Claudia am 27. Juli 2007 — 10 Kommentare

Warum Doping sein muss…

…wir aber lieber nichts davon wissen wollen

Was ist der Reiz an einer Veranstaltung wie der Tour de France?? Warum gucken so viele Menschen, die selbst ein bewegungsarmes Leben am Schreibtisch führen, begeistert hin und fiebern mit den Athleten? Und sind dann vergrätzt, wenn sie erfahren, dass diese so „gehypten“ Spitzensportler alle bekannten Mittel einsetzen, um den Erwartungen gerecht zu werden – warum? Sie wollen doch nur siegen, also das tun, was man von ihnen erwartet.

Aber doch nicht mit unlauteren Mitteln, mag jetzt der moralisch Empörte einwenden. Doch was „Doping“ ist, ist eine Frage der Definition, die sich mit dem Stand der Wissenschaft ändert. Was früher nur ein Mittel gegen Schnupfen war, ist heute verboten – arme erkältete Radfahrer! Das modische „Epo“ wurde nicht für Etappensieger, sondern für Nierenversager entwickelt, und „Blutdoping“ benötigt nicht einmal pharmakologische Stoffe. Die kreative Nutzung von Medikamenten und Therapieformen zur Leistungssteigerung gehört zum Spitzensport, und wo man die Grenze zieht zum „unlauteren Mittel“, ist im Grunde beliebig. Die Listen verbotener Stoffe und Methoden werden jedes Jahr fortgeschrieben, je nachdem, was gerade als „illegal“ oder als erlaubte Nahrungsergänzung bzw. legitime Trainingsmethode gilt.

Worauf ich hinaus will: Glaubt eigentlich irgend jemand, es sei GESUND, sich derart einseitig „in Form zu bringen“, dass man solche Spitzenleistungen erzielen kann? Die Folgen der Dauerbelastung des Körpers durch Hochleistungstraining sind krass, auch schon ganz ohne Doping: Gelenkschäden, ausgeleierte Sehnen, Muskelverkürzungen, Sportlerherzen, Schwimmerschultern, Radfahrer-Impotenz, ein ständig angeschlagenes Immunsystem, anfällig für Viren und Infekte aller Art. Dazu mal ein Zitat:

„Jede Art körperlicher Höchstbelastung, so formulierte es Professor Uhlenbruck von der Sporthochschule Köln, „wirkt im Organismus ähnlich wie ein entzündlicher Herd: Abwehrzellen wandern in die beanspruchte Muskulatur und beginnen dort ‚aufzuräumen‘. Kommt es dann aber zeitgleich zu einer an sich belanglosen Infektion, fehlen diese Kräfte eben an der ‚zweiten Front‘.“

Spitzensportler sind also Menschen, die sich auf verschiedenste Weise selbst beschädigen und freiwillig zu Krüppeln machen, um in einer einzigen Disziplin Hochleistungen zu vollbringen – und so etwas findet die breite Masse der Begeisterten auch noch toll! Verrückterweise kommt dieser Wahnsinn gar noch mit einem Gesundheits-Image daher, das ungefähr so stimmig ist wie das Schönheitsideal „magersüchtige Bohnenstange“, an dem Hochleistungs-Fasterinnen freiwillig zugrunde gehen.

Die moralische Empörung, die jetzt durchs Land schwappt, ist nichts anderes als eine beleidigte Reaktion auf die Zumutung, die unverstellte Wirklichkeit zu sehen. Das ganze Märchen vom vorbildhaften, gesunden Spitzensport bricht zusammen und man erblickt sich selbst als geifernder Zuschauer im Kolosseum, den Gladiatoren zujubelnd, die sich in der Arena gegenseitig umbringen, auf dass die Volksseele eine Gaudi hat.

Wie eklig! SO wollen wir uns nicht selbst sehen, das darf einfach nicht sein! Da glauben wir doch lieber immer wieder aufs Neue daran, dass es nur ein paar böse Buben sind, die „unlautere Mittel“ anwenden und „den Sport beschädigen“. Der doch an sich so sauber und gesund ist – was denn sonst?

Diskussion

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10 Kommentare zu „Warum Doping sein muss…“.

  1. Danke, liebe Claudia!
    Einer der besten Beiträge zur Doping-Problematik.

  2. Ich denke, daß du die beruhigende Bedeutung der Darstellung von (Chancen-)Gleichheit sehr schön dargestellt hast.
    Das ist in der Tat ‚panem et circenses‘, wo sein soll, was nicht ist, damit nicht ist, was nicht sein soll.

  3. Oh ja, der Radsport. Ich war selbst sehr lange als Amateur am fahren. Der Leistungs-Radsport ist sicherlich etwas, was auf lange Sicht ungesund ist, von Deinen Ausführungen zu Doping einmal abgesehen. Zu meinen intensivsten Trainingszeiten saß ich 35 Stunden die Woche auf dem Rad. Fast eine ganz normale Arbeitswoche. Da inhaliert man sicherlich jede menge Gifte am Straßenrand, worüber ich mir damals natürlich nicht den Kopf zerbrochen habe. Das Herz wird durchs Training riesig und dein Ruhepuls geht auf unter 40 Schläge. Da wirds einem schonmal schwindelig wenn der Kreislauf, der Belastung gewohnt ist, in Ruhephasen absackt.
    Der Erfolg im Radsport kommt in erster Linie durch lange Trainingseinheiten. Nur wenn man sich so abbuckelt und die Anderen fahren an einem vorbei, kommt automatisch die Frage „warum ist das so?“. Schon bei den Amateuren wurde dem Erfolg „nachgeholfen“. Und natürlich wurde auch im „legalen“ Bereich alles getan, dass man an den Konkurrenten dran bleibt.
    Wenn man jetzt über die Tour redet, verlässt man den Bereich der Liebhaberei. Da fahren also knapp 200 Radfahrer mit, die von Passion getrieben Profis wurden, denn ohne die Passion geht gar nichts. Niemand tut sich solche Umfänge an ohne für den Sport Passion zu empfinden. Die Talentiertesten haben sich also einen Platz unter den Berufenen erstrampelt und haben das erste Mal den Druck, ihre Existenz vom Sport abhängig gemacht zu haben. Wer nichts gelernt hat, hat dann nur noch den Sport. Und wer etwas gelernt hat, den will in der normalen Arbeitswelt niemand haben, weil er den gelernten Beruf nie oder nur wenig ausgeübt hat.
    Wer also die erste und zweite Saison im Profilager nicht überlebt, der kann zumindest auf den erlernten Beruf zurückgreifen. Kritisch wird es, wenn man sich seine Sporen verdient hat und allmählich mehr Geld verdient. Aus diesem Druck kommt man dann nur schwer heraus. Man fährt ja eigentlich des Ruhmes wegen Rad und nicht des Geldes wegen, aber von etwas muss man leben. Und so dreht sich die Spirale zwischen Leistungsdruck und Existenz. Und wer ordentlich verkrampft, der bekommt auch selten noch Erfolge auf die Reihe. Man verliert die Coolness und attackiert zu früh, fährt mit den falschen Gruppen, stürzt oder kauft die falschen Medikamente.
    Transferiert man das mal auf die normale Arbeitswelt, wirds erst recht interessant. Wieviel Mitarbeiter mit stressigen Jobs, hauen sich die Medikamente rein und nehmen Aufputschmittel, damit sie ihre Arbeit nach ihren Ansprüchen hinbekommen. Solange die Arbeitgeber nichts davon erfahren, werden diese Mitarbeiter gefeiert und mit Boni oder Berförderungen belohnt, und niemand redet über Doping.

  4. Der druck, der auf den Sportlern lastet, ist enorm. Da kommt eben der eine oder andere schnell mal in Versuchung. Dein vergleich mit dem Kolosseum ist übrigens sehr gut: Wir schauen zu, wie sich andere verstümmeln … oder umbringen.

  5. Tut mir leid, dass ich noch auf einen so alten Beitrag kommentiere, aber ich bin erst jetzt darauf gestoßen, und muss einfach mal was dazu sagen.

    Ich finde es teilweise nicht richtig, was du schreibst. Klar, lastet auf die Sportler ein gewisser Druck. Aber es gibt nunmal gewisse Regeln, an die man sich halten muss. Und diese Regeln definieren sehr genau, was Doping ist, was illegale Trainingsmethoden und was ärztliche Versorgung ist.
    Und an diese Regeln muss man sich halten. Wenn diese Regeln Doping erlauben würden, dürfte man dopen. Aber sie erlauben es nicht.

    Und diese Regeln mit dem Dopingverbot sollen die Sportler genau davor schützen Doping zu Betreiben. Und das insbesondere weil dieser Druck auf sie lastet.

    >> Glaubt eigentlich irgend jemand, es sei GESUND, sich derart einseitig “in Form zu bringen”, dass man solche Spitzenleistungen erzielen kann?

  6. […] Warum Doping sein muss … […]

  7. […] leicht übersteigerten und absolut subjektiven) Gedanken zum Thema Doping-Freigabe gibt es bei Claudia Klinger wesentlich fundierte Ausführungen. Ihr Weblog, das schon seit 1999 !!! besteht und das ich […]

  8. ja ja, das Thema Doping…
    Es wird uns wahrsch. immer beschäftigen, jede sportliche Höchstleistung in Frage stellen und fast immer zu dem Ergebnis führen: Die Medizin wird hinsichtlich der Erfindungen (neuen Methoden/Medikamenten) den Nachweismethoden wohl immer einen SChritt voraus sein!
    Traurig aber wahr, nur wie soll dieser auch von dir beschreibene Teufelskreislauf ein Ende finden?
    Was mich wundert ist, das im Fußball, also der Sportart schlecht hin, Doping sogut wie keine Rolle spiel?!? Oder wissen wir es nur nicht, oder liegt es einfach daran, das in diesem Bereich einfach zu viel Geld im SPiel ist? Naja, bin zumindest als Fan von eingiermaßen saubren Fußball überzeugt (geblendet). Bin vor kurzem auf eine interessante WM Seite gestoßen, also wen es interessiert, auch einige Infos zu Tickets:
    <a href=“http://www.passion-southafrica.com/wm2010/wm-tickets-2010.html“ rel=“tag“ title=““>http://www.passion-southafrica.com/wm2010/wm-tickets-2010.html</a&gt;
    Wen es nicht interessiert, einfach nicht beachten…
    Viel Spaß und weiter so!

  9. die Leute sollen keine Fahrräder (wie Licht, Reifen, bremsen, Schaltung) und Sachen, wie Kleidung und Schuhe kaputt machen

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