Claudia am 25. September 2006 — 5 Kommentare

Vom Panikpunkt zum Wesentlichen

Nun hab ich drei Wochen „Arbeit mit Wochenplan“ hinter mir. Wenn ich auch nicht immer 100%-Planerfüllung schaffe, so ist die Herangehensweise doch schon ein großer Erfolg. Anders als mit der niemals endenden ToDo-List, auf der ich wahllos große Werke und organisatorische Kleinigkeiten, Kundenprojekte und eigene Vorhaben auflistete, zwingt der Wochenplan zu einem Überblick über ALLE Arbeiten, an denen ich dran bin, bzw. dran sein will. Um ihn erstellen zu können, kam ich schnell zu einer übergeordneten Projektliste, an der entlang ich von Woche zu Woche erkenne, ob ich „voran“ gekommen bin. Und JA, es geht!!! Auf diese Weise hab ich einige Dinge geschafft und begonnen, die ich früher immer nach hinten schob, weil es im Moment „Wichtigeres“ gab. Jetzt weiß ich, wann und wieviel „Wichtiges“ zu tun ist und plane diese Dinge einfach mit ein.

So ist es mir z.B. endlich gelungen, die eigene Freiberufler-Seite auszubauen, die viele Jahre als bloße Linkliste mit Mailto vor sich hin dümpelte (so haben es Leute, die mich ihrer Firma/ihrem Verein/ihrer Organisation empfehlen wollen, endlich leichter). Auch in Gestaltung und Produktion der Bildkalender bin ich eingestiegen, die ich demnächst auf verschiedenen Webprojekten anbieten will. Die lange geplante Website zum Verkauf meiner Buddha-Statue hat (hiermit!) das Licht der Welt erblickt – und sogar so was Langweiliges wie „Steuer 2005“ ist schon bei der Steuerberaterin im Kasten, obwohl es bis Ende Dezember Zeit gehabt hätte.

Komischerweise empfinde ich „den Plan“ jetzt nicht mehr als belastende Zwangsmaßnahme, sondern als Navigationshilfe im Gewirre meiner vielen ganz unterschiedlichen Aktionsfelder. Durch ihn wird mir der reale Umfang der einzelnen Tätigkeiten bewusst. Endlich nehme ich Dinge als Arbeit wahr, die nicht direkt „gestaltend“ oder „schreibend“, also „Werk-nahes“ Tun sind, sondern vor- oder nachbereitend, planend, beratend, besprechend und recherchierend – und dabei genauso „zeitfressend“ wie das „Eigentliche“. Dieses Bewusstsein macht es leichter, solche Leistungen auch in die Auftragshonorare einzurechnen – sei es als explizit benannte Posten oder mittels der Höhe des Stundensatzes bzw. Pauschalhonorars. Und das Gefühl am Ende der Woche ist super: wow, ich hab‘ was weggeschafft, bin tatsächlich weiter gekommen!

Wohin „fortschreiten“??

Das psychische Wohlbefinden ist nicht etwa abhängig vom Kontostand. Das ist Vorteil und Nachteil zugleich. Zwar gibt es einen „Panik-Punkt“, wenn ich etwa absehen kann, dass ich gerade noch die Abbuchungen zum Monatswechsel schaffe, damit aber dem Dispo-Ende sehr nahe komme. Wenn dann nichts Festes in Aussicht ist und auch keinerlei Rücklage existiert, werde ich sehr umtriebig und die innere Ruhe ist dahin. Ist der Panik-Punkt aber überwunden, sehe ich üblicherweise keinen Grund mehr, etwas am Status Quo zu ändern.

Mein letzter „Panik-Punkt“ war im Oktober 2005. Damals hab ich hier Diary-Sponsoring mit Wunschthema ausgelobt, was auf die Schnelle ein paar hundert Euro brachte (noch mal 1000 Dank!). Ein Freund hat mir einen Privatkredit angeboten, den ich seither gemütlich abstottere, und ich bin auch tief eingestiegen in das „Überblick verschaffen“ und „Arbeit planen“. Allerdings nicht so sehr aus eigenem Antrieb, sondern unter dem sanften und äußerst wohlmeinenden Druck meines Kreditgebers, der mich einerseits fördern, andrerseits ein Wiedersehen mit seinem Geld zumindest wahrscheinlich machen wollte.

Damals hat es mich für kurze Zeit fasziniert, den vollen Durchblick durch Kosten und Einkünfte zu gewinnen – allerdings empfand ich das „Zukunft planen“ auf dieser Basis als äußerst spekulativ, weshalb ich es auch nicht weiter betrieb. Die ganze Planerei versackte schnell im Business as usual, denn sobald deutlich wurde, dass die Ratenzahlung verlässlich klappt, empfand ich darüber hinaus keine „Bringschuld“ mehr gegenüber dem Kreditgeber. Und ein eigenes Motiv, mich diesseits der Katastrophenbewältigung um „mehr Geld verdienen“ kümmern zu wollen, hatte ich ja nicht. Wenn die Beträge, die auf dem Konto landen, ausreichen, um die Abbuchungen (jetzt inkl. Kreditrate) und minimalen Bargeldsummen zu decken, wende ich mich gerne spannenderen Themen zu, die es ja haufenweise gibt! Das hat seit 1997 gut funktioniert, die wenigen „Panikpunkte“ haben nicht geschadet, die „Hoch-Umsatz-Phasen“, die es ebenfalls gab, haben nichts genützt – ja bin ich denn nicht der glücklichste Mensch auf Erden, was das „Leben & Arbeiten“ angeht? Ich tue, was ich tun will, folge meinen Impulsen, nehme Aufträge an, die herein kommen, veranstalte gelegentlich einen Schreibkurs – was will ich denn MEHR?

Visualisier doch mal! Hm…

Bis kürzlich war da wirklich nichts. Alle Ratgeber- und Coaching-Weisheiten, man möge seine Wünsche visualisieren und sich Ziele setzen, um der eigenen Motivation Kraft und Gestalt zu geben, gingen nutzlos an mir vorbei. Ich konnte tatsächlich nichts anderes als „wünschbar“ imaginieren, als die Fortsetzung dessen, was ist: weiter so arbeiten, schreiben, Webprojekte gestalten wie bisher, weiter in Berlin-Friedrichshain wohnen in dieser wunderschönen 2-Zimmer-Altbauwohnung, die genau zu mir passt – ja was denn sonst?? Mit einigem Grübeln kam ich noch drauf, dass es schön wäre, auch selbst mal Andere mit Geld und nützlichen Geschenken beglücken zu können, Menschen, die handfestere Dinge brauchen als kostenlose „Web-Arbeit für Freunde“: eine neue Couch, einen Kredit, ein Essen in einem teuren Restaurant…

Es war mal nett, mich als glückbringende Problemlöserin und Konsum-Fee zu visualisieren, doch die Vision hat mein „Wünschen“ nicht nachhaltig stabilisieren können. Reiner Altruismus scheint (leider!) nicht zu reichen, und um geliebt zu werden, muss ich nicht erst noch was leisten, zahlen, schenken. Wer mich mag, mag mich ja auch jetzt schon, da bringt „reicher werden“ nicht wirklich was. Eher im Gegenteil: wenn ich stressiger arbeite und effizienter nach dem Mammon jage, bin ich für Andere schnell mehr Last als Lust. Loslassen und den Augenblick genießen wird dann zur Ausnahme: Sorgen-gebeugt und vom Ehrgeiz getrieben nerve ich meine Mitwelt… ach nee, das konnte es nicht sein!

Nix Vision, kein Ziel, schlichtes „weiter so“ – es machte mir nichts aus, im Feld des Strebens nach Effektivität und „planvoller Lebensgestaltung“ nicht gerade zu glänzen. Problematisch erschienen mir immer eher diejenigen, die in eiserner Selbstdisziplin ungeliebte Arbeiten leisten bis sie nicht mehr können. Menschen, die niemals an Alternativen denken, sondern im Joch von Besitz- und Status-Erhalt jegliches Hören auf die innere Stimme verlernt haben. Gefangene ihrer Bestände – sie zu bedauern liegt mir weit näher als ihnen nachzustreben.

Weite Ferne – große Schwäche

Zwei Erlebnisse haben mittlerweile diese Selbstgenügsamkeit angekratzt: Die Reise nach Kambodscha im Februar hat mich als bis dahin überzeugte Nicht-Urlauberin schwer beeindruckt. Ermöglicht durch das vom Gastgeber geschenkte Ticket für meinen Begleiter und mich, kickte mich diese Reise derart „raus aus allem Gewohnten“, dass ich Geschmack an dieser Art Abenteuer fand. Gerne würde ich wieder hinfliegen, hab‘ ja die Flugangst halbwegs überwunden: die „ferne Welt“ steht mir also grundsätzlich offen! Länger im Land herum reisen, auch mal nach Vietnam, Laos, Myanmar (Burma)… tja, dafür bräuchte ich aber deutlich mehr Geld!

Das zweite Erlebnis war eine ganz banale fiebrige Erkältung: Zum ersten Mal seit vielen Jahren hatte ich tagelang über 39 Fieber und fühlte mich komplett arbeitsunfähig. Und musste TROTZDEM schnellstmöglich wieder aufstehen, mich an den „Kampfstand PC“ begeben und weiter arbeiten – immer am Ball, immer zuverlässig, wie es sich für eine gute Dienstleisterin gehört.

Das gab mir zu denken: Was, wenn die Schwäche mal länger anhält? Wenn ich mal ein paar Wochen richtig krank bin? Dann darf ich mich zeitgleich noch damit befassen, meine Arbeits- und Behördenfront auf Hartz 4 und Krankenkasse herunter zu fahren – wie soll das gehen??? Und selbst wenn ich es schaffte: es wäre ja sowas von absurd und überflüssig, müsste alsbald wieder zurück geändert werden. Viel Nerverei, Antrags- und Papierkrieg, bloß weil ich von der Hand in den Mund lebe und keine Rücklage existiert, um so was zu überbrücken.

Nein, darauf hab‘ ich keine Lust! Wenn ich krank bin, will ich mich ohne äußere Sorgen den Fieberträumen hingeben können – und dafür brauche ich eben deutlich mehr Geld.

Diese beiden aus Lust und Leid geborenen Wünsche reichten nun endlich hin, mir die Kraft zur Veränderung zu geben. Mal wirklich angegangen, wird das Projekt „mehr und stetiger verdienen, Rücklage bilden“ zu einem interessanten Abenteuer, zu einer Herausforderung, die ins Neuland lockt und alte Verhaltensweisen auf den Prüfstand stellt. Endlich ergibt sich ein Schritt aus dem anderen: Der Wochenplan erfordert die Projekt-Liste, die wiederum danach schreit, Ziele festzulegen. Neben der Übersicht über die finanziellen Zu- und Abflüsse kann ich nun locker konkretisieren, was ich in Sachen Einkommen und Rücklage erreichen will. Als mir mein Liebster dann noch einen „Investitionsplan“ vorschlug, fremdelte ich erst noch leicht, erfasste dann aber schnell, dass es ganz nützlich ist, mal aufzulisten, was ich gerne erneuern, verändern oder anschaffen möchte, von der Fußstütze unterm Schreibtisch über Pinnwand, Flip-Chart, neues Telefon bis hin zum Gasherd (=nur noch zwei Flammen!) zur Renovierung und zum nächsten Zahnersatz, den ich sowieso werde zahlen müssen.

Ich hab‘ dann gleich noch ein Wellness-Wochenende in Mecklenburg dazu geschrieben und die Liste in „Investitions- und Konsumplan“ umgetauft! Merke: ich hab nicht etwa KEINE Wünsche, sie fallen mir nur zu selten ein!

*

Warum ich das alles hier erzähle? Es hilft mir, den roten Faden zu finden und zu halten, nicht wieder sang- und klanglos im „Üblichen“ zu versacken. Auch kenne ich genug Leute, denen es ähnlich geht, die in den 10.000 Dingen und Umtriebigkeiten schon mal versacken, aber zu nichts kommen, weil der tägliche „Druck des Vielfältigen“ die Konzentration aufs Wesentliche nahezu verunmöglicht.

Was das Wesentliche ist? Für mich ist es zum Beispiel die Freiheit, alles mal loslassen zu können, was meinen Alltag ausmacht. Sei es, weil ich zu krank und schwach bin, sei es, weil ich einfach Lust dazu habe. Im Leben die Kupplung treten können, nicht immer auf dem Gas oder auf der Bremse stehen müssen – ja, ich werde mit Freude alt.

Diskussion

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5 Kommentare zu „Vom Panikpunkt zum Wesentlichen“.

  1. Es liest sich wie immer schön. Nur – für mich wäre die Totalplanung meines Lebens, Wochenplan, Investitionsplan, Konsumplan, zu aufwändig und vor allem einengend (da Zwillingsgeborener). Ein bißchen Fließen-Lassen gehört für mich zur Lebensqualität dazu. Bürokratismus ist genug um mich herum, das brauche ich nicht auch noch im Privaten. Allerdings: Ich bin auch nicht selbständig tätig.

  2. Hallo Claudia,

    mit Amusement lese ich, daß die „alte Coachingweisheit“ sich doch als richtig erweist. Man erreicht was man will, nicht was man sich nur wünscht.

    Ich wünsche Dir, daß Du Deine Ziele erreichst.

    Gruß Hanskarl

  3. adult cam shots…

    » Vom Panikpunkt zum Wesentlichen – Digital Diary – Vom Sinn des…

  4. […] dass ich mehr mit der Organisation als mit der Arbeit selbst beschäftigt bin. Nach drei Jahren Optimierungsbemügungen kann ich sagen: So alle drei Monate brauche ich einen halben, besser ganzen Tag, um mir über […]

  5. […] erlebte. Das half mir nicht nur über eine temporäre Notlage hinweg, sondern sein damit verbundenes “Coaching” versetzte mich in die Lage, einen anderen Umgang mit Finanzen zu pflegen und nicht mehr nur von der […]

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