Claudia am 24. Mai 2009 — 11 Kommentare

Von jetzt auf gleich: Behindert und pflegebedürftig

Dass es unter Umständen sehr schnell gehen kann, zu einer weitgehend hilflosen, pflegebedürftigen Person zu werden, musste ich gestern schmerzlich erleben. Auf dem Weg vom Garten nach hause, den ich wie immer mit dem Fahrrad zurück legte, rutschte ich auf einer Straßenbahnschiene aus und landete wuchtig auf dem Pflaster.

Ein paar Momente lang war ich von Schmerzen wie benebelt, registrierte nur am Rande die hilfreich herbei geeilten Friedrichshainer, die mir wieder auf halfen. „Geht schon wieder, alles ok!“, konnte ich noch murmeln, nachdem ich mich wieder aufgerappelt hatte und spürte, dass mir zwar alles weh tat, aber offenbar nichts gebrochen war. Noch während ich auf den Boden lag, realisierte ich mit Schrecken, dass hinter mir ja eigentlich das nächste Auto sein könnte – doch dem war nicht so, welch ein Glück!

Oberflächlich hatte ich nur eine „Kinderwunde“ davon getragen: aufgeschürfte Knie, durch die Klamotten hindurch. Doch das Laufen geriet äußerst schmerzhaft, ich bestieg also das Rad wieder und schaffte es, bis nach Hause zu fahren, dort die Treppen hoch zu kommen und dann humpelnd das Essen zu bereiten, wobei mein Liebster mir half.

Momentaufnahme: Ans Bett gefesselt

Heute morgen jedoch erwachte ich und meinte, mich gar nicht mehr rühren zu können. Das linke Knie angeschwollen, jede Bewegung der reinste Horror. Was jetzt? Vorausschauend hatte ich mir abends das Handy neben das Bett gelegt, um im Fall des Falles nicht ganz aufgeschmissen zu sein. Erstmal blieb ich jedoch einfach liegen und ließ die Situation auf mich wirken: ich bin allein, liege im Bett und kann mich nicht aus eigener Kraft erheben. SO ist es also, behindert und pflegebedürftig zu sein, angewiesen auf andere, die vielleicht kommen, mir einen Kaffee machen, mich waschen, mir aufs Klo helfen.

Es ist ja nicht ganz unwahrscheinlich, die letzte Zeit des Lebens so zubringen zu müssen. Wie würde ich das verkraften? Wie lebt man „vom Bett aus“?  Im Grunde müsste – um mal das Optimum zu benennen – dauernd jemand da sein, der Hilfe leistet, wenn ich irgend etwas brauche.  Was würde das kosten?

Meine Gedanken wanderten gänzlich ungewohnte Pfade, ich dachte meinen aktuellen Zustand weiter, scherte mich nicht um Institutionen und Gesetze, sondern setzte locker einen Mindestlohn von zehn Euro/Stunde (auf die Hand) an: 16 Stunden in zwei Schichten sind 160 Euro/Tag x 30 = 4800 Euro. Also unfinanzierbar, selbst ohne Nachtwache! Mit einem Mal war mir das Pflegedilemma hautnah präsent:  Na klar, sowas ist nur in den viel gefürchteten Pflegeheimen halbwegs organisierbar. Und dass bei der zunehmend gewünschten ambulanten Pflege die Leute viele Stunden in Windeln zubringen, ist auch nicht verwunderlich. Wir sind nun mal stoffwechselnde Wesen…

Internet im Bett?

Gruslig, das alles! Ich tröstete mich damit, dass es ja noch nicht wirklich soweit ist. Ein geschwollenes Knie bessert sich auch wieder, ein paar Prellungen und Zerrungen machen noch keine Pflegebedürftigkeit. Sehr, sehr langsam schaffte ich es, mich aus dem Bett zu wälzen, zunächst auf allen Vieren die Beweglichkeit zu testen, um dann langsam und auf ein Schränkchen abgestützt, die Vertikale wieder zu gewinnen. Warum hab‘ ich keine Krücken für den Notfall, verdammt! Das wär jetzt das Richtige zur Entlastung des lädierten Knies. Vorsichtig humpelnd bewegte ich mich dann doch erfolgreich ins Bad, packte das Kaffee-Kochen in der Küche und sitze nun vor dem PC, meinem „Fenster zur Welt“.

Zumindest DAS muss in Zukunft zur Not auch vom Bett aus funktionieren – man weiß ja nie!  Ein Netbook oder kleiner Notebook, dazu das passende Beistellmöbel mit Schwenkarm und kippbarem Tablett, so dass ich das Gerät immer in der richtigen Position halten kann, egal, wie ich gerade liege. Dann kann ich surfen, schreiben, kommunizieren, Webseiten bauen – und nicht mal Windeln würden mich dabei behindern!

Diskussion

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11 Kommentare zu „Von jetzt auf gleich: Behindert und pflegebedürftig“.

  1. Behinderung bedeutet nicht zwangsläufig nur nicht mehr gehen können, aufgrund von Lähmung oder einer Muskelerkrankung können auch die Arme betroffen sein, oder man kann nicht mehr sehen oder hören, und dann wirds echt schwierig mit Internet und Kommunikation mit anderen.

  2. Solche Momente sind gut dafür geeignet, eine derartige Entwicklung auch zu regeln – für den Fall, das sie eintritt (unabhängig vom Alter). Vorsorgeverfügungen, Vollmachten und sofern noch möglich, der Aufbau eines finanziellen Polsters.
    Mir kommen derartige Gedanken immer dann, wenn mich mein Rücken mal wieder ausser Gefecht setzt. Einiges habe ich geregelt, aber ich habe noch kein Internet im Schlafzimmer. Müßte mal WLan einrichten.

  3. Ich wünsche gute Besserung und eine intakte Internet-Verbindung bis zur letzten Lebensminute!

  4. @Inga:  selbst dafür gibts technische Möglichkeiten, denk mal an Hawkins!

    @Sysiphos: ja, so empfinde ich das auch und fühle mich entsprechend motiviert.

    @Sammelmappe: danke!!!!!!!!!!!!!!!!! :-)

    Zum Glück gehts heut‘ schon wieder viel besser!

  5. Hallo Claudia,

    gute Besserung wünsche ich Dir herzlichst!
    Dein Artikel trifft ins Schwarze und sollte jede(n) dazu anregen, sich über die Gestaltung des eigenen Lebensraumes unter dem Gesichtspunkt eines autonomen Lebens bis ins hohe Alter (samt möglicher Gebrechlickeit und Demenz) Gedanken zu machen.
    Nur – welche technischen Möglichkeiten es auch immer gibt: einmal sind sie für viele kaum bezahlbar (ich denke da weniger an den Herrn Hawkins als an die Frau Müller und den Herrn Maier aus dem 3.Stock), und das weder individuell noch gesellschatflich ; zum anderen setzen sie alle die Handhabbarkeit technischer Mittel (wie Inga Wocker oben schon anmerkte) durch die Pflegebedürftigen voraus. Am Ende gibt es nur eines, was immer funktionierte – die Anwesenheit anderer Menschen und deren Hilfsbereitschaft und -fähigkeit. Also im Grunde doch familiäre Lebensformen.

  6. Liebe Claudia,
    wie gut, dass kein Auto, keine Straßenbahn und kein Gerüpel kam! Eher hilfreiche Leute. Bin SEHR froh, dass es schon wieder besser geht!
    Sonia/Wildgans

  7. Hallo Claudia,
    habe gerade von Deinem Fahrradunfall gelesen und ich hoffe, daß es wieder besser geht. Und dann kommen auch noch solch schwierigen Aufgaben von mir – danke trotzdem. Erhole Dich gut und auf das Du bald wieder fit bist.

  8. Allen nochmal Danke für die Anteilnahme! Es ist erstaunlich, wie schnell sich sowas regeneriert – ich konnte schon zwei Tage später wieder weiter fahren. Glück gehabt! :-)

  9. hi Claudia, ja, was soll ich sagen, zunächst noch zu Deinem Fahrrad-Mißgeschick…ich würde diese Begebenheit als Tipp-Geber einordnen, als Hinweis darauf, etwas zu ändern oder zumindest eine ‚Temporeduzierung‘ ins Auge fassen.
    (Aber wenn ich mir anschaue, was du so ‚machst‘, dann erübrigt sich mein Hinweis).
    Ich hatte vor fast 20 Jahren einen Unfall mit meinem PKW. Im Bericht der Polizei heisst es an einer Stelle: Unfallbeteiligter:Rubin, Peter (inzwischen verstorben)…
    das ist durchgestrichen und handschriftlich darüber ergänzt:“trifft nicht zu“. Und der hat RECHT. Ich bin durch den Rollstuhl auf neue Perspektiv-Winkel gestoßen. Meine Augenbewegungsmuster haben sich geändert. Von 190cm Stehhöhe auf 145cm Sitzhöhe innert einer Minute, das ändert ALLES. Entdeckung meiner Langsamkeit, meiner Demut, meiner poetischen Sichtweise. KOMA, Nahtoderfahrung und eine lange Zeit in Krankenhäusern und Reha-Anstalten formten einen neuen Rubin, einen Edelstein (lächl)

    Leben ist Poesie. Atmen ist Leben. Das Universum meine Heimat. Und wenn Sie Zeit haben, dann kommen Sie doch am 2. Juli 2009 zu einer Ausstellung, die ich um 19.00h eröffnen werde, veranstaltet vom HTEAM e. V. München. Die ausstellenden Künstler sind alle ’schwer behindert‘ – das macht es so spannend. “Soziales trifft Kunst und Kultur“ – vielleicht haben Sie ja auch Zeit, Lust und Laune zu kommen. Wir würden uns sehr freuen. Damit ich nicht auf die Spam-Liste komme – der Eintritt ist frei.
    Mit poetischen Grüßen
    an die Glückgehabthabende
    Herzlichst, Peter Rubin
    Dichter dran

  10. Danke Peter! Ja, das ist eine heftige „Umformatierung“, die dir da zugestoßen ist – und wundervoll, wie du es fertig gebracht hast, daraus das Beste zu machen!! Sei herzlich bedankt für deine Beitrag und die Einladung. München ist allerdings für mich ein wenig weit.. :-))

  11. ja, danke Claudia, ein wenig weit? zu weit? Anyway, zur nächsten Lesung erhälst Du eine Einladung, das ist doch klar. Dem Buchstabenglück würde ich schon mal gerne in die blauen(?) Augen schauen…

    sonntägliche Grüße
    Peter Rubin
    Dichter dran

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