Wechselwirkungen von Menschen mit Menschen zum Trotz – der Weg, den man gehen muss, ein einsamer und ganz eigener ist„), Thinkabout, sollte sehr genau angewandt werden, was Dein Nick suggeriert.

    Ich kann nämlich Worte wie ‚Erkennen‘, ‚Tatsache‘ und ‚müssen‘ nur in einem kommunikativen, d.h. sozialen Kontext sehen.

    Ein einsames Wesen muß nichts, weil es stets tut, was es tut und eine Kategorie des Sollens dort keinen Sinn ergibt. Springt es von einem Felsen, stirbt es, klettert es tapfer weiter, überlebt es. Beides ‚muß‘ nicht sein, niemand verlangt das oder zwingt das einsame Wesen dazu.

    Das Reden von Tatsachen macht nur Sinn, wo Aussagen bezweifelt werden, d.h. wo darüber geredet wird, worauf die Aussagen zielen und andere Wesen anderes behaupten. Das einsame Wesen weiß sich und seine Welt. Seine Sinne sind ihm paramount, es ist stets mit Tatsachen befaßt und sammelt diese für sich. Es lernt und entwickelt sich naiv, d.h. sich laufend vervollkommnend und nicht sich je destruktiv zu sich verhaltend. Es kennt Irrtümer, aber keinen prinzipiellen Zweifel an sich selbst.

    Der Einsame ist sich seiner immer gewiß und mit sich im Reinen (was die Attraktivität dieser Illusion wesentlich ausmachen dürfte) und seine Äußerungen klingen dann auch dementsprechend. Die endlosen Litaneien des ‚Ich weiß sehr genau, was ich tue‘ – ‚Ich bin mir meiner Sache absolut sicher‘ – ‚Davon lasse ich mich nicht abbringen, weil es wahr ist‘ – ‚Das ist eben so, punktum, was immer andere sagen‘ – ‚Das ist meine Sache und geht niemanden was an‘ sollten jedem von uns sattsam bekannt sein.

    Das alles aber macht Deine Worte für mich nicht überzeugender. Ich könnte Dir eher glauben, wenn Menschen nicht als Embryos und Säuglinge, als Kinder und Alte, als Opfer und Verletzte ebenso zu (über-)leben hätten wie als strahlende Gewinner. Wenn überhaupt von ‚Wegen‘ die Rede sein kann, auf denen wir uns befinden mögen, dann kriechen wir diese die meiste Zeit unseres Leben entlang, statt sie einher zu schreiten wie Achill vor Troja. Und sehr oft stapfen wir recht mühsam an der Hand anderer Menschen daher.

    Was nun den Rückschluss angeht: wenn ich krank bin, vertraue ich selten nur auf mein eigenes Urteil. Zu gerne nehme ich die Beruhigung in Anspruch, die darin liegt, anderen Menschen zu vertrauen und zu glauben. Und ihre Hilfe in Anspruch zu nehmen. Kein Allheilmittel, aber es tut sehr gut. Bin ich krank, bin ich dreifach und vierfach abhängiger, verletzlicher und gutgläubiger als wenn nicht. Und deswegen vielleicht doch nicht so hilflos, wie es mir meine Ängste leicht vorgaukeln können.

    Und etwas von dem, was ich mir von anderen Menschen nehme, wenn ich krank bin, gebe ich nach Möglichkeit und meistens sogar sehr gerne wieder zurück.

    Sehr salopp formuliert: selbst wenn ich den pranzenden Eindruck mache und habe, ich wäre so toll, daß ich die Welt am Schwanz hätte – bräuchte ich doch zumindest eben diesen ihren Schwanz, an dem ich sie dann so gerne zu haben mir einbilden möchte…

  14. Sag mal Susanne, tust du nur so, oder bist du wirklich so wie du schreibst? Ich bekomme jedesmal vor Angst Herzklopfen und denke, gleich springt sie jemanden an die Kehle.

  15. Howgh, selbstlose Squaw! ;)

    Mir scheint, Du möchtest die Entscheidung darüber wo sich gerade die passende Betonung, die richtige Balance und Harmonie befindet, ungerne denen überlassen, um deren Verhalten es dabei geht. Das sagt mir, daß Du offenbar wenig Vertrauen hast, daß jemand diese Abwägungen richtig treffen könnte. Deine Erfahrungen erzählen von ausgebliebener, vielleicht vorher versprochener Solidarität, mangelndem Engagement, fehlendem Gemeinsinn usw.

    Ich stelle den von dir postulierten sozialen Zusammenhang keineswegs in Frage, bin mir aber nicht im Klaren darüber, welche Konsequenzen Du daraus ableitest.

    Soll denn nicht der Enkel darüber entscheiden, ob er den Besuch im Altenheim macht oder nicht? Und wenn nicht er, wer dann?

    Ausflüchte bei Forderungen? Schlimm, wenn man sich gegen Forderungen nur per Ausflucht bzw. Lüge retten kann. Ich würde das nicht wollen, ein schlichtes Nein sollte genügen. Wenn ein Nein nicht erlaubt ist, dann läuft was verkehrt.
    Ich finde es sympathisch, auf andere Rücksicht zu nehmen, solidarisch sein zu wollen und die Interessen anderer zu wahren, doch das ist nichts, was einklagbar wäre, oder?

  16. @Menachem

    Ich hoffe, das Herzklopfen hindert Dich nicht daran, über die Sätze nachzudenken, die es Dir aufzwangen! Falls doch, sei versichert, daß ich nur äußerst selten Menschen an die Kehle springe. Vorher versuche ich es stets eine ganze Weile mit guten Worten.. ;-)

    @Uwe

    Eben an diesem Punkt – „Ich finde es sympathisch, auf andere Rücksicht zu nehmen, solidarisch sein zu wollen und die Interessen anderer zu wahren, doch das ist nichts, was einklagbar wäre, oder?“ schreibst Du – liegt ein recht fetter Hase im Pfeffer.

    Ich denke, es ist nicht nur sympathisch, sondern die Quintessenz dessen, was Verwantwortung oder Verläßlichkeit oder überhaupt Sozialität ausmacht. Rücksicht, Solidarität usw. stehen in meinen Augen eben nicht im Belieben des Einzelnen, sondern sind Forderungen an den Einzelnen. Der umgekehrt diesen Anspruch an andere mit der gleichen Berechtigung stellen kann. Könnten wir etwa bei individueller Bedürftigkeit nicht die Hilfe anderer Menschen ganz unbedingt einfordern, hätten wir alle niemals die ersten Wochen unseres Lebens überstanden.

    Und ebenso wie es nicht meine individuelle Entscheidung ist, ob ich einem Verletzten erste Hilfe zukommen lasse, sondern meine Pflicht – deren Nichtbeachtung in unserem Rechtsraum sogar geahndet werden kann -, so habe ich, gerate ich in Not, das gleiche Recht, Hilfeleistung von anderen zu verlangen, ohne mit ihnen erst Diskussionen über das Für und Wider führen zu müssen.

    ‚Selbstlos‘ bin ich übrigens mitnichten. Allerdings sehe ich mein Selbst nicht losgelöst von anderen Selbsten, weil etwa in meinem Zimmer das Licht angeht, wenn ich auf den Schalter drücke, oder unten in der Küche der Kühlschrank meistens etwas Leckeres enthält. Daß ich dieses in Anspruch nehmen kann, ohne es je selbst herstellen zu müssen, macht für mich (neben anderem) Gesellschaft aus. Der ich nicht im Nachhinein beitrete wie ein autarkes Subjekt einem netten Verein (ich kann es, kann es aber auch lassen), sondern an die ich jeden Tag meines Lebens die unbedingte Forderung stelle, mich aufzunehmen und zu versorgen. Und nur auf der Basis dieses In-der-Welt-Seins ist ein subjektivierendes In-Mir-Selbst-Sein dann überhaupt erst – als Vorstellung, als Perspektive, als Haltung, als Gedankenspiel oder was auch immer – möglich. Nicht umgekehrt.

  17. Ja, da liegt er, der Hase im Pfeffer.
    Es scheint auf den ersten Blick eine Henne-Ei-Problematik zu sein aber es ist mehr. Anhand dieses Satzes ist es leicht zu erklären: „Könnten wir etwa bei individueller Bedürftigkeit nicht die Hilfe anderer Menschen ganz unbedingt einfordern, hätten wir alle niemals die ersten Wochen unseres Lebens überstanden.“

    Meinst Du wirklich, ein Säugling fordert etwas ein und pocht auf seine Rechte als Mitglied einer Sozietät? Und dann erhält er was ihm gebührt, wegen der unbedingten Verpflichtungen, die seine Eltern ihm gegenüber zwangsverhaftet sind?

    Ich begleite zwei Kinder von ihrer Geburt an, bis heute fast 13 Jahre lang. Ich gebe ihnen, was sie brauchen und das ist nicht immer, was sie wollen, aus Liebe, ganz freiwillig und aus inneren Gründen, ohne an Verpflichtungen zu denken, welche sich irgendwer, aus Angst jemand könnte zu kurz kommen, ausgedacht hat. Für mich entsteht ein Wir aus aus einem Wollen und nicht einem Müssen. Bindungen entstehen mir aus Zuneigung und Einsicht, nicht aus Zwang und Druck.

    Natürlich kann man das, was freiwillig gegeben wird, auch noch verordnen und fordern. Doch damit dreht sich das Rad in die Gegenrichtung, in eine Richtung, die vielleicht von denen bevorzugt wird, die zu kurz gekommen sind und die sich lieber weniges einfordern, als weiterhin garnichts zu erhalten, aber diese Richtung sorgt für allgemeines Verhungern.

  18. Hallo Susanne,
    Du schriebst:
    „Könnten wir etwa bei individueller Bedürftigkeit nicht die Hilfe anderer Menschen ganz unbedingt einfordern…“.

    Ich habe mir vor einigen Tagen wieder den Film „Rückfälle“, mit Günter Lamprecht, angesehen. Die Problematik der Figur des (heillosen) Trinkers in diesem Film kristallisierte sich sehr schön im Wunsch der Mutter: „Du ziehst wieder zu mir. Dann sorg ich für Dich und Du sorgst für mich“. Die alte Frau war einsam, krank und hilfsbedürftig, stellte also „zurecht“ diese Forderung.

    Gruß
    Gerhard

  19. Was führ eine engagierte und tief schürfende Diskussion!
    Am liebsten würde ich das erstmal schweigend sacken lassen, aber ich war eh (ausnahmsweise mal) schon drei Tage nicht „da“, versackt in einem Arbeitstunnel, der nur oberflächlicheren Pausentalk gestattete.

    Danke Susanne für deine weiträumigen Ausführungen: je älter ich werde, desto mehr sehe ich Menschen und Dinge ebenfalls vornehmlich in ihrer Abhängigkeit und Angewiesenheit aufeinander – und damit verändert sich auch meine Ethik, nämlich tendenziell weg vom Lob der unbeschränkten individuellen Freiheit, die mir in jüngeren Jahren das „einzig Wahre“ zu sein schien.

    Mittlerweile nehme ich wahr, wie man zunehmend aneckt, wenn man auch nur „wir“ sagt – sei es auch bloß dieses „Wir“ in einer kritisierenden Rede, das deutlich machen soll: ICH nehme mich vom Kritisierten NICHT ganz und für alle Zeiten aus, ICH rechne „die Anderen“ nicht verständnislos zu den Bösen…

    @Uwe: bei deinen Worten

    „ein schlichtes Nein sollte genügen. Wenn ein Nein nicht erlaubt ist, dann läuft was verkehrt“

    gruselt es mich, denn darin liegt eine Kälte und Härte, die sogar jedwedes gnädige Bemänteln mangelnder Solidarität und Fürsorglichkeit ablehnt. Sagst du denn dann der Großmutter oder Mutter im Pflegeheim: „nein, ich komme nicht, du bist mir zu langweilig mit deinen Themen von vorvorgestern und zu langsam in deiner Gebrechlichkeit?“

    Und was den angeblich „nichts einfordernden Säugling“ angeht: na hey, wo lebst du denn? Ich habe schon etliche Eltern in Spe mitbekommen, die gewisse Vorstellungen von ihrem Leben mit Kind hatten. DANN aber, als es da war, war ALLES ganz anders: das Kind FORDERTE sie in einer nicht erwarteten Massivität rund um die Uhr. Natürlich nicht „mit Worten“, sondern durch die Kraft der faktischen Bedürftigkeit. Angesichts eines schreienden Babys denkt man als gerade zuständiges Elternteil definitiv nicht mehr über Freiwilligkeit nach! Nachts aufstehen und beruhigen, Windelwechseln, baden, säubern, füttern geschieht nicht in einem jeweils aufs Neue zu fassenden Entschluss, sondern aus schierer Notwendigkeit. Sich dem zu entziehen, wird von der Umwelt (zu Recht!) nicht als freie individuelle Entscheidung, sondern als krasses soziales Versagen angesehen – es sei denn man gehört zu den ganz Reichen und kann sich Hauspersonal leisten.

    *

    Natürlich entscheidet letztlich immer das vermeintliche „Ich“ – sowohl über den Arztbesuch als auch über jede andere Berücksichtigung der Interessen anderer. Niemand will hier doch ernsthaft über „Regelungen von oben“ oder derlei reden!!

    Da wir jedoch alle miteinander versponnene „Knoten im Netz“ sind, will ich an diesen Fäden redend und schreibend in eine bestimmte Richtung ziehen und so versuchen, mein kommunikatives Gewicht geltend zu machen – genau DAS machen alle anderen ja auch.

    Insofern ist mein ganz persönlicher Wunsch: bitte denkt bei Euren „einsamen Entscheidungen“ auch an die, die Euch lieben und Euch nahe stehen. Nur Akzeptanz für den „eigenen Weg“ zu fordern, ist die eine Seite – auch mal einen Stolz oder eine Angst ihnen zu liebe zu überwinden, die andere.

    Und: wenn man sich eh schon unter den Sterbenden wähnt: was kann es da noch schaden, mal zum Arzt zu gehen? Über das Annehmen einer Behandlungsoption entscheidet man ja wiederum selbst – im besten Fall ebenfalls wieder im Sinne aller Beteiligten.

  20. „Wenn man sich eh schon unter den Sterbenden wähnt: was kann es da noch schaden, mal zum Arzt zu gehen? Über das Annehmen einer Behandlungsoption entscheidet man ja wiederum selbst – im besten Fall ebenfalls wieder im Sinne aller Beteiligten.“

    Es kann sehr viel schaden!
    Nicht den Angehörigen, dem Patienten.
    Behandlungsoptionen sind dynamische Kaskaden.

    Nach einem zumeist viel zu kurzen Gespräch wird punktiert, katheterisiert und probeinzidiert. Man setzt sich ionisierender Strahlung aus, bekommt körperfremde Substanzen verabreicht und es werden Instrumente in Körperhöhlen eingeführt …

    Der Patient unterschreibt eine Einwilligungserklärung und gestattet damit SEINE eigene Körperverletzung (strafrechtlich) und akzeptiert u.U. auftretende Nebenwirkungen und Komplikationen.

    Natürlich sind wir in einen sozialen Kontext eingebettet. Trotzdem kann ich jedem nur wünschen, in SEINEN schweren Stunden SEINE Entscheidung treffen zu dürfen – die natürlich auch den Gedanken an die Menschen beinhaltet, die ihm wirklich lieb und wertvoll sind. Nicht mehr, nicht weniger.

    Gruß
    Matthias

  21. @Claudia
    Es gruselt Dich die eigene Phantasie, denn ich sagte sowas nicht zu Mutter oder Großmutter. Es ist aber auch nicht mein Ziel auszuschließen, daß jemand es irgendwann zu irgendwem sagen könnte. Wenn ein Nein nicht erlaubt ist, befindet man sich in einem System der Gewalt und das gefällt mir nicht.

    Wie gesagt, ich hatte zwei Säuglinge, und kenne ihr Schreien aus eigener Erfahrung, als Betroffener sozusagen. Es fiel mir nicht schwer, den so vorgetragenen Bitten der Süßen und Hilflosen nachzukommen, auch wenn es manchmal lästig war und ist. Es ist dennoch in jedem Augenblick meine Entscheidung, welcher Bitte ich nachkomme und welcher nicht, nicht einsam aber selbst. Ein allzu heftiges Gezerre am gemeinsamen Netz kann ich nicht so gut leiden.

  22. @Matthias: ja, Medizinisches Handeln ist gefährlich und körperverletztend – deswegen nehmen wir das ja auch meist nur in Kauf, wenn es uns eh schon schlecht geht… :-)

    @Uwe: wir verstehen eben „Freiwilligkeit“ jeweils anders – eigentlich kein Grund, sich drüber zu streiten. Es reicht, den Unterschied sichtbar zu machen! (Wenn du meine anders denkenden Beiträge als „zu großes Gezerre am gemeinsamen Netz“ empfindest, vergiss nicht, dass du SELBST entscheidest, inwieweit du dich diesem Stress aussetzt! ;-)

  23. Zitat Claudia:
    „Und: wenn man sich eh schon unter den Sterbenden wähnt: was kann es da noch schaden, mal zum Arzt zu gehen? Über das Annehmen einer Behandlungsoption entscheidet man ja wiederum selbst – im besten Fall ebenfalls wieder im Sinne aller Beteiligten.“

    Ich muss Dir sagen, dass ich zu jenen gehören könnte, die Dir vielleicht gar nicht sagen, ob und wo und wie oft sie beim Arzt gewesen sind…
    Ich bin nun mal provokativ, und unfairerweise könnte man meinen, ich wollte dich angreifen. Es geht mir aber eigentlich nur um die Situation, in der ein treu sorgender, sich liebevoll verstehender Mensch wünscht, dass der andere „alle Optionen prüft“:
    Dein „es kann ja nicht schaden, mal zum Arzt zu gehen?“ kommt Dir wahrscheinlich unverfänglich und leichthin vor. Ist es aber nicht. Denn Du hast eine ganz klare Vorstellung, wie der Kranke mit dem Resultat des Arztbesuchs, mit seinem evtl. neuen Wissen dann umzugehen hat: Du schickst ihn nicht einfach zum Arzt, um mal die Meinung einzuholen. Du schickst ihn hin, mit der klaren Vorstellung, wie er denn mit einem allfälligen Befund weiter zu verfahren haben würde. Das gibst Du im Zitat dann auch weiter kund: „im besten Fall ebenfalls wieder im Sinne aller Beteiligten“ – der beste Fall ist also jener, welcher z.B. Verlunstängste der Angehörigen besänftigt, indem man die Mühle anschiebt, die einem zweifelslos geboten werden wird.
    Verzeihung, ich finde DAS anmassend – und nicht das Selbstbestimmungsrecht des Patienten. Übrigens sind die Fälle sehr häufig, in denen solche Menschen sehr wohl sehr viel abklären lassen – das Resultat aber für sich behalten, weil ihnen nur das die Sicherheit verspricht, bei allen folgenden Entscheidungen wirklich bei sich zu bleiben – und damit das Leben zu wählen. So gut sie es eben können, für sich und andere. Und nicht mehr.
    Ich kann noch etwas von mir erzählen:
    Bekäme ich die Diagnose einer tödlichen Erkrankung gestellt, so würde ich diesen Befund genau einem Menschen mitteilen: Meiner Frau. Warum?
    Weil sie die Person ist, die mich liebt, und mir genau deshalb nie vorschreiben würde, wie ich zu leben und zu sterben habe. Wir könnten zusammen trauern und das Unvermeidliche gestalten: Den Abschied. Und dabei würden wir sehr intensiv leben. Aber so was von!
    Das, mit Verlaub, traue ich anderen Menschen in meinem Umfeld nicht zu, auf jeden Fall nicht so, dass ich ihnen das zumuten würde, bevor ich den Weg nicht in Angriff genommen habe.

  24. @Thinkabout: ab einem bestimmten Punkt spekulierst du munter drauf los, nämlich in die falsche Richtung. Wenn nämlich eine Behandlungsoption aus Sicht des Betroffenen zu leidvoll und stressig oder zu chancenlos ist, warum sollte ich das denn nicht ebenso sehen? Wenn ich denjenigen mag, will ich doch nicht, dass er unerträglich leidet, nur um mir den Gefallen seiner etwas verlängerten Anwesenheit zu tun!

    Und natürlich betrifft all das nur „Nahestehende“: Geliebte, Lebenspartner, geliebte Freunde, evtl. Verwandte – für die einen ist der Kreis der „zu Beteiligenden“ größer, für die anderen kleiner.

  25. Bin grade über Basic Thinking auf Dein Blog aufmerksam geworden, und habe es, als ich diesen Text gelesen habe, gleich mal abonniert!

    Zur Zeit bin ich selber so eine Art Arztverweigerer. Jedenfalls in einem Punkt. Ich habe auf einem Auge grauen Star, halte aber Nichts von der standard-OP. Stattdessen habe ich mir selber Etwas überlegt, was die natürliche Linse erhalten könnte, und was wahrscheinlich machbar ist. Bislang haben 4 Augenärzte bei den allerersten Worten bereits abgewunken. Ohne sich meine Idee überhaupt anzuhören. In Kürze werde ich es mal in der Augenklinik Kölln versuchen. Mal sehen, ob man dort mehr Zeit hat und offener für neue Ideen ist.

  26. @Siegfried: da müssen die armen Ärzte schon all die Leute ertragen, die sich im Netz über ihr Problem kundig gemacht haben – und nun sollen sie auch noch über Herangehensweisen diskutieren??? Du lieber Himmel, wo kämen wir denn dahin!

    Es ist so vieles am gesamten Arrangement Arzt/Patient im Argen, dass man ohne Ende Brandreden halten und Schmähschriften verfassen könnte! Allein schon, dass in 8 Minuten alles erfasst/gesagt/diagnostiziert/beschlossen sein soll ist doch dermaßen daneben! Warum haben die nicht lange schon Vorab-Formulare eingeführt, auf denen man sich ausführlich über seine Beschwerden auslassen kann? Warum hat nicht jeder Arzt neben einem Wartezimmer auch eine Online-Community, in der man das supergut machen könnte? Mal drei Seiten Text scannen tut sich leichter und schneller als einem durch den gefühlten Zeitdruck irritierten Patienten die Würmer aus der Nase zu ziehen…

    Steinzeit, wohin man schaut!

  27. Tja, der Mensch als industrielles Abfallprodukt. Insofern eigentlich gerade nicht Steinzeit. Da nahm sich der Doktor bei Bedarf mehrere Tage oder gar Wochen Zeit für den Patienten. Heute geht das Alles nur noch schnell-schnell: Rote Nase? Schnupfen. Pieks. Der Nächste bitte. Hat mich auch sehr gefreut, Herr Doktor.

  28. Hast Recht, das war ein falscher Vergleich!

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