Claudia am 17. Februar 2007 — 0 Kommentare

Melanie Delfft: Mein Lied

“Analyse eines Lebens – fast ein Roman” – der Untertitel zu Melanies Buch wirkt harmlos, zurückhaltend, sehr bescheiden, und enthält keinerlei WARNUNG vor dem schockierenden Inhalt dieser Berichte aus dem realen Leben. Als ich um die Jahrtausendwende noch in Mecklenburg wohnte, hatten wir übers Netz zueinander Kontakt gefunden. Sie schickte mir verstörende Texte, die so ganz anders waren als das, was ich selbst als “persönliches Schreiben” in meinen rücksichtsvollen Diary-Artikeln zelebrierte: ich verschone den konkreten Menschen, auch dann, wenn ich in besonders miesanthropischer Stimmung bin.

Anders Melanie in ihren sezierenden Betrachtungen, die auch vor dem Allernächsten nicht halt machen. Da heißt es zum Beispiel:

“Ich habe schon lange nicht mit meinem Mann gesprochen. Wenn er nicht schläft, sitzt er auf dem Sofa und sieht fern. Er geht zivilisierten Beschäftigungen wie sich waschen, Zähne putzen, rasieren, sich saubere Sachen anziehen nicht mehr nach. Er trinkt Rotwein, schläft, steht auf, schüttet sein Glas wieder voll, nimmt Pillen zum Weiterschlafen, schläft wieder, schlürft ins Klo, holt sich ein anderes volles Glas, schläft wieder, liest ein wenig Zeitung, holt ein neues Glas Rotwein, schläft wieder, steht gegen fünf nachmittags auf, setzt sich auf die Couch, sieht fern, trinkt Rotwein. Er bewegt sich tagaus, tagein nur im engen Triangel von Bett, Sofa und Toilette und riecht mit der Zeit so stark, daß ich am liebsten mit dem Taschentuch vor der Nase ins Wohnzimmer ginge.”

Von solchen Passagen, mit denen Melanie nicht spart, war ich regelrecht geplättet und fragte mich: Warum tut sie sich das an?? WER ist diese Frau? Wie kann sie so leben und so schreiben???

Die Oldenburgische Volkszeitung schrieb dazu:

“Die Autorin versteht es trefflich, ihr Leserpublikum tief in ihre eigene Geschichte hinein zu ziehen, Empathie zu erzeugen. Mit wachsender Faszination folgen wir ihrem Lebensweg, der sie nach Paris und Kalifornien und nach einem Zwischenspiel in München wieder nach Paris führt, mit Erschütterung und Bewunderung folgen wir ihr in das Leben neben ihrem dahin siechenden Mann und fragen, wieso sie nicht einfach fort geht, ehe wir erkennen, dass die erniedrigende Existenz mit dem vom Alkohol zerstörten Mann ein Teil des Befreiungsprozesses ist, den sich diese starke Frau verordnet hat”.

Anhand der Texte, damals noch Stückwerk, konnte ich die positiven Aspekte einer Selbstbefreiung noch nicht erkennen. Ich stellte mir die Autorin als unglückliche, leidende, in nicht nachvollziehbaren Zwängen gehaltene Frau vor, die sich nicht einmal den Ausdruck ihres Leidens gestattet. Denn alles, was sie da an verstörenden, demütigenden Details aus ihrem Leben berichtete, kam seltsam emotionslos daher, so als stünde sie neben sich und berichtete über jemand anderen. Manchmal blitzt eine Art trockener Humor durch, doch kann das auch meine Projektion sein. Die Emotionen entstehen jedenfalls erst im Leser, die Erzählerin klagt nicht und schimpft nicht – es hat mich tief beeindruckt!

Als sie mich dann bei Gelegenheit einer Deutschlandreise aufsuchte, staunte ich einmal mehr. Elegant, heiter, zeitlos schön, sehr gebildet, jedoch gar nicht eingebildet, stand eine Wahl-Pariserin vor mir, die vom Kind meiner Nachbarn spontan als “die Dame” bezeichnet wurde. Und ja, das war sie, ich hätte mich nur nicht getraut, es zu benennen! Neben ihr kam ich mir verlottert vor, doch störte das unser Miteinander nicht. Ich bewundere Frauen mit Stil, die davon kein Aufhebens machen!

In den Plauderstunden, die wir dann in der weiten Mecklenburger Landschaft miteinander verbrachten, erkannte ich, dass sie auch “von Angesicht zu Angesicht” kein Leiden zeigen würde – zumindest nicht das große Lebensleid, das ich aus ihren Texten kannte. Einmal mehr hab’ ich begriffen, dass es Menschen gibt, die es verstehen, aus ihren tiefen Gefühlen und prägenden Erfahrungen wahre Literatur entstehen zu lassen – und das bedeutet, sie eben nicht auf die plumpe Art zu Tage treten zu lassen und so zu “verbrauchen”.

Ich freue mich, dass aus den Texten ein Buch geworden ist und mehr noch, dass Melanie (sie heißt nicht wirklich so!) meinem Rat gefolgt ist, eine Website dazu zu veröffentlichen. Es ist eine Website “im alten Stil”, kein Schnickschnack, nur das Wesentliche: der Text.

meinlied
Analyse eines Lebens – fast ein Roman.
390 Seiten, 19,80 Euro.

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