Claudia am 24. Juni 2008 — 13 Kommentare

Ausmisten – die Fortsetzung

Nachdem ich nun schon mal angefangen habe, kann ich jetzt nicht aufhören mit dem sichten, sortieren, ausmisten. Das Bücherregal ist geschafft, was da jetzt noch drin ist, kenne ich wieder! Das, was mir dieses schier körperliche Unwohlsein beim Blick auf chaotische Ecken, Regale und Schränke vermittelt, ist der mangelnde Überblick. Nicht zu wissen, was da alles ist, bedeutet auch, nicht zu wissen, wo etwas Bestimmtes ist, wenn ich es mal brauchen sollte. Da ich aber nur selten außerhalb der Küche mit physischen Gegenständen umgehe, vergesse ich sie auch schnell: aus den Augen, aus dem Sinn…

Einfach abholen lassen

Wie wunderbar, dass es das Internet gibt!! So kann ich „die Entsorgung“ vom PC aus ganz unaufwändig organisieren. Die Kann-weg-Bücher füllen im Moment den ganzen Esstisch, sie werden Mittwoch von den Mitarbeitern des „Berliner Büchertischs“ abgeholt – super! Und als ich heut früh‘ beschloss, mich von diesem unförmigen Zweitschreibtisch zu trennen, der von Machart und Form überhaupt nicht zum Rest des Raumes passt, hab‘ ich ihn fotografiert, dann bei der Schenk & Tauschbörse der BSR eingestellt – und grade eben haben ihn schon zwei junge Männer abgeholt. Ohne das Trum-Teil wirkt es im Moment selbst für mich ungewohnt leer – ich werde eine neue große Pflanze hinstellen, die wenig Licht braucht. Die alte musste bis auf zwei Ableger dran glauben und ist meinem „Entsorgungswahn“ zum Opfer gefallen: sie hatte mittlerweile mehr Luftwurzeln als Blätter.

Als nächstes wagte ich mich an die Kästen mit CDs und DVDs, sortierte ein Dritter in den Abfall und den Rest nach „Sorte“: Musik, Sicherungs-CDs, Filme, Software – nichts davon „sammle“ ich, es findet sich über die Jahre so ein und macht einen wichtigen Eindruck: bloß nichts wegwerfen, da könnten hochwichtige oder sehr persönliche Daten drauf sein, unwiederbringliche Software, die der PC vielleicht mal braucht!

Wenn ich aber von der tatsächlichen Nutzung ausgehe, dann entpuppt sich auch dieses „Daten-Scheiben-Horten“ als archaisches Überbleibsel als Vor-Netz-Zeiten: ich stelle bzw. lege sie immer nur ab und vergesse sie dann. Da ich keine DVD-Filme schaue (wenn doch, dann nur einmal), und mich auch nicht gewohnheitsmäßig mit Hintergrundmusik beschalle, hab‘ ich im Grunde keine Verwendung für solche Zuwendungen. Und CDs wie „Internet-Literaturwettbewerb 1998“ und ähnliche Netz-Kultur-Event-CDs werfe ich allein aus sentimentalen Gründen nicht weg, behalte auch eine Vogelstimmen-CD und die Präsentation „Biosphärenreservat Schalsee“ – auf dass sie noch ein paar Jahre länger herumstehen.

Warum wegwerfen schwer fällt

Irgendwie strahlt das alles einen vermeintlichen Wert aus, der mich am Wegwerfen hindert, obwohl es FÜR MICH keinerlei Gebrauchswert besitzt. Der einzig erkennbare Grund, solche Dinge zu behalten, ist die Tatsache, dass sie ein Stück Vergangenheit repräsentieren: gelebtes Leben – und sei es nur ein komplett unwichtiger Ausflug in jenen Naturpark, dem ich mit dem Kauf der CD dann noch was Gutes tun wollte. Hm, ich werde die Scheibe dem lieben Freund mitbringen, mit dem ich dort gewesen bin: wenn er es nimmt oder wegwirft, bin ich davon befreit!

Eine Vergangenheit ganz anderer Art repräsentieren die vielen Sicherungs-CDs: Ganze Festplatten-Bereiche aus verschiedenen Jahren seit 1992 – Webwerke, Mailverkehr und Fotos, die ich alle auch auf Platte habe. Möchte ich die ewig horten? Ich werde sie auf ganz wenige DVDs eindampfen, bzw. nur den jetzigen Stand erneut sichern. Allein die MÖGLICHKEIT, sich in E-Mails von 1998 zu vertiefen, ist Versuchung und Last zugleich. Besser, solche Daten existieren gar nicht, dann kann man der Verlockung rückwärtsgewandter sentimentaler Besichtigungen auch nicht erliegen. Bisher hat mich das zwar nicht im Geringsten gereizt, aber wer weiß, wie egozentrisch und verschroben ich im Alter mal werde!

Die Entsorgungsaktion erinnert mich an eine andere vor ca. zehn Jahren, als ich mich nach einigem Zögern von allen Werken auf Papier trennte, die ich im Lauf der Jahrzehnte angehäuft hatte: Hausarbeiten, Uni-Projekte, frühere Veröffentlichungen, Magazin- und Zeitungsartikel, selbst gemalte Bilder und Collagen, viele alte Fotos, selbst geschaffene Medien aus verschiedensten Jobs und Engagements – all dieses Zeug hab‘ ich ebenfalls nie wieder angesehen, aber gehortet als einen persönlichen Schatz. Keinen besonders geliebten, aber doch irgendwie „ein Teil von mir“.

Solche Zeugnisse des eigenen Wirkens in der Welt in den Müll zu werfen oder zu verbrennen, konfrontiert ganz klar mit der eigenen Vergänglichkeit. Sind die Spuren nicht mehr da, ist das Erlebte nur noch im Gedächtnis vorhanden, ist unscharfe Erinnerung, die schon zu Lebzeiten spürbar verblasst. Das bedeutet: Ich kann nicht mehr „beweisen“, dass geschehen ist, was geschah, kann meine Leistungen nicht mehr vorzeigen, nicht mit den Lorbeeren der Vergangenheit glänzen, sollte ich das mal wollen. Mit der Wahl, mich von alledem zu trennen, hab‘ ich mich für die Gegenwart entschieden – das hört sich gut an, aber im ersten Moment war es wie ein „Fall ins Nichts“.

Danach fühlte ich mich der Realität näher: dieser ganze alte Kram interessiert sowieso kein Schwein! Die ganzen Berge mit persönlichen Papieren, Fotos und Erinnerungsstücken, die bei Verstorbenen vorgefunden werden, sind nichts als ein Entsorgungsproblem: für die Freunde, für die Familie (falls vorhanden) oder für die Behörden. Das hab‘ ich jetzt schon oft genug mitbekommen, um mir da keine Illusionen zu machen – und finde es auch ganz richtig so. Das Leben ist in den Sand geschrieben: dass die Spuren einer Existenz schon bald restlos verwehen, ist Tatsache. Davor retten auch 20 volle Schränke nicht.

Diskussion

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13 Kommentare zu „Ausmisten – die Fortsetzung“.

  1. das mit dem büchertisch ist ja eine großartige sache. ich muss mal sehen, ob es sowas in dachau oder darmstadt auch gibt…

  2. Schwester im Geiste, so ist es!
    Ich freue mich herzlich mit Dir über die gewonnene Leichtigkeit.

    Hier wird´s auch mal wieder Zeit für eine „rituelle Verbrennung“.

  3. Bei mir und meiner Frau ist es in den nächsten Wochen auch soweit. Nach 15 Jahren des Sammelns und Anhäufens werden wir uns (endlich) von vielem, vielem, vielem trennen und unser Haus entmüllen.
    Einerseits freu‘ ich mich drauf, andererseits habe ich doch ein wenig Schiss davor.
    Zu Deinem letzten Satz fällt mir eine Schnulze ein, die ich jetzt bestimmt wieder Tage nicht aus meinem Kopf bekomme ;-)
    Deine Spuren im Sand,
    die ich gestern noch fand,
    hat die Flut mitgenommen.
    Was gehört nun noch mir?

    Howard Carpendale

  4. Die Vogelstimmen-CD kannst du auch wegschmeißen:

    http://www.vogelstimmen.de/index.php
    oder
    http://www.findsounds.com/
    und viele mehr…

    So sehr ich auch selbst Entrümpelungsfan bin, so froh bin ich doch hin und wieder für einige der hübschen Dinge, die ich  benutze oder  die ich schauen durfte, weil meine Eltern und Großeltern und die Großeltern anderer Leute keine Entrümpelungsfans waren…

    Liebe Grüße
    Doris

  5. Ich muss fast nie mehr Ausmisten, was ich zwei Jahre nicht benutzt oder getragen habe kommt weg. Kleider,sofort in den Sack von einer Kleidersammlung. Bücher schenke ich der Orts-Bibliothek (fast immer noch neu, 1x gelesen) und alles andere geht ins Brockenhaus. Ich mach das seit Jahren so und wenn man regelmässig Dinge weg gibt, die man ja doch nie braucht, ist man irgendwie frei.  Was vorbei ist, ist vorbei. Der grosse Vorteil dabei; es gibt wieder Platz für Neues.
    Liebe Grüsse zentao

  6. Liebe Claudia,
    liest sich irgendwie gut, was Du übers Entrümpeln und die gewonnene Freiheit und Übersicht schreibst. Ich sehne mich auch danach. Nun geht es mir so, daß mein Gedächtnis so wahnsinnig nachläßt und ich das Gefühl habe, bald werde ich konkrete Anker brauchen, die ich ansehen oder anfassen oder lesen kann, um mich an bestimmte Ereignisse, Menschen, Gefühle erinnern zu können. Und irgendwie kann ich mich nicht dazu durchringen, zum Leben ohne Gedächtnis „ja“ zu sagen. Das ist für mich beängstigend. Daher stehe ich zur Zeit vor der Schwierigkeit, in diesem Sinne das Wichtige vom Unwichtigen trennen zu können. Das Leben in der Gegenwart, so erstrebenswert es ist –  wenn die Vergangenheit so ganz und gar spurlos entschwindet, da fehlt mir eine positive Erfahrung dazu. Ich hab noch keinen Bericht von jemand darüber gefunden, der nicht sehr sehr deprimierend gewesen wäre.
    Vielleicht weiß jemand von Deinen Lesern da etwas Ermutigendes mitzuteilen.
    Herzlichen Gruß – Ruth

  7. –und was neu ist , wird alt
    und was gestern noch galt,
    stimmt schon heut oder morgen
    nicht mehr..

    weißt du noch?

    da war was, genau weiß ich das auch nicht mehr, aber- wir leben noch,- beweis genug.

    die dinge überrennen einen,
    manchmal mit einem großen blauen sack quer durch und alles
    ohne sinn ohne zweck ohne ziel
    einfach rein und weg:)

    das internet antwortet nicht,
    es findet nicht, es sortiert nicht
    es ist, und davon eine ganze menge
    Geschichte, -vor allem die vergessene- wiederholt sich, so sagt man.
    ich glaube nicht mehr so recht an diese weisen worte, gegenwart ist entscheidung, tun, morgen ist morgen und gestern war heut noch ein traum.

    wie ruhig alles ist,  so es fehlt :)
    wie schön, jeden tag neue leute,
    neue handlungen, neue entscheidung, neues überleben.

    fast ein wenig wie alzheimer
    nur ohne die grässlichen nebenwirkung der kontrollverluste, schwache muskeln hier und da, und doch,ich höre noch den wind der veränderung, gefallene mauersteine, kniefall vor
    all dem wissen der weisen leute
    und dem ganz grossen betrug.

    hurra, sag ich nur-, wir leben noch.

    gruss aus sz, im

  8. Ich danke Euch für die schönen und interessanten Kommentare!

    @Doris: Danke!!! Kann also auch weg, schön!

    @Ruth: bist du DIE Ruth aus Berlin? Wenn ja, wundert mich deine Erfahrung mit dem nachlassenden Gedächtnis – bist doch noch gar nicht in dem Alter, wo das üblicherweise drastisch wird! Mir geht es auch so, dass ich mich an viele Nebensächlichkeiten zunehmend schlecht erinnere, doch was mich wirklich berührt, das erinnere ich auch ohne „Anker“. (Übrigens hab ich mal gelesen, dass Frauen in den Wechseljahren hormonbedingt Gedächtnisverschlechterungen erleben, was sich DANACH aber wieder verbessern soll! :-)
    Das Zeug, das ich ausgemistet habe, kann ich ohne großes Verlustgefühl vergessen, bzw. es ist nur ein Verlustgefühl aufgrund der Bewusstwerdung, dass alles (auch ich) verschwindet – nicht etwa eine Trauer um die Sache selbst.

    @euler: das vergessen können ist heute oft wichtiger als das Erinnern – so kommts mir jedenfalls angesichts des Information-Overflows oft vor!

    So vergeht Jahr um Jahr und es ist mir längst klar, das nichts bleibt, dass nichts bleibt, wie es wahr – ist doch eigentlich gut so! Die menschliche Sehnsucht nach dem Unveränderlichen ist eine große fette Wurzel des Leidens, die z.B. Buddha ausreißen wollte. Mir nur geringem Erfolg…

  9. Ich habe leider nix mehr am Emailverkehr vergangener Jahre. Die mal wieder zu lesen würde mich auch reizen. Press sie bloß auf DVD, aufgrund des geringen Speicherplatzes wirst du es nie bereuen!

  10. @Marc: ich habe doch gerade begründet, warum ich Mail von anno schnee NICHT auf ewig um mich haben will. Daraufhin einfach das Gegenteil zu behaupten, ist schon irgendwie seltsam.

  11. Ich bin großer Fan vom Ausmisten. Allerdings kann ich mich viel zu selten dazu aufraffen.

  12. Meine 2-Zimmer Wohnung platzt auch aus allen Nähten und ein großes Großreinemachen steht vor der Tür. Ich weiß aber auch jetzt schon wieder, wie es enden wird: Nachdem ich einen Schuhkarton voll aussortiert habe wird mir irgend etwas in die Hände fallen, mit dem ich mich so lange beschäftige, bis die eingeplante Zeit um ist und wieder nichts geschafft war :-/

  13. @marnem: dagegen hilft, jemanden dabei zu haben, der beim Ausmisten hilft. Dann ist man gefordert, sich schnell zu entscheiden, wohin mit dem Kram!

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