Claudia am 17. Januar 2008 — 24 Kommentare

Vom Leben im Schwarm

Alles wächst zusammen, nicht nur das, was zusammen gehört. Fast jeder ist ständig per Handy erreichbar, wer sich im öffentlichen Raum bewegt, wird gefilmt. Von oben kann man überall drauf sehen und bald ist auch jede Straßenecke gesichtergenau im Blick. Social Communities lokalisieren ihre User im physischen Raum: Bei townkings.de kann ich Haus-genau sehen, wer in meiner Nachbarschaft Mitglied ist und was diese Leute von sich zeigen. (Schräg gegenüber wohnt ein Student, der Programmierdienstleistungen anbietet, aha!) Noch sind es nicht viele, doch ist das ja nicht die einzige Com. Facebook, Xing, StudiVZ und viele andere, noch wachsende Gemeinschaften zeigen „Mitglieder in deiner Nähe“. Und wenn ich selber mal nicht weiß, wo ich bin, kann mir Qiro helfen, ein Navi-Programm fürs Handy, das meinen Standort anzeigt, aber auch den meiner „Freunde“, dazu die nächsten Geldautomaten, Kinos und herum stehende Mietfahrräder.

Will ich das denn alles wissen? Und was will ich von mir wissen lassen? Niemand muss diese Infos nutzen oder bekannt geben, alles geschieht ganz freiwillig, kein Orwellscher „großer Bruder“ zwingt uns etwas auf. Es ist allein die „Nützlichkeit“ der angebotenen Infos, die dazu einlädt, daran teil zu haben und selbst an jeder Ecke seine Daten abzugeben. Oder zumindest der GLAUBE an die Nützlichkeit, vereint mit fortwährenden Fragen: Sie haben noch keine Kundenkarte? Nein, habe ich nicht, die Rabatte sind absolut lächerlich verglichen mit dem Wert meiner Einkaufsdaten. Die ich ja dann doch auch ohne Kundenkarte zum Besten gebe, wenn ich so bequem bin und bargeldlos bezahle.

Das Netz wird lokal

Die Welt des Internets ist für viele immer noch etwas anderes als das „reale Leben“ – eine Einschätzung von vorgestern, denn das Netz greift immer umfassender nach dem lokalen Raum: ungeheuer nützlich, wenn man bedenkt, was da alles möglich wird! Immer mehr Menschen leben in Single-Haushalten, immer mehr Alte werden ambulant zuhause gepflegt – wer garantiert da eigentlich die persönliche SICHERHEIT? Ein paar Webcams in den Zimmern verteilt könnten doch äußerst beruhigend wirken, schließlich kommen Schlaganfälle und Herzinfarkte ganz plötzlich. Wer da dauernd hinsehen soll? Na, da gibts einerseits die Leute, die immer schon gern ihre Nachbarn beobachten, andrerseits finden sich sicher preiswerte Chinesen, die den Job für 50 Dollar im Monat gerne erledigen – die Globalisierung macht’s möglich und das wachsende Sicherheitsbedürfnis schafft den Bedarf.

Werde ich in ein paar Jahren jeden zweiten auf der Straße grüßen müssen, weil ich sein Gesicht erkenne und er meines? Werde ich verdächtig sein, wenn es über mich zu wenig Infos im Netz gibt? Sich ohne Folgen raus zu halten ist kaum möglich, wenn rundherum die Bedürfnisse zusammen mit den wachsenden technischen Möglichkeiten eine neue Welt erschaffen – das zeigt zum Beispiel das Handy.

Stimmfühlungslaute im Schwarm

Wie lange dauert ein Gespräch „von Angesicht zu Angesicht“, ohne dass dein Gegenüber einen Handy-Anruf bekommt? Wir sind nicht mehr miteinander alleine, wir sind inmitten des Schwarms – und wenn der Schwarm seine Richtung geringfügig ändert, müssen wir die Bewegung mitvollziehen, ob wir wollen oder nicht.

Wieviele Verabredungen finden noch statt, ohne dass sie per Mail oder Handy kurzfristig verschoben werden? Und jede Verschiebung zieht andere Verschiebungen nach sich, wenn es sich um ebenso vernetzte und vielfach eingebundene Personen handelt. A informiert B, dass der Termin um einen Tag verschoben werden muss. B informiert C und D, dass etwas wichtiges dazwischen gekommen ist, C und D passen ihrerseits ihre Pläne an, was weitere Personen in die Veränderung einbezieht. Der Schwarm bewegt sich schnell und wer nicht willens oder nicht in der Lage ist, sich mitzubewegen, fällt eben heraus.

Früher verabredete man sich für nächste Woche und konnte recht sicher sein, dass das Treffen auch statt findet. Heute tut man gut daran, sich kurz zuvor noch einmal zu versichern, dass sich nichts geändert hat. Das sind die Stimmfühlungslaute im Schwarm: Hallo, ich bin HIER und noch immer bewege ich mich Richtung Punkt X – du auch? Ja, alles roger, es sieht gut aus. Wenn was dazwischen kommt, melde ich mich!

Wer wiederholt die Erfahrung macht, dass es nichts bringt, sich auf eine Verabredung in einigem zeitlichen Abstand zu verlassen, wird sich immer weniger auf diese Art verabreden. Sondern vermehrt „ganz spontan“ anfragen, ob das Gegenüber vielleicht jetzt gerade Zeit hat. In meinem Freundeskreis ist das bereits die dominierende „Dating-Form“, der Schwarm agiert PLÖTZLICH, nicht von langer Hand geplant. Und wer planen muss – das ist die zweite Tendenz – betrachtet die eingegangenen Verabredungen nicht mehr als „fest“, sondern lediglich als Möglichkeiten, deren Realisierung nur dann statt findet, wenn nichts Wichtigeres dazwischen kommt.

Ein Handy-Verächter und E-Mail-Muffel kann in einer solchen Welt nur noch jemand sein, der sowieso „draußen“ ist – oder aber jemand, der so WICHTIG ist, dass sich sein ganzes Umfeld nach ihm und seinen Kommunikationsgepflogenheiten richten muss.

Wir dürfen gespannt sein, wie sich das „lokale Netz“ auf den Schwarm und seine Bewegungen auswirken wird. Ich vermute, die für das Leben in der Stadt so typische Anonymität wird tendenziell verschwinden, und wer nicht lokalisiert werden kann, wird verdächtig.

Ist das alles nun gut oder schlecht? Technisch voran getriebene Weltveränderungen scheren sich meist nicht um solche Bewertungen und so ist es eine Frage der persönlichen Situation und Stimmung, ob man das Leben im Schwarm genießt oder darunter leidet. Auf jeden Fall ist es eine Erscheinung, die mit dem Überwinden der Industriegesellschaft zu tun hat, die ein immer gleiches Funktionieren großer Menschenmassen in festen Strukturen erforderte.

Wo früher der lebenslange Arbeitsplatz die Normalität darstellte, dominieren heute flexible und oft prekäre Arbeitsformen. Man muss kreativ sein, neue Dienstleistungen erfinden und selbständig auf dem Markt anbieten, am besten mehrere „Standbeine“ und diverse „Spielbeine“ haben. Feste Bindungen mit entsprechenden Abhängigkeiten wirken als Bremse für die Entfaltung der Möglichkeiten und die Bewegungen des Schwarms – gut oder schlecht? Kommt drauf an, wer du bist: Nomaden haben viel Spaß im Schwarm, Sesshafte ein Problem.

Diskussion

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24 Kommentare zu „Vom Leben im Schwarm“.

  1. Ich hab mir vor einiger Zeit angewöhnt, wenn mein Gegenüber den Handy-Kontakt der Kommunikation mit mir vorzieht (also sich nicht entschuldigt und den anderen bittet, später nochmals anzurufen), dann verabschiede ich mich. Funktioniert übrigens auch in Läden, wo das Telefon dann wichtiger ist als der Kunde – zweimal ist mir eine Verkäuferin dann bis auf die Straße nachgelaufen ;-)

  2. Sehe dieses Thema mit gemichten Gefühlen.Finde das Mensch immer mehr vernachlässigt wird durch virtuelle Welten. Schreiben verkümmert durch E-Mails und SMS. Hoffe das wir wieder ein bissle zueinanderfinden.

  3. @coco:

    Ist dir etwa der Hinweis über dem Kommentarfeld nicht AUFGEFALLEN???? Da steht unübersehbar:

    „Achtung: Das Verlinken rein kommerzieller Seiten unter dem Namen ist unerwünscht! Ich lösche solche Kommentare täglich!“

    In diesem Einzelfall lösche ich erstmal nur die verlinkte Haarentfernungsseite, damit mein Posting verständlich ist.

  4. Mit dem Schwarm zu gehen, bedeutet ja nicht, dass man dadurch zum gedankenlosen Mitläufer wird. Dein Vergleich zwischen Social Communitys und Kundenkarten zeigt es doch – Social Communitys bieten wenigstens einen entsprechenden Mehrwert. Sei es als weiterer Kommunikationskanal oder als Ort zur Selbstdarstellung. Der Mehrwert von Kundenkarten ist dagegen lächerlich.
    Wer sich an Selbstdarstellung in einer Zeit der vernetzten Individualisierung stört, der ist antiquiert. Datenschutz bedeutet ja nur, dass man die eigenen Daten vor Missbrauch schützt. Arbeitgeber, welche die Partybilder eines Bewerbers zur Bewertung seiner Arbeitsqualitäten heranziehen, missbrauchen die Daten. Ein Staat, welcher die Daten der Bürger auf Vorrat sammelt und sie somit als verdächtig abstempelt, missbraucht die Daten. Wo bleibt hier die Menschlichkeit? Wo bleibt die Vergebung der allzu menschlichen Sünden? Wird das ein digitaler Bürgerkrieg, wenn jeder alles über jeden wissen kann?
    Das moderne Konzept einer wahren Identität ist durch das Netz von einer postmodernen Neu-Definition abgelöst worden: Der Mensch hat viele Identitäten, welche als Patchwork zusammen den Menschen ergeben. Als Arbeitgeber sollte ich mich nur auf die Arbeits-Identität des Bewerbers beschränken, als Staat nur auf die Täter-Identität der Bürger. Alles andere ist respektlos und verletzt die Menschenwürde.
    Schrift-Sprache kehrt wieder zu ihren antiken Anfängen zurück, als das Geschriebene noch gleich dem Gesprochenen war. Ist das so schlimm? Existiert damit ein kausaler Zusammenhang zum Werteverfall? Nein.
    Veränderung geschieht. (shift happens) Kultur bleibt nicht stehen. Weniger Kontrolle bedeutet paradoxerweise mehr Freiheit. Komplex? Ja. Schön, weil menschlicher? Auf jeden Fall.

  5. Vielleicht werden wir irgendwann mal wieder zusammen finden. Ohne diese Kommunikationsüchte, die eigentlich, glaube ich, jeder hat der ein handy besitzt.

  6. Gilt das auch für zwischenmenschliche Beziehungen? Für die Liebe? Eine Bindung zu einer Person aufzubauen kostet Zeit (es sei den sie wird zu einem großen Teil ohne Emotionen geführt)? Bleibt die Art wie wir Lieben auf der Strecke oder kann/muss auch sie flexibler werden?

  7. @tradem: oft genug entsteht eine Liebe per E-Mail – und denk bloß nicht, das sei irgendwie emotionslos oder koste KEINE Zeit!! Nicht alle überstehen den Realkontakt, doch viele entwickeln sich tatsächlich als „Fernbeziehung“ über hunderte Kilometer. Und viele leben das dann auch so über Monate und Jahre – und gar nicht mal immer mit dem Willen, es zu ändern. Ja, auch da ändert sich durch das Netz eine Menge: Telefon, Mail, Messenger, WebCam, DigiCam, MMS und SMS erschaffen Gefühle der Nähe, die mit der physischen Nähe mithalten bzw. diese ersetzen können. Wie hießt es doch in einem alten Internet-Sprichwort: Real Life ist auch nur ein Fenster unter mehreren…

  8. hinter jedem handy steckt ein mensch. Der anruf ist wie ein unangemeldeter besuch. Die konkurrenz im 2er+1 schwarm so zu lösen , wie du, werner, kann ich verstehen. Nicht nur die tele-kommunikation ist leider eine frage von hierarchie-setzung. Doch der heutige kommunikations-darwinismus macht mich ganz fertig. wohl kenne ich aber auch telefonieren im gross-schwarm: selbstverständlich bliebt die tel-person in physischer nähe. alle im schwarm können mithören, vielleicht sogar mitreden. oder sie wenden sich anderen im schwarm zu. nach beendigung des gesprächs (??) mag es probleme im wiederfinden des verlorenen themas geben, dies kann als ärgernis betrachtet werden, oder als spiel.
    auf jeden fall toller artikel! ist schon weiter empohlen ;-)

  9. Ein wenig subjektive Betrachtung. Denn das Leben im Schwarm ist selbstgewählt. In der Provinz und auf dem Dorf ist das beschriebene Leben noch längst nicht angekommen. Wird auch nicht. Denn es geht nicht um feste Bindungen, es geht ums multioptionale Leben in der Grossstadt. Um die Angst was zu verpassen.

  10. @Tim,
    nun, der Trend geht lange schon Richtung „Leben in der Stadt“, das ist keine subjektive Anmutung, sondern Fakt. „Angst, was zu verpassen“ ist da wohl eher selten der Grund, das Dorf zu verlassen, sondern eher die Möglichkeiten, Arbeit zu finden und Menschen zu treffen, die man als „Brüder & Schwestern im Geiste“ empfindet. Ich hab zwei Jahre lang eine „Dorfrunde“ in Mecklenburg eingelegt: das war in Sachen Naturgenuss wunderschön, sozial und kulturell aber ein Mega-Flop. Danach war mein „Leiden an der Stadt“ wie weggeblasen und kam niemals wieder!

  11. @Robert,
    schöner Beitrag, herzlichen Dank! Und ja, es wäre toll, wenn sich die Menschen auf die Rezeption der jeweils relevanten „Identität“ beschränken würden! Leider machen sie das nicht und sie werden dazu auch nicht ermuntert. Identitätsvermischung wird sogar „vorbildhaft“ vorgezeigt, etwa derzeit im französischen Präsidenten, dessen Umtriebe als Liebhaber seine Funktion im Amt medial nahezu verdrängt hat – immerhin wird das langsam wieder als negativ empfunden.

  12. Hallo Claudia,
    ich hatte bereits im C-Netz ein MOTOROLA-Funktelefon, 1991
    ohne in Telefonitis zu verfallen und seither immer Handys.

    Die Erscheinungen, die Du beschreibst resultieren aus meiner Sicht aus der Angst allein zu sein. Ich bin überzeugt, daß, wenn Du damals in Deinem Garten warst, Dich jeder Anrufer gestört hat – Du also kein Bedürfnis nach Kommunikation empfunden hast. Will sagen, wer etwas hat das ihn ausfüllt, der wird den „Schwarm“ nicht brauchen ohne dabei gleich zum Geselligkeitsmuffel zu werden.

    In diesem Sinne, Gruß Hanskarl

  13. @Hanskarl – ich bin auch eher ein Handy-Muffel, der Artikel reflektiert jedoch die Veränderungen, denen man sich selbst nicht ganz folgenlos entziehen kann!!
    Seien wir froh, dass es noch so gut geht, wie es geht! :-)

  14. @claudia
    danke für den beitrag. ich fand es sehr interessant deine sicht der dinge zu lesen. das ist ganz sicher ein aktueller trend. was du beschreibst ist mir, zum glück, fremd. das mag daran liegen, dass ich mich von oberflächlichen menschen schon vor vielen jahren konsequent verabschiedet habe … ;-)

    ciao
    scusiO

  15. Die letzte Frage (an mich selbst) ist längst eindeutig beantwortet: Ich bin eindeutig eine „Sesshafte“. ;-)
    LG – Ulrike

  16. … ich weiss nicht was ich zu diesem Thema schreiben soll. Dem Schwarm weiche ich aus, wo ich nur kann. Wo immer er sich bildet und die Selbstkontrolle verliert. Nicht, dass ich mir nicht Gruppenfaehigkeit attestierte, aber ich mag ihn nun halt nicht. Und doch ist es genau der Schwarm, der mein verknorztes Leben zum Guten geaendert hat.

    Verknorzt, weil mir damals, nach der Zwangsoperation in ein eindeutiges Geschlecht die Wahrheit nie gesagt wurde, weil man ueber mich schwieg, ich mit einem Raetsel in mir lebte, mit meinem Dasein nicht fertig wurde. Da war eben einfach noch das andere Geschlecht, welches mich ueber Jahre nicht verliess.

    Dann kam irgendmal Internet. Mit Browsmoeglichkeiten. Man lernte ueber anonymen Weg Menschen kennen und entdeckte bald einmal, dass es andere mit gleichen Gefuehlen gibt. Und dass auch hinter jenen ebenfalls oft eine diffuse Operation liegt. Und so sind wir auf dem Weg, uns zu finden und zu organisieren.

    Das Internet wurde fuer viele von uns zum Segen. Die schnellen und ueberall verfuegbaren Kommunikationsmittel zur Waffe fuer ein Leben in Wuerde. Die Vergangenheit in der Isolation hat mich zur Einzelgaengerin gemacht. Nicht im Beruf, da konnte ich mitmachen. Doch ging es um meinen privaten Bereich, hab ich mich versteckt. Heute nicht mehr! Ich, wie viele von uns, stehen heute zu unserer Intersexualitaet und beginnen zu kaempfen. Ich behaupte, dass ohne diese Massenkommunikationsmittel viele von uns sich nach wie vor versteckten und sich vielleicht eines Tages in die Reihen der Selbstmorde (30% der zwangsoperierten Menschen) einreihen wuerden.

    So glaube ich, dass der Schwarm mit all seinen Kommunikationsmoeglichkeiten, richtig eingesetzt, zum Segen vieler sein kann. Nicht nur fuer unsereiner, denn auch fuer andere Gruppen, wie beispielsweise die Kontergangeschaedigten. Noch fuehlen sich viele alte Menschen von Internet getrennt. Aber die Zahl der Aelteren, die damit umzugehen weiss, waechst. Internet kann ebenso auch fuer solche Menschen zur Tuere in die Welt werden. In meinem Land, mit den grossen Distanzen, noch mehr, als in Europa.

    Es ist letztendlich die Kunst jedes Einzelnen, mit der Masse umzugehen und sich nicht von ihr auffressen zu lassen. Das ist die Staerke des Individuums.

  17. Liebe Mohnblume,

    ja, das Internet ist WUNDERBAR!!! (Und deine Geschichte auch!) Was du erzählst, ist aus meiner Sicht KEINE Wirkung des Schwarms, wie ich ihn hier beschrieben habe: als Zeitgeist des ständigen „dabei seins“, der Tendenz zu allgegenwärtigen Überwachung und Erreichbarkeit, als Information-Overflow, der keine Zeit zwischen Input und Output lässt und vieles mehr: das besinnungslose Mitlaufen ohne Überlegung warum und wohin, steigender Stress etc.
    Was du erzählst, haben viele Individuen, die irgendwie „nicht passen“ erlebt – und viele begannen ein ganz neues Leben mit Möglichkeiten, die zuvor undenkbar gewesen wären. Darüber ließen sich viele Hymnen auf das Netz schreiben! Hab Dank für die Deine!!

  18. … du meinst jene armen Menschen, die nicht mehr ohne den Hoerer am Ohr leben koennen? *laechel* Im Auto, auf der Strasse, im Restaurant, beim Joggen im Walde? Da hab ich neulich – eben im Wald – doch schon von weitem eine Stimme gehoert … es war eine joggende Frau, Hoerer am Ohr, die mit jemandem telefonierte. Und in der nachbarlichen Apotheke steht neuerdings ein kleines Plakat „Wir bedienen Sie gerne, wenn Sie zu uns und nicht zu jemandem am Cellphone reden“.

    Ja, ich sehe diese vielen Menschen, die nicht mehr alleine sein koennen, die sogar beim Einkaufen ihre Freundin fragen muessen, ob sie nun Sellerie oder Karotten kaufen sollen, ob sie die dicken oder kleinen Karotten waehlen sollen. Ich kenne einen Laden, die haben ihr Gebaeude cellphonedicht gemacht. Zwar nicht aus den Gruenden wie ich oben erwaehnte, sondern, dass ihre Konkurrenz nicht vor dem Gestell deren Preise in die eigene Firma durchgeben. Du …. dort reden Menschen wieder zueinander. Eben mit den hierzulande oft ueblichen oberflaechlichen Phrasen. Aber man schaut sich an … und weiss, wenn der andere redet, dass er dich meint. Und nicht fernab mit irgendjemanden.

  19. lesenswert. Danke!

  20.  
    Was würde wohl ein Schwarm Insekten, ein Schwarm Vögel oder auch einer aus gleichartigen Meeresbewohnern denken, wenn er gewahr würde, dass sich Typen unserer Gattung entblöden, sich selbst mit dem, was einen Schwarm tatsächlich ausmacht, zu vergleichen?
     
    Ich glaube, sie fänden das absolut lächerlich. Einfach deswegen, weil wir auf die Benutzung der Technik zurückgreifen müssen, während ein natürlicher Schwarm ohne jedes Hilfsmittel in jeder Sekunde mit großer Eleganz und Selbstverständlichkeit agiert. Nein! Wir sind mitnichten ein Schwarm und werden uns wohl auch nicht so schnell in diese Richtung entwickeln. Ganz im Gegenteil, denn Individualist zu sein gilt immer noch als hip. Ein Schwarm von Individualisten kann bestenfalls an ein Irrenhaus erinnern oder an eine verkommene Gesellschaft.
    Individualismus und Schwarmbildung sind komplett inkompatibel
     

  21. @Hermann:  es stimmt nicht, dass Menschen durchweg Individualisten sind.  In vieler Hinsicht wird gleichförmig, zumindest ähnlich reagiert, nach uralten, vor-rationalen Mustern. Besonders gut zu beobachten im Verhalten einer Menge, z.B. bei einem Verkehrsunfall. Aber auch einzeln, im Verhalten gegenüber „Neuigkeiten“ und Gefahr, angesichts der Chancen auf Bereicherung (Gier) und im spontanen Umgang mit Lust und Frust:  wir sind zwar keine Herdentiere, aber HORDEN-Wesen!

    Ich befürchte, dass diejenigen Aspekte unseres Wesens, die wir als spezifisch Menschlich ansehen, im Zuge der von Bolz voraus gesehenen „totalen Verschaltung/Vernetzung“ einen schweren Stand haben, bzw. sich zurück entwickeln könnten.

    Nämlich das Reflektieren der Welt und unserer Handlungen in ihr, der Abgleich mit Werten und DEREN Entstehen: wie soll das statt finden, wenn alle Zeit mit Input, Botschaft, Angebot, Neuigkeit, Wahlmöglichkeit, Aufruf, Warnung und Verlockung zugekleistert ist?

    Ein „Individualist“ wächst so ganz gewiss nicht heran.  Und ob man sich damit trösten kann, dass wir den Individualismus vielleicht übertrieben haben, da bin ich mir nicht so sicher.

  22. Hallo Claudia,
    dies ist ein toller Beitrag. Vielen Dank dafür! 
    Ich sehe den Schwarm mit gemischten Gefühlen; als ich 2001 das Netz entdeckte war es damals für mich wie eine Art Offenbarung. Aufgrund meiner (Missbrauchs-)biographie suchte ich und  konnte ich Menschen kennenlernen (!?) denen ähnliches widerfuhr. Ich lernte später auch die Gefühle der Nähe via E-Mail oder Instant Messenger kennen. Aber wie ich auch erfuhr (ok, es sind ebenmeine Erfahrungen): die Gefühle waren eben „Instant“: In letzter Konsequenz konsumiert. Eine echte menschliche Nähe war es nicht. Ich habe darunter gelitten, viel lernen müssen.
    Heute fliege ich im Schwarm aufgrund meines „Hobbys“ (Todesstrafe USA). Der Schwarm hilft mir nötige Informationen zu finden und zu senden, schnell und unkompliziert. Und darin sehe ich dann doch einen großen Vorteil.
    Sicherlich wird man so manches im Netz über mich finden. Dies stört mich weniger, denn es gehört zu meiner Biographie.  Was mich in letzer Konsequenz ausmacht findet man nicht im virtuellen Raum, sondern nur in der persönlichen Begegnung – so man will.
    Liebe Grüße,
    Joachim 

  23. Richtig Claudia,
    Menschen sind natürlich nicht durchweg Individualisten. Das hatte ich auch nicht ausdrücken wollen. Bisschen falscher Fehler bei meiner Wortwahl, sorry. Es wurde nur versucht, so viel Menschen wie möglich zu Individualisten zu machen, denn als solche konsumieren sie in aller Regel mehr.
     
    Was Bolz und seine totale Vernetzungsphantasie betrifft, so muß ich zugeben, dass ich da emotional stark negativ reagiere. Diese Idee würde uns Menschen sämtlich zu Technikkrüppeln machen.
     
    Vernetzt zu sein, zu jeder Zeit Informationen aller Art auszutauschen etc. sind schöne, erstrebenswerte Ziele. Ohne es nachweisen zu können bin ich der Meinung, dass jedem Menschen diese Schwarm-Fähigkeiten potentiell innewohnen. Ich lese und höre zunehmend von mehr und mehr Menschen, die sich für geistiges Reisen, telepathische Informationsübermittlung und diesen ganzen Eso-SchnickSchnack interessieren. Irgendwann habe ich meine abfällige Bewertung weg gelassen und mich diesem Themenbereich geöffnet. Ich denke, dass eine echte Evolution der Menschheit dieses Potential aktiv nutzen wird.
    Die Kommunikationstechnik ist mir lieb und teuer, ich schätze und nutze sie intensiv, aber, wie bei allem, das Maß muß stimmen, sonst laufen wir Gefahr zu vorerwähnten Technikzombies zu werden.
    Zu Austauschern von beliebigen Plastikinfos, die einen nie satt machen, dafür aber süchtig und leer und am Ende ausgebrannt.
    so ungefähr sehe ich die Sache…
    Gruß von Hermann
     
     

  24. Ein Schwarm kann eine sehr nützliche Sache sein – sofern man auch außerhalb existieren kann. Ich nutze das Internet in sehr vielen Bereichen. Ich selektiere eben – wie im „richtigen“ Leben auch. Da, wo es mir gefällt bleibe ich (ein Weilchen), wo es mir nicht gefällt, verschwinde ich wieder.
    Mobiltelefon besitze ich zwar eines, benutze es aber es ist so gut wie nie. Und erreichbar bin ich dort nur, wenn das fix verabredet wurde. Ansonsten finde ich nach Monaten mal eine Nachricht – die dann einfach lösche. Wer was von mir will, soll mich übers Festnetz anrufen, und wenn ich nicht da bin, eine Nachricht auf dem AB hinterlassen.
    Ich bin also entweder „draußen“ oder enorm wichtig. – Beides stimmt nicht. Es gibt also auch die Situation dazwischen…
    Herzlicher Gruß von Renate

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