Claudia am 27. April 2009 — 8 Kommentare

Krise: Leben auf Kredit braucht Wachstum

Die Ursachen für die Finanz- und jetzt Wirtschaftskrise sehen viele Autoren recht unterschiedlich: gierige Banker, Deregulierung, neoliberaler Geist, Virtualität des Geldes (FiatMoney) – und natürlich die „Zinsknechtschaft“, das Geldsystem, das aufgrund des Zinsenszins alles zwangsläufig in den Untergang reiße.

Je öfter ich über all das nachdenke, desto eher komme ich auf vergleichsweise einfache Ideen: nämlich das Leben auf Kredit in Gesellschaften, deren Wirtschaft mit ihren schnellen Produktzyklen einen Überfluss erzeugt, den eigentlich niemand wirklich braucht. Weil die Produzenten ja nicht einfach aufhören können, wenn ihr Produkt „ok so“ ist, muss die nächste Version entwickelt und irgendwie in den Markt gedrückt werden, auch wenn es das „alte Ding“ noch immer gut tut. (Absurder Gipfel: z.B. Windows Vista, das nur mit der „Downgrade-Option“ auf XP verkäuflich ist).

Neue Autos, neue Küchengeräte, neue Möbel, der Zweit- und Dritt-Urlaub: „Kaufe jetzt, zahle später“ ist die erfolgreiche Methode, mit der ein Überkonsum ermöglicht wird, der gar nicht zustande käme, würden alle nur dann etwas kaufen, wenn sie genug dafür angespart hätten.

Wie wir wissen, haben die Amerikaner das Leben mit Schulden in ungeahnte Höhen getrieben, doch auch hierzulande wird allüberall „Finanzierung“ angeboten: in ganz normalen Prospekten fallen schon nur noch die Ratenzahlungspreise ins Auge, den Gesamtpreis muss man mit der Lupe suchen. Mit allen Mitteln soll die schöne bunte Produktwelt unters Volk gebracht werden, damit die Überproduktion weiter gehen kann.

Was aber bedeutet Kauf per KREDIT? Es ist eine Spekulation auf die Zukunft, die damit rechnen muss, über den gesamten Zeitraum der Abzahlung ein Einkommen zu erzielen, dass es auch ermöglicht, den Schuldendienst zu leisten. Einige Zeit klappt das auch bei einer Mehrheit der Kreditnehmer, so dass sich das Ganze trotz einiger Ausfälle für die Kreditgeber rechnet, schließlich werden ja enorme Zinsen eingenommen. Allerdings gibt es in diesem System keine Stopp-Marke: ein voll ausgestatteter Kreditnehmer darf nicht einfach AUFHÖREN, zu konsumieren, denn dann fänden die nächsten Produkte, die die Unternehmen ausspucken, keinen Absatz mehr. Es muss also immer MEHR Kredit unters Volk, das bereits den Konsum von vorgestern und gestern abzahlt (plus Zinsen!), was logischerweise nur mit einem fortwährend deutlich steigenden Einkommen möglich ist.

Da es aber kein linear ungestört verlaufendes Wachstum gibt, droht irgendwann der „Vertrauensverlust“: es wird auch dem eifrigsten Kaufe-jetzt-zahle-später-Menschen klar, dass all die Kredite niemals zurück bezahlt werden können, die an immer mehr Menschen ausgegeben wurden – auch an immer mehr solche, bei denen die „Spekulation auf künftige Einkommen“ vom Start weg eine Illusion war. Und wie wir wissen, gilt: wenig Schulden sind das Problem der Schuldner, VIELE Schulden ein Problem der Bank! Bzw. im noch größeren Maßstab dann eines der Wirtschaft im Ganzen.

Das „virtuelle Spielkasino“ der Finanzmärkte, das mittels „Verbriefungen“ und Weiterverkauf von Schulden alles dazu tat, die „Rückzahlungsillusion“ möglichst lange aufrecht zu erhalten, ist im Grunde eine Sumpfblüte auf den faulenden Gewässern der Überproduktion. Damit korrespondiert eine Kultur des „Hard Working“, die nichts anderes mehr als WERT anerkennt als den Status des Einzelnen im Getriebe von Produktion und Konsum.

Die Einsicht, dass solches Produzieren und Verbrauchen auf Teufel komm raus den Planeten plündert, wertvolle Ressourcen verschwendet und die Klimakatastrophe verschärft, hat kaum jemanden zu anderem Verhalten motiviert. Denn dieses „andere Verhalten“ führt ja erstmal nicht zu wirtschaftlichen Verbesserungen, sondern hat im Gegenteil die Tendenz, das Ganze erst richtig zum Krachen zu bringen: weniger Konsum, weniger Arbeit/Produktion, sparen anstatt Schulden aufnehmen ist das Ende einer auf Kredit basierenden Wirtschaft – und was dann bzw. statt dessen kommen soll, wissen wir einfach nicht.

Diskussion

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8 Kommentare zu „Krise: Leben auf Kredit braucht Wachstum“.

  1. Zum Verständnis der Mechanismen, denen wir die Wirtschaftskrise verdanken, ist der Artikel von Tomasz Konicz sehr hilfreich – ursächlich ist nämlich nicht, daß Wachstum durch Kredite finanziert wird, sondern daß Wachstum eine schlichte Notwendigkeit ist, ohne den das kapitalistische System kollabieren würde.
    Ich habe das mal zusammengefaßt.

  2. Hallo, ich glaube:
    – wir werden ALLE schon bald eine starke Absenkung unseres Lebensstandards hinnehmen müssen
    – ein „Ende“ der Krise ( müsste erstmal definiert werden ) werden wir Älteren nicht mehr erleben
    – die Welt wird zwar nicht untergehen, bis aber eine Neuordnung ( als Ergebnis der zu erwartenden Verteilungskämpfe ) erfolgt ist, werden zwanzig bis dreißig Jahre vergehen
    – das „Neue System“ wird entweder ein System völliger Unfreiheit sein oder ein System primitivsten Überlebens
    Wer noch eine Kreuzfahrt machen möchte, sollte sich beeilen.
    Gruß Hanskarl
     
     

  3. Hallo, nachdem ich meinen obigen Beitrag nochmal gelesen habe ( bitte entschuldigt Kreuzfahrt ohne „t“ ), meine ich einige Erläuterungen einfügen zu sollen.
     
    Erläuterung:
    – Lebensstandard: mehr Arbeitslose, weniger Steuern für den Staat, zu erwartendeVerschuldungsgrenze des Bundes bzw. der europäischen Staaten. Die Preise fallen, da die Produktionskapazitäten vorhanden sind, die Menschen sich aber bis zum äußersten einschränken und zurückhalten. Dies verstärkt die Finanzprobleme des Staates, verbunden mit der an und für sich vorhandenen Unfähigkeit der Politiker, das Geeignete zu tun – über das Finanz- und Wirtschaftsmodell nachzudenken.

    – Ende der Krise: darunter verstehen die meisten Menschen ein „weiter so wie bisher“ – was es aber nicht geben können wird. Die Krise ist eine „Verschuldungskrise“ ( Kettenbriefsystem ), es fehlt an Nachschuldnern. GeldWERT kann nur durch Arbeit ( Schaffung von Produkten im weitesten Sinne ) erzeugt werden, nicht aber durch FiatMoney. Geld arbeitet nicht, im Gegensatz zur Meinung der Banker.

    – Neuordnung: je nach Region sind weltweite mehr oder weniger blutige Verteilungskämpfe zu erwarten, die sich lange hinziehen werden.

    – Neues System: die „öffentliche Ordnung“ kann lokal begrenzt, mit hohem Aufwand, aufrecht erhalten werden und zwar nur unter äußerst weitgehender Eingrenzung der zu beschützenden Menschen ( Burg, Kloster ), außerhalb herrschen Chaos und Anarchie. In diesen Bereichen ist (Über-)Leben aber nur in einfachsten Strukturen möglich, da jeglicher Wohlstand sofort Diebstahl und Raub provozieren würde. Keines der Modelle wird sich weltweit durchsetzen können, wie dies beim Kapitalismus der Fall war, sie werden wohl regional nebeneinander existieren.

    Die „sieben fetten Jahre“ sind vorbei.

    Gruß Hanskarl
     
     
     

  4. Lieber Hanskarl,

    niemand weiß, wie es wirklich weiter geht – das geben sogar immer mehr Politiker und Experten zu.  Vorgestern sah ich ein langes, „gemütliches“ Interview mit Steinbrück, der recht glaubhaft vortrug, dass es echte Chancen auf eine sinnvolle internationale Zusammenarbeit gebe – anders als in früheren Krisen. Und zwar eben deshalb, weil es nicht aus „Moral“ so sei, sondern aus dem handfesten ökonomischen Interesse der weltweit vernetzten Beteiligten.

    Im übrigen liegt es doch auch immer an UNS, wie wir mit sinkendem Lebensstandard umgehen. Ich denke, die Menschen werden eben wieder mehr zusammen rücken und Solidarität üben müssen, so altmodisch das klingt. Und ganz allgemein will mir nicht in den Kopf, dass das Befinden so sehr vom Materiellen abhängen muss: man erinnere sich doch mal an die DDR: ein Teil der Ostalgie rührt doch von dem „wärmeren Miteinander“ her, dass angesichts immer prekärer Versorgung mit allem, was man so brauchte, zwischen den Menschen herrschte.

    Was das Geldsystem angeht, fehlen mir da wirklich die Meinungen ALLER Seiten. Ich finde es echt krass, wenn ich im Web in Artikeln und Kommentarstrecken lese, wie Leute das System der Geldschöpfung der Geschäfts- und Zentralbanken als „Verschwörung“ bewerten,  als „Geheimnis“, das jetzt in der Krise ans Licht käme! Oh Himmel, welche Blüte schreiender Unbildung! Wir hatten das ganz selbstverständlich in der 8. oder 9. Klasse im Sozialkundeunterricht. Dass ich diesen Autoren  ihre fast genüsslich vorgetragenen Untergangsszenarien nur sehr unter Vorbehalt abnehme, ist wohl verständlich!

    Viele Jahre meines Lebens hab ich mit ganz wenig Geld gelebt: mein GLÜCK war vom Besitz nie abhängig, sondern vom Verhältnis zu den Mitmenschen und dem, womit man sich so beschäftigte. Wir könnten m.E. auch mit einer Planwirtschaft auf niedrigem Niveau leben: dem Klima würde das immerhin nützen.

  5. Liebe Claudia,
    vielen Dank für Deine ausführliche Antwort. Ich weiß auch nicht, wo alles hinführt, daher schrieb ich ja „ich glaube“. Herr Steinbrück überzeugt nicht. Wo wären Kriege je per Vernunft vermieden worden? Es geht um Macht ( Erpressung: Steueroasen ) und man scheut vor eindeutigem Rechtsbruch ( Zumwinkel-CDs = Hehlerware ) nicht zurück.
    Gegen einen niedrigeren Lebensstandard hätte ich dann nichts einzuwenden, wenn er nur „die Reichen“ – also uns – treffen würde, eine Absenkung trifft jedoch ALLE, wie ich oben behauptet habe. Die am „unteren Ende“ ( Deine Brunnenkinder ) aber um ein vielfaches härter.
    Und die Sache mit dem „Klima“ ist auch noch weithin unklar. Es ist unklar ob eine Klimaerwärmung, wenn sie denn kommt, nicht vielen Menschen nützt, dadurch, daß weniger verhungern müssen!
    In diesem Sinne, warten wir es einfach mal ab.
    Vielen Dank für Deinen BLOG, ich lese Deine Gedanken immer wieder gern, auch wenn ich nicht zu allen Stellung nehme.
    Gruß Hanskarl
     
     

  6. @Hanskarl: Du täuschst dich aber heftig bezüglich der „Brunnenkinder“ in Kambodscha! Die sind von der Krise eher deutlich weniger betroffen als wir, denn ihr Lebensstandard war gar nicht erst gestiegen, kann also auch nicht groß fallen. Die Menschen in Tani leben von ihren Reisfeldern, ihren wenigen Kühen und einer Mini-Ökonomie, in der einer Zuckerohre schält, presst und das Getränk verkauft, der nächste Wasserpflanzen von einem See erntet und auf dem Markt verkauft: wo soll da Krise wirken?  Sie haben kein soziales Netz, keine Medizin, die sie sich leisten können – und also auch nicht viel zu verlieren.
    Dass wir gegen Liechtenstein oder Andorra Krieg führen werden, um die Steuerflüchtlinge zu kriegen, glaub ich auch nicht wirklich..

  7. Liebe Claudia,
    bezüglich der  „Brunnenkinder“ wirst Du sicher besserer Informationen erhalten, als ich. Und, aufrichtig, wie Du bist, sicher auch mal berichten ( in etwas 1…2 Jahren).
    “ Dass wir gegen Liechtenstein oder Andorra Krieg führen werden, um die Steuerflüchtlinge zu kriegen, glaub ich auch nicht wirklich..“ – ich wirklich auch nicht, aber ich habe das ja auch nicht gesagt, nicht war?
    Gruß Hanskarl
     
     

  8. Liebe Claudia
    Hanskarl sprach wohl von so etwas
    http://www.faz.net/s/Rub117C535CDF414415BB243B181B8B60AE/Doc~E8E06C33C6A4A46F48FE726A91BF3D192~ATpl~Ecommon~Scontent.html
    Sah darüber in einer Dokumentation, laut denen steigt die Selbstmordrate explosiv an.
     
    Aber sichau selber
     
    http://www.ardmediathek.de/ard/servlet/content/2062454
     
    Gruss
    roger

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