Claudia am 05. Dezember 2006 — 4 Kommentare

Advent- und Weihnachtsmuffeligkeit

Eigentlich ist es eine gute Sache, für Licht zu sorgen, wenn es besonders dunkel wird. Jedes Jahr sage ich mir das, wenn der Weihnachtsrummel so richtig in die Vollen geht, wenn die Einkaufsmeilen im Lichterkettenglanz um Kunden wetteifern, die Bäume der Hauptstraßen zu Licht-Skulpturen mutieren und in den Fenstern der Nachbarn die „Weihnachtsdeko“ das Blinken anfängt. „Morgen haben wir zwei Stunden gemütliches Beisammensein“, sagt M., und kauft noch einen Christstollen bei Aldi. Ich wundere mich, dass die Adventsfeiern auch vor den „Maßnahmen“ der Arbeitsagenturen nicht Halt machen: vier Wochen „Deutsch in Wort und Schrift“, EDV für Einsteiger, ein paar Psychospielchen zwecks „Profiling“ – und dann gemütliches Beisammensein, ja warum denn nicht?

Wie man sieht, fällt es mir nicht ganz leicht, mitten im Weihnachtswahn das Positive zu sehen, obwohl ich sonst im „Sinn machen“ gar nicht so schlecht bin. Die Zeiten jugendlichen Protestlertums liegen schließlich lange hinter mir. Dass die Wirtschaft jegliche Belebung brauchen kann, hab‘ ich brav verinnerlicht, und allen, denen der Rummel Spaß macht, gönne ich diesen Spaß von Herzen – warum nur ist der Advent noch immer kein Ryhtmus, bei dem ich mit muss? Ist es nicht wunderbar, dass es noch ein kollektives Fest gibt, das alle (naja fast alle) bewegt?? Ein Fest, in dessen Vorfeld sich auch der hinterletzte Mobbing-Betrieb noch ein „gemütliches Beisammensein“ leistet? Ein Anlass, der dazu auffordert, mal ans Schenken zu denken und nicht ans Jagen & Sammeln?? Dass dieses Schenken wiederum forciertes „Shoppen“ erfordert, das zum Wohle aller die Inlandsnachfrage steigert, jetzt nahezu rund um die Uhr – ist doch in Ordnung so, ja warum denn nicht??

Meine Weihnachtsmuffeligkeit lässt sich kaum mehr rational begründen. Nicht mal in der persönlichen Geschichte finden sich traumatisierende Schrecknisse, die als Erklärung herhalten könnten: Ja, es war peinlich, auch als 13-, 15- und 17-Jährige noch immer auf das Glöckchen warten zu müssen, das den Beginn der „Bescherung“ einläutete und dann „ergriffen“ vor dem Weihnachtsbaum zu stehen und „oh du Fröhliche“ mitzusingen – doch wirklich geschädigt hat mich diese Wohlverhaltensübung nicht.
Als ich von zuhause ausgezogen war, kaufte ich im zweiten Jahr sogar einen eigenen Weihnachtsbaum: einen kleinen im eigenen Topf (Bäume töten zum Fest der Liebe?), den ich hinterher im Hof einpflanzte, wo er binnen einiger Wochen einging. „Seht her, ich kann auch alleine Weihnachten!“, sollte das wohl heißen. Es war das Jahr, in dem ich zeigen wollte, dass ich sogar im Stande war, vom knappen BAFÖG bei der Geschenke-Orgie mitzuhalten – eine Genugtuung, da ich mich gegen den Willen des Vaters von zuhause abgeseilt hatte und immer fürchtete, man würde mir die neue Selbständigkeit nicht abnehmen. Später sah ich Weihnachten nicht mehr als familiären Zwang, sondern als kollektive Zwangsneurose. Das allgemeine Gerührt-Sein zum „Fest der Liebe“ erschien mir heuchlerisch und ich ignorierte den ganzen Umtrieb, so gut es eben ging.

Und heute? In jedem Oktober finde ich es befremdlich, dass die Supermärkte und Discounter das Weihnachtssortiment einführen, oft bei noch recht sommerlichen Temperaturen. Wenn ich dann trotzdem zum ersten Lebkuchen der Saison greife, bin ich regelmäßig enttäuscht, wie gleichförmig sie schmecken: viel Zucker, viel Fett und kein Schimmer eines irgendwie „besonderen“ Geschmacks, den die Lebkuchen meiner Kindheit dank einiger exotischer Gewürze immerhin hatten. Genau wie Salate und Gemüse keine Bitterstoffe mehr enthalten und im Sommer die vorgewürzten Grillkoteletts immer gleich schmecken – von den Fertiggerichten, Tütensuppen und Soßen ganz zu schweigen. Die Vielfalt im Spätkapitalismus ist eine Täuschung, bzw. bezieht sich nur auf die Verpackung, Abweichungen vom Standardgeschmack kann sich der Markt offensichtlich nicht leisten. Schade!

Ein anderer Aspekt der Vorweihnachtszeit ist die Beschleunigung und Verdichtung der Arbeit bei gleichzeitig öffentlicher Beschwörung der „Besinnlichkeit“. Alles mögliche muss noch fertig werden, bevor man sich endlich unter den Baum setzt oder per Flug in die Sonne das Weite sucht. All die Advents- und Weihnachtsfeiern wollen vorbereitet und durchgestanden werden, auch das Schenken bedarf der Organisation. Selbständige denken jetzt über Werbegeschenke an ihre Kunden nach, möglichst originell und nicht zu teuer soll es sein, ja was nehmen wir da? Mein Provider Is-Fun.de hat das Problem seit Jahren mit einer Kinderpatenschaft gelöst, die er lieber finanziert als an seine Kunden Kappen oder T-Shirts mit dem Firmenaufdruck zu verteilen – find ich gut! Dem Kind nützt es und bei uns wird Energie für Transport und Verpackung gespart.
Und die Besinnung? Die verschiebt man auf die „stillen Tage“ zwischen den Jahren, die dann allerdings auch den bekannten Feste-Marathon mit sich bringen. Mich trifft das zum Glück nicht, meine „Jahresendzeit“ ist eher ruhig und ich bekomme regelmäßig große Lust zum Schreiben. 2003 brachte mich das auf die Idee, einen Schreibimpulse-Kurs zum Jahreswechsel zu veranstalten, der Menschen, die auch nicht ganz im Feiern aufgehen, eine Alternative bietet. Wenn so ein Transfer-Kurs startet, bin ich immer wieder glücklich über die sehr berührende Begegnung mit Menschen, die sich online treffen, um über die wesentlichen Dinge ihres Lebens und Strebens zu schreiben. Ob „Transfer 2007“ startet, ist zur Zeit noch ungewiss – drei Leute müssten sich mindestens noch anmelden, damit das Philosophieren, Bilanzieren und Visionieren in den „heiligen Nächten“ statt finden kann. Finden sich mal nicht genug Teilnehmer, ist es auch in Ordnung, denn dann hab‘ ich die Jahreswechsel-Muße ganz für mich alleine!

Diskussion

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4 Kommentare zu „Advent- und Weihnachtsmuffeligkeit“.

  1. @Ralf

    …der Kurs findet statt!!! Und plötzlich hab‘ ich auch wieder richtig Lust darauf!

    Lieben Gruß

    Claudia

  2. ich freu mich auch darauf!!!
    gruß von Sonia- Lu

  3. “Fest der Liebe”, eigentlich ist es
    vielmehr „ein Fest der Geschenke“
    oder nicht??
    Weihnachten sollte doch ein Beisammen
    der Familie und Freunde sein.
    Heute ist es doch eigentlich vielmehr
    ein Fest bei dem man hoffentlich reich
    beschenkt wird.

  4. Hallo Finanzportal (seltsamer Nick!),

    Weihnachten ist für Dich das, was Du für Dich daraus machst.

    Wer zwingt Dich, beim Geschenke-Marathon mitzumachen?

    Weihnachten genießen und mich drauf freuen kann ich erst, seit ich nicht mehr zu meinen Eltern fahre.

    Gruß
    Ralf

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