Claudia am 04. Mai 2007 — 10 Kommentare

Miteinander reden?

Ein Gespräch im Webzettel-Blog gibt mir den Anstoß zu diesem Thema: Reden wir heute weniger miteinander als früher, wie es Michael in seinem Beitrag „Merkwürdiger Frieden“ nahe legt? Da heißt es: „Vielleicht ist man ja auch müde geworden, miteinander zu reden, weil ja doch alle dasselbe sagen, dasselbe denken, dasselbe wissen. Man weiß, daß es so friedlich im Grunde gar nicht ist und daß es trotz aller Individualität überhaupt keine Alternative dazu gibt, jetzt hier zu sein und dorthin zu fahren, wo man nun einmal hinfahren muß. Also wozu darüber noch viele Worte verlieren?“
Man kratzt nur an der Oberfläche, wenn man – wie ich es im Kommentar dazu tat – auf die Anonymität der Großstadt verweist, wo es ja kaum erträglich wäre, müsste man mit allen reden, denen man im öffentlichen Raum begegnet. Da es unhöflich ist, Leute einfach nur anzustarren, ohne Kontakt aufzunehmen, geht der Blick üblicherweise aneinander vorbei, oder man versenkt sich, z.B. in der U-Bahn, ins Lesen einer Zeitung. Alles ganz normal – oder doch nicht? In südlichen Ländern, z.B. in Italien, hab‘ ich weit kommunikativere und fröhlichere Situationen in Bahnen und Bussen erlebt als hierzulande – es scheint also auch am Nationalcharakter zu liegen (letztlich am Klima?), wieviel spontanes Plaudern mit Fremden normalerweise drin ist.

Wie ich mich in solchen Situationen fühle, ist allerdings eine ganz andere Baustelle: je nach Stimmung und eigener Lebenslage kann ich mich einsam und getrennt fühlen, als wäre da eine unsichtbare Glasscheibe zwischen mir und den anderen Menschen. Oder ich bin selber „abwesend“, verstrickt in Gedanken über Zukunft und Vergangenheit, dann nehme ich den Mitmenschen gar nicht wahr. Bin ich dagegen im Hier und Jetzt tatsächlich ganz da, kommt schon mal ein freundlicher Blickwechsel zustande – oder derjenige schaut weg, weil er selber gerade nicht bereit ist, einen solchen Minimalkontakt entstehen zu lassen. Auch ok, denn wenn ich „nur schaue“, bin ich frei vom Verlangen nach irgend etwas, fühle mich also nicht persönlich abgelehnt, sondern registriere einfach die Verschlossenheit des Anderen, genau wie die Temperatur des Waggons oder die Kratzer auf den Scheiben.

Die Geste des Sprechens

Mein Drang nach Gesprächen hat im Lauf der Jahre insgesamt abgenommen. In Gruppensituationen, die meistens ein wirres Durcheinander an Smalltalk mit sich bringen, fühle ich mich eher unwohl, denn das Geschehen bindet meine Aufmerksamkeit, ohne dass ich irgend etwas davon hätte.

Was aber will ich denn HABEN, wenn ich mit jemandem spreche? Warum überhaupt miteinander reden? Vilém Flusser hat dazu etwas sehr Schönes geschrieben, das ich hier einfach mal zitiere:

Vilém Flusser„Man spricht nicht so sehr, weil man ‚etwas zu sagen hat‘, sondern weil das Wort die Mauer des Schweigens durchbricht. In der Gegenwart allerdings ist diese Grundtatsache des Sprechens in Vergessenheit geraten. Die Tore der Worte haben sich sperrangelweit pathologisch geöffnet, und die Logorheia des Geredes überschwemmt die Gegend. Man redet, weil man verlernt hat zu sprechen, und man hat es verlernt, weil es nichts zu verschweigen gibt: die Worte haben ihre Strahlen verloren. Es muss in anderen, früheren Situationen vor der Inflation des Wortes ein Gewicht des Sprechens gegeben haben, einen Ernst der Geste des Sprechens, oder wie man vielleicht sagte, ein Messen des Wortes, ein maßvolles Sprechen, wie man es noch bei Bauern und einsam Lebenden antrifft, bei welchen das Sprechen sich noch als ein Brechen des Schweigens und nicht als ein Zerreden der Stille auswies. Dieses ursprüngliche Gewicht der Geste des Sprechens, und nicht die leichtfertige Geste des Geredes, gilt es hier zu fassen. Also nicht die allerorts beobachtbare Bewegung der Mundorgane, welche die Luft auf Marktplätzen, in TVs und Vortragshallen zum Vibirieren bringt, sondern die weit seltenere Geste, bei welcher Worte unwiderruflich aus dem Bereich der Betrachtung in den Bereich des Zusammenseins mit anderen gelangen.“

aus: Gesten – Versuch einer Phänomenologie / Die Geste des Sprechens, S.55

In den Bereich des Zusammenseins gelangen – das ist es wohl, was wir mittels des Sprechens wollen, aber durch bloßes Gerede allzu oft selbst verhindern. Wobei ich allerdings meine, dass es gerade dann gut gelingt, wenn die Beteiligten eine Haltung „reiner Betrachtung“ einzunehmen im Stande sind. Und zwar nicht der Betrachtung des Unwesentlichen (Klatsch und Tratsch), das Flusser hier vermutlich meint, sondern eine durchgängige quasi „objektive“ Betrachtung sämtlichen Geschehens, einschließlich dessen, was ich selber gerade bin. Dann ereignet sich ein gemeinsames „Hören auf das Sein“ und damit ein Zusammensein, wie es nicht möglich ist, wenn man einander mit dem je eigenen Interesse zutextet.

Diskussion

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10 Kommentare zu „Miteinander reden?“.

  1. Hallo,

    ich stelle in meiner Umgebung fest, daß zwar durchaus miteinander
    gesprochen aber selten oder nie miteinander geredet wird.

    Das zum reden erforderliche öffnen wird gescheut oder wurde ver-
    lernt.

    Gruß Hanskarl

  2. @Hanskarl

    Nicht zu fassen, aber ist es nicht genau umgekehrt?? Also es wird viel geredet, aber wenig (miteinander) gesprochen?

    (Deswegen „nicht zu fassen“, weil ich dachte, hier einen kleinen gedanklichen Fortschritt erzielt zu haben, indem ich „sprechen“ von „reden“ unterscheide –> sprechen=zweiseitig (kommunikativ), reden=einseitig (Geplapper))

    Grüße,
    Michael

  3. @Michael

    So geht es halt. Jeder hat aus seiner Sicht immer recht.

    Gruß Hanskarl

  4. Reden ohne Inhalt ist lautes Schweigen!

  5. „Was aber will ich denn HABEN, wenn ich mit jemandem spreche? Warum überhaupt miteinander reden?“ …

    Man sagt uns in den USA Oberflaechlichkeit nach, was auch sicher berechtigt ist. Aber hier gibt es was, das ich wie in Suedeuropa auch gefunden hab. Und was mir sehr sympatisch ist. Hier beispielsweise das „How are you?“ an der Kasse. Die Person, die das sagt, erwartet keine Antwort. Aber es kann sein und dass man schnell mal einige Worte wechselt. Verlaesst den Laden und hat alles schon „vergessen“. Ich stoehnte gestern in einem Wartezimmer meine Zeit ab. Weit ab in der anderen Ecke, sass eine Frau, stand nach einer Weile auf, setzte sich neben mich und fing einfach an zu plaudern. Innerhalb fuenf Minuten kannten wir beide unsere Lebensgeschichte. Sie ist 90 und faehrt immer noch Auto (hat ja keine andere Wahl in unserem Land, wo die oeffentlichen Verkehrsprobleme nicht geloest sind), erzaehlte mir ueber ihren Sohn und noch so vieles mehr. Die Zeit verging rasch … man verabschiedete sich, ohne die Adresse des anderen erfahren zu wollen. Wir hatten beide einfach eine bessere Zeit, als mit alleine rumzusitzen.

  6. […] (angeregt durch „Miteinander reden?“ sowie weitere Betrachtungen Claudia Klingers zum alljährlichen Weihnachtsfest.) „In den Bereich des Zusammenseins gelangen – das ist es wohl, was wir mittels des Sprechens wollen, aber durch bloßes Gerede allzu oft selbst verhindern.“ […]

  7. Sich öffnen um zu reden haben wir (also die Menschen) irgendwann verlernt. Zu viel Heimlichkeiten, Erwünschtheiten, Peinlichkeiten. Dabei sollte das Miteinander doch im Vordergrund stehen !

  8. Haben wir das Reden wirklich verlernt? Oder sind wir nichr viel mehr abgestumpft, gleichgültig und vielleicht zu stark Ich-bezogen? Wenn wir anfangen zu reden ohne Hintergedanke, ohne was zu wollen sondern nur zu geben gibt es auch eine Zukunft. Reden lernen.

  9. Mein schönstes Gedicht.
    Ich schrieb es nicht.
    Aus tiefsten Tiefen stieg es.
    Ich schwieg es.

    (Mascha Kaléko)

  10. Wunderschön! Da war mein „Schweigen“ ja noch weit wortreicher…

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