Claudia am 11. August 2009 — 4 Kommentare

Ein Wahlkampf zum Einschlafen

Kommt es nur mir so vor, oder ist der Wahlkampf dieses Mal besonders blöd? Busenplakate, wochenlang Dienstwagenaffaire, ein Kanzlerkandidat, so mitreissend wie eine Schlaftablette – war das schon alles? Claudius Seidel jammert in der FAZ: „Nehmt uns endlich ernst!“ hat damit aber nur bei den eigenen Lesern Erfolg. Da kommentiert ein Robert Klemme nachdenklich:

Ich glaube, dass unsere Gesellschaft insgesamt das Problem hat, dass es keine positiven Ziele mehr gibt, für die sich die Politik ins Zeug legen kann. Wir haben Frieden, Arbeitslosen- und Krankenversicherung. Wir können frei reisen in (fast) jeden Winkel der Welt. Die materiellen Bedürfnisse sind weitestgehend abgedeckt und das Freiheitsversprechen ist auch eingelöst. Das Überwinden der aktuellen Krise ist ja nur ein defensives Ziel – sozusagen die Reparatur einer aktuellen Panne, die den Karren wieder flott macht. Das alles führt dann dazu, dass sich die Politik im Wesentlichen mit Änderungen im Kleinen beschäftigt: hier mal ein Gesundheitsfonds, da ein Einsatz in Afghanistan, dort der Streit um eine Brücke, die den UNESCO-Welterbestatus gefährdet. Aber zu welchen neuen Ufern wollen wir aufbrechen?

Das klingt, als hätten wir keine Probleme! Als hätte es die 15 Jahre neoliberalen Umbau der Arbeitswelt nicht gegeben, als wären die ausufernden Staatsschulden, die zunehmende Überwachung, die weiter gepflegten Milliardengräber (Gesundheitskarte!), der ausufernde Krieg in Afghanistan, und die Frage, wie denn bitte ewiges Wachstum in einer Welt begrenzter Ressourcen stattfinden soll, nur kleine Flecken auf einer ansonsten weißen Weste.

So lebt eben jeder in seiner „Blase der Wahrnehmung“ und es wird immer schwerer, etwas Verbindendes zu finden, was über böses oder lustiges Politik-Bashing hinaus geht.

Kampf ums Netz

Immerhin verbindet uns das Internet: Endlich kann sich jeder zu Wort melden, ohne von irgendwelchen Gatekeepern daran gehindert zu sein. Etwas, das mir als „Alt-Userin“ seit nun fast 15 Jahren selbstverständlich ist, dringt derzeit ins Bewusstsein der herrschenden Politik und viele sind „not amused“, denn die Meinungsbildung, die hier statt findet, entzieht sich ihrer Kontrolle. Also verhalten sie sich feindselig: wollen regeln, zensieren, Zugänge erschweren, 3-Strikes-Strafen einführen, Google allen Ernstes für Nachrichten-Suchergebnisse abkassieren und vieles mehr. Und haben es damit immerhin geschafft, alte und junge Netizens aus der interessiert-mich-doch-alles-nicht-Reserve zu locken: Die Zeit ignoranter Co-Existenz der User und der „Ausdrucker“ ist vorbei, der Clash of Cultur voll im Gange.

Ja, das ist das einzig NEUE in diesem Wahlkampf. Sogar eine neue Partei ist entstanden, die mal wieder das Wagnis versucht, „ganz anders“ zu sein: Statt Geklüngel in Hinterzimmern und wolkigen Statements zu allem und jedem, lockt die Piratenpartei mit netzpolitischen Kernsätzen und der für eine Partei revolutionären Absicht, alle anderen Themen über Netzdiskussionen zu entscheiden – wenn es dann soweit ist.

Charmant! Und ziemlich passend in einer Welt, in der die Altparteien Mitglieder verlieren, weil kaum mehr jemand Lust hat, irgendwo einzutreten, wo es erst einer langjährigen „Ochsentour“ durch zementierte Strukturen bedarf, bevor man genug Stallgeruch aufweist, um mitreden zu dürfen.

Diskussion

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4 Kommentare zu „Ein Wahlkampf zum Einschlafen“.

  1. Ich denke, es ist genau der Punkt. Wir haben nichts „verbindendes“ mehr in unserer Gesellschaft. Wenn nicht gerade ein deutscher Papst wird oder die Fußball-WM ansteht, letztere habe ich, ohne Ironie, als geradezu wohltuende Verbindung angesehen, dann pröckeln wir weiter vor uns hin.

    Es gibt keinen „gesellschaftlichen“ (TV-)Straßenfeger mehr.

    Unsere Gesellschaft hat sich vereinzelt. Und „einzeln im Kämmerlein“ geht es nicht wenigen in der Tat nicht so schlecht, wie gerne hoch gejammert wird. Und denen, den es wirklich schlecht geht, fehlt die zusammenfassende Lobby, der Versammlungsraum.

    Die Parteien tun sich deswegen auch schwer, diese Mosaikbürger, deren zerklüfteten persönliche Lebensviten und Historien, mit *einem* Wahlprogramm rundherum an zu sprechen.

    Auch in dieser Hinsicht war eine „zwei-einhalb-Themen-Partei“ fast zu erwarten. (Nein, die Grünen waren nie eine ein-Thema-Partei – die waren eher eine „eine-Lebensgesinnungspartei“)

    Was hingegen alt ist, ist der zum Teil hochschwemmende Haß und die Verleumndungsagresivität, mit der auch die Netzbürger nun auf alles einschreiben, was es wagt, anderer Meinung zu sein. Man bleibt in seinem Eckchen und hält die eigenen Probleme und die eigene Wahheit als den Weltennagel, an dem alles hängt. Wenn nur die anderen nicht so borniert wären.

    Bei den alten Parteien waren es Gesinnungspakete, mit denen sie heute niemanden wirklich mehr ansprechen können, bei den kleinen und neuen Parteien werden das die Lebensraumecken sein, mit denen sie punkten und das Land retten wollen.

    Was wir, wohl eher in 100 Jahren, vielleicht mal bekommen, wäre eine Koalition aus meinetwegen 175 Nischenparteien, die einfach zusammen regieren und nichts aussitzen. Ein Mosaikparlament, zerklüftet, aber funktionierend, wie unsere Gesellschaft. Obendrüber vielleicht ein weiser Lenker, sollen sie ihn König oder Diktator nennen, der dann alles moderiert und sagt: so machen wir das, das Volk hat recht.

  2. @Cracker: ich stimme dir in weiten Teilen zu, möchte aber „den Netzbürgern“ kein gleich geschaltetes Meinen und Verhalten unterstellen: es gibt Hassprediger, ewige Kassandras, Verschwörungsdenker, Ignoranten und vieles mehr – aber eben auch jede Menge Nachdenkliche, Konstruktive, Kreative. Sie alle gab es auch vor dem Internet, nur jetzt hat halt jeder die Möglichkeit, sich umfänglich darzustellen und mit der Netzwelt zu interagieren. Gut so! Besser man sieht, was in den Menschen vorgeht und entnimmt nicht bloß mainstreamige Zusammenschauen aus ein paar klassischen Medien, denen es vornehmlich um die Quote geht.

    Für mich ist DAS NETZ tatsächlich ein Transmissionsriemen für gesellschaftliche Veränderungen, wie wir ihn noch nie hatten! Endlich gibt es Kommunikationsstrukturen, die es den vereinzelten Individuen in den „Kämmerlein“ ermöglichen, sich einzubringen. „Gesinnungspakete“ sind so von gestern wie Musik-CDs: wir wollen Einzelthemen mitberaten und mitbestimmen und nicht Teil einer großen Partei-Familie sein, die dann immer von „wir“ und den „Anderen“ spricht. Ich bin fast mit jeder Partei bezüglich irgend welcher Themen einer Meinung, doch trete ich da nicht bei, tue mich sogar bei Wahlen schwer, weil vieles Andere mir eben NICHT richtig erscheint – schon gar nicht habe ich Lust auf „Partei-Leben“!

    Damit bin ich sicher keine Ausnahme und mit dem Netz und den heute bereits in Gebrauch befindlichen Community-Anwendungen wäre es ein Leichtes, aus der Hinterzimmer- und Stallgeruch-Politik auszusteigen und ganz neue Formen der Partizipation zu entwerfen. Nicht nur als Partei, sondern auch als Regierung, als Staat, als Land, als Stadt und Gemeinde.

    Da bewegt sich noch viel zu wenig und ich hoffe, der gewiss wachsende Erfolg der „Piraten“ trägt dazu bei, das zu ändern.

  3. Ich denke, das Netz ist ein neuer Landstrich, das „wir in Deutschland“ ersetzen wird mit „wir in unserer Welt“ und einzelne Gruppen stärken kann, weil man „seine eigene“ besser findet.

    Es wird auch vielleicht mehr „über-den-Tellerrandkucker“ geben, (aber auch mehr „Beliebigkeitsschwimmer“ und auch jetzt schon eine Menge „jetzt-erst-recht-Abgrenzer“ – ich denke da nur an die Abgrenzungstabelle, die ich letztens bei Webkompetenz sah…)

    Aber letztendlich ist es nur ein neuer Raum für die alte reale Welt. Es wird der Vereinzelung (oder sagen wir eher „dem vergrüppchen“, wenn es nicht so ein schiefes Wort wäre – aber rheinisch!) nicht entgegen wirken.

    Es bliebe ja auch die Frage, ob das auch sein müsste. Wir wollen uns ja auch nicht mehr in allen Dingen“ Paketweise gemein machen.

    Letztendlich ist das Internet aber nur ein Werkzeug für real existierende Menschen mit real existierendem Leben und für mich nach wie vor real existierendem Regelbedarf.

    Ungefragt greift es freilich zurück ins Gefüge, wie alle großen Werkzeuge, vom Rad, über den Bruchdruck, Webstühle oder Telefon etc.. Und das dies viele noch nicht zur Gänze sehen (und wir es auch nur ahnen) ist auch richtig.

  4. Die Mädchenmannschaft versagt bei der Diskussion zum Thema leider völlig, weil sie Kommentare und ihre Antworten darauf aus dem Blog löschen. Betroffen sind:
    http://maedchenmannschaft.net/wir-haben-mehr-zu-bieten/#comment-17123
    http://maedchenmannschaft.net/wir-haben-mehr-zu-bieten/#comment-17124
    und
    http://maedchenmannschaft.net/wir-haben-mehr-zu-bieten/#comment-17127
    sowie die Antwort von Susanne darauf zumn Thema „Meinungsressort in der taz“.

    Ich habe mit eben dort mit Kommentar 17185 beschwert. Mal sehen, ob sie so sportlich sind und den zulassen.

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