Claudia am 25. Februar 2009 — 3 Kommentare

Zehn Jahre Webdiary und die Scheu vor dem Blick zurück

Mein Verhältnis zu den virtuellen Spuren der Vergangenheit vergleiche ich gerne mit demjenigen zu den materiellen Dingen. So hoffe ich, der Ambivalenz auf die Spur zu kommen, die mich beim Blick auf zehn Jahre Digital Diary anwandelt.

Viele Menschen sammeln in schönen Truhen und Kästchen Gegenstände, an die sie sentimentale Erinnerungen knüpfen: Liebesbriefe aus lang vergangenen Beziehungen und Affären, verblichene Fotos alter Freunde und verstorbener Verwandter, kleine Geschenke und Mitbringsel, abgelegten Schmuck, manchmal gar noch Poesiealben aus der Schulzeit. Geht so eine „Schatztruhe“ mal verloren, wird das als schmerzlicher, unwiederbringlicher Verlust empfunden, fast so, als sei ein Teil der Person verstorben, die an diesen Erinnerungen hängt.

Keinen Ballast ansammeln

Dass ich diese Art Festhalten am Vergangenen im Reich der physischen Dinge kaum mitmache, kommt einerseits von den vielen Umzügen während der 80ger Jahre: Öfter mal von einem besetzten Haus ins nächste zu ziehen bewegte mich, den materiellen Besitz möglichst klein zu halten. Ich trennte mich von umfangreichen Bücherregalen, verschenkte fast alle Bücher, und mistete bei der Gelegenheit auch die sentimentalen Überbleibsel vergangener Zeiten aus. Schließlich hätte es ja doch sein können, dass mal ein Haus polizeilich geräumt würde: dann wollte ich nicht noch zusätzlich zu allem Ärger emotional von Verlusten getroffen werden, wenn etwa sämtliche Habe der Geräumten in einem dreckigen Müllcontainer landete.

Ein weiterer Grund, mich von „nutzlosen“ Erinnerungen zu trennen, war, dass ich es gar nicht mochte, mich in sentimentale Gedanken an „früher“ zu versenken. Lange Zeit hatte ich zum Beispiel alte Liebesbriefe aufgehoben: wenn ich da mal rein schaute, empfand ich fast nichts, sondern wunderte mich nur, wie wichtig ich früher doch Probleme genommen hatte, die mir zum Zeitpunkt des Nachlesens ganz fremd geworden waren. Im Grunde hatte ich all diese Dinge nur aufgehoben, weil „man“ das so machte und das Wegwerfen als eine Art Affront gegen das Erlebte erschien – das aber lag mir ebenfalls fern.

Der Entschluss, doch auszumisten und nichts mehr anzusammeln, war erleichternd: eine bewusste Entscheidung für die Zukunft, die mir ein Gefühl der Stärke gab. Ich wollte vermeiden, im vorgerückten Alter so eine komische alte Dame zu werden, die nur noch in der Vergangenheit lebt und den spärlichen Besuchern ihre Fotos und Nippes-Sachen von früher aufdrängt, begleitet von Geschichten, die niemanden außer ihr interessieren, während der Gast höflich ein Gähnen unterdrückt. Oh nein, mit mir nicht!

Virtuelle Ansammlungen

Bereut habe ich das bis heute nicht. Es gibt noch einen einzigen alten Ordner mit Familienfotos, zu dem schon über 25 Jahre nichts hinzu kommt. Alte Texte, Briefe, Geschenke und andere Werke sind dagegen weg. Doch noch während ich mich gelegentlich über die Freiheit vom Ballast der Vergangenheit freute, wuchs bereits ein anderer, unsichtbarer Berg verschiedenster Materialien. Seit 1991 besaß ich einen „persönlichen Computer“, dessen Festplatte sich langsam aber sicher füllte – und wer löscht schon, was kaum je sinnlich als „Menge“ erfahrbar wird? Die Festplatten wuchsen ja mit, ich kopierte die historisch gewachsene Struktur jeweils auf das neue Equipment und machte mir keine Gedanken um „Ballast“, den ich gar nicht spürte.

erste Webseite: Menschenstimmen aus Nirgendwo

1996 dann die erste Webseite: „Menschenstimmen – Texte aus Nirgendwo“, mein Beitrag zum ersten Internet-Literaturwettbewerb der ZEIT, der die Frage stellte, ob es so etwas wie eine „Internet-Literatur“ oder „Internet-Kunst“ geben könne. (Mengenbegrenzung der Beiträge: 60 KB!) Das noch sehr kleine Web bestand damals im Wesentlichen aus Universitätsseiten und ein paar spielerischen ersten „Homepages“. Niemand wusste, wozu das Ganze mal gut sein könnte, doch war es ein faszinierender Abenteuerspielplatz, in dem sich ein buntes Völkchen versammelte, das sich als Entdecker neuer Welten fühlte. Und auch ich war nun „endlich drin“!

Seitdem wächst der Umfang der Festplatten: das meiste ist noch das, was ich seither als Text oder in HTML verfasste.  Der Start des Digital Diary 1999 verdankte sich meiner Müdigkeit, immer neue Projekte zu bewerben: Die klassischen, magazinartigen Strukturen meiner früheren „Cyberzines“ erforderten Neustarts oder größere Umbauten, wenn ich neue Themen angehen wollte. Das chronologische Schreiben in Tagebuchform erschien als Lösung, auch sollte mich der eigene Name als Domain vor womöglich drohenden Auseinandersetzungen um Projektnamen schützen.

Digital Diary: etwas, das bleibt, wie es war

Nun könnte ich also immer mal nachlesen, was so los war in den letzten zehn Jahren. Im ersten Diary-Halbjahr begann zum Beispiel der Kosovo-Krieg – und ich zog nach Gottesgabe bei Schwerin, um meinen Traum vom Leben auf dem Land wahr zu machen. Es war großartig, als mittlerweile selbständige Webworkerin einfach den Ort wechseln zu können und ich nutzte das Diary, um mein Leben im physischen Umfeld und im „ortlosen Ort“ des Netzes zu reflektieren. Es war damals noch im alten „Frameset-Stil“ gehalten,  zu Anfang sogar noch mit mehreren Beiträgen pro Seite, die nur durch die „Rahmen“ mit der entsprechenden Navigation einzeln angezeigt wurden (deshalb sind im Gesamtinhaltsverzeichnis die frühen Beiträge „ohne Drumrum“ verlinkt).

Ich habe nie etwas verändert, etwa die alten Beiträge in die später genutzten neueren Macharten überführt oder partielle Geschichtsklitterung betrieben. Es steht alles noch genauso da wie immer – und optisch sieht es auch noch fast genauso aus. Dass die Projekte meiner Mitspieler der frühen Jahre zunehmend vom großen Verschwinden ergriffen wurden, motivierte mich, dem etwas Bleibendes entgegen zu setzen. Es war mir auch recht, dass die Seiten automatisch vom Web-Archiv gespeichert wurden, wenn auch unvollständig und nur manchmal im „korrekten“ Frame-Zusammenhang. Vielleicht bewegt mich da ja die menschliche Sehnsucht nach Unsterblichkeit – zumindest in den Weiten des Netzes.

Allerdings: es reicht mir, dass es DA ist. Nahezu nie lese ich in den alten Beiträgen. Und wenn doch, wenn ich mal etwas suche, dann bin ich eher irritiert: Was, das hab‘ ICH geschrieben?? Und fühle mich mir selber ein bisschen fremd.

Diskussion

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3 Kommentare zu „Zehn Jahre Webdiary und die Scheu vor dem Blick zurück“.

  1. Ich versuche mich schon die ganze Zeit zu erinnern, wann ich zum ersten Mal auf einer deiner Webseiten war, aber ganz genau kann ich das nicht sagen. 1999 kommt aber ungefähr hin.
    Ich weiß nur noch, dass du sehr mit dem HTML gekämpft hast. Oder das beste daraus herausgeholt.

  2. Liebe Claudia, obwohl dieser Eintrag vom 25.02. ist, müsste es der richtige Platz sein, um mit meinem Kommentar (nach langer, langer Zeit mal wieder) einer der ersten Gratulanten zu sein: Alles Gute zum 10-jährigen! 10 Jahre sind eigentlich nichts, im Internet jedoch eine Ewigkeit. Schön, dass es mit dem Digital Diary darin eine Konstante gibt. Auf in die nächste Dekade. (Bin gespannt, ob ich 2019 auch einer der ersten Gratulanten sein werde.). LG, Holger
     

  3. @Holger:  Als einen Anlass zum Beglückwünschen hab‘ ich das „Zehnjährige“ jetzt gar nicht so gesehen, irgendwie ist das Schreiben mir so normal wie laufen (was sag ich, normaler!) – und die Zeit vergeht ja auch von selbst. :-) Hab trotzdem herzlichen Dank, ich mach mich jetzt an die nächsten zehn Jahre…

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