Claudia am 22. Juni 2008 — 8 Kommentare

Bücher entsorgen

Kaum irgendwo passt der Begriff „entsorgen“ so gut wie im Fall von Büchern, denn Bücher wirft man nicht weg. Das tun nur Barbaren, die auch nicht richtig mit Messer und Gabel essen können, vom Lesen ganz zu schweigen. So wurde es mir in meiner Kindheit vermittelt, als das Buch noch etwas war, dem man sich mit Ehrfurcht und Respekt nährte. Zwischen festen Buchdeckeln befand sich „das Gute“, und obwohl ich später lernte, dass das nicht stimmt, bringe ich es immer noch nicht fertig, Bücher einfach in die Tonne zu werfen.

Ich war 28, als ich beschloss, nicht mehr mitzumachen, was alle anderen mit ihren Büchern taten: Sie in Regale stellen, die von Jahr zu Jahr immer größere Ausmaße annehmen und den Gast beeindrucken. Zwar hatte ich das auch schon genossen, hatte bei „besonderem Besuch“ sogar mal abgestaubt und die schwerwiegenderen Werke in Sichthöhe gestellt, um meine philosophische Belesenheit ins rechte Licht zu rücken. Nun aber belastete mich das physische Gewicht der vielen Bücher, wenn ich umziehen wollte – und ich wollte oft umziehen! Es war die wilde Zeit der Hausbesetzungen, wir lebten in Räumen, aus denen wir „geräumt“ werden konnten, sobald es der Obrigkeit gefallen würde. Diesen schlimmsten Fall erlebte ich zwar nicht, doch zog ich binnen drei Jahren immer mal wieder in eine andere Haus- oder Wohngemeinschaft, mit der ich mich besser verstand als mit der vorigen.

Als es wieder einmal soweit war, schaute ich meine auch an diesem Ort wieder aufgebauten, vor Büchern überquellenden Regale an, stellte mir das anstehende Packen und die elende Schlepperei vor, und beschloss, dass es damit jetzt ein Ende haben müsse. Was ich zum Leben brauchte, wollte ich künftig selber tragen können, ohne die halbe Welt zum Arbeitseinsatz rufen zu müssen – schließlich zogen dauernd Leute um und keiner hatte darauf wirklich Lust. Ich wählte einige wenige Bücher aus, von denen ich noch glaubte, dass ich da wieder einmal rein schauen würde. Den großen Rest ließ ich einfach stehen: zum Mitnehmen für Gäste, denen der unerwartete Potlatsch tatsächlich Freude machte. Was für eine Erleichterung!

Für die Zukunft nahm ich mir vor, nicht mehr Bücher anzusammeln, als auf zwei Regalbrettern von 80 cm Länge passen. Wozu sollten sie denn bei mir verstauben? Nur sehr selten kam es tatsächlich vor, dass ich ein Buch, nachdem ich es gelesen hatte, wieder zur Hand nahm: Bücher, die beim wiederholten Lesen in mehrjährigem Abstand neue Dimensionen des Verständnisses eröffnen, sind dünn gesäht, die brauchen gar nicht viel Platz. Aber wohin mit den anderen? Weiter geben, verschenken, verkaufen – in Zeiten finanzieller Knappheit brachte mir die Ausdünnung meiner immer wieder über die zwei Regalbretter hinaus wachsenden Sammlung schon mal einen nützlichen Betrag. Meist spende ich sie jedoch tütenweise einem Büchertrödel, denn das einzelne Anpreisen bei Amazon, das Verpacken und Versenden ist mir zu aufwändig und lohnt auch nur bei recht neuen Büchern oder „Liebhaberstücken“.

Im Moment stehen zwei alte Billi-Regale in meinem Arbeitszimmer, sechs Bretter sind schon wieder voll mit Büchern. Auch wenn ich seit es das Internet gibt, weniger Bücher kaufe, sammeln sie sich doch immer wieder an: von Freunden mitgebracht, unverlangt zugesendet, selber bestellt. Da ich dieses Zimmer neu streichen will, ist wieder mal Ausmisten angesagt – und wenn ich so drüber schaue, freue ich mich, dass bei drei von vier Büchern eine innere Stimme sagt: „kann weg“.

Die Renovierung ist ein guter Anlass, auch alle anderen Besitztümer zu sichten und mich von dem zu trennen, was ich nicht wirklich benutze. Besitz belastet, ich spüre das mittlerweile geradezu körperlich. Da sind Ecken, Hochböden, Unterschränke und Schubladen voll mit Gegenständen, an die ich mich nicht mal erinnere. Dinge, die nur da sind, weil sie mal „zu schade zum wegwerfen“ waren, oder von denen ich glaubte, ich werde sie noch einmal brauchen. Aber das stimmt nicht, ich brauche immer weniger. Und das gefällt mir gut.

Diskussion

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8 Kommentare zu „Bücher entsorgen“.

  1. […] man hier nachlesen, und warum ich mich gerade ärgere, das ich kein Premiere habe hier! Na gut, und wer […]

  2. Sehr schön! ein ganz entscheidender Punkt den Du da machst!
    > Besitz belastet, ich spüre das mittlerweile geradezu körperlich.
    > ich brauche immer weniger. Und das gefällt mir gut.
    Bei mir ist es seit einigen Jahren genauso – Wirklicher Luxus und echte Annehmlichkeit ist für mich:
    Leerer Raum – Freie Flächen –  Weiter  Blick!
    Klar, wer nicht mehr über das was er hat beeindrucken muß, der hat gut Lachen. Er bekommt eine Ahnung davon was es heißt, im Sein anzukommen … er braucht sich nichts mehr draufzuschaffen, denn er weiß, dass die 10.000 Dinge nur verwirren und an der Substanz nagen.
    lG, hh
     
     
     

  3. Ach, ach, ach… über so viel Freiheit kann ich nur bewundernd lächeln.
    Ich schloss mich mal einem Lesekreis an, da musste ich leider einige Bücher kaufen, die ich grauenhaft fand, die habe ich dann in der Tat weggeworfen, denn zum Verschenken konnte ich mich nicht durchringen.
    Aber ansonsten hänge ich an meinen Büchern –
    sie loszuwerden, könnte ich mir nicht vorstellen. Aber das ist eben so mit den unterschiedlichen Lebenswegen und Ansichten… allerdings, wenn ich noch mal ein wenig älter werde, dann vielleicht, dann…!
    Also staube ich noch ein wenig ab, oder lade jemanden zum Abstauben ein und genieße was sich da so um mich herum ansammelt.
    Liebe Grüße
    Gabriele

  4. @ LadyArt,
    Du hast Recht mit Deinem Hauch von Ironie wenn Du schreibst:
     
    Ach, ach, ach… über so viel Freiheit kann ich nur bewundernd lächeln.
    Vom Sammler zum Liebhaber klarer Linien und freiem Raum zu mutieren ist ein Prozess, dessen Ziel zwar steht, welches aber bei den meisten sicher noch nicht erreicht ist, denn mensch kann leider nicht wirklich daran arbeiten, er kann sich da leicht etwas vormachen. Schließlich leben wir in einem Umfeld, welches uns permanent suggeriert: Mehr, Du brauchst mehr, dann geht’s Dir besser, dann wirst Du mehr geliebt, bist zufriedener etc. Und nur aus dem einzigen Grunde, dass diese Versprechungen blanke Lügen sind, funktioniert das System immer weiter, denn es sichert den Verbleib des ewigen Verlangens.
     
     
    Wenn Du Deinen Aktivitäten um ihrer selbst willen folgst, weil sie im Moment angemessen sind und NICHT, weil Du Dir einen persönlichen Vorteil daraus erhoffst, ergibt sich die Chance, aus Verlangen, aus dem Wunsch nach mehr oder zumindest dem Halten des Status quo „Freude im Sein“ werden zu lassen. Natürlich ist auch das wieder ein Prozess, der kontinuierlich gepflegt werden will, wenn mensch sich denn für ihn entscheidet.
     
     
    liebe Grüße, hh
     
     

  5. Also mir macht es wirklich Freude, das nun deutlich geleerte Regal zu sehen: es ist wieder übersichtlich, was da ist, und wenn mir irgend ein Buch ins Auge fällt, denke ich nicht mehr: warum steht das da eigentlich noch rum?

    Ein Esstisch voller Kann-weg-Bücher wartet nun auf Abholung – es gibt da den Berliner Büchertisch, die werde ich anrufen.

    @Lady Art: es ist interessant, sich das „dran hängen“ mal genauer anzuschauen, finde ich. Es gibt ja keine Vorgabe, kein „du sollst“, man kann einfach neugierig gucken: was ist dieses „hängen“??? Das hab ich beim Aussortieren gemacht und festgestellt:  einige Bücher behalte ich, OBWOHL ich sie vermutlich nicht nochmal lesen werde. Und zwar aus sentimentalen Gründen: wenn es mich in einer anderen Lebensphase tief berührt hat, dann hat es Chancen, nicht aussortiert zu werden. Andere dürfen bleiben, weil ich sie sehr gut finde und lieber mal spontan verschenke, als an „irgendwen“ abzugeben. Es tut mir richtig gut, die Sammlung auf derart „wesentliche Bücher“ einzudampfen – deshalb mache ich es, nicht um einem Ideal nachzustreben.

    @Herman: im Sinne dieses gesellschaftlichen Drucks fühle ich mich eher „konsumbehindert“. Wenn ich etwas brauche (neuen Staubsauger, Dosenöffner, Bettwäsche…) vergesse ich es immer wieder, muss mir eine Liste machen und doch dauert es viele Wochen, bis ich es irgendwann hinter mich gebracht habe, das Zeug auch tatsächlich zu kaufen. Mein neurotischer Konsum findet eher virtuell statt: zig Blogs im Reader, viele Eigenrojekte und eine Festplatte, auf der ich bald selber nicht mehr durchblicke: das ist regelrecht „Data-Mining“ quer durch 12 Jahre Abgespeichertes….  Von „Leere“ keine Spur! :-)

  6. Ich denke mal, dass das auch eine Frage der Zeit ist. Vor wenigen Jahrzehnten, war ein Buch noch richtig teuer und exklusiv. Da hat man sich auch nur ganz selten ein Buch gekauft. Das hat man dann aber in Ehren gehalten.
    Heute werden wir ja von Gedrucktem nur so überschwemmt.  Da braucht man nur mal in den Briefkasten schauen, was da für eine Werbung drin ist. Auch auf dem Flohmarkt und im Internet bei den gebrauchten Büchern: Wir haben sie im Überfluss.
    Das mit dem Bücher-Aubewahren klingt ja fast schon wie ein Zwang. Man kann sie nicht einfach wegerwerfen. Est es schon ein bißchen schade, so ein Buch einfach so zu entsorgen.
    Die nächste Generation wird aber mit der Entsorgung von Altlasten, wie den Büchern, kein Problem mehr haben. Sie wachsen mit der elektronischen Welt und mit Wegwerf-Büchern auf.

  7. …kurz hinzugefügt:
    So mit sechs Jahren war ich bei einer alten Tante wegen Grippe gezwungen die Tage im Bett zu verbringen. Grauenhaft. Sie brachte mir Illustrierte (den Zirkel!), damit konnte ich nichts anfangen. Da bemerkte ich in ihrem Schrank einige alte Bände zur Malerei der vergangenen Jahrhunderte, mit teils aufgeklebten Farbbildern. Diese Bücher versetzten mich – ich konnte noch nicht richtig lesen – in einen Rauschzustand, der sonderbare Duft, der von ihnen ausging, eine geheimnisvolle Verlockung (es waren meist Dastellung nackter Frauen – Ingres, Goya, … – ) und der Aufschrei meiner Tante, als sie bemerkte, was ich mir da geholt hatte, machte alles noch anziehender!
    Da war mein Entschluss gefasst – und sobald ich nur konnte, begann ich alte Bücher zu sammeln, auch um diesen Zauber, etwas Ehrwürdiges in Händen zu halten, wieder und wieder zu spüren.
    …und so zieht sich das wie ein roter Sammelfaden durch mein Leben. Und in der Tat
    @hermann
    …habe ich auch schon mal versucht mir ansatzweise vorzustellen, einen völlig befreiten Neubeginn zu schaffen. Der ist aber kläglich gescheitert…
    …muss wohl noch ne Weile so weitermachen!
    Stirnrunzelnd
    Gabriele 

  8. Ich habe das Buch auch vor kurzem für mich entdeckt. Sehr interessant. Es hat mich wirklich begeistert… :D

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