Claudia am 07. Januar 2010 — 13 Kommentare

Zwischen Winterschlaf und Aufbruchsstimmung

Nach all den Jahresendfesten hat diese Zeit anfang Januar einen ganz eigentümlichen Charakter. Als kollektives Thema steht allenfalls noch das Bemühen im Raum, die mittels forcierter Schlemmereien zugewachsenen Pfunde wieder loszuwerden. Ansonsten muss es jetzt einfach wieder los gehen, das „ganz normale Leben und Arbeiten“, auch wenn da draußen ein Winter daher frostet, wie wir ihn lange nicht hatten.

Selber schwanke ich zwischen Winterschlaf und Aufbruchstimmung, leider noch mit Betonung auf ersterem. Die Kälte hat etwas Lähmendes, auch wenn man geschützt im Warmen sitzt. Zu einer kleinen Veränderung meiner Bloglandschaft hab‘ ich mich immerhin schon entschlossen: Das Modersohn-Magazin wird sich wieder auf meinen Stadtteil Friedrichshain konzentrieren und verstärkt über Lokales berichten. Und dazu gibts auch einen Twitter-Account (MoMagBerlin), in dem FHainer News die Hauptrolle spielen – mal sehen, wie weit ich ins „Lokale“ noch einsteige.

Neue Vorhaben und Projekte?

Vielleicht wundern sich einige, warum der Diskussion über neue Projekte im letzten Herbst noch keine Taten gefolgt sind. Anders als früher fange ich nicht mehr einfach mal was Neues an, wenn ich Lust darauf habe, sondern warte ab, bis ich weiß, ob sich die Motivation hält und was genau es eigentlich sein soll. Ich hatte damals nach „gewünschten Themen“ gefragt, jedoch im Lauf der Diskussion gemerkt, dass es mir persönlich AUCH um etwas Anderes geht: ich will gar kein „nächstes Blog“, sondern es verlangt mich ab und an danach, themenzentrierte MEDIEN zu gestalten in Bereichen, die mich interessieren. Also nicht dieses Bloggen nach Bockprinzip, heute dies, morgen das, an der persönlichen Meinung entlang geschrieben, sondern wirklich ‚rein in die Tiefe eines Themas – und das auf Dauer und mit einem hohem Grad an „Nützlichkeit“ für die Leser.

Für mich ist das nicht neu, denn ich hab‘ schon lange vor den Zeiten des Internets Magazine und Zeitungen gestaltet: mal ein Stadtteilmagazin im Berliner Chamissokiez, dann ein Kreuzberger Anzeigenblatt mit engagiertem Lokalteil, sowie allerlei Ein-Thema-Veröffentlichungen wie etwa zum Treibhauseffekt im Rahmen eines einschlägigen Projektleiterjobs.

Erst seit ich das Netz entdeckte (1995), schreibe und webbe ich vollständig aus persönlicher Sicht zu allen Themen, die mir grade einfallen. Das hatte ich nun aber schon 15 Jahre und irgendwie befriedigt es mich nicht mehr so – insbesondere in einem Umfeld, dass themenzentrierten Publikationen deutlich den Vorzug vor „Gemischtwarenläden“ gibt.

Das Diary wird aber auf jeden Fall bleiben. Da überlege ich mir allenfalls ein neues Design, das anstatt einer Spalte evtl. zwei bis drei Artikel aus verschiedenen Rubriken auf der Startseite beginnen lässt. Und ich werde nach und nach die Jahre, die noch in alter Technik vorliegen, in die WordPress-Struktur übernehmen. Zwischen den Jahren hab‘ ich das Jahr 2005 übertragen, doch 1999 bis 2004 werden noch einige Arbeit machen!

Ein Lese-Tipp: Thinkabout

Ein Tipp noch für alle, die gerne „Zeitgeist diskutieren“: Thinkabout stellt die Frage „Sind wir im System vorgesehen?“ und reflektiert nochmal die kollektiven Gefühlswallungen rund um den Enke-Selbstmord. Mich hat das zu langen Kommentaren inspieriert, die sich gegen eine allzu depressive Sicht der Dinge wenden.

Ich bin gespannt auf 2010! Es gibt da diesen alten Film mit dem Untertitel „das Jahr, in dem wir Kontakt aufnehmen“. Vielleicht stimmt das ja, wenn man es auf die sozialen Medien bezieht, die mehr und mehr zur persönliche Infrastruktur individueller Lebensbewältigung werden – und nicht mehr nur bei ein paar „Netzaffinen“!

Diskussion

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13 Kommentare zu „Zwischen Winterschlaf und Aufbruchsstimmung“.

  1. Zum Enke Suizid habe ich just in diesen Tagen auch einen recht bemerkenswerten Artikel gelesen.

    So beginnt er:

    Klartext
    Depression: Eiszeit im Gehirn

    Die tödliche Falle der Scham

    von Ishu

    David Foster Wallace galt als das Jahrhundert-Talent der amerikanischen Literatur. Aber Foster Wallace war nicht nur ein sprachgewaltiger Alleskönner, er war auch ein Leidender. Seit seinem 17. Lebensjahr litt er unter jener rätselhaften Krankheit, die jüngst durch den Suizid von Torhüter Robert Enke jäh in die Schlagzeilen gekommen ist: Depression.
    Wie Enke versuchte auch Foster Wallace seine Krankheit geheimzuhalten. Und wie Enke muss er zuletzt unter den wiederkehrenden Phasen der Seelenfinsternis so gelitten haben, dass er mit gerade mal 46 Jahren sein Leben beendete. Man sollte hier nicht von „Freitod“ sprechen, denn sowohl Enke als auch Wallace waren Getriebene ihrer unbändigen Verzweiflung. Es wäre falscher Pathos, hier von „freiem Willen“ zu sprechen.

    Seelenfinsternis
    Durch den Tod von Robert Enke gelangte schlaglichtartig ins Bewusstsein der Öffentlichkeit, worum es sich bei einer schweren Depression handelt: um eine schlimme, lebensgefährliche Krankheit!

    Wer weiter lesen mag aktiviert bitte folgenden link:

    http://www.oshotimes.de/seiten_php/klartext.php

    Gruß, h

  2. Was Depressionen angeht, meine ich nach wie vor, dass das keine „Krankheit“ in dem Sinne ist, dass sie Leute aus heiterem Himmel überfällt, sondern sehr wohl eine Menge mit den jeweiligen Lebensumständen und Haltungen zu tun hat. Dass das dann ins Krankhafte/Pathologische geht, ist klar – auch wenn ich mich physisch überanstrenge, macht der Körper irgendwann nicht mehr mit und zeigt Symptome.

    Dass Depressionen bisher auch pharmakolgisch falsch behandelt würden, meint dieser interessante Blog-Beitrag:

    http://www.csn-deutschland.de/blog/2010/01/04/warum-antidepressiva-bei-so-vielen-menschen-nicht-wirken/

  3. Mich befriedigt es auch nicht zu hören, daß Depression eine Krankheit sei, die mit Pillen beseitigt werden kann. Es mag eine Stoffwechselstörung sein, die durch Chemie behoben werden kann, gut. Aber warum ist er gestört, der Stoffwechsel? Wird er nach dem Absetzen der Pillen nicht bald wieder gestört sein, wenn einem die Ursachen egal sind? Und warum mausert sich die Depression zur Volkskrankheit?

    Ich habe einen lieben Onkel, der ist seit langem depressiv und immer wieder in Kliniken. Ich habe ihn als jungen Mann als sehr emotional, impulsiv und begeisterungsfähig kennengelernt. Später beugte er sich dem Druck der „Sachzwänge“, also dem, was ihm seine Umgebung und er sich selbst, als notwendig und unvermeidbar vorgestellt hat.

    Auch ich bin lange den „Notwendigkeiten“ gefolgt und war auf dem besten Weg, depressiv und krank zu werden. Heute gönne ich mir die Freude, Notwendigkeiten zu leugnen. Mein Stoffwechsel gouttiert das mit der Ausschüttung großer Mengen an Glückshormonen, wodurch ich auf Drogenzufuhr von außen gut verzichten kann. Schlecht für die Pharmaindustrie aber gut für mich. :)

  4. Uwe kann ich nur beipflichten!
    Es sind die Umstände gestört, weniger der Mensch. Die Fähigkeit zur Depression ist keine Krankheit.

    Sie ist zunächst eine Möglichkeit, auf Situationen in einer Art zu reagieren welche vor Schaden bewahrt. Eine „Bremse“ vor der drohenden Kurzschlußhandlung.

    Wenn aber Ursachen chronifizieren bzw. sozialmoralische „Notwendigkeiten“ das Individuum einmauern, dann läuft die pathologische Phase. Hoppla, eine Volkskrankheit, etabliert und „altbewährt“ verwaltet.

    Was ist wenn Menschen unterkühlen? Behandeln wir dann auch die vermeintlich gestörte Thermoregulation mit Pharmaka? Oder versuchen wir nicht besser Wärme zuzuführen?

    Gruß
    Matthias

  5. Ich kann Uwe und Matthias nicht beipflichten. Ihr vergesst, daß ein Mensch ab der Geburt und auch schon vor der Geburt Belastungen ausgesetzt sein kann, die Depression als Lebensbegleiter sehr begünstigen. Äussere Umstände können dann additiv dazu beitragen, daß ein Mensch sein Kämpfen mit dieser Störung hat.

    Gruß
    Gerhard

  6. @Gerhard

    Bitte nicht mißverstehen. Ich habe nicht gesagt, daß die Depression keine Krankheit ist! Ich weigere mich aber, sie einfach als neue Volksseuche im breiten Stil zu betrachten, insbesondere mit den sich daraus ergebenden pharmakologischen Konsequenzen.
    Du schreibst „Belastungen ausgesetzt sein“. Welche meinst Du denn, wenn nicht die äußeren, in den Umständen?

    Gruß

  7. Wie könnte ich das vergessen, Gerhard?
    Wo ich auch hinsehe, werden kleine Menschen mit offener und verdeckter Gewalt in Schemata aus Zwängen und Notwendigkeiten gepresst, so daß es ihnen später nicht mehr vergönnt ist, sich eine Welt ohne diese auch nur vorzustellen.

    Das Wort „Depression“ mit dem Etikett „Krankheit“ auszustatten und Pillen dagegen zu verschreiben kann durchaus das Leben der Betroffenen verbessern, es hilft jedoch nicht dabei, die Ursachen zu beseitigen und verhindert keinen neuen Fall. Aber das ist ja auch nicht das Ziel „moderner Medizin“ ….

  8. @Uwe: Was meinst Du denn mit Ursachen beseitigen? Wenn man z.B. ein ungewolltes Kind war, wie beseitigt man das?

    @Matthias: Wie kann ein kleines Kind oder ein Kind im Mutterbauch ADÄQUAT auf die „äusseren“ Umstände reagieren, daß z.B. ein großer Konflikt zwischen den Partnern herrscht? Als Erwachsener kann man sehr wohl auf äussere Verhältnisse adäquat reagieren, anstelle nur Pillen zu schlucken – unbestritten. Doch trägt man halt zuweilen ein deftiges Päckchen mit sich herum, das angemessene Reaktionen auf ungünstige Umstände erschwert.

    Gruß
    Gerhard

  9. @Gerhard
    „Was meinst Du denn mit Ursachen beseitigen?“

    Ich vermute die Ursache für Depressionen nicht in einer plötzlich und grundlos auftretenden Stoffwechselstörung sondern in der langfristigen und weitgehenden Negierung eigener Bedürfnisse zum Zwecke der Anpassung. Natürlich kann man die gedachte Kausalkette noch weiter nach vorne verfolgen und es könnte natürlich sein, daß ein unerwünschtes Kind besonders dazu neigt sich selbst zu verleugnen, um sich Liebe zu erwerben. Wenn jemand so ausgerichtet ist, wird er viele „äußere Umstände“ erzeugen, die dieser Haltung entsprechen. Vielleicht könnte die Bewußtwerdung solcher Zusammenhänge, falls es sie gibt, zur Heilung von Depressionen beitragen und es verhindern, daß die „Krankheit“ sich ausbreitet.

  10. Uwe,
    vielleicht sind wir unds doch einiger als zunächst angenommen.
    Ich sties mich einst an Deinem Passus „Auch ich bin lange den “Notwendigkeiten” gefolgt und war auf dem besten Weg, depressiv und krank zu werden. Heute gönne ich mir die Freude,…“, so als wäre alles nur eine Frage der Wahl. Das ist es zumeist nicht, meine ich, sondern es geht m.E. darum, langfristig unter Hilfe eine ungünstige Programmierung verlassen zu können. Da mögen Medikamente in zugespitzten Zeiten eine Unterstützung bieten.

    Gruß
    Gerhard

  11. Ja, Gerhard, unsere Positionen scheinen mir auch ganz ähnlich. Du hast wohl eher „schwerere Fälle“ vor Augen, während ich selbst vielleicht ein leichterer Fall bin. ;)
    Aber meinst Du nicht, daß am Anfang jeder Therapie, ob mit oder ohne Hilfe von außen, eine Wahl steht, die Wahl, das leiden beenden zu wollen, anstatt es länger durchzuhalten und es zu verbergen?

  12. Uwe, die Wahl, das Leiden beenden zu wollen, wird durchaus oft getroffen – aber wie genau stellt man es an? Look to the brighter side of Life? Nein, meist ist harte Arbeit damit verbunden, denn die Lebensverhinderer in einem gilt es ersteinmal zu identifizieren.
    Gruß
    Gerhard

  13. Ich danke Euch für das gute Gespräch, das die verschiedenen Aspekte des Themas Depression anschaulich macht!

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