Claudia am 28. März 2009 — 14 Kommentare

Vom guten Leben und der Möglichkeit, glücklich zu sein

So ein Titel in diesen Krisenzeiten? Während die Untergangspropheten verschiedenster Coleur mit zunehmendem Erfolg um Aufmerksamkeit buhlen und viele Menschen fürchten, arbeitslos zu werden oder es bereits sind?

Ja, gerade dann gibt es mehr Grund als sonst, sich zu besinnen und darauf zu schauen, was „ein gutes Leben“ eigentlich ist und was es braucht, um glücklich zu sein.

Angesichts der unglücklichen, deprimierten, frustrierten und verzweifelten Menschen, die wohl jeder von uns im Laufe seines Lebens schon kennen gelernt hat, sollte eigentlich bekannt sein, dass man auch inmitten äußerer Fettlebe und gesicherter Rahmenbedingungen sehr viel Leid empfinden kann. Warum sonst bringen sich Menschen um, die weder arbeitslos noch arm sind? Warum verfallen viele dem Suff, wenn doch von außen gesehen alles Paletti ist: Job, Besitz, Status, Familie – alles ok?

Ich weiß, wovon ich rede, denn ich war selber schon in Situationen, in denen ich keine Perspektiven mehr sah und vollkommen verzweifelt daran dachte, aus dem Leben zu scheiden – oder wahlweise einen kleinen Amok-Lauf hinzulegen. Und das ohne echte Sorgen um mein Auskommen, meine Bleibe, meine konkreten Umstände.

Warum zum Teufel gehen also so viele davon aus, dass es einen Automatismus gäbe zwischen vorhandenen Sicherheiten und Besitzständen bzw. deren Verlust und dem Grad des Leidens oder Nichtleidens, der damit einher geht? Geld macht nicht glücklich, aber es beruhigt, sagt der Volksmund – und das stimmt, doch hat diese „Beruhigung“ wie alles auf der Welt zwei Seiten: einerseits die angenehme, sorgenfrei leben zu können, andrerseits den einschläfernden Aspekt, der dazu drängt, in Gewohnheiten und Routinen zu erstarren, nichts mehr zu wagen, was den Bestand gefährden könnte und so letztlich viel Lebendigkeit zu verlieren.

Der Mythos „Realität“

Da gibt es die Augenöffner, die dem verängstigten Volk jetzt deutlich sagen wollen, wie die „wahre Wirklichkeit“ aussieht (und dabei doch nur IHREN subjektiven, meist extrem schwarzmalerischen Blickwinkel verbreiten). Was ist denn „die Wahrheit“? Verrückterweise verweisen auch Menschen, die ansonsten dem Bewusstsein alle Prioritäten einräumen, nun auf die „objektiven“ Horror-Szenarien und deren Allgemeinverbindlichkeit. Als gäbe es eine allen gemeinsame Bewertung äußerer Bedingungen und ein darauf basierendes allgemein „angesagtes“ Befinden – so nach dem Motto: wer noch nicht in Angst und Verzweiflung gerät, verdrängt die Wirklichkeit und ist blind für das, was stattfindet.

WELCHE Wirklichkeit?

Wirklich wahr ist für mich das, was in den Fokus meiner Aufmerksamkeit gelangt. Mit diesem Fokus verhält es sich aber wie mit einem Fernrohr, das den nächtlichen Himmel abtastet: der Himmel ist unendlich viel größer als der Ausschnitt, den ich zufällig oder absichtlich in den Blick nehme!

Jetzt sitze ich – wie so oft – vor meinem Monitor in Berlin-Friedrichshain und habe die Wahl, welchen Aspekt meiner multidimensionalen Wirklichkeit ich anschaue. Als da ist:

  • die allgemeine Wirtschaftslage / Finanzkrise etc.,
  • die vielen anderen Interessen-Szenen, in die ich schauen kann,
  • mein konkretes Leben in dieser Wohnung und in Friedrichshain,
  • meine liebevollen und freundschaftlichen Beziehungen zu Mitmenschen,
  • all meine körperlichen Verfallserscheinungen und Zipperlein, die verschiedene „Krankheiten zum Tode“ wahrscheinlich machen,
  • mein körperliches Wohlbefinden, die Freude weitgehender Schmerzfreiheit und problemlosen Atmens, die noch vorhandene Bewegungsfähigkeit,
  • der unausweichliche Tod, den ich ab ca. 40 als persönlichen Tod erkannte,
  • der blaue Himmel draußen, die Sonne, die Erde, der Garten, den ich mit dem Fahrrad binnen 20 Minuten anfahren kann,
  • die Schwärze und unendliche Weite des Universum, in dem wir NICHTS sind und aus dem jederzeit ein Brocken auf uns fallen kann, der allem ein Ende macht,
  • die Klimakatastrophe mit ihren möglichen Entwicklungen, das Ende der Menschheit, die sowieso keine Ewigkeitsperspektive hat,
  • allerlei Kriegs-Szenarien, die sich aus dem, was bereits ist, alsbald entwickeln könnten,

und, und, und: mein aufgeräumtes Zimmer, der Netzanschluss, das Konto, derzeit glücklicherweise im Plus. Und schließlich DAS GROSSE WUNDER, dass alles so ist, wie es gerade ist.

Ein Verharren in Angst und Verzweiflung, Depression und Frustration sind nur im Festhalten an EINEM dieser Aspekte möglich: Wenn mein Konto ins Minus driftet und ich nur noch daran denke, welche Gefahr das bedeutet und gar kein Bewusstsein mehr dafür habe, wie schön es ist, dass gleich ein lieber Freund vorbei kommt, mit dem ich ein paar schöne Stunden verbringen werde.

Oder ich könnte das Gefühl im linken Vorderzahn wählen und nur noch an die Schrecklichkeiten der Bauarbeiten denken, die hier bald fällig sind. Vielleicht auch daran, dass es unmöglich werden könnte, mir noch teuren Zahnersatz zu leisten, wenn es mit der Krise so weiter geht. Ich könnte auch über die seit Jahren spürbaren Defizite am Bewegungsapparat und den Nervenbahnen klagen, die es mir mittlerweile unmöglich machen, noch länger als 20 Minuten schmerzfrei zu gehen. Oder ich mache ein paar Yoga-Übungen und freue mich über das tolle Gefühl und die noch vorhandene Flexibilität, über den trotz Rauchen noch recht frei fließenden Atem….

Ich wünsche mir, im Stande zu sein, noch während des Sterbens das Wechselspiel zwischen Licht und Schatten und eine Berührung zu genießen – und nach allem, was ich bisher vom Leben weiß, ist das durchaus möglich!

Krise? Na klar ist die real, aber eben nur eine Realität unter so vielen, zwischen denen ich wählen kann. Und wer jetzt meint, das sei bloße „Verdrängung“, dem antworte ich, dass es nur zwei Möglichkeiten gibt, wie etwas in den Fokus der Aufmerksamkeit gelangt: unbewusst und von außen angestoßen – oder bewusst und selbst gewählt.

Letzteres ist für mein Empfinden die einzige „Befreiung“, die man in diesem Leben erringen kann. Ich gebe nicht vor, darin perfekt zu sein, aber ich arbeite dran! :-)

Diskussion

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14 Kommentare zu „Vom guten Leben und der Möglichkeit, glücklich zu sein“.

  1. DU sprichst mir aus dem Herzen! Danke für deinen Beitrag.. freue mich immer, wenn mir etwas anderes als Schwarzmalerei unter die Augen kommt :)
    Grüße dich aus Schöneberg.

  2. Liebe Claudia,
    das ist ein sehr guter, wie ich finde, wahrer Beitrag!
    Nach Jahrenzehnten voranschreitenden materialistischen Denkens, sind wir oft in eindimensionalen Mustern gefangen. Das hast Du in Deinem Beitrag entlarvt. Es wird immer wichtiger, sich den medial gepredigten populären Weltsichten im Eigenen und Persönlichen entgegenzustellen.
    Vielen Dank daür. Liebe Grüße!

  3. Hallo Claudia,
    als Dankeschön für den gelungenen Aufsatz:
    Die Welt, die fremde, lohnt mit Kränkung,
    was sich, umwerbend, ihr gesellt.
    Das Haus, die Heimat, die Beschränkung,
    die sind das Glück und sind die Welt. ( Theodor Fontane )
    Gruß Hanskarl

  4. Ja Claudia, es hat mich berührt. Es kommt mir einfach vieles bekannt vor und ich weiß wie schwer es ist wenn man am Boden liegt, nichts mehr tiefer geht. Aufgeben ist da relativ einfach. Sich emporziehen verdammt schwer. Ich musste es schon einige Male und bin gerade wieder dabei.

  5. wieder mal ein wunderbarer beitrag… vielen dank dafür.

  6. .

  7. Liebe Claudia,
    das Leben bietet unendlich viel Facetten. Es liegt an jedem selbst wie glücklich oder unglücklich er ist denn Glück kommt durch einem selbst. Was nutzt es einem Menschen „situationsbedingt  „Schwarz“ zu sehen? Ich meine es hat was mit „geistiger Hygiene“ auf sich. Mein Leben besteht ebenso auch aus sehr glücklichen Momenten. Es sind ganz einfache Dinge, die nichts kosten, die einfach da sind. Es soll ebenso Menschen geben die nie glücklich sein können. Die „sich gedanklich“ so negativ gepolt haben, dass sie alles nur noch Schwarz sehen. Focussiert und verkrampft in negativ Gedanken zu verweilen und vor lauter negativ Gedanken den „schönen Wald“ nicht mehr sehen zu können, ist traurig und wäre m. E. der Tot.  Personen, Besitztümer ect. als alleiniges eigenes Glück zu betrachten ebenso. Leben ist  immer „unsicher“ . Der Mensch kann nicht alles absichern. Für mich ist Leben „fließend“, alles verändert sich in jedem Moment.

    Jede Münze hat bekanntlich auch eine Kehrseite. Ich mache MEIN GLÜCK nicht allein „von Aussen“ abhängig. Erstens kommt es anders, und Zweitens als man denkt.   

  8. Ups, sorry, das sagt Yona und nicht Anonymus. Hab meinen Namen vergessen einzutragen………. lachhh

  9. ja….dem kann man gar nix mehr hinzufügen, lieben gruss s.

  10. Ein guter, konstruktiver und mutmachender Beitrag. 
    Wozu Schreiben alles gut sein kann!
     

  11. heute nacht hat nordkorea eine rakete über japan abgeschossen. ich glaube die unsicherheit auf der welt und in uns selbst wird noch zunehmen. man kann sich dem nicht entziehen. die zeiten werden immer unsicherer.

  12. @shibumi: und unwiefern betrifft Koreas Rakententest nun ganz konkret dein Gefühl innerer Sicherheit bzw. Unsicherheit? Dem nachzusinnen, halte ich für lohnensert. Denn wenn man deine Worte verallgemeinert, müssten wir alle fortwährend in tiefer Sorge sein, denn die Nachrichtenlage bietet Tag für Tag jede Menge Übles und vielerlei Gefahren, die sich in Richtung ganz mieser Zukünfte entwickeln könnten. Vergleichbare Berichterstattung über Positives gibt es fast gar nicht, denn das hat kaum einen „Nachrichtenwert“.
    Und WAS genau ist „innere Sicherheit“? Wir wissen alle, dass wir sterblich sind – kann es da überhaupt so etwas wie innere Sicherheit jenseits des Wachschlafs geben?

  13. Habe gerade eine private schwierige Situation. Dein Beitrag lässt mich wieder die Dinge anders, besser sehen. Danke dafür!
    Lieben Gruß aus Rheinbach
    Christian

  14. Sehr geehrte Frau Klinger, dies hier ist ein toller Beitrag, wie ich finde.

    Für mich hängt das Thema „glücklich sein“ ganz eng damit zusammen, dass man seinen Sinn im Leben gefunden hat und umgekehrt. Damit meine ich, dass glückliche Menschen sich weniger mit dem Sinn des Lebens beschäftigen, weil sie sich erst gar nicht die Frage danach zu stellen.

    Ich selbst recherchiere und schreibe immer wieder zum Thema Sinn des Lebens, das mich nicht loslässt.

    Dabei bin ich zu dem Schluss gekommen, dass ein bewusstes Füllen des eigenen Lebens mit sinnvollen Dingen und Aufgaben glücklich macht und sich das Fokussieren auf die wichtigen Dinge im Leben (z. B. Engagement, Familie, Freunde und „sinnvolle“ Hobbies) zu einem glücklicheren Leben führen.

    Man kann sich aus meiner Sicht schon in die eine (unglücklich sein, resignieren) oder andere Richtung (bewusst an wertvollen und positiven Dingen orientieren) selbst entwicklen und somit glücklicher werden.

Was sagst Du dazu?

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