Claudia am 25. April 2009 — 12 Kommentare

Hospiz: Stirb schneller, Alter!

Unglaublich, heut bin ich auf einen kleinen Bericht im Gemeinsam leben Weblog gestoßen, der mir echt die Schuhe auszieht!

Ein Bekannter des Autors kam zum Sterben in ein Hospiz. Normalerweise denkt man ja: ein Glück für denjenigen! Da kann er in Ruhe und Frieden bei guter Pflege seine letzte Zeit verbringen – aber Pustekuchen, das finale Glück ist befristet, nämlich auf genau drei Monate:

„Nach 3 Monaten lebte er immer noch. Schon in den letzten Tagen seiner Frist wurde die Ausweisung betrieben – irgendwo anders hin, aber dort musste er raus. Ein hinzugezogener Arzt gab ihm noch eine Woche. Am nächsten morgen war er tot. Er hatte sein letztes Limit um einen Tag überzogen.“

Was wäre passiert, wenn er nun nicht gestorben wäre? Und: hätte er vielleicht noch ein paar Wochen länger gelebt, wenn es die Frist nicht gegeben hätte??

Diskussion

Kommentare abonnieren (RSS)
12 Kommentare zu „Hospiz: Stirb schneller, Alter!“.

  1. Mir ist nicht ganz klar, was dir hierbei die Schuhe auszieht?

    Daß ein Hospiz (also eine Einrichtung zur Sterbe-Begleitung) nicht dazu da ist, darin langfristig zu leben, dürfte doch wohl nicht das Problem darstellen. Ohne Ansehen des Falles denke ich, daß dieser Mann die drei Monate Leben unter anderem auch der Hospiz-Einrichtung zu verdanken hat. Dein letzter Satz müßte also eher lauten: Hätte er vielleicht nicht diesen drei Monate Leben gehabt, hätte es die Hospiz (mitsamt ihren ökonomischen und gesetzlichen Bedingungen) nicht gegeben.
    Die Frist ist gewollt, gesetzt und beschlossen.  Sie ist keine Willkür sondern Bestandteil einer gesetzlichen Formierung einer Gesellschaft, die menschliche Beziehungen zunehmend durch gesetzliche Regelungen und das Funktionieren sozialer Instanzen ersetzt. Das hat Vor- und  Nachteile. Meine Nachbarn schleifen mich nicht mehr auf den Scheiterhaufen, wenn ich mich anders verhalte, als sie es für richtig halten. Aber sie helfen mir halt auch nicht, wenn ihr Nichthandeln keinem Gesetz widerspricht.
    Ginge beides? Das eine verhindern, ohne das andere zu erzwingen?

  2. Na klar, man kann das rein technokratisch ansehen. Dann hat man kein Problem damit, einen Sterbenden nach Ablauf einer von den „Zwängen“ (für die ja niemand was kann) vorgegebenen Frist, wieder abzuschieben. So dass er (wie hier), es vielleicht vorzieht, schneller zu sterben. Der nächste, vielleicht ja durchaus sinnvolle und die Abläufe verbessernde Schritt wäre es dann, die geeigneten Mittel zum fristgerechten Ableben auf den Nachttisch zu stellen, wenn es soweit ist.  Mir wär das lieber, als nochmal  „umgelegt“ zu werden und erleben zu müssen, wie die Menschen um mich herum mich nur loswerden wollen.

  3. Es kann auch deutlicher und weniger genant ausgedrückt werden:
     
    Das einsame, technokratisch geregelte Sterben der Alten und Kranken
    ist der Preis
    für das jauchzende, freie und mobile Leben der Jungen und Gesunden.
     
    P.S.
    Vielleicht sollten sich mehr Menschen einmal mit den verschämt genervten Angehörigen in einem Altersheim unterhalten, wenn diese mehrere Stunden ihres freien Wochenendes brav und anstellig einem älteren Angehörigen opfern, oder gar dafür von weither angereist sind, was das ganze Wochenende kaputt macht.
    Originalton einer (durchaus sympathischen und ehrlich bekümmerten) Frau, deren Mutter ins Krankenhaus mußte: „Und natürlich wieder einmal mitten in unserem Urlaub!“

  4. Was SuMuze schreibt, ist nicht von der Hand zu weisen und das, ohne zynisch zu sein.  Wir haben uns als Gesellschaft leider in diese Richtung entwickelt – es passen die noch immer in der Theorie hochgehaltenen Werte nicht zur gelebten Wirklichkeit. Die Pflegeversicherung wurde ja auch gerade deshalb ins leben gerufen.
    Ein Jeder muß entscheiden, wie er das mit sich vereinbart – auch im Gedanken daran, wie es ihm einmal später gehen wird – vom Staat oder der Gesellschaft wird hier nichts zu erwarten sein (ausser ein radikaler Wandel würde stattfinden).
    P.S.: Der Link zu SuMuze geht leider ins Leere.

  5. Scusi, das mit dem Link ist ein Schreibfehler gewesen, es hatte sich ein bösartiges Komma in die URL eingeschlichen.

  6. Bei allen ehrenwerten Motiven bleibt ein Hospiz eine Einrichtung, die die Tabuisierung des Todes ermöglicht. Dahin kann man nämlich einen Angehörigen abschieben, den man nicht zuhause pflegen kann oder will. Das hat auch etwas mit „Entsorgung“ zu tun.

  7. Ich habe ein HOSPIZ bisher als eine Einrichtung verstanden, die sich wohltuend von Krankenhäusern und Pflegeheimen unterscheidet. Eben dadurch, dass nicht Kampf gegen die Krankheit/das Sterben oder Satt&Sauber-Pflege in aller Schnelle betrieben wird, sondern der Sterbende und seine Bedürfnisse im Mittelpunkt stehen.
    Nun, was hat ein Sterbender für Bedürfnisse? Da gibts vermutlich einiges auf persönlicher und spiritueller Ebene, aber DARUNTER liegen die basalen menschlichen Notwendigkeiten (Nahrung, Kleidung, ein Dach über dem Kopf), um die man sich als Sterbender gewiss zu allerletzt noch kümmern müssen will. Das ist die GRUNDLAGE, auf der alle „höheren Ansprüche“ erst wachsen können – m.E. auch für eine Einrichtung bzw. „Bewegung“ (es heißt ja oft „Hospiz-Bewegung“), die sich auf die Fahnen schreibt, GANZ ANDERS und viel mehr im Sinne des Sterbenden zu agieren.
    Wenn die BASIS nicht mal steht, kann auch nichts „Höheres“ wachsen.

  8. Im übrigen sehe ich keine ursächliche Verbindung zwischen einer menschenunwürdigen „letzten Phase“ und der gesellschaftlichen Entwicklung, die individuelle Pflege von Seiten Familienangehöriger (die oft genug alles andere als angenehm ist!) zunehmend verunmöglicht.
    Dass man einen Kranken zuhause pflegt und gelegentlich den Arzt ruft, hat sich doch ebenfalls Richtung Krankenhausaufenthalt entwickelt, der sowohl medizinische Betreuung als auch Versorgung/Plege umfasst.
    Warum sollte es dann also nicht möglich sein, auch die letzte Phase bis zum Ableben auf für den Sterbenden angenehme Art zu organisieren??

  9. Die Betreuung des Sterbens (i.e. die Phase nach dem Verzicht auf heilender oder wenistens konservierender Behandlung) ist dem erkärten Ziel nach (der Sterbende und seine Bedürfnisse [solle, S.S.] im Mittelpunkt stehen) nichts anderes als die Betreuung der Pflegebedürftigkeit (i.e. die Phase nach dem Versagen der eigenen Lebensressourcen). Noch in jedem Altersheim finden sich diese freundlichen Selbstverpflichtungen in hübschen Zetteln an der Wand, daß Zentrum der Pflege die zu Pflegenden und ihre Bedürfnisse sind. Eine Verpflichtung, die m.E. die Pflegenden immer noch sehr ernst nehmen. Ohne daß wäre das ganze System schon längst zusammen gebrochen.
    Beides geschieht auf der Basis bezahlter Pflege durch Fremde. Für die eine Allgemeinheit aufzukommen hat (mit Ausnahme der wenigen Selbstzahler, die sich in der Mehrheit aus dem Kreis von Beamtenwitwen/r des mindestens gehobenen Dienstes rekrutieren). Dieses erzwingt Wirtschaftlichkeit des Handelns. Womit der Kausalnexus zwischen Pflege und gesellschaftlicher Entwicklung angegeben ist. Die determinierende Variable dieser Art der Lebensgestaltung ist die Menge an Waren (Gerät, Lebensmittel, Arbeitszeit), die je Pflegenden wirtschaftlich zugebiligt werden kann. Die determinierte Variable ist die Menge und die Art der Zuwendung.
    Menschenwürdigkeit ist dabei akzidentelles Detail. Aufopfernde Mitarbeiter in  der Pflege und herausstechend kluge Organisation derselben, die Lücken und Chancen nutzt, so sie sich zufällig ergeben (in der Regel werden sie vom Gesetzgeber schnell geschlossen). Beides sind Glücksfälle, nicht systemisch bedingt. Die Kluft zwischen Pflegesätzen und Pflegestandrads und -leitbildern schließt sich stest durch Anpassung der Pflegewirklichkeit an das Kostenkorsett.
    Natürlich kann das anders gestaltet werden. Es kann entschieden werden, daß die Finanzierung der Pflege dem Bedarf an Pflege zu folgen habe. Dies wäre eine politische Entscheidung, keine ökonomische. Wie die Chancen solcher Entscheidung zu sehen sind, mag jede(r) selbst beurteilen.
    Ein Beispiel: da in Krankenhäusern die Behandlungen nicht mehr nach Verweildauer abgerechnet werden, sondern pauschal nach Vorgaben, die sich an Regelfällen je Diagnose orientieren, werden ältere Kranke oft entlassen, bevor sie wieder selbstständig leben können. Häufig müssen sie dann in Kurzzeitpflege in ein Altersheim gehen. Dieses bezahlt aber keine Pflegeversicherung und keine Krankenkasse. Ein herbes Erwachen oft für die finanziell dann heftigst in Anspruch genommenen Angehörigen (das summiert sich rasch zu Tausenden von Euros). Auf diese Weise werden Kostendämpfungen still und heimlich privat finanziert, da es jeweils Einzelne trifft und diese Regelung in den Medien fein säuberlich nicht behandelt wurde.

  10. Ach, in Deutschland darf man grundsätzlich GAR NICHT STERBEN. Das kostet nämlich für die Nachkommen ein kleines Vermögen. Sorry, aber ich hab gerade den Kamm sooo dick,  na ja, vielleicht Bestattungsunternehmer werden. Dieser Beruf stirbt nie. Hauptsache, das Gewissen bezahlt mit.

  11. @Ingolf: – sorry, aber von „Abschieben“ oder „Entsorgung“ kann keine Rede sein. Wenn Du schon mal einen Angehörigen in einem Hospiz gehabt hättest, würdest Du das ganz anders sehen.

  12. mhm WAS SOLL ICH SAGEN ICH SAG NIX OK?????

Was sagst Du dazu?

*) Pflichtfelder. E-Mail wird nicht veröffentlicht