Claudia am 25. April 2007 — 11 Kommentare

Arbeitszeit verkürzen oder mehr Geld verdienen?

Eigentlich seltsam, dass sich diese Frage im Lauf meiner nun über zehnjährigen Selbständigkeit noch nie gestellt hat. Erst jetzt, seit ich einen Garten habe und mit viel Freude und Entdeckerlust dort viele Stunden verbringe, erkenne ich, dass es ein Leben neben der Arbeit gibt, das mindestens genauso befriedigend ist wie das Navigieren, Produzieren und Kommunizieren am Monitor.

Gefragt, wie viel und wie lange ich üblicherweise arbeite, musste ich mir immer erst überlegen, zu welchen Zeiten ich NICHT arbeite, um dann im Umkehrschluss die Antwort geben zu können. Genau wie Programme einen „Default-Status“ haben, eine Grundeinstellung, die sie bei der Installation mitbringen, so war der Sitzplatz vor dem PC, Hand an Maus und Tastatur, meine „Grundeinstellung“. Nur zu den allernötigsten Reproduktionszwecken und bei Besuchen bewegte ich mich weg vom „Ort der Macht“, von dem aus ich meine Welt weitgehend steuere.

Natürlich ist nicht alles „Brotarbeit“, was ich da mache, doch bildet diese den Rahmen und bietet gute Gründe für allerlei Nebenaktivitäten: kommunizieren, mich informieren, eigene Projekte betreiben, die einfach Spass machen – so bin ich immer schon zu meinen Kunden und Klienten gekommen, nicht etwa durch so unangenehme Dinge wie „Kaltaquise“ (igitt!! Schon allein das Wort…!!) oder Werbebriefe. Zu meiner großen Freude hat sich gezeigt, dass die Welt der Wirtschaft, die ich als in den 70gern Sozialisierte früher als feindlich, unpersönlich, an Formalien hängend und komplett „entfremdet“ empfand, zumindest im kleinen Rahmen nicht ZWINGEND die Arbeitsbedingungen vorschreibt: es geht auch anders, ich muss mich keinesfalls verbiegen, um mir ein Einkommen zu erwerben – wie schön! Muss das aber heißen, dass ich für alle Zeit und viel zu viele Stunden pro Tag vor dem Monitor kleben bleibe? So langsam wird mir bewusst, dass es Alternativen gibt!

Da ich meine Befriedigungen und Bestätigungen immer schon IN der Arbeit fand, war ich nie konsum-orientiert: einkaufen müssen ist mir lästig, wenn möglich, mache ich es übers Netz (mein über Ebay gekauftes Fahrrad ist noch immer nicht da, fällt mir da ein!). Wenn genug Geld rein kommt, um die laufenden Kosten ohne Probleme zu decken, denke ich gar nicht über mehr oder weniger arbeiten und Geld verdienen nach – und die allermeiste Zeit war das so. Es reichte mir, dass es weiter ging, an Rücklagen und Sicherheiten dachte ich gar nicht, sondern schaute sogar ein wenig herab auf diejenigen, die auf derlei Spießigkeiten Wert legen und dafür die Freude des Augenblicks auf die eine oder andere Weise opfern.

Nun erkenne ich, dass es auch Freude macht, mal NICHT zu arbeiten, auch nicht „für mich selbst“. Und bemerke gleichzeitig, dass kaum ein Freiberufler, den ich kenne, je an so etwas wie „Arbeitszeitverkürzung“ als erstrebenswertes Ziel denkt. Es geht immer nur darum, „im Geschäft zu bleiben“ und es zu verbessern. Zwar lese ich viel von den Bemühungen, das Arbeiten zu effektivieren, doch geschieht das üblicherweise nicht, um mehr Freizeit zu haben, sondern um mehr Geld zu verdienen. Die ersparten Stunden werden nahtlos mit weiterer „effektiver“ Arbeit gefüllt: Verdichtung statt Befreiung ist das (nicht unbedingt bewusst gewählte) Ziel. Von den Freuden des Lebens mit nur wenig Arbeit sprechen meist nur diejenigen, die bisher nicht wirklich „eingestiegen“ sind, die noch nicht das gefunden haben, womit sie sich selbst verwirklichen und gleichzeitig auch den Lebensunterhalt bestreiten können.

Halbtags arbeiten?

Zur Zeit nähere ich mich unverhofft dem lange abgelegten Traum meiner Jugend, nämlich der „Halbtagsarbeit“. Denn nachmittags gehe ich in den Garten und ob danach noch etwas zustande kommt, steht in den Sternen und fällt in diesen Frühlingstagen auch mal ganz aus.

Zuerst hat mich das irritiert: wird mir der Himmel auf den Kopf fallen, wenn ich die volle Identifikation mit der Arbeit verliere? Werde ich Kunden verlieren oder keine neuen mehr gewinnen, wenn ich „andere Götter neben ihnen“ habe?

Keine Rede! Der Garten macht müde, also schlafe ich früh ein und bin entsprechend früh wach. Heute war es halb fünf, meistens sitze ich ab 7 Uhr am PC. Der Garten lockt mich so ab 13 Uhr, das sind also 6 Stunden – mal sechs (inkl. Samstag) gerechnet, komme ich auf eine 36-Stunden-Woche, mal abgesehen von der einen oder anderen Spätschicht, die doch noch anfällt. Wenn „der Kunde ruft“ erreicht er mich auch nachmittags übers Handy, doch ist das die Ausnahme, denn meine Kunden mailen lieber und rechnen mit Antwort binnen 24 Stunden, genau wie ich.

Im Winter wird es wieder anders aussehen, doch jetzt genieße ich einfach den Frühling – etwas, das am Monitor so nicht geht. Und so wahnsinnig viele Frühlinge, dass mir das egal sein könnte, hab‘ ich ja gar nicht mehr, das ist mir heute bewusster als noch vor zehn Jahren. Grund genug, in die Sonne zu blinzeln, den Duft der Blüten zu riechen, ihre erstaunlichen Formen zu bewundern und mit Lust in der Erde zu wühlen – nur so werde ich vom Leben satt und kann eines Tages sagen: ja, es ist genug!

Diskussion

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11 Kommentare zu „Arbeitszeit verkürzen oder mehr Geld verdienen?“.

  1. Auch ich habe viel zu viele Jahre damit verbracht, (fast) nur zu arbeiten.
    Erst als mein Körper streikte ist mir die Frage in den Sinn gekommen:
    wie kann ich es regeln so zu leben, dass ich mein Auskommen habe u n d auch das Schöne des Lebens mitnehmen kann?

    Seitdem habe ich mich umorientiert und versuche, dem Leben die Seiten abzugewinnen, die mich irgendwann einmal sagen lassen:
    ja, ich habe mein Leben gelebt – indem ich etwas Sinnvolles damit angefangen u n d es auch bestmöglich genossen habe.

    Und dazu gehören unbedingt die Natur, das Abschalten und Kraftschöpfen.

    Deinen Ausführungen kann ich deshalb voll und ganz zustimmen!

    Das Wetter soll wieder schön werden und ich wünsche dir einen angenehmen Garten-Nachmittag :-)

    Edith T.

  2. So ein Garten ist der schönste Grund, nicht zu arbeiten – bzw. arbeiten tust du ja auch da, aber es ist ein anderes Arbeiten.

    Schön, dass du diese Erfahrung jetzt machen kannst. :-)

  3. Es ist schön solche Einträge zu lesen. Ich freue mich mit dir und wünsche dir, dass du die Zeit in deinem Garten geniesst.

  4. sogleich begebe ich mich wieder in den frühlingsgarten. werde mal mit dem fernglas unsere „zerklüftete“ wand der alten scheune betrachten, da schauen lauter hungrige vogelkinder raus und kreischen piepsig.
    gruß von Sonia

  5. Schön, so einen Artikel zu lesen. Ich selbst bin in der Situation, dass ich zwar einen kleinen Bauernhof habe (1 Ha. zum Teil steiler Grund), aber derzeit im Ausland arbeiten muss. Es vergeht kaum ein Tag, an dem ich nicht an meinen ‚Hof‘ denke und mir überlege, wie ich es anstellen könnte, dort zu leben und vom Haus aus ausreichend zu verdienen, um meine Rechnungen zu bezahlen. Ich hoffe, mir wird bald etwas einfallen. Wenn es irgendwie möglich ist, möchte ich weder ein Auto besitzen, noch irgendwo hinfahren müssen um das nötige Kleingeld zu verdienen. Falls jemand Ideen hat, würde mich das sehr freuen.
    Liebe Grüße
    R.

  6. Vielleicht meine 2 cent dazu, vor allem zu den Ausführungen von Robert.
    Man kann es unbedingt zu dem schaffen, was man sich als Ziel gesetzt hat, falls man dabei ein kleines bischen Glück hat. Man muss planen und die Vorraussetzungen schaffen und eines Tages hat man es geschafft und wie in meinem Fall, weit über das ursprünglich gesetzte Ziel hinaus.

    Falls von Interesse kann man auf unsere persönlichen Webseiten schauen, unter

    http://khecke.repage1.de

    und von da auf weitere Seiten von mir via der Link-Seiten.
    LG KH.

  7. Ich finde es schön, endlich einmal ein Blog gefunden zu haben, in denen Themen eine Rolle spielen, die viele Leute beschäftigen. Die Ausbeute der Suche nach Gleichgesinnten ist recht mau. Erstaunlich, wenn man das Gejammer des Freundeskreises über die eigene Arbeit hört. Aber so recht ist keiner bereit für Kompromisse.

    Ich bin zwar nicht halbtags tätig, habe aber, um mehr vom Leben und meiner Familie zu haben, meine Elternzeit wahrgenommen. Ich arbeite so vier Tage die Woche und ich genieße es.

    Was mich allerdings noch mehr interessiert, ist meine freiberufliche (noch nebenberuflich) Tätigkeit mit meinem Leben und der Familie in Einklang zu bringen. Mein Job machte mir einmal sehr Spass, aber derzeit frage ich mich ernsthaft, wofür ich das alles tue.

  8. Gratulation! Das ist eine gute Einstellung und eine gute Entscheidung. Ich selbst bin auch selbständig und habe früh erkannt, dass man sein Geld mit wenigen wichtigen Tätigkeiten verdient, dann aber von vielen unwichtigen Dingen endlos beschäftigt wird. Als ich begann, diese zu delegieren, hatte ich viel Zeit bei gleichzeitig gutem Erfolg.

    Es gibt im Leben mehr als Arbeit und Geld!

  9. Hallo, da stellt man fest: man ist nicht allein. Vor etwa zwei Wochen hab ich bei mir selbst „schwere Internetsucht“ diagnostiziert und überlege grad mich selbst „zu heilen“. Da bin ich genau deiner Meinung. Man versucht effektiver zu arbeiten, um „mehr“ Zeit zu bekommen, in der man dann effektiver noch mehr arbeiten kann. Klingt zwar bescheuert, ist aber irgendwie doch so. Im Moment geniesse ich es, wenn mich Besprechungen oder Termine ausser Haus bringen und versuche dann gleich etwas „Entspannung“ anzuhängen. Also in ein Cafe zu gehen (ohne dort nochmals Kaffee zu trinken) oder zu fotografieren. Aber ich bin noch im Versuchsstadium und übe, so weit wie du bin ich leider noch nicht :-) Aber ich wünsche dir auch viel Spass in deinem Garten weiterhin.

  10. Danke für Eure interessanten Beiträge. Schön, dass doch noch mehr Leute den Sinn und das Ausmaß ihrer Arbeit überdenken und auch kreativ mit Veränderungen experimentieren.

    Auch bei mir hat sich grade wieder was verändert: der Garten ist weg und ich blogge jetzt von Phnom Penh aus. Wie seltsam, von der beeindruckenden Unmittelbarkeit dieser Stadt in die vertraute Netzwelt rund um meine Blogs einzutauchen! Na, es ist ja auch erst der vierte Tag und die dritte Session…

  11. […] mich also nicht danach, weniger zu arbeiten (über das hinaus, was ich für den Garten frei geschaufelt habe). Also einfach weiter sparen – oder mehr Geld ausgeben? Mal die Wohnung renovieren? […]

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