Claudia am 11. April 2007 — 3 Kommentare

Leben mit der finalen Diagnose – und schreiben!

„Wir reden über Wochen….“ – mit dieser ärztlich verkündeten Perspektive einfach weiter leben, geht das? Wie es geht, beschreibt Ulla in den neueren Einträgen ihres Altweibersommer-Blogs. Als ich nach längerer Pause dort mal wieder vorbei surfte, erwischte mich ihre Geschichte „aus heiterem Himmel“. Ich erwartete lockeres Geplauder über dies und das, statt dessen las ich von der Diagnose, der sie sich seit wenigen Monaten stellen muss: Bauchspeicheldrüsenkrebs, inoperabel.

Ich hatte mich immer schon gefragt, ob ich wohl weiter schreiben würde, wenn ich mit der „finalen Diagnose“ konfrontiert bin, und wenn ja, wie lange. Altern, Krankheit, Tod sind Themen, über die man vielleicht mal aus der Distanz schreibt, aber in eigener Sache??? Wer schwächelt schon gerne öffentlich? Würde ich es wagen, mich derart zu entblößen? Ich weiß es nicht! Und nun erstarre ich vor Bewunderung über Ullas Mut, ihr Schicksal so tapfer und selbstbestimmt zu tragen, sich nicht durch vermutlich nutzlose Chemotherapien die Lebensqualität nehmen zu lassen, und zudem ganz offen über ihr Erleben zu schreiben. Und zwar genau so, wie es sich von Tag zu Tag entwickelt, mit all den wechselnden Gemütszuständen zwischen Hoffnung und Verzweiflung, sachlicher Analyse und Sarkasmus, innerem Widerstand und Momenten der Hingabe.

Und das Netz antwortet: unter Ullas Beiträgen finden sich viele Kommentare, Tipps und Infos, virtuelle Umarmungen, Trost und Ermunterungen. Wie wird sich das entwickeln, wenn die Schreiberin pflegebedürftig wird? Wird sich Ulla den Netzzugang am Krankenbett erkämpfen? Wird aus dem „internetten“ Zuspruch ganz reale Unterstützung?

In dieser Gesellschaft ist es immer noch üblich, Alter, Krankheit und Tod in die Unsichtbarkeit zu verdrängen. Wer dazu gehören will, soll gefälligst so jung, fit und schön sein wie die makellosen Gestalten, die von den Plakatwänden lächeln. In den Blogs und Homepages dominieren Erfolgsgeschichten und Belanglosigkeiten, die den Schreibenden gut aussehen lassen. Schließlich soll das „virtuelle Kostüm“ schmücken und schützen, nicht etwa mit harten Tatsachen konfrontieren, mit denen man selbst kaum fertig wird.

Das unvermeidliche Sterben ist die heftigste harte Tatsache. Das gilt für jeden, nicht nur für Menschen, die bereits „ihre Diagnose“ kennen. Für sie ist Verdrängung allerdings nicht mehr möglich, die Basis des alltäglichen Halbschlafs ist zerschellt. Die meisten ziehen sich dann zurück und verbergen ihre Lage, fürchten die Ausgrenzung und Diskriminierung und wollen erst recht kein Mitleid. Sie tragen mit dieser sehr verständlichen Haltung dazu bei, dass alles so bleibt, wie es ist – Ulla hat sich anders entschieden, wofür ich sie sehr bewundere!

Vielleicht werden die Blogger und Diary-Schreiber dazu beitragen, dass das Sterben wieder als selbstverständlicher Teil des Lebens wahrgenommen wird. Wer es gewohnt ist, über sich zu schreiben, hört nicht plötzlich damit auf, wenn „die Diagnose“ ins Leben einbricht – und alle, die da mitlesen dürfen, erleben eine seltsame und beglückende Beruhigung: auch Sterben ist Leben, ist Gegenstand des Berichtens und Betrachtens, zu dem man schreibend Distanz aufbauen kann, anstatt zu verzweifeln.

Diskussion

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3 Kommentare zu „Leben mit der finalen Diagnose – und schreiben!“.

  1. Liebe Claudia,
    das hast du – besonders im letzten Absatz – sehr schön gesagt. Ich empfinde immer noch diesen Abgrund zwischen der Gewissheit des Todes und dem Leben, das sich schreibend fortführt. Aber gleichzeitig kommt es mir ungeheuer natürlich und beruhigend zugleich vor, dass das Schreiben, das Sich-Mitteilen diese Lücke schließen, über diesen Abgrund springen kann. Ich habe selbst eine Form von Sprachlosigkeit erlebt – in einer ähnlichen Situation -, die ich immer noch im Rückblick als schmerzhaft und wohl als falsch empfinde. Und gerade dieses Aus-der-Mitte-Rücken des Sterbens, vor allem des unweigerlichen Sterbens, wenn man sich keine Hoffnung mehr (vor-)machen kann, ist etwas, dass ich wohl selbst reflexhaft auch tue. Ich hoffe so sehr, dass ich lange nicht dazu die Möglichkeit haben werde; aber wenn, dann mache ich es hoffentlich besser.

  2. Hallo liebe Claudia,

    jetzt erst, als ich einen Link für deine Seite auf mein Blog legen wollte, sah ich diesen Beitrag! Ich bin sehr froh, dass du mein Geschreibe genau richtig siehst und deutest und einen so treffenden Beitrag abgeliefert hast! Vielen, vielen Dank dafür!

    Ulla

  3. Hallo Claudia,

    durch Ulla bin ich heute hier bei dir gelandet und habe mit großem Interesse deinen Eintrag gelesen.
    Ja, auch ich fände es wünschenswert, dass Krankheit, Leid und letztendlich auch der Tod in unserer Gesellschaft den Platz einnehmen, der ihnen zusteht – denn sie gehören zum Lebensweg dazu.
    Ulla schreibt weiter. Damit macht sie sich natürlich auch verletzlich. Aber der Großteil der Kommentare signalisiert ihr Zuspruch, aufrichtige Teilnahme an ihrem Schicksal und Unterstützung.
    Leider ist es ja so, dass viele der Kommentierenden – so auch ich, (sehr) weit weg wohnen. Da erledigt sich die Frage nach direkter, persönlicher Zuwendung leider von selbst.
    Trotzdem bin ich der Meinung, dass Kontakte übers Netz, so lange sie möglich sind, ein wichtiger Beitrag sind, um Menschen in schweren Situationen – wie in diesem Fall Ulla – ein Stück ihres Weges zu begleiten.

    Viele Menschen kommen ja auch erst durch einen Schicksalsschlag zum Schreiben. So ist es mir auch ergangen (ich blogge allerdings nicht) und ich möchte jede/n ermuntern, der diesen Weg beschreiten will.

    Sich mitzuteilen ist m. E. ein sehr guter Weg, seine eigene Last ein wenig zu verringern, etwas davon abzugeben.
    Das tut nicht nur dem Schreibenden gut, sondern es schafft auch ein wenig mehr Bewusstsein dafür, dass es neben Erfolg, gutem Aussehen, Geld und Urlaub auch noch etwas gibt, das wirklich wichtig ist:

    Hinhören, teilnehmen, zuwenden: Mitmenschlichkeit!

    Liebe Grüße,
    Edith T.

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