Claudia am 11. Juli 2009 — 11 Kommentare

Der Selbstversorger bloggt an seiner Stalltür

Dass Produkte immer schlechter werden, sind wir eigentlich schon gewöhnt. Im Marketing-Jargon nennt man es „Optimierung“, wenn es gelingt, mit immer weniger und schlechteren Materialien noch mehr Profit aus Dingen zu ziehen, die möglichst bald in den Zustand „Müll“ übergehen. Dann müssen wieder neue gekauft werden und was immer noch zu lange hält, gerät wenigstens aus der Mode. Was soll man auch machen in weitgehend gesättigten Märkten, um noch Wachstum zu erzeugen?

Gottfried, der Habenichts

Aus dieser Welt der sinnloser Ressourcenverschwendung hat sich Gottfried, der Habenichts abgesetzt. Er lebt als Selbstversorger auf seinem 10 Hektar großen Hof, die Hälfte Wiese, die Hälfte Wald. Zwei Kühe, ein paar Schafe und Ziegen, sowie etliche Hühner teilen sein karges Leben.

Für Geräte mit Stromverbrauch: Erst die Strom-Preise vergleichen…

40 Tage mäht er im Sommer die Wiese, um genug Heu für die Tiere im Winter zu machen – mit der Sense, denn er will ohne Geräte auskommen, die Strom verbrauchen. Aus der Milch der Schafe und Ziegen macht er Käse. Ab und an schlachtet er ein Tier und trocknet das Fleisch. Wasser holt er eimerweise aus der Quelle und Geschirr spült er mit Wasser aus der Regentonne, gemischt mit Molke, die das Fett löst.

Das bessere Leben

Frau und Kinder haben den Selbstversorger verlassen, weil sie ein besseres Leben wollten. Auch ich würde  freiwillig nicht mehr als einen kurzen Besuch bei Gottfried machen, denn ich möchte nicht mähen und melken, sondern in den Monitor schauen und mit der Welt kommunizieren. Mich zum Beispiel darüber auslassen, wie widerlich ich es finde, dass die Nahrungsmittel mehr und mehr aus billigen Ersatzstoffen hergestellt werden: Pflanzenfett statt Kuhmilch, gepresstes Eiweiß statt Fisch, Geschmacksverstärker statt Meerrettich. „Der Käufer muss inzwischen nicht mehr nur mit Analogkäse und Formschinken rechnen, sondern auch mit gestrecktem Pesto oder Schokoladenkeksen ohne Schokolade“, sagt Silke Schwartau von der Verbraucherzentrale. „Und das nicht nur bei den Billigmarken, sondern auch bei teuren Markenartikeln.“ (SPON via Sammelmappe).

In diesem „besseren Leben“, das wir alle nicht mehr missen wollen, gerät unser Körper außer Form, wogegen Diäten, Sport und neuerdings Schönheitsoperationen eingesetzt werden, um daraus wieder „Formfleisch“ zu machen. Junge Männer quälen sich an Fitnessgeräten, um ihre Muskeln zu „definieren“ – zum Vergleich schaue man sich Gottfried an. Die kurze kommentierte Bilderschau zeigt einen Körper, an dem kein Gramm Fett zuviel ist: schlank, muskulös, aber nicht „überdefiniert“ – eben so, wie es nur exzessive körperliche Arbeit zustande bringt. Arbeit, die wir (gottlob!) abgeschafft haben.

Zukunft?

Der Selbstversorger sieht sein Leben als Zukunftsmodell: er meint, es werden wieder viele Menschen aufs Land gehen müssen, wenn der Aldi nicht mehr aufmacht. Was ihn bewegt, schreibt er auf seine Stalltür, z.B. „Ich bleibe auf dem Land und ernähre mich, wie ich kann.“

Mir fallen dazu all diejenigen ein, die in den letzten Monaten so vehement zur „Krisenvorsorge“ raten. Die gehen nicht etwa aufs Land, um zu leben wie Gottfried – bewahre! Sie lagern sich Vorräte ein und tauschen ihr Vermögen in Gold oder Silber, um die Krise irgendwie „auszusitzen“ und danach mit besseren Bedingungen als der unbelehrbare (und unvermögende!) Rest der Welt starten zu können.

Wohin starten? Natürlich wieder in das „bessere Leben“ mit all dem Komfort, den wir gewohnt sind. Ja was denn sonst?

Diskussion

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11 Kommentare zu „Der Selbstversorger bloggt an seiner Stalltür“.

  1. Hallo Claudia,

    aber er geht auch tanzen – wobei nicht so sehr viele Damen mit ihm tanzen wollen, weil er nach Bauer riecht. Jeder wie er mag. Mich erschreckt die große Zahl von „Geldpflichten“, die er trotz dieses Lebens hat. Frei, scheint mir, ist er nicht, der Gottfied. Dazu müßte er wohl in den Luberon oder noch besser in die Abruzzen oder Pyrenäen gehen.

    Gruß Hanskarl

  2. Diese Beispiele gibt es immer und ich habe den Artikel gestern auch gelesen. Das Bild hat es ja bis auf die Titelseite geschafft. Er wird gelesen, ist Diskussionsstoff, wird aber nichts bewirken, ausser vielleicht bei Einigen, die nur den letzten Anstoss brauchen.
    Die Gesellschaft wird sich nur ändern, wenn die ’normative Kraft des Faktischen‘ sie dazu zwingt.
    Das Beispiel ‚billige Ersatzlebensmittel‘ zeigt, das noch sehr viel Spielraum bleibt, bevor ein Wandel eintritt. Ich glaube nicht, das irgendein Pizzadienst oder Imbiß wegen der Berichte dazu einen Umsatzrückgang hat. Den Leuten schmeckt es und – die Hauptsache – ist billig.

  3. Die NDR-Sendung markt brachte neulich auch einen wenig appetitlichen Beitrag über „imitierte Lebensmittel“, in dem sie die foodwatch-Recherchen dokumentieren – puh, was die Firmen so alles auf den Markt werfen, unglaublich eigentlich…
    http://konsumpf.de/?p=4952

  4. Ich glaube das Problem liegt in den Extremen. Bei 20 ha, hätte ich ein Pferd. Ich kann noch mit einem Pferd pflügen, eggen, mähen und auch ein Mähbinder verunsichert mich nicht.

    Selbstversorgung darf übrigens nicht heißen auf Arbeitsteilung zu verzichten. Wo ist sein Windrad, seine Solarzellenmodule. Warum hat er keine Biogasanlage und weshalb läuft sein Trecker nicht mit Methan oder weshalb tauscht er nicht Methan gegen Diesel.

    Sein Herangehen an die Dinge ist romantisch. Romantik ist oft auch Dilletantik. Natürlich ist Ackerbau und vor allem Viehzucht immer mit harter Arbeit verbunden, egal auf welchem technischen Stand, aber so hart muss es nicht sein.

    In einem Punkt aber hat er recht. Wenn es weitergehen soll, geht das nicht auf dem Niveau unserer Wegwerfgesellschaft. Für die meisten werden wir jedoch die fünfziger und sechziger Jahre des letzen Jahrhunderts als Status halten können. Mit Fernseher, Radio und Computer.

  5. Ein sehr respektabler, weil aufrechter Weg, den Gottfried da geht.

    Vielleicht stellt er das eine Ende einer Skala dar, an deren anderem Ende Leute wie Michael Jackson stehen oder dieser 25-jährige Börsen-Star aus London, der kürzlich mit einem Glas Sekt vom Dach eines Hochhauses sprang, um sein sinnloses Leben zu beenden. Irgendwo dazwischen sollte sich für jeden Geschmack ein Plätzchen finden lassen. ;) Jedenfalls solange, wie die neuerdings viel zitierte „normative Kraft des Faktischen“ eine eigene Positionierung zulässt.

  6. Ich erinnere mich immer wieder gerne an den Film „Lautlos im Weltraum“ (Silent running), in dem die Astronauten liebend gerne buntes Ersatzfutter essen, während der einzige Öko unter Ihnen sein Essen belächelt aus einem Biotop bezieht, das in einer der Raumkapseln angelegt ist.

    Der Film ist schon älteren Datums (1972!), aber keinesfalls verstaubt und aktuell wie eh und je.

  7. Ich muss jetzt daran denken, dass Heerscharen von Menschen, die in den Gründerzeiten in die USA ausgewandert sind, dies deshalb getan haben, weil sie als Bauern in Europa nicht mehr überleben konnten. – Man sollte Technologie und Wirtschaftsform wirklich nicht in einen Topf werfen. In Afrika könnte Technologie, in einer humanen Wirtschaftsform angewandt, ein Segen für Millionen sein. Aber eine Konkurrenzwirtschaft wird immer Armut und Umweltzerstörung mit sich bringen, mit und ohne Technologie! Das ist der eigentlich spannende und komplizierte Punkt der Sache. Einfacher ist es, Land und Arbeit zu glorifizieren. Man darf dann nur nicht arbeitsunfähig werden …

  8. Na dann sag ich mal „Hut ab Gottfried“ – mein Weg wäre das nun wirklich nicht aber ich finde seine Entscheidung akzeptabel (solange nicht alle so leben wollen wie er). Aber die Gefahr besteht auch nicht :-)
    Denn wir können ja nicht ernsthaft davon ausgehen dass sein Weg der Weg für Milliarden Menschen auf diesem Planeten sein kann. Es mag ja auf den ersten Blick ein wenig asketisch anmuten – aber 20 Hektar für eine einzelne Person? Ein Hektar hat nach meinem Schulwissen noch immer 10000 Quadratmeter. In Summe „besetzt“ er also 200000 Quadratmeter unserer Republik! Sieht für mich aus nach einem priveligierten Industrielandebewohner. Schauen wir auf den Rest der Republik und sehen, dass dieser sich mit 231 Einwohner auf dem Quadratkilometer wohl eher bescheiden muss (4329 Quadratmeter pro Person).
    Sein Ansatz ohne echte Hilfsmittel auszukommen wirken auf mich auch etwas befremdlich. Technologischer Fortschritt ist ja nur bedingt ein Teufel, es kommt auf die Selektion an – ich kenne keinen Fall von Extremismus den ich positiv sehe. Und der Extremismus ist hier das Problem wie Jochen ja auch schon angemerkt hat.

    Liebe Grüße
    Rene

    P.S.: Schön dass ihr meinen Kommentar gelesen habt. Aber mich interessiert auch Eure Meinung. Also bitte nicht nur lesen, sondern auch selbst was schreiben!

  9. Danke Euch für die vielfältigen Beiträge! :-)

    Ich war in den 80gern zeitweise auf einem alten Podere in der Toskana, das sich ein Freund von seinem Erbe gekauft hatte. Dort konnte ich die verschiedenen Ansätze, naturnah zu leben, bei den ansässigen Immigranten beobachten. Die Entwicklung ging immer vom recht Primitiven zum dann doch bequemeren und komfortableren Leben – die Touristen wollten es auch nicht so ganz krass! Und von ihnen lebte man im wesentlichen, nicht von den Tieren oder gar der Landwirtschaft.

    Selber bearbeiteten wir nur einen Garten, und auch das mehr aus Erlebnislust als zur Versorgung. Dennoch interessierte ich mich dafür, wie man „früher“ all die Nahrungsmittel und alles andere herstellte, wälzte Bücher vom Leben auf dem Land und träumte so vor mich hin…

    Als ich dann mal Senfpflanzen fand und gerade das Kapitel über die Senf-Herstellung anno dunnemal gelesen hatte, schaute ich mir die Pflanze genau an und stellte mir nun die einzelnen Schritte vor.. die vielen vielen Pflanzen, die für ein Glas Senf nötig wären, die Arbeit, die wenigen Samen pro Samenstand zu ernten und irgendwie aus der Umhüllung zu bekommen – den ganzen Prozess bis zum fertigen Senf eben.

    Als Schlussbild dieses inneren Horrorfilms vom vielen anstrengenden Arbeiten sah ich das Glas Senf bei Aldi, für damals vielleicht 40 Pfennig und wusste: ich will nicht zurück…

  10. mmmh…der Gottfried hat ja auch einmal eine Schulbildung und Ausbildung bzw. ein Studim absoulviert. Geerbert hat er auch, also waren seine Eltern vermögend. Warum dieses Leben, nach einem „normalen Leben“?
    Er lebt heutzutage in einer Zeit, um 1900 oder früher, warum?
    Er sieht Menschen die mit dem Fortschritt leben, warum hält er fest an eine Zeit, die vorbei ist? Wir haben fließend Wasser, wir haben Strom, er selber nutzt das Telefon, warum nutzt er diesen Vorteil und macht sich das Leben auf der anderen Seite schwer? Tango tanzt er mit Leidenschaft, das ist Gegenwart.
    Ich haben dich Gottfried anderes gekannt und in Erinnerung, ich habe Dich nicht wiedererkannt, warum dieses Leben, warum dieser Wandel? Einerseits die Gegenward, andererseits die Vergangenheit? Deine Eltern waren Geschäftsleute, Sie mußten sich dem Wandel der Zeit anpassen. Was ist das? Was möchtest du uns damit sagen? Warum kann ich so schwer deinen Wandel vollziehen? Was willst du uns damit zeigen? Gruß Hanne

  11. @Hanne: du kennst Gottfried? Ich finde es schade, dass sein Lebensstil es wohl kaum erlaubt, hier selber etwas zu posten.

    Nach deinen Worten verstehe ich ihn noch besser – am Gegenteil dessen, was die Eltern repräsentieren, bleiben viele kleben.

    Ich wünsche ihm, dass er aus der demonstrativ-verbissenen Rückständigkeit heraus findet – zu einem alternativen Lebensstil, der nicht nur für Extremisten lebbar ist. Jochen hat weiter oben die Richtung gezeigt.

    Trotzdem bewundernswert, wie er das schafft.

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