Claudia am 27. Januar 2009 — 8 Kommentare

Finanzkrise: Krise eines Lebensstils

„Normalerweise wär hier eine Riesenhektik, der Laden würde brummen!“, sagte der Chef einer Spedition, die sonst in einem Containerhafen ankommende Güter weiter transportiert. Das tut sie jetzt immer noch, allerdings wegen der verminderten Warenströme bei weitem nicht mehr so viel. Entsprechend gemütlich geht es im Büro zu und ich denke mir: eigentlich ist das Arbeiten ohne diese extreme Hetze doch viel angenehmer – oder nicht?

SPIEGEL TV zeigte gestern Abend die Auswirkungen der Wirtschaftskrise anhand konkreter Beispiele einzelner Branchen. Darunter der Forstangestellte, der nächste Woche seinen Arbeitsplatz verliert, weil das Holz, dass er ansonsten aus den Wäldern holt, nicht mehr gekauft wird. Bisher lieferte man vor allem in die USA. Nun sei dieser Rohstoff nichts mehr wert, hieß es. Kurz zuvor hatte ich allerdings eine andere Sendung gesehen, in der eine Gemeinde gezeigt wurde, die voll auf erneuerbare Energien setzt: in öffentlichen Gebäuden heizen sie mit Hackschnitzeln aus den Wäldern der Umgebung. Hier ist Holz schon noch etwas wert, auch mitten in der Krise.

Altpapier und sortierter Plastikmüll lässt sich nicht mehr absetzen, denn China kauft nichts mehr. Die Neuwagen stehen auf Halde und ob die „Abwrackprämie“ viele dazu bewegt, die großen, teuren Fahrzeuge der deutschen Autoindustrie zu erwerben, ist fraglich. Menschen mit genug Geld kaufen verstärkt Schmuck und Edelsteine – so als „give away“ im Fall des Falles, sagen sie. Und dass der Wert einer guten mechanischen Uhr nicht etwa verfällt, im Gegenteil. Zudem könne man sich an solchen Dingen mehr freuen als an einem Kontoauszug – recht haben sie.

Die Erde atmet auf

Der Strom der Waren und Abfälle hat allüberall abgenommen. Jedes Beispiel, das vorgeführt wird, zeigt einerseits das Problem derjenigen, die damit Geld verdienten – andrerseits fällt immer wieder auf, dass es sich oft um Dinge handelt, auf die ganz offensichtlich gut verzichtet werden kann. Ein Neuwagenkauf ist nicht wirklich wichtig, solange das alte Auto noch fährt. Man braucht nicht fortwährend neue Möbel und neuen Schnickschnack aller Art. Besonders beeindruckte mich die Rede des Forst-Angestellten, der seine Arbeit verliert und nun mit zwei Dritteln seines bisherigen Einkommens auskommen muss. „Ich will meinem Sohn doch etwas bieten, damit er später mal alles machen kann“, sagte er und die Kamera schwenkte auf das etwa dreijährige Kind, das nun auf zusätzliche Förderkurse verzichten muss. Dass sein Vater jetzt Zeit hat, Zeit, die er mit seinem Sohn verbringen könnte, wurde nicht erwähnt – offensichtlich ist das kein „Wert“, auf den es ankommt.

Weniger Warenproduktion, weniger Transporte, weniger Rohstoffverbrauch, weniger CO² – die Erde atmet auf. Die ganze Absurdität unseres Lebensstils im Überfluss wird deutlich: aus Angst vor einer schwierigen Zukunft besinnt man sich aufs Wesentliche und spart Unnötiges ein – tut also das, was aus Gründen des Umweltschutzes die EIGENTLICH lange schon sinnvolle Verhaltensweise gewesen wäre. LEIDEN ist mit dem Verzichten, wie es im Moment statt findet, hierzulande noch gar nicht so häufig verbunden – und doch erleben wir die Auswirkungen des gebremsten Umsatzes als Katastrophe. Gut geht’s uns offenbar nur, wenn alle vor Überlastung am Rande des Nervenzusammenbruchs arbeiten – da verdient dann auch der Gesundheits- und Wellnessbetrieb mit, der die Wirkungen des Raubbaus an der eigenen Arbeitskraft auszugleichen sucht.

Für mich ist das keine reine „Finanzkrise“, die zwangsläufig die Wirtschaftskrise nach sich zieht. Es ist eine Krise unseres ganzen Lebensstils, der darauf aufbaut, sämtliche Ressourcen „für nichts“ schnellstmöglich auf den Kopf zu hauen: für öfter mal was Neues, für Moden, Statussymbole und jede Menge Unterhaltung. Eben Dinge, auf die man leicht verzichtet, wenn auch nur ein klein wenig Angst aufkommt, dass morgen das Geld fürs wirklich Nötige nicht mehr reichen könnte.

Diskussion

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8 Kommentare zu „Finanzkrise: Krise eines Lebensstils“.

  1. […] SPIEGEL TV zeigte gestern Abend die Auswirkungen der Wirtschaftskrise anhand konkreter Beispiele einzelner Branchen. Darunter der Forstangestellte, der nächste Woche seinen Arbeitsplatz verliert, weil das Holz, dass er ansonsten aus den Wäldern holt, nicht mehr gekauft wird. Bisher lieferte man vor allem in die USA. Nun sei dieser Rohstoff nichts mehr wert, hieß es. Kurz zuvor hatte ich allerdings eine andere Sendung gesehen, in der eine Gemeinde gezeigt wurde, die voll auf erneuerbare Energien setzt: in öffentlichen Gebäuden heizen sie mit Hackschnitzeln aus den Wäldern der Umgebung. Hier ist Holz schon noch etwas wert, auch mitten in der Krise. mehr bei digital diary… […]

  2. Sehr guter Beitrag, da sprichst Du mir aus der Seele – insbesondere was diesen unseren auf Überfluss und Konsum und ständiges Wachstum ausgelegten Lebens- und Wirtschaftsstil angeht. Eigentlich sollte doch jedem klar sein, dass dies nicht ewig so weiter gehen kann – und dennoch versucht auch die Regierung den Konsum als erste Staatsbürgerpflicht anzupreisen…
    Übrigens, dieser Artikel hier aus dem NewScientist ist vielleicht in dem Zusammenhang auch interessant: „Wie unser Wirtschaftssystem die Erde tötet“
    http://konsumpf.de/?p=556

  3. Holz ist nicht gleich Holz. Holzhackschnitzel werden aus Restholz/Schwachholz gemacht. Ist eher ein Abfallprodukt. Die Zahl der Holzhackschnitzel-Heizungen ist auch überschaubar. Für eine Heizperiode kommen bei einem Zweifamilienhaus schon mal 100m³ Hackschnitzel zusammen. In einen Berliner Wohnhaus wären das 500m³ Zeug. Selbst bei monatlicher Anlieferung, ist der Platzbedarf enorm. Daher werden Hackschnitzel immer ine Nische bleiben.
    Keiner kauft Schmuck, Uhren und Diamenten wegen des Wertes. Man könnte kein schlechteres Geschäft machen.
     
     

  4. Endlich mal ein Beitrag zum Thema abseits des Mainstreams. Volle Zustimmung in allen Punkten : Der Markt ist seit jeher reguliert durch Angebot und Nachfrage. Gerade im Automobilbereich zeigt sich, dass seit Jahren am Markt vorbeiproduziert wurde (nein ich meine nicht wie so gerne genannt die Spritfresser, sondern einfach nur die Menge).
     
    Eigentlich müsste sich nur jede Firma gesundschrumpfen. Das tut natürlich weh (auch den Menschen die dann Ihre Arbeit verlieren), aber es ist ein nötiger Schritt. Es macht nun mal keinen Sinn mehr zu produzieren als später verkauft werden kann.
     
    Wenn 1000 kleine Betriebe je einen Mitarbeiter entlassen, weil die Arbeit fehlt, interessiert es – keinen (!), obwohl es teilweise 33 oder 50 % der Mitarbeiter sind. Wenn aber eine große Firma wen entlassen muss, werden alle Schutzschirme aufgespannt die zur Verfügung stehen.
     

  5. Es wird Zeit, dass es endlich mal dieses „P“= Stop gibt. Die Reichen werden immer reicher und die Armen werden immer armer.  Und auch dieses Leben auf Pump oder ein Leben leben, was es eigentlich nur im Konsumrausch gibt.
    Vielleicht ist es wirklich Zeit, mal wieder diese Werte sich anzusehen oder überhaupt wahrzunehmen, die sogenannt: kostenlos sind, die jeder in sich trägt und die letztendlich unsere Erde und unser Leben lebenswert machen.
    Jetzt haben wir Zeit auch unseren Nachbar zu entdecken, was ein fröhlicher Spielabend für einen Spaß bringen kann, vielleicht mehr als das Neueste von Neuesten und unsere Kinder/Jugend entdeckt das Leben, was außerhalb von PC und Videospiele gibt. Was wäre Wenn, wenn es auf einmal den Strom nicht mehr in diesem Überfluss und jederzeit verfügbar gäbe? Würden wir alle da tot umfallen?
    Ich sehe es als eine Chance an, dass Leben sich anzusehen, wie wunderbar es ist auch ohne diesem äußeren Zwang nach Kaufen – immer mehr, immer besser etc.
    Ganz platt gesagt, den Würmer ist es wurscht, wie viel man/frau im Leben gescheffelt hat und in welchem Luxusleben man/frau seinen Körper bewegt hat. Es gibt etwas, wozu materiale Dinge unwichtig sind. Und jetzt haben wir die Zeit, die Muße und die Ruhe es heraus zu finden, was es für jeden Einzelnen bedeutet.
    Das Holz auf dem Weltmarkt nichts mehr wert ist, finde ich klasse. Endlich können die Bäume mal durchatmen. Denn die brauchen dringend Ruhe!
    Die Erde wird uns danken für die Pause mit dem Umgang von Ressourcen, die uns nicht gehören. Auch die Erde ist nur geliehen – wie unser Leben.

     

  6. Sicher ist es so, das die Erde sich jetzt etwas erholt, da gebe ich dir recht. Aber was passiert nach der „Krise“? Es wird mal wieder die Schwachen und Armen treffen, die, die in den letzten Jahren auf Lohnerhöhungen verzichtet haben und den Versprechungen geglaubt haben. Die werden zuerst entlassen. Die Schere zwischen Reich und Arm wird sich weiter öffnen. Der Autohändler gibt grosszuegigen Rabatt für die Spritfresser und auf der anderen Seite versuchen Millionen zur Arbeit zu kommen mit einem fürchterlich schrecklich ausgebautem OePV.
    Das ganze scheint langsam grössere Ausmasse anzunehmen, als man sich nach dem 9/11 je erträumt hätte.
    Bei aller Objektivität, warum gibt es diese Milliarden schweren Rettungsschirme für Unternehmen, deren Management eklatant versagt hat und in den letzten Jahren alles andere gemacht hat, als Arbeitnehmer gut zu behandeln. Bestes Beispiel ist im Moment die DB.
     

  7. @aquii: es gibt diese „Rettungsschirme“ eben WEGEN der vielen Arbeitnehmer, die bei einer Pleite ihre Jobs verlieren würden – auch bei den jeweiligen Zulieferern. Und bei den Banken will man nicht hauptsächlich die Banker retten, sondern die Vermögen der Sparer und Anleger, sowie die Möglichkeit, Kredite für die Wirtschaft zu bekommen (und daran hakt es, solange die Bilanzen der Banken zuviele „toxische Papiere“ beinhalten).

  8. @Claudia

    Du hast nicht ganz Unrecht, aber diese Form der Rettung ist, als würdest du den Dealer grenzenlos bezahlen, um den Junkies ein kostengünstiges Drücken zu ermöglichen, weil sie sonst nicht mehr an den Stoff kommen, den sie brauchen!

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