Claudia am 29. Juni 2009 — 22 Kommentare

Sloterdijk: Du musst dein Leben ändern

Über Anthropotechniken und den Menschen als übendes Wesen

Ein Buch wie dieses liest sich nicht „so eben mal“ durch, schon gar nicht, wenn man sich in den Zeiten des Internets ein wenig vom Lesen dicker Wälzer entwöhnt hat. Den letzten Rundumschlag von Peter Sloterdijk – aus meiner Sicht DER Philosoph unserer Tage – wollte ich dennoch nicht auslassen: keiner fasziniert mit derart originellen Gedanken und einer überaus geistreichen Sprache. Seine Wortschöpfungen vermitteln Aha-Erlebnisse und lassen oft herzlich schmunzeln, wobei es dem neuen Buch gut tut, dass er es mit seiner spezifischen Philosophie-Lyrik diesmal nicht übertrieben hat.

Zum ersten Mal erkenne ich in einem Sloterdijk-Buch auch eine klare Botschaft – die vieldimensionale Krise hat ihn dazu bewegt, von der er kürzlich sagte: „Die Krise ist die einzige Göttin, der wir noch erlauben, uns von oben anzusehen“. Dieses „wir“ ist der Mensch in der Postmoderne, der lange schon mit dem Tod Gottes lebt und nun erstaunt ein Phänomen bemerkt, das der Autor gleich am Anfang seines Buches anspricht:

„Ein Gespenst geht um in der westlichen Welt – das Gespenst der Religion. Landauf, landab wird uns von ihr versichert, nach längerer Abwesenheit sei sie unter die Menschen der modernen Welt zurück gekehrt, man tue gut daran, mit ihrer neuen Präsenz ernsthaft zu rechnen. Anders als das Gespenst des Kommunismus, der im Jahr 1848, als sein Manifest erschien, kein Wiederkehrer war, sondern eine Neuheit unter den drohenden Dingen, wird der aktuelle Spuk seiner wiedergängerischen Natur vollauf gerecht.“

Wie man an der Wortwahl schon erkennt, macht sich Sloterdijk im folgenden daran, die neuen Auseinandersetzungen rund ums Religiöse auf andere Füße zu stellen: Religion gibt es nicht wirklich, im Kern sind alle Religionen Übungssysteme, nämlich Anthropotechniken, mit denen sich die Menschen fit fürs Überleben in einer oft chaotisch und feindselig wirkenden Umwelt halten – was sowohl das Verhalten gegenüber den Lebensrisiken, als auch den Umgang mit der Todesgewissheit umfasst. Er schlägt dann einen weiten Bogen über 3000 Jahre Philosophiegeschichte und zeigt auf, mittels welcher Übungsformen Menschen versuchten, ihrer „Vertikalspannung“ Genüge zu tun.

„Vertikalspannung“ ist Sloterdijks Begriff für das stete Streben, sich selbst übend zu verbessern, sich höher und weiter zu entwickeln und über den Status Quo hinaus zu wachsen. Diese Spannung blieb auch erhalten, nachdem Gott als obere Instanz abgedankt hatte – und sie reicht bis in unsere Tage mit ihren vielfältigen Ratgebern, Selbstmanagement-Hilfen, Kursen, Workshops, Therapien und Lebenslehren, die uns versprechen, mittels der richtigen Übungen das Glück zu erlangen.

In der Betrachtung und Bewertung etlicher mehr oder weniger nach vorne weisender Übungssysteme und auch in seinem Plädoyer für ein engagiertes Sich-Aufraffen schreibt Sloterdijk ohne belehrenden Gestus, obwohl man eine ganze Menge über Philosophiegeschichte lernt. Allerdings nicht in der unsäglich trockenen Art, in der viele Kathederphilosophen, die mehr Professoren als Philosophen sind, ihren Stoff abhandeln, sondern mit Leidenschaft und immer in Bezug zum menschlichen Streben, wie man es auch als „ganz normaler Mensch“ in sich spürt. Dabei werden die unterschiedlichsten Gestalten, die eine bestimmte Haltung zur Welt propagierten, ausgiebig und teils sehr unterhaltsam besprochen: u.a. Nietzsche, Kafka, Cioran und sogar Ron Hubbard, der mit der Umwidmung seiner „Dianetik“ zur Scientology-„Kirche“ aus Sloterdijks Sicht einen letzten Beweis erbracht hat, dass Religion nicht existiert: indem er nämlich eine gründete.

WOFÜR wird nun geübt, wenn es doch keinen Gott mehr gibt, der uns dazu auffordert, bessere Menschen zu werden? Können wir uns da nicht einfach zurück lehnen und Spaß haben? Martin Muno von der Deutschen Welle bringt es in seiner Rezension schön auf den Punkt:

Warum aber soll ich mich ändern? Wer hat überhaupt das Recht, die Autorität, so mit mir zu sprechen? Es ist – so Sloterdijk – die Krise selbst; die wirtschaftliche, kulturelle, moralische und ökologische Krise. Wenn Banker durch hemmungslose Gier Milliardensummen vernichten, wenn zahllose Menschen beim Stichwort Kultur ans Privatfernsehen und beim Stichwort Genuss an einen Hamburger denken, wenn wir dabei sind, unsere Lebensgrundlagen auf diesem Planeten zu zerstören – dann ist schlussendlich jeder von uns gefragt. Von uns will Sloterdijk, dass wir „in täglichen Übungen die guten Gewohnheiten des gemeinsamen Überlebens annehmen.“

Ich lese nicht mehr viele Bücher, obwohl ich in der Gutenberg-Galaxis sozialisiert wurde und als junger Mensch halbe Bibliotheken über die wesentlichen Fragen verschlungen habe: Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Was ist der Sinn? Was ist gut und böse? Was kann man erkennen und was soll man tun? Heute verschwende ich keine Zeit mehr darauf, bloß Wiedergekäutes zu lesen, das so oder ähnlich schon zigmal verbreitet wurde. Umso glücklicher bin ich, ab und an ein Buch zu finden, das aus dem Gewöhnliche deutlich heraus ragt: “Du musst dein Leben ändern” gehört zweifellos dazu!

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22 Kommentare zu „Sloterdijk: Du musst dein Leben ändern“.

  1. Also mit dem „Üben, besser zu werden“ als angeblichem Inhalt von Religion hab ich so meine Probleme. Fast alle Religionen verlangen vom Menschen eine ganz andere Art von Übung: nämlich die, alles so zu akzeptieren, wie es ist. Wer ausscherte, was Neues wollte, hat gerade von religiöser Seite immer eins auf die Mütze bekommen. Die Möglichkeiten des Verstandes zu denunzieren und stattdessen die Einhaltung von Dogmen einzuklagen – ja, wenn man diese Dressur als „Anthropotechnik“ bezeichnen möchte, dann ist es jedenfalls aus meiner Sicht eine ziemlich ungesunde Sportart.

  2. „Heute verschwende ich keine Zeit mehr darauf, bloß Wiedergekäutes zu lesen…“ – Dem kann ich mich nicht anschließnen. Wer sich heute Gedanken macht, sollte bescheiden damit anfangen, die alten Philosophen zu lesen. Ohne Kenntnis ihrer Werke sähe auch ein Sloterdijk blaß aus. Wir brauchen den „Rückspiegel in die Geschichte“, um zum Überholen anzusetzten. Und: Lest immer wieder in den alten Büchern, es steht viel Neues darin!

  3. Sloterdijk hat mich auch schon vor gut 20 Jahren fasziniert, mit begrifflich sensiblen, aber wichtigen Unterscheidungen wie die zwischen dem Kynischen und dem Zynischen. Selbst sonst sehr müden Talk-Shows kann er mitunter noch halbwegs frischen, eigengedachten Leben einhauchen. Auch Schöpfungen wie „Anthropotechniken“ oder „Vertikalspannungen“ sind typisch für den Frisches-Wasser-aus-der-Tiefe-Förderer Sloterdijk. Aber am besten wird man ihm – wohl ganz in seinem eigenen Sinne – vielleicht mit einem Link zu einem Artikel gerecht, der sich genau mit diesen Eigenschaften Sloterdijks auch mal kritisch auseinandersetzt: http://www.heise.de/tp/r4/artikel/18/18416/1.html

  4. @Rüdiger Kuhnke
    Interessanter Gedanke. Als ich kürzlich las, dass bereits einer der alten Griechen schlüssig nachgewiesen hatte, dass die Erde eine Kugelform besitzt, verstärkte sich mein Eindruck massiv, dass wir aufgrund des Einflusses der dogmatischen Religionssysteme sehr viel kostbare Zeit verloren haben, Lebensweisheit und Wissen in einem offenen und menschenfreundlichen Maß zu entwickeln. Wenn ich dann an die evangelikalen Kreationisten denken, für die die Erde erst vor 6000 Jahren direkt durch Gottes Hand entstanden ist, dann wird der Regressionscharakter strenger Religiosität überdeutlich. „Anthropotechnik“? Ja, im Sinne eines erfindungsreichen Sich-Versteckens vor der Bedingtheit und Relativität unserer Existenz. Wieviele Jahrtausende noch?

  5. Daran merkt man wirklich, dass die „Postmoderne“ zu Ende geht: Dass Philosphen plötzlich wieder eine Botschaft haben und nicht mehr alles im „anything goes“ und letztlich fad-grauer Beliebigkeit versumpft.

    Freilich ist aber auch das nur Ausdruck und Folge des Konservatismus, der sich wieder breit macht, in allen Schienen der Gesellschaft. Vor allem im Sexuellen, aber natürlich auch im Politischen und Religiösen.

    Natürlich kann man sich streiten, was zuerst da war und ob es überhaupt schlecht ist, was jetzt kommt. Die Gegensätze werden schärfer, es ist für niemanden mehr genug teilnahmslos in der Ecke zu stehen. Das Leben will solche Krisen, könnte man fast den Eindruck kriegen. Es braucht die Schärfe, die Polarisation. Das Leben will ein Leben in dem Werte wert haben.

  6. Das sehe ich auch so, ein Leben, indem Werte wieder Wert haben. Nur, so glaube ich, erhalten wir diese nicht von Philosophen, sondern von den Eltern, die ihre Kinder auf ein friedliches Leben in der Gemeinschaft vorbereiten, wozu auch gehört, mit Konflikten umzugehen.
    Es ist,so wie ich es aus den letzten Jahren empfinde, den Philosophen nicht gelungen, aus Heidegger, Adorno, Habermas….. Schriften ein verständliches und anwendbares Handlungskonzept für die große Mehrheit zu erstellen – und zwar genau für jene, denen es eine große Lebenshilfe wäre.
    Wer im sicheren Hafen sitzt, kann denen auf wütender See ums überleben Kämpfenden leicht gute Ratschläge geben.
    Ob es diesen Menschen dann wirklich eine Hilfe ist zu wissen, bevor sie von den Wellen verschluckt werden, das die Erde rund ist, weiß ich nicht.

  7. @MatthiasHE:

    es ist ja gerade des Wesen von Übungssystemen, dass sich der Übende genau an die Vorschriften halten muss – sonst ist er jedenfalls kein Übender im Sinne dieses Systems. Auch bei Yoga-Übungen kannst du nicht eben mal alles anders und neu machen, dann ist es evtl. noch Gymnastik, aber nicht mehr Yoga. Und: nicht das Pochen auf Einhaltung und die Ausgrenzung von Veränderungswilligen ist im Sinne des Buches „die Übung“, sondern z.B. das Einhalten der Gebote.

    @Rüdiger: wer sagt dir, dass ich ANFANGE?

    @Stefan: ja, bei „Sphären“ bin ich auch ausgestiegen. Das war ja kaum mehr erträglich, dieses auf den Gipfel getriebene Wortgeschwurbel. Bin froh, dass er sich zugunsten der Verständlichkeit wieder bezähmt hat.

    @Bobby: na, in Zeiten der Krise gibts eben wieder Botschaften – ich würde das NICHT aus Ausdruck eines konservativen Rollbacks ansehen, sondern als Rückkehr zur Normalität. Was soll das ganze Philosophieren, wenn eigentlich nichts mehr gesagt wird? Wenn z.B. nur konstatiert wird, dass Systeme selbstreferentiell um sich kreisen und man nie wissen könne, was morgen als „Attraktor“ alles ein wenig aufmischen wird? Da kann ich auch sagen: ab und an regnet es.

    @Menachem: ich bin mir (entgegen dem grade geschriebenen!) nicht 100ig sicher, ob es ein legitimer Anspruch an Philosophie ist, Lebenshilfe zu geben. Ich denke, eine neue, originelle Beschreibung eines Themas, dass man „so noch nie gesehen“ hat, ist auch schon was. Ratschläge gibts in der Ratgeberliteratur und all den Institutionen und Grüppchen, die sich einer Aufgabe / einem Problemfeld verschrieben haben. WIE das Rezipieren einer Philosophie handlungsleitend werden kann, findet doch in jedem einzelnen statt – z.B. indem man sich fragt, ob das, woran man gerade diskutierend teilnimmt, ein herrschaftsfreier Diskurs im Sinne Habermas ist, bzw. warum nicht. Dass wir allermeist NICHT in herrschaftsfreien Diskursen agieren (=am Arbeitsplatz, in der Politik..) und auch nicht wissen, ob und wie das je anders sein könnte, kann man ja nicht Habermas anlasten, bzw. deshalb ist dessen Denken nicht „unfertig“.

    @all: ich freu mich über Eure Kommentare! Danke dafür!!

  8. Hab auch gehört, dass es ein suuuper gutes Buch ist, hatte leider nur noch nicht die Zeit es zu lesen.. wie du sagst, man liest es nicht einfach mal so ganz schnell durch.

  9. Ich hoffe sehr, daß Du den meinem Kommentar direkt vorhergehenden Kommentar (nico..) nicht löschst. Etwas Genaueres habe ich selten bisher gelesen (und bin fast – gegen jedes bessere Wissen, ach wo, Vermuten – geneigt, ihn als auch so beabsichtigten zu nehmen)!

  10. Der skurrile King of Pop ist tot. Es lebe Sloterdijk, der skurrile Vertikalspannungs-Exzentriker der Möchtegern-Philosophen…? Ein neuer King?

    Das hier ist irgendwie wie Big Brother für Intellektuelle. Ja, die Isolationsangst ist die Mutter aller psychischen Ängste, sagt man. Gut dass es im WEB für jede intellektuelle Richtung, und jedes Thema Kommunities gibt, wo man mit gemeinsamer cerebraler Onanie das Gespenst der Getrenntheit temporär verscheuchen kann. Oder kann tatsächlich jemand aus obigem Geschwurbel Lösungen für sich oder die Gesellschaft destillieren, die zu nachhaltiger innerer Freude führt?

    Zurück zur Normalität, liest man da. Gab es diese „Normalität“ in der Vergangenheit denn schon, die eine menschenwürdige, rücksichtsvolle und liebevolle Welt in jeglicher Hinsicht zustande gebracht hätte? Mein Gott, wieviele solcher klugen Anleitungen und Anstösse gibt es mittlerweile in gedruckter oder elektronischer Form auf dieser Welt. Und wie lange schon? Klar irgendein Paradiesvogel muss immer wieder als Paradepferd oder Spartenguru herhalten, damit man einen gemeinsamen Kulminationspunkt für kluge Selbstdarstellung und Beweis der eigenen Belesenheit und das eigene Up-to Date-Sein liefern kann. Klatsch, klatsch…

    Sich verändern, was tun, an sich arbeiten, aktiv sein… WOW ist ja genial, noch nie davon gehört…! Endlich einer der mal sagt woraufs ankommt… Gääähhn….

    Ich hab mich vor Jahren von hier verabschiedet, weil ich damals diese Inflation der klugen Worte, diese hohlen intellektuellen Phrasen, mit einer Art kommunikativen Burnout bei mir selbst konstatiert hatte.
    Wenn ich ab und zu überfliege was hier und da alles zum Besten gegeben wird, habe ich diesen Entschluss bisher noch nicht bereut.

    Ja Inflation ist genau das, was wir nun auf allen Ebenen erfahren müssen. Zu viel von Allem: all dem unsinnigen Mist sowohl auf materieller wie auch intellektueller Seite.
    Milliarden generieren per Mausclick… abertausende Kubikmeter hochradioaktives Salzwasser in den Endlagerstätten…, Selbsthilfebücher, Esoterikliteratur, Philosophisches, Spirituelles, Politisches, Ökonomische Rezepte, Umweltlösungen, etc. etc.. Patentlösungen für alles im Kilometerpack in den Regalen oder im WEB… blablabla… Komisch, bessern tut sich garnix. In keiner Richtung.

    Noch nie wurden soviele Worte mit so wenig Subtanz und Sinn über die Menschheit geschwallt wie jetzt. Babylonische Sprachverwirrung, Schall und Rauch, Lärm um Nichts. Wird man irgendwann wieder erkennen daß reden nur Silber ist?

    Bin ich der Einzige der es so empfindet?

    Gruss Micayon

  11. nein micayon, dein kommentar war für mich so erfrischend und ich hatte ihn bis zum letzten wort gelesen, was mir hier und nicht nur hier oftmals schwerfällt. ich dank dir, ganz lieben gruss barbara

  12. @Anonymous:
    ein bisschen Polemik kann ich mir nicht verkneifen: auch du scheint eine Freude an der extremen Zuspitzung von Formulierungen zu haben („cerebrale Onanie“ etc.). Ich kann dir in Sachen Sloterdijk durchaus recht geben.

    Aber diese vielen Denkanstösse, Tipps und so: das alles ist zutiefst menschlich. Könntest du etwas nachsichtiger sein?Nehmen wir uns nicht auch immer wieder Dinge vor, geben uns einen neuen Ruck, nur um dann festzustellen, dass wir es wieder mal nicht geschafft haben? Vielleicht gäbe es ohne die ganze Ratgeber- und Selbsthilfeszene ja doch etliche Lebensmüde mehr.

  13. @Su: aber seinen Werbelink, den eigentlichen Grund fürs inhaltsleere Statement – den werd ich löschen!

    @Micayon: warum schreibt eigentlich jeder, der eine kantige Äußerung machen will, anonym?

    Man merkt an deinem Statement, dass du dem Buch keine Chance gegeben hast. Denn es besteht ja nicht bloß aus seinem Titel, der noch dazu eine ganz bestimmte Erklärung im ersten Teil bekommt. Sloterdijk ist auch wahrlich kein neuer „Guru“, sondern eine seit Jahrzehnten bekannte Gestalt, als origineller Querdenker bekannt geworden mit seiner zweibändigen „Kritik der zynischen Vernunft“ von 1983 (!).

    Mir machen seine Betrachtungsweisen Freude, ja. Denn bei ihm lese ich tatsächlich Gedanken, die ich NICHT schon anderswo zigmal gelesen habe und die tatsächlich neue Sichtweisen eröffnen. Seine Ausführungen sind nicht etwa ein bloßer Aufruf, ein wenig mehr Yoga zu üben, sondern es ist auch ein Versuch, die Diskussion um Religiöses zu versachlichen: einigt man sich darauf, die Religionen als legitime und achtenswerte „Anthropotechniken“ anzusehen, muss man sich weniger die Köpfe einschlagen, weil man unterschiedlichen Glaubens ist.

    Kein ganz kleines und nicht etwa nutzloses Unterfangen, wie ich meine!

    Und weiter: ich schreibe seit 1999 dieses Webdiary und nehme nur sehr sehr selten Bezug auf irgend welche Literaten, Philosophen und andere Vor- und Nachdenker. Und wenn ich es doch tue, dann deshalb, weil ich etwas heraus ragendes gefunden habe, bzw. das, was ich schreiben will, legitimerweise nicht ohne Nennung des inspirierenden Denkers sagen kann.

    Und JEDES MAL kotzt es mich an, dass dann mit tödlicher Sicherheit irgendjemand was von „hohlen intellektuellen Phrasen“, „gemeinsamer cerebraler Onanie“ und ähnlichen Nettigkeiten in die Kommentare rotzt. Immer anonym, allermeist ohne eine Ahnung vom Thema (bzw. das Buch gelesen) zu haben – und vor allem ohne jede Rücksicht auf die im allgemeinen freundlich-sachliche Umgangsweise hier, auch in Kontroversen.

    Wenn du nach deinem kommunikativen Burnout nichts mehr anderes als solches Geschimpfe zustande bringst, dann würde ich gerne auf deine Beiträge hier verzichten, Mycayon.

  14. Deine leicht ungehaltene Reaktion (letzter Absatz) auf Micayons Beitrag überrascht mich, liebe Claudia.

    Wirklich ein sehr gutes Beispiel, dass es nur wenig auf die Botschaft, aber sehr stark auf den Empfänger der selbigen ankommt, zumal Barbara und MatthiasHe den comment wohl nicht als „gerotzt“ wahrgenommen haben. Ich selbst auch nicht, denn ich spüre bei mir durchaus manchmal Formen des kommunikativen Burnouts. Gleichwohl liebe ich aber Pete Sloterdijk, weil er über einen frischen, brillanten Intellekt verfügt.

    Sag liebe Claudia, hast Du schon mal über „kommunikativen Burnout“ i.V.m. „cerebraler Onanie“ (bei uns hieß das damals noch Hirnwichserei ;-)) hier geschrieben. Ich denke mich diesem Thema einmal etwas intensiver widmen zu müssen und in aller Regel liegen Deine Gedanken recht nah an meiner Denke. Falls es bei Dir was gibt zum Thema, freue ich mich sehr über einen Hinweis.

    Ganz lieben Dank für die Buchvorstellung.
    ich wußte bisher nicht, dass Du Sloterdijk so magst.

    lieben Gruß von Hermann

  15. Na, es ist eine verdammt schwüle Hitze – vielleicht lags auch daran! :-))

    Gewiss aber nicht an Mykayon alleine, sondern an einer Reihe Erlebnissen, in denen mir immer wieder eine neue Bildungsfeindlichkeit und die Ablehnung forciert denkender Autoren unangenehm auffiel. Als wär etwas schon deshalb abzulehnen, weil „große Namen“ erwähnt, Fremdworte gebraucht werden und/oder die Sprache als Ausdruckskunst neben dem Inhalt ebenfalls eine Rolle spielt. Ich hab selber was gegen Texte, die kompliziert, hoch gestochen, aber dennoch aussagelos oder im „entkleideten“ Inhalt banal sind – aber das andere Extrem ist mir ebenfalls zuwider. Denn auch die Großhirnrinde ist ein wichtiges Organ, die zum Menschenglück beiträgt, nicht bloß das Herz mit seinen Ergriffenheiten oder gar der Bauch mit seinem dumpfen Wohl und Wehe.

    @Myrkayon nochmal: der Abstand, der in Web-Diskussionen immer bleibt, ist mir recht. Ich will da gar keine Getrenntheit überwinden.

  16. Ja, so gehört das. Hatte schon irgendwie geahnt, dass diese Schwüle Dir zu schaffen machen könnte. Aber Dein Hinweis auf eine „neue Bildungsfeindlichkeit und die Ablehnung forciert denkender Autoren“ gibt sicher zu denken. Das mag mit der „extremen Zeitqualität“ zu tun haben und der unglaublich dynamischen Entwicklung, um das mal so plakativ zu behaupten.

    Dein Hinweis, den Abstand, der in Web-Diskussionen immer bleibt, nicht überwinden zu wollen, weil es unmöglich erscheint, lässt mich einen Hinweis geben, auf das gerade noch aktuelle „Hesse Projekt“ – siehe link

    http://www.hesse-projekt.de/

    Falls Du es noch nicht kennst, es beginnt mit einem Zitat aus Narziss und Goldmund und verweist quasi auf die Unmöglichkeit sich wirklich näher zu kommen. Sehr schön gemacht.

    Es ist nicht unsere Aufgabe einander näher zu kommen….

    ok, dann wünsch ich Euch ein kühlendes Gewitter in Berlin. Hier in Frankfurt will es auch noch nicht so recht abkühlen.

    mach’s gut, Hermann

  17. Hallo zusammen, hallo Claudia

    Anfangs war ich doch etwas überrascht über deine Betroffenheit, obwohl ich wirklich nicht Dich persönlich mit meinem Beitrag ansprechen oder gar aufstacheln wollte, sondern einen allgemeinen Abriss dessen loswerden wollte, was mich an der allgemein ausufernden Redseligkeit und der damit verbundenen Entwertung und Verwässerung des sprachlichen Inhalts zunehmend nervt. Andererseits ist mir eine emotionsgeladene Antwort auf meinen auch nicht emotionslos verfassten Artikel um einiges lieber, als rein sachlich unterkühlte Freundlichkeit oder blosse freundliche Sachlichkeit.

    Bei S. hab ich wirklich den Eindruck dass er viel alten Wein in neue Schläuche füllt, will sagen dass er allzu Bekanntes in ein neues rhetorisches Korsett, in eine selbstkreierte Nomenklatur einwickelt, die zwar das Lesen, nicht aber unbedingt den Inhalt anspruchsvoller macht. Einen Feldzug mit Schwerpunkt gegen Religionen oder sog. Religiosität zu führen, wo der Zeitgeist diesen Windmühlen doch längst die Flügel bis auf ein paar kurze Stummel abgefressen hat, kann ich auch nicht so recht nachvollziehen. Dass persönliche Spiritualität nichts mit demagogischer und traditionsbeladener institutioneller Religion zu tun hat weiß jeder aufrichtige Sucher selbst, und dass im Sinne von persönlichem inneren Fortschrit das Praktizieren und Probieren im try and error Verfahren des neu Gelernten der übliche Weg ist, ist ja soo umwälzend neu auch nicht. Spirituelles pauschal als „legitime (!) Anthropotechnik“ zu „dulden“, ist schon etwas anmaßend, aber einem nüchternen Logiker nachzusehen…

    Nun sei’s drum, viele finden’s auch salonfähiger wenn einfache Dinge in voluminöser exotischer Verpackung präsentiert werden. Um 700 Seiten zu füllen muss man schon kreativ werden… Mir ist dennoch lieber wenn in bekannten Begriffen wie z.B. „Konditionierungen“ gesprochen wird, statt solche wohlbekannten Mechanismen mit aufwändigen sprachlichen Eigenkonstrukten und Umschreibungen neu zu etikettieren…

    Mehr möcht ich speziell zu Sl. nicht sagen.
    Immerhin ist er auch verbeamteter Rektor an der Uni Karlsruhe, mit gutem Salär und sicherer Pension im Alter. Lebt also ganz gut (auch in und nach der Krise) von und mit dem Staat den er in anderen Publikationen nicht gerade hoffiert… ;-)

    Gruß Micayon

  18. Danke Mikayon! :-) Was das „Kunstvolle“ an Sloterdijks Sprache angeht, (das einem auch auf die Nerven gehen kann, ja!) fand ich DIESES Buch nicht so überzogen wie z.B. „Schäume“, wo ich vor lauter Sprachschaum bald ausgestiegen bin.

    „Einen Feldzug mit Schwerpunkt gegen Religionen oder sog. Religiosität zu führen, wo der Zeitgeist diesen Windmühlen doch längst die Flügel bis auf ein paar kurze Stummel abgefressen hat, kann ich auch nicht so recht nachvollziehen.“

    Mir dagegen fällt durchaus unangenehm auf, wie der „Zeitgeist“ im neuen Jahrtausend die traditionellen Religionen wieder auf alte Sockel heben will und insbesondere die Evolutionstheorie wieder zugunsten des wörtlichen Bibel-Verständnisses oder einem „intelligenten Designer“ abgestritten wird. Dazu finden sich mittlerweile auch auf deutsch immer mehr Seiten im Web, die ich wirklich gruslig finde und hier lieber nicht verlinke (sondern lieber das hier: http://www.heise.de/tp/r4/artikel/21/21648/1.html)

    Ich hätte nicht gedacht, dass es da nochmal einen Rückschritt geben kann – aber weit gefehlt! In unsicheren Zeiten feiert der alte himmlische Rauschebart offenbar ein Comeback als innerer Halt – und zwar zu meinem Erschrecken in der allerbanalsten Version eines „Kinderglaubens“, der alles wörtlich nimmt, was in der Bibel steht.

    Von daher erschien mir Sloterdijks Einleitung „Ein Gespenst geht um in Europa…“ gar nicht übertrieben!

  19. Hallo Claudia.

    dass Sloterdijk ein hervorstechendes Sprachvermögen hat ist unbestritten. Aber ihn zu DEM Philosophen unserer Zeit zu stilisieren birgt Gefahr. Mir waren schon seine „Regeln für den Menschenpark“, publiziert in der Zeit, reichlich suspekt, faschistoid brahmanabaririsierend vom „Übermenschen“.

    In einer Zeit die zunehmend in eine medial gesteuerte Demokratie übergeht, hinter deren Maske sich ein Businessfaschismus verbirgt, wo steht da der Fernsehphilosoph Sloterdijk?

    In einem lesenswerten Artikel beim Freitag,
    http://www.freitag.de/datenbank/freitag/2009/26/demokratie-partizipation-wahlrecht/print
    wird auch Sloterdijk zitiert:

    „Mit Hilfe des Mehrheitswahlrechts soll es kleinen linken Parteien noch schwerer gemacht werden, die parlamentarische Bühne überhaupt zu betreten. Peter Sloterdijk denunziert sie gar als den „Anfang vom Ende der Demokratie“, weil sie „den Prozess der Regierungsbildung erschweren“.“

    Es ist also nicht ein Wirtschaftsystem, das Mensch und Erde immer mehr zur totalen Ausbeutung überführt, das die Demokratie in Gefahr bringt, es sind die kleinen Parteien?

    Und das in einem Parlament, das sich gegenüber der Finanzelite selbst entmachtet hat, weil 90% der Abgeordneten einer neoliberalen Einheitspartei angehören?

    Welches Gespenst ist da eigentlich zurückgekehrt?

  20. @vega: mit „DER Philosoph“ meine ich, dass er eben in Erscheinung tritt und sich einmischt, dass er allgemein viel bemerkt wird, dass er originelle Gedanken hat und sich zunehmend engagiert äußert – und nicht bloß im akademischen Betrieb seine Runden dreht, immer dasselbe widerkäut und ab und an einen Aufsatz in fürs breite Publikum irrelevanten Medien veröffentlicht, wie die meisten „Kathederphilosophen“. Ansonsten fällt mir da nur noch Habermas ein, doch ist dessen große Zeit ja nun langsam vorbei.

    Der „Menschenpark“ wird/wurde ja nicht von Sloterdijk voran getrieben, sondern von Wissenschaftlern und interessierten Eltern in Spe, die gerne planenden Zugriff auf die genetische Ausstattung ihrer Kinder hätten. Und WENN es ihn gibt, den Menschenpark, dann sollte es doch zumindest REGELN für ihn geben – oder?

    Was die von dir zitierte Äußerung zu kleinen Parteien angeht (deren erste Hälfte vom Freitag und nicht von Sloterdijk stammt): Das ist keine philosophische, sondern eine politische Äußerung – und natürlich darf Sloterdijk da Meinungen haben, auch solche, die ich nicht teile. (Dass die Regierungsbildung durch kleine Parteien nicht erleichtert wird, sehe ich auch so, wähle sie aber trotzdem.)

  21. Ist anthropozentrisches Denken die Ursache der Naturzerstörung?

    Wir leben in einer Zeit der Umweltkrise. Nur wenige meinen, sie sei lediglich ein ideologisches Phänomen, sei Ausdruck von Ängsten anderer Herkunft, z. B. auf irgendwelche soziale Verwerfungen zurückzuführen, oder sie sei nur von interessierter Seite h…

  22. How can Sloterdijk invite people to change their lives when they conditions of change are removed in terms of a modern view of human nature and world view? Perhaps a Christian alternative should not be taken too seriously?

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