Claudia am 10. Januar 2007 — 7 Kommentare

Arbeit als Sucht und Abenteuer: Was zu tun bleibt

Wenn ich in den stillen Tagen zwischen den Jahren darüber nach sinne, was ich im neuen Jahr gerne anders hätte als im letzten, fällt mir regelmäßig nicht viel ein. Von meinen im letzten Beitrag aufgelisteten Wünschen ist nur der erste ein Herzenswunsch, der Rest kommt aus dem Verstand, der natürlich immer etwas „Sinnvolles“ ergrübelt, sobald man auf den Knopf des Problemlöserbewusstseins drückt.

Es scheint, als wäre ich vollständig zufrieden mit den Dingen, wie sie sind, doch das ist ein Irrtum. Es ist eher eine Art geistige Trägheit: ich klebe an den Tagesaufgaben und schaue gerade mal ein paar Wochen voraus, die locker mit laufenden Aufträgen gefüllt sind. Ja, ich hänge sogar ein wenig nach, empfinde also den Druck, mehr, schneller und effektiver zu arbeiten – und weiter denke ich erst gar nicht. Erst mal das Wichtigste abwickeln… und dann?

Die Suche nach dem nächsten Kick

Es gibt kein „dann“, wenn ich es nicht organisiere. Mir dämmert, dass ich tatsächlich so was Verrücktes tun sollte wie „Freizeit planen“! Die Experimente mit einem besseren Selbstmanagement im letzten Jahr waren nur teilweise effektiv: der „Wochenplan“ hat mich zwar oberflächlich gesehen von der niemals endenden ToDo-Liste befreit, doch saß ich deshalb nicht etwa weniger Zeit vor dem Monitor. Es gibt ja Dinge, die nicht auf dem Plan stehen und die immer dann nach Befassung schreien, wenn ich offiziell „fertig“ bin. Um ihnen zu entgehen, schiebe ich dann oft die letzten Arbeiten am Tag- oder Wochenwerk vor mir her und trödle herum – das Unbewusste verschafft sich so „Freizeit“, denn mit dem Zustand des „fertig seins“ könnte ich ja gar nichts anfangen. Was für eine beschämende und einigermaßen verstörende Erkenntnis!!

Klar, ich kann mittlerweile immerhin „Wellness“, gehe ab und an in die Sauna, gönne mir ein entspannendes Bad oder mache schon mal eine Runde um den Block, um nicht gänzlich in der Sitzhaltung zu erstarren. Das sind aber sämtlich „reproduktive“ Beschäftigungen, die es braucht, um weiter arbeiten zu können. Echte Muße hab ich mir ohne es zu bemerken, aberzogen – ein Kollateralschaden der beruflichen Selbstverwirklichung, die mir immer sehr wichtig war. Bloß nie lange an Dingen arbeiten, die keine Freude machen! Tja, wenn das dann klappt und über längere Zeit zum Normalfall wird, gibt es keinen Grund mehr, etwas anderes zu tun, als zu arbeiten. Dann geht es nur darum, die Langeweile der Routine, die auch geliebte Tätigkeiten auf Dauer nicht verschont, immer wieder zu durchbrechen und das ABENTEUER in der Arbeit neu zu erfinden.

Das ist jedenfalls das diesjährige Ergebnis meiner Jahreswechsel-Innenschau: mich treibt nichts Spezifisches an, sondern ich scanne meine Welt der (vermeintlich!) 10.000 Möglichkeiten immer aufs Neue nach SPANNENDEN Aufgaben, die mich wieder für eine gewisse Zeit faszinieren – bis auch sie wieder durch die einsetzende Routine „verbraucht“ sind.

„Eine seltsame Sucht beherrscht die Arbeiterklasse aller Länder, in denen die kapitalistische Zivilisation herrscht. Diese Sucht, die Einzel- und Massenelend zur Folge hat, quält die traurige Menschheit seit zwei Jahrhunderten. Diese Sucht ist die Liebe zur Arbeit, die rasende Arbeitssucht, getrieben bis zur Erschöpfung der Lebensenergie des Einzelnen und seiner Nachkommen.“
Paul Lafargue, 1883 in „Das Recht auf Faulheit“

Als Webworkerin kann ich diese Suchtstruktur – etwas anderes ist es ja nicht! – auch optimal bedienen, denn jeder Auftrag ist anders und erschließt mir eine neue Welt. Wenn das Werk fertig ist, steht das nächste an, öfter mal arbeite ich auch an mehreren gleichzeitig. Meine Schreibkurse bewahre ich durch unterschiedliche Themen und beschränkte Anzahl vor der Langeweile, und wenn das noch nicht reicht, sind da ja noch meine Blogs. Es gibt immer genug zu tun, doch inmitten des rastlosen Tätig-Seins überfällt mich schon mal die Sehnsucht nach dem „ganz Anderen“: letztlich ähneln sich die Aufträge und Kurse ja doch, die „möglichen Schreibabenteuer“ im Web sind mir nach zehn aktiven Jahren recht vertraut – was kommt als nächstes?? Was könnte ich NOCH machen??

Geld verdienen – das letzte Tabu

Vielleicht mal „Geld verdienen“ als Ziel ins Auge fassen und damit das „letzte Tabu“ brechen, das mir – konsum- und gesellschaftskritisch in den 70gern sozialisiert – noch zu Gebote steht? Da ich eh nicht mit einer erwähnenswerten Rente rechnen kann, wär das vielleicht sogar sinnvoll, immerhin bin ich 52. Allerdings hab‘ ich durch den Aufbau einer Rücklage, die für zwei Monate reicht, schon gemerkt, dass „Geld haben“ ein Gefühl des Mangels und der „Armut“ mit sich bringt, das ich beim „von der Hand in den Mund leben“ nicht kannte. Dabei war nämlich immer klar, dass eh kein Geld da ist, um an irgend welche Dinge über die laufenden Kosten hinaus auch nur zu denken, Konsumwünsche hatten einfach keine Chance auf Befassung!

Schon ein bisschen Geld ändert diese psychische Situation: ich KÖNNTE mir ja endlich eine Gleitsichtbrille machen lassen; könnte den Gasherd, dessen 3.Flamme nicht mehr geht, durch einen neuen ersetzen, könnte mal renovieren und das Grobe sogar günstig machen lassen (myhammer.de!) anstatt selber den Pinsel zu schwingen. Neue Klamotten wären auch mal angesagt, ab und an gehe ich ja doch unter Leute – wo ich hin schaue, scheint es plötzlich Investitionsbedarf zu geben! Noch vor ein paar Monaten sind mir solche Gedanken einfach nicht gekommen, bzw. mein geistiger Filter hat sie mangels Umsetzungsmöglichkeit einfach ausgesiebt. Und ich hab‘ geglaubt, ich hätte das Stadium der Wunschlosigkeit erreicht – ha!

Immerhin sehe ich jetzt den Grund, warum so viele Normal- und Besserverdiener nicht wirklich zufrieden sind! Ein bisschen was „haben“ eröffnet Möglichkeiten, die es „ohne“ gar nicht gibt – und zwar weit MEHR Möglichkeiten als man sich tatsächlich leisten kann. So wird auf einmal ein Mangel spürbar, denn es ist nie GENUG da, um alle auftauchenden Wünsche zu befriedigen. Das ist der Grund, warum viele so wild aufs Geld verdienen sind, wofür mir bisher jedes Verständnis fehlte.

Ins allgemeine Strampeln nach „mehr Geld“, das eher weniger als mehr Zufriedenheit bringt, tatsächlich einzusteigen, lockt mich also eher nicht. Allenfalls als „neuartige Aufgabe“, als bisher unbekanntes Arbeitsabenteuer würde es mich reizen, doch wenn DAS der Preis ist, ist er mir zu hoch! Ich bin es gewohnt, mich relativ reich zu fühlen, denn im Grunde mangelt es mir an nichts – verglichen mit dem Rest der Welt lebe ich ja wie die Made im Speck, was mir seit meiner Reise nach Kambodscha nicht nur vom Kopf her klar ist.

Und der Rest der Welt?

Ach ja – der Rest der Welt! Da war doch was… Wenn ich denn Blick über den Tellerrand hebe, stellt sich die Lage gänzlich anders dar, als es eine Bauchnabelschau wie diese nahe legt. Während ich Besinnliches schreibe, an schönen Webseiten arbeite und im Garten den Kompost siebe, ist die Welt in Aufruhr. Das Klima verändert sich, Natur wird zerstört, Ressourcen werden verpulvert, Tierarten sterben aus, Kriege und Terrorismus nehmen zu, die Globalisierung gefährdet den Sozialstaat, der uns so frei macht, über Luxusprobleme nachdenken zu können. Mein „Fußabdruck“ auf diesem Planeten beträgt stattliche 2,6 Erden, das heißt, es müsste 2,6 Erden geben, damit alle so leben könnten wie ich!
Ich werde mich daran erinnern, wenn mich wieder die Sinnfrage anfällt. Den Fußabdruck im Jahr 2007 auf 2,0 zu senken, wär ja schon mal was. Ab der nächsten Packung kaufe ich fair gehandelten Espresso und hier gibt’s jetzt die Linkrubrik „Welt verbessern“ – immerhin ein Anfang. Spottet nicht, sondern macht es besser!

Diskussion

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7 Kommentare zu „Arbeit als Sucht und Abenteuer: Was zu tun bleibt“.

  1. Fußabdruck 2,6? Hui, net schlecht. Kein Tippfehler? Mir kam übrigens auch schon der Gedanke, daß es ein schönes Vorhaben ist, seinen Fußabdruck systematisch zu senken. Das ist doch mal ein schönes Gegengewicht zur wachstumsorientierten Lebensform: eine Zahl, die *kleiner* werden soll, damit es allen gut/besser geht. Na ja, schaun mer mal, was das Jahr bringt, und der Ökostrom. Liebe Grüße, Michael

  2. Ich war auch erschreckt über 2,6 – es lag vor allem an den über 25 Flugstunden im letzten Jahr: meine Kambodscha-Reise. Da ich in den 51 Lebensjahren DAVOR insgesamt nur 8 Flugstunden erlebt habe, sehe ich die „2,6“ eher als ungünstige Momentaufnahme und bin optimistisch, dieses Jahr LOCKER unter 2 zu kommen und mit ein bisschen Mühe (Energiesparlampen, Ökostrom..) auch noch darunter.

    Nachteilig im Test war auch meine 72 Quadratmeter große 2-Zimmer-Wohnung. Der „Luxus“ relativiert sich, da das zweite Zimmer Arbeitszimmer/Mittelpunkt des Berufslebens ist, wodurch auch jeglicher Energieverbrauch für Arbeitswege entfällt.

  3. Liebe Chlaudia, ich finde, du bist sehr klug.

  4. Das mit dem Fußabdruck ist echt heftig ^^

  5. Ich trink zum Beispiel gar kein Kaffee oder Espresso ;)

  6. Das mit dem Geldverdienen ist so eine Sache. Muehst dich ab, und dann kannst es in einem Bruchteil der Scheffelzeit verlieren. Ja, ich machte ueber den Ozean mal nur Erstklassfluege, schlief in bekanntesten Hotels und ass in feinsten Restaurants … wenn mir heute der Schwiegersohn wieder mal erzaehlt, wo er ueberall gespeist hat, und zu welchem Preis, hab ich nur noch ein Laecheln uebrig. Sicher ist es richtig, wenn junge Leute Ehrgeiz entwickeln und sich die Grenzen ihres Daseins anschauen. Wo immer diese sein moegen … Ich war ja auch mal dort. Und gefalle mir heute recht gut mit merklich weniger. Brauche all diesen Schnick-Schnack nicht mehr. Er hat mir seelisch wenig gebracht. Mein Leben ist einfacher, doch inhaltlich reichhaltiger geworden. Ich schaetze die Stunden mit meiner Partnerin, mit „Frau Hund“ und „Madame le Chat“. Nur eines werde ich auch weiterhin tun: Reisen. In die Naehe wie in die Ferne. Allerdings nun Touristenklasse. Denn in der Regel kann man 8 bis 12, oder mehr Stunden recht gut durchhalten. Dafuer lieber eine Reise mehr machen.

  7. Wir leben eindeutig in einer Weise die man als sehr privilegiert bezeichnen kann. Dazu zählen eindeutig
    unsere Einkommensmöglichkeiten, aber was für mich noch
    viel wichtiger ist: die Freiheit dorthin zu gehen wo
    wir wollen und über das zu reden, was wir als wichtig
    erachten.

    Die Punkte der Bewegungs- und Redefreiheit sind sicher
    das Wichtigste was wir haben und als wesentlich wichtiger
    einzuschätzen als unser Einkommen. Leider existieren
    immernoch viele Länder wo diese Freiheiten nicht bestehen.

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