Claudia am 28. April 2006 — 3 Kommentare

Updates und Häutungen

Etliche Wochen sind vergangen seit dem letzten Diary-Eintrag. Ich brachte es nicht mehr über mich, auch nur noch einen einzigen Satz “in der alten Technik” (händisches Codieren!) hier zur Ansicht zu bringen! Nun ist es endlich geschafft: Das Digital Diary läuft ab jetzt auf dem Blogscript WordPress, dass ich meinen Bedürfnissen und optischen Vorstellungen wunderbar anpassen konnte. Wer hier irgendwelche Fehler bemerkt, möge mir bitte mailen!
Niemand braucht wegen der Umstellung befürchten, hier gäbe es nun auch nur noch die aus vielen Blogs bekannten “Texthäppchen”. Der “Content” kommt immer noch von mir, nicht von der Technik, die ihn zur Ansicht bringt. Die Neigung zu längeren Texten werde ich in diesem Leben wohl nicht mehr ablegen, doch freu ich mich auch darüber, dass es nun möglich ist, auch “einfach mal so” von überall aus ins Diary zu schreiben – und nicht erst mindestens fünf Dateien erstellen und mich um die stimmige Navigation kümmern zu müssen.

Dieses Leben?

Ich denke zur Zeit öfter daran, was ich in diesem Leben noch tun will und was nicht. Im Sommer werde ich 52 – unglaublich! In meiner Jugend hab’ ich mir 52-Jährige anders vorgestellt! Nun ja, sie WAREN ja auch anders, jede Zeit erschafft ihre je eigene Weise zu altern.

Angefangen hat das Denken ans Ende in der “Themenwoche Krebs” der ARD: ich sah den Film über das Sterben eines Mittvierzigers – Lungenkrebs, es blieben ihm ab der Diagnose noch genau 16 Monate. Automatisch identifizierte ich mich mit ihm: Mir ist es bis heute nicht gelungen, mich aus der Sucht zu befreien, trotz immer wieder unternommener Versuche über mehrere Wochen und Monate. (Der nächste steht direkt an: Rauchfrei im Mai – ich bin dabei!). Mein Vater ist an Lungenkrebs gestorben und auch meine Mutter wird er dahin raffen – wir sind eine Suchtfamilie. Ich kann von Glück sagen, dass ich zumindest den Alkohol loslassen konnte, nachdem ich Mitte/Ende 30 mit dieser langweiligsten Droge der Welt ein absolutes Tief erreicht hatte, aus dem ich als eine Andere hervor ging. Leider nicht so sehr anders, dass es auch mit dem Rauchen geklappt hätte – und ich neige auch noch zu anderen, nicht stofflich gebundenen Formen des Suchtverhaltens, da mache ich mir nichts vor.

Anders als sonst, motivierte mich der Anfall von “Todesgedanken” nicht zu hektischen Änderungsaktivitäten: die Geste des Anlaufs á la “ab morgen wird alles anders” hab’ ich schon so oft vollzogen, dass ich es mir nicht mehr abnehme, mich geradezu lächerlich finde, wenn ich wieder zu glauben beginne, ich könne mich von einem Tag auf den anderen total ändern, wenn ich mich nur zusammen reiße.

Was wäre, wenn?

Alsdenn: Was wäre, wenn ich noch 16 Monate hätte? Zu meiner Verwunderung wusste ich das sofort: ich würde meine sämtlichen Texte (oder eine Best-of-Auswahl) als Book on Demand heraus bringen, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, ob sich diese Arbeit “lohnt”, ob ich damit wenigstens die Investition heraus bekommen würde, und ob das in all den Jahren Geschriebene die Buchausgabe überhaupt “verdient”.

Diese klare Vorstellung wunderte mich, da es mir sonst meist nicht gelingt, mich auf bestimmte Ziele “einzuschwören”, wie es ja Selbständigen gerne empfohlen wird, die “ihr Business optimieren” möchten. Ich bin erschreckend zufrieden mit den alltäglichen Dingen, lustvolles Konsumieren ist mir weitgehend fremd. Meist wünsche ich mir nur, dass es keine Geldprobleme geben möge, da diese mich zur Befassung mit der Finanzlage zwingen und mich in ungewohnten Stress versetzen. Die Reise nach Kambodscha hat mich zwar aus meiner Genügsamkeit ein wenig aufgestört: gerne würde ich nächstes Jahr wieder hin fliegen! Im Moment aber dominiert wieder der Alltag “wie gehabt” und Kambodscha ist wie ein ferner Traum, schön, ihn geträumt zu haben. Ob ich wirklich noch einmal in die Ferne reise, wissen die Götter.

Noch sechzehn Monate – die durch den Film angestoßene Vorstellung hielt mich mehrere Tage wie in einem Bann fest. Das Denken und Fühlen ändert sich drastisch, wenn man vom Tod nicht nur weiß und ihn auf “irgendwann in ferner Zukunft” ansiedelt, sondern auf einmal “realisiert”, dass es einen selbst erwischt: ICH werde enden – und evtl. dauert das gar nicht mehr so lange! Es erinnerte mich an die panische Angst beim Fliegen: JETZT stürze ich ab, ICH SELBST!

Irgendwo hab’ ich mal gelesen, dass Menschen um 50 weit mehr zu solchen Gedanken neigen als z.B. Mittsechziger. Vielleicht ist es auch die nahende Menopause, die mir ein nicht mehr ignorierbares Gefühl der Vergänglichkeit vermittelt, vielleicht weiß aber auch mein Körper um Dinge, die ich lieber (noch) nicht wissen will – ich gehe ja nie zum Arzt und arrangiere mich mit den sich nach und nach einstellenden “Zipperlein”. Patient werden, mich dem Medizinbetrieb ausliefern vermeide ich, solange es geht.

Neue Freiheit

Anders als es diese Sätze vermuten lassen, ist mein Leben zur Zeit nicht etwa langweilig oder leidvoll – im Gegenteil! Ich fühlte mich nie zuvor so frei, so gelassen, so glücklich wie in den letzten Jahren. Seit ich mich räumlich von meinem Ex-Lebensgefährten trennte, mit dem ich über ein Jahrzehnt in erotischer Askese verbrachte (wie sind immer schon ein Gespräch, kein “Paar”), erschließe ich mir neue, zuvor nie betretene Erlebnisfelder der Lust. Ich erfahre mich auf tiefere Weise selbst und begegne dem anderen Geschlecht endlich in Liebe und Freundschaft – ohne die blödsinnigen Verstrickungen früherer Jahrzehnte, in denen Eifersucht, Geltungsbedürfnis, eigene Ansprüche, Erziehungsbemühungen, Streit und Resignation meine Beziehungen und Affären überschatteten. Alles, was ich heute erlebe, empfinde ich als Geschenk. Mein eigenes Tun oder Lassen entsteht nicht mehr aus Meinungen, wie die Dinge sein sollten, sondern aus der Wahrnehmung dessen, was sich ganz natürlich von selbst ergeben will. Alles, was ich dabei leisten muss, ist meine Wahrnehmung ernst nehmen und mich danach richten. Und seit ich mir immer öfter bewusst werde, wie endlich das alles ist, wird es immer schöner! Ich schreibe mein Leben in den Sand und spüre den Wind, der ihn fort treibt – die Freude und Freiheit, die ich empfinde, sind unübersehbar die helle Seite des Schreckens, der “da vorne” als Abgrund, Tod und Ende auf mich lauert. Ein seltsames Lebensgefühl!
Mehr davon ein andermal. Jetzt werd’ ich erstmal WordPress in Betrieb nehmen. Diesen Eintrag schreib’ ich noch auf dem heimischen Apache-Server – hoffentlich klappt der Transfer auf claudia-klinger.de ohne Probleme!

Diskussion

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3 Kommentare zu „Updates und Häutungen“.

  1. Ich schreibe mein Leben in den Sand und spüre den Wind, der ihn fort treibt – die Freude und Freiheit, die ich empfinde, sind unübersehbar die helle Seite des Schreckens, der “da vorne” als Abgrund, Tod und Ende auf mich lauert.

    Liebe Claudia – von der hellen Seite des Schreckens schreibst Du – das phasziniert mich, denn es passt in keines meiner Denkschemen herein, bestenfalls in gewisse Ahnungen.

    Der letzte Abschnitt Deines Textes transportiert eine Versöhnung des Lebens mit dem Tod und gibt dem geneigten Leser etwas Balsam auf die entzündeten Hirnwindungen, die immer wieder aufs neue an der Welt verzweifeln wollen. Das tut gut. Du bist auf einem schönen Weg, danke, daß Du ihn teilst mit Deinen Lesern.

    Hermann

  2. Hallo Claudia,

    habe eben Deinen Text gelesen und finde ihn ehrlich schön..ehrlich schön deswegen, weil er so offen ist..
    ich komme auch aus einer Suchtfamilie, habe mich aber
    noch immer nicht damit ausgesöhnt. Ich bin aber auch
    25 jahre jünger….vielleicht schaffe ich es noch,
    vielleicht stehe ich dem Ganzen irgendwann verzeihen-
    der gegenüber…

    Renate

  3. Hier entsteht ein neues Job-Bild mit Zertifizierung für erfahrene Manager insbesondere in der Generation ab 50plus.

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