Claudia am 26. Mai 2007 — 7 Kommentare

Von der Zumutung, ein Mensch zu sein

Es ist Pfingsten: kommt jetzt etwa der Geist auf uns herab? Vermutlich nicht mehr als an anderen Tagen. Und überhaupt: was für ein Geist soll es sein? Channel-Medien haben eine Menge verschiedener Geister zu bieten: aufgestiegene Meister, alt-indische Gottkönige, Verstorbene und Vermisste, Heilige, Weisheitslehrer, Erzengel und Naturgeister. Mit wem talken Sie am liebsten?

Ach je – ein Anfall von Zynismus! Diese Pest meinte ich doch lange schon hinter mir zu haben! Doch kaum hebe ich den Blick und schaue aufs Große & Ganze der Gesellschaft, ist er immer noch allzu oft die erste Gemütsreaktion. Es ist ja auch leicht, sich über etwas lustig zu machen: man steht dann drüber, rechtet und richtet von oben herab und stabilisiert damit die eigene DISTANZ zum Thema.

Das ist nämlich das Hauptanliegen zynischer Reaktionen: mich unverletzbar machen, mich abschotten gegen das, was schmerzen würde, ließe ich es wirklich an mich heran. Ein Schutzschild also, der das Leiden abwehren soll, das Leiden an der Welt, an den Menschen, an der Endlichkeit des Daseins und der Beschränktheit unserer Möglichkeiten. (Massenhaftes „Ablästern“, wie in der Bloggerszene gern geübt, könnte man so als modernes Beschwörungs-Ritual zur Besänftigung des Bösen ansehen).

Doch der „Schutzschild Zynismus“ funktioniert nicht wirklich, das Leiden wird nur vordergründig in Schach gehalten. Negieren und Ignorieren öffnet im Gegenteil die Tore zum Unbewussten, wo sich das abgelehnte Leiden „unerlöst“ niederschlägt und wirkt wie ein Gemütsgift. Da leide ich lieber gleich, dann ist es auch schnell wieder vorbei.

Es hilft ja nichts: Es ist und bleibt eine Zumutung, ein Mensch zu sein. Allem Schön-Reden zum Trotz ist es eine krasse Erfahrung, sich in diesem Leben vorzufinden: ohne zu wissen, woher wir kommen, wohin wir gehen und wozu das alles stattfindet. Als Gipfel der Stress-Erfahrung ist dann auch noch der Weg in die Ignoranz des Genießens verschlossen: wir wissen, dass wir sterben werden, dass also aller Genuss ein Ende haben wird und all unser Streben nach einem guten Leben letztlich scheitern wird. (Denn alle Lust will Ewigkeit, will tiefe, tiefe Ewigkeit – Nietzsche).

Glaubenssysteme

Um in dieser Lage nicht in Schreckensstarre zu verharren und dennoch den Erfordernissen des Tages nachgehen zu können, entwickelte die Menschheit Religionen und philosophische Weltanschauungen. Diese bieten Erklärungsmodelle und zeigen Sinnhorizonte auf, mit denen sich leben lässt. Anders als früher, haben wir glücklicherweise heute die Wahl, ob und welches dieser Modelle wir nutzen wollen, und so gibt es heute den Typus des „Suchers“, der eins ums andere ausprobiert, stets nach dem richtigen Leben strebt, nach Erleuchtung oder Erwachen sucht, und einen großen Buch- und Seminarmarkt am Leben hält.

Phasenweise hab‘ ich auch auf diese Art gesucht: jede Menge „geistige Literatur“ verschlungen, hier und da mal ein Vortrag, ein Kurs, ein Workshop, eine „Ausbildung“ – zum Glück hielt es sich in Grenzen, denn nichts davon hat mich je selbst wesentlich verändert, egal, wie WAHR das jeweils Vermittelte sein mochte. Immer, wenn ich „suchte“, war das dahinter stehende Motiv letztlich eine Unzufriedenheit mit meinem konkreten Alltagsleben, nicht etwa ernsthaftes Interesse an „der Wahrheit“. Es ist sogar so, dass ich als „Sucherin“ nicht einmal die einfachsten Wahrheiten an mich heran gelassen hätte: dass nämlich der Tod ein Skandal ist und dieses ganze Universum in seiner Unvorstellbarkeit eine Beleidigung des Verstandes, der verdammt noch mal zurück und voraus schauen kann. Und was sehen und erkennen wir, wenn wir so schauen? Nichts, nada, Leere….

Wie also mit dieser menschlichen Grundsituation und ihrem eingebautem Ablaufdatum umgehen? Die „große Antwort“, dass da ein Gott sei, der uns und die Welt geschaffen habe (wie wir unsere Alltagsdinge erschaffen), und der sich lieb um uns kümmert, wenn wir seine Art „Liebe“ auch nicht immer verstehen, war für mich nicht hilfreich: ich lernte im religiösen Unterricht der Kindertage, dass ich dazu noch eine ganze Menge komischer Dinge glauben sollte – und das ist mir einfach nicht gelungen! Also kündigte ich die Gott-Connection recht früh, der ja sowieso nicht mit mir sprach: Beweis genug, dass er nicht existierte.

Ich wurde also „wissenschaftsgläubig“, ohne es groß zu bemerken. Die herrschende Lehre unserer Tage konnte immerhin auf die Technik, die sie hervor bringt, pochen: wir erzählen nicht nur was vom Pferd, wir ERSCHAFFEN auch etwas, das funktioniert! Esoterische Gedankengebäude, denen ich später begegnete, hatten für mich keinen Bestand, wenn sie das wissenschaftliche Weltbild nicht mindestens umfassten. Zwar konnte ich mich punktuell gut auf irgend eine „Lehre“ einlassen und auch mal ihre Methoden nutzen, doch lief im Hintergrund des Bewusstseins immer ein Abgleich mit dem „herrschenden Weltbild“: ein Wunder, ein Geist, ein großer Traum, ein sinnvoller Zufall – all das war mir kein Beweis für irgend eine „höhere Wahrheit“, sondern subjektives Erleben, psychologisch erklärbar.

…mal eben raus dem Körper (OOBE)

Richtig geschockt war ich dann, als ich mal aus dem Schlaf erwachte und mich an der Decke schwebend vorfand – unten mein Körper, selig schlummernd. Das geschah nicht nur einmal und ich spürte mit voller Wucht den Schrecken, mich irgendwo „außerhalb“ meines Weltbildes vorzufinden. Ich schwebte über einem Abgrund, dessen Boden ich nicht sah: So etwas durfte es „an sich“ nicht geben, doch es war ganz offensichtlich kein Traum. Ich stand, bzw. schwebte mitten im Unerklärlichen – wie sich da verhalten? Was droht? Was ist zu tun? (Und alsbald: wie kann ich es BENUTZEN??)

In der intensiven Forschungs- und Experimentierphase, die diesen Erlebnissen folgte, fand ich keine für mich befriedigende Erklärung des Phänomens: ich sah nur, wie die Gläubigen verschiedenster Systeme die Erfahrung (von der es jede Menge Beschreibungen aus allen Zeiten gibt) in ihr jeweiliges Glaubenssystem einbauten. Das war es nicht, was ich suchte – ich wusste ja selbst nicht, was ich suchte, doch hat das Erleben immerhin meine bis dahin ausschließliche Identifikation mit dem Körper und der sinnlich wahrnehmbaren Welt nachhaltig erschüttert. Auch erkannte ich, was ich tue, wenn der Verstand kein Geländer mehr bietet, an dem man sich festhalten kann. Ich erinnerte mich an uralte Märchen und verhielt mich entsprechend: Mittels „wünschen“ und „befehlen“ konnte ich ein wenig navigieren und in jedem Fall die Erfahrung BEENDEN, wenn sie mir zuviel Angst einjagte ( „Ich liege im Bett und alles ist ganz normal“ lies mich in den Körper zurückkehren).

Im Versuch, die „OOBE-Erfahrung“ in den Griff zu bekommen, erlebte ich Situationen, die mir gar nicht mehr gefielen. Die mir – so empfand ich es jedenfalls – im Gegenteil aufzeigten, dass ich auf einem Spielfeld spielte, für das ich nicht geschaffen bin. Ich legte die Sache also innerlich zu den Akten mit dem Fazit: dieses Leben ist dazu da, es in, mit und durch diesen Körper zu leben, nicht etwa der, ihn vorzeitig zu verlassen. Dass da etwas ist, was den Körper nach dem Tod „verlässt“ um irgendwo hin zu gehen (oder wieder geboren zu werden), sah ich durch die Phänomene nicht als bewiesen an (selbst Rudolf Steiner schrieb ja, auch der „Astralkörper“ löse sich binnen Kurzem auf). Weiterhin sah und sehe ich alle spezifischen Meinungen über ein „danach“ als Menschen-gemachte Trostpflaster an, die über das Grauen des Sterbens hinweg helfen sollen. Und Trostpflaster will und brauche ich nicht – zumindest JETZT noch nicht, wo es mir halbwegs gut geht. J

Die dritte Antwort

Neben tradiertem Glauben und esoterischen Systemen gibt es noch eine weitere Antwort auf die „großen Fragen“ nach dem woher, wohin und wozu, eine weitere Alternative im Umgang mit dem Unerforschlichen und vor allem mit der Endlichkeit des Lebens. Sie beginnt selbst mit einer Frage, nämlich der Frage nach demjenigen, der das alles erlebt: Wer bin ich?

Bin ich nur das, was stirbt? Woran mache ich überhaupt fest, zu was ich „ich“ sage?? Wo fange „ich“ an und wo sind die Grenzen – zum Anderen, zur Welt?? Gibt es da überhaupt Grenzen – oder ist die Begrenztheit, die ich erlebe, lediglich Ergebnis meiner eigenen, nicht weiter überdachten „Definition“ vom Ich?

Ich gehe davon aus, dass der Geist, der an Pfingsten auf die Jünger herab kam, eben jener Geist war, der die Nichtigkeit und den Illusionscharakter solcher Begrenzungen erlebbar macht. Sie sprachen in „Zungen“ und doch konnten alle sie verstehen, egal welche Muttersprache die ihre war. Die Sprachverwirrung des Turmbaus zu Babel hatte ein Ende – doch leider ging auch das Geisterlebnis zu Ende (Paulus hat später einiges darauf verwendet, exzessives Zungen-Reden vor „Ungläubigen“ einzudämmen, damit die Christenheit keinen allzu besoffenen Eindruck machen möge!).

Vielleicht nutze ich die Feiertage, diese Gedankenfäden weiter zu spinnen.
Für jetzt wünsche ich allen schöne Pfingsten!

Diskussion

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7 Kommentare zu „Von der Zumutung, ein Mensch zu sein“.

  1. Hallo Claudia,
    here, tiefgehende Gedanken. Ich halte es mit EPIKUR:
    „Das angeblich schaurigste aller Übel also, der Tod, hat für uns
    keine Bedeutung; denn solange wir noch da sind, ist der Tod
    nicht da; stellt sich aber der Tod ein, so sind wir nicht mehr
    da. Er hat also weder für die Lebenden Bedeutung noch für die
    Abgeschiedenen, denn auf jene bezieht er sich nicht, diese aber
    sind nicht mehr da.

    Die große Menge indes scheut bald den Tod als das größte
    aller Übel, bald sieht sie in ihm eine Erholung von den
    Mühseligkeiten des Lebens. Der Weise dagegen weist weder
    das Leben von sich, noch hat er Angst davor, nicht zu leben.
    Denn weder ist ihm das Leben zuwider, noch hält er es für ein
    Übel, nicht zu leben. Wie er sich aber bei der Wahl der Speise
    nicht für die größere Masse, sondern für den Wohlgeschmack
    entscheidet, so kommt es ihm auch nicht darauf an, die Zeit in
    möglichster Länge, sondern in möglichst erfreulicher Frucht-
    barkeit zu genießen.“
    In diesem Sinne wünsche ich Frohe Pfingsten
    Hanskarl

  2. Hallo Claudia,

    ich habe mir einmal vorgestellt: Wären wir allmächtig und unsterblich, würde uns sehr „lang“weilig werden, was wäre dann von Bedeutung? Ein „Zeit“vertreib wäre, temporär in einem Körper zu sein mit begrenzter Lebensspanne und einem (begrenzten) Verstand, der die Wahrheit nicht herausfinden kann. Dieser Körper und Verstand müssten zu starken Empfindungen fähig sein, der Allmacht nahe kommen können, sie aber nie erreichen dürfen.

    Was den Glauben betrifft, las ich in einem Artikel, Physiologie und Biochemie spielten ein wichtige Rolle. Ich denke, auch ein Gehirn zu haben, dem Glaube sehr schwer fällt.

    Eine meiner Lieblingsaussagen ist die Sokrates zugeschriebene, so kurz formulierte: „Ich weiß, dass ich nichts weiß“. Das stimmt nach meiner Ansicht doppelt – unabhängig von der historischen Wahrheit und Interpretation: Wie Sokrates es wohl meinte: Es ist ein Vorteil, keinem Irrglauben anzuhängen (zu glauben, man besäße Wissen über etwas, von dem man nichts wissen kann) und zum anderen, dass man nichts vollständig wissen kann, denn für jede gefundene Antwort entstehen neue Fragen, die erst nach Kenntnis der Antwort möglich sind.

  3. Das Andere ist die Leerstelle, das fehlende Gefühl
    von etwas vorhandenem. Luft gefüllt aus noch nicht
    erwirker Zuständigkeit.

    Dieses Andere lässt sich leicht erfühlen:
    Das Haupthaar frisch mit einer Maschine ohne
    mm-Begrenzung knapp und gleichmäßig rasiert;
    -Haarlänge in etwa 1 mm- mit den Fingerspitzen
    gegen den Strich -ohne Druck- drüberfahren.

    Was dabei geschieht, erklärt die Wissenschaft
    Nervenenden melden von den Fingerspitzen
    mittels elektrischer Signale Reize ans Hirn,
    werden dort (nach Vorfilterung) interpretiert
    und in Erfahrungswertigkeiten einsortiert,
    wir wissen was geschieht-durch interpretiertes
    Gefühl.

    Gleichzeitig melden die Nervenenden der Kopfhaut
    ihrerseits die Reizung an den selben Interpreter,
    auch diese Reize erzeugen (nach Erfahrungs-Vorfilterung)
    das Erlebnis einer Berührung in Bewegung,
    eine alltägliche, in sich geschlossene Welterfahrung
    zwischen den Fingerspitzen.

    Der ausgegossene Geist dazwischen ist woran wir
    glauben können, die unerfüllte Fülle.

    ich glaube kaum, dass Gott von uns mehr erwarten
    kann.

  4. Mag sein, daß das Leiden am Leben uns mit dem Tod aussöhnen kann, wie das Leiden am Tod uns mit dem Leben auszusöhnen vermag.

  5. Ich danke Euch für Eure gehaltvollen Kommentare – eine schöne Bereicherung für diesen Text! Wie schön, dass man auch „schwere Themen“ schreiben kann, ohne dass hier „losgetrollt“ wird!

    @Hanskarl: ja, diese Haltung ist mir auch bekannt. Sie spiegelt sich im Satz (den viele unterschreiben): Ich habe keine Angst vor dem Tod, nur vor dem Sterben… Allerdings gehört zum Hier&Jetzt immer auch die Spekulation auf die Zukunft – und die „Zukunftslosigkeit“ eines Sterbenden ist schon recht hart zu ertragen, denke ich mir.

    @Elmar: dieser Gedanke ist mir sehr nach! When God made the world, she was only joking… :-))

    @juri gagarin
    Die Sache mit der Kopfhaut kann ich nicht wirklich auf das Thema beziehen: Du meinst, die Fülle läge in der noch durch Vorerfahrung undefinierten Situation???

    @SuMuze
    Ein tiefsinniger Satz! Ich hab‘ schon öfter mal gedacht: wie gut, dass ich das nicht wieder und wieder erleben muss – dreimal Schlaghosen und Plateu-Sohlen-Mode sind wirklich genug! :-) Und im Ernst: wer erkennt, dass das „Welt verbessern“ oft Schlimmeres ergibt als das Leid, das verbessert werden sollte, ist auch froh, nicht „auf ewig“ dieser Frustration ausgesetzt zu sein.

  6. Ab und an denke ich schon,es könnte spannender sein,mein Leben als Mensch-da ich ja nicht weiß,ob ich früher mal was anderes war,bevor ich dieses Leben als Mensch begann.Aber spannend muß nicht zwangsläufig gefährlich bedeuten.Zumutung?Na ja,jeder Mensch ist halt anders,so ganz anders als ein Mensch beispielsweise,der noch nie gedichtet hat,noch nie in Zeilen geträumt hat.Mein Expartner formulierte es vor langer Zeit so:“Du schreibst Zeilen voll mit Nichts“,sehr witzig fand ich es nicht.Er ist übrigens ein Typ,der so still vor sich hinlitt,als sein älterer Bruder starb,die Brüder insgesamt wußten nicht,wie man trauert,das nenne ich,dem anderen etwas zumuten,aber jeder Mensch ist so anders,daß er oder sie eben mit der Trauer anders umgehen kann und muß.Ich mute mich auch anderen Menschen zu,aber jenen,die mich amtlicherseits veralbern wollen,da nenne ich nur mal die „liebe“ARGE,eine Wohnungsgesellschaft oder ganz normale Leute.Jeder hat auch seine Ticks,seine Fehler ganz für sich allein.Mute ich mir mich nicht auch zu,wenn ich in den Spiegel schaue,wieder -mit 43 Jahren!-mal gar manches graue Haar entdeckt,ist es nicht zu früh dazu?Da habe ich mir-wegen dieser Zumutung eben-die Haare kurz schneiden lassen,das hängt dann nicht so müßig an mir herunter..

  7. […] OOBEs hab’ ich vor zwei Jahrzehnten mehrfach erlebt, was mich zu einigem Forschen und Experimentieren veranlasste, bis ich die Sache zu den Akten […]

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