Claudia am 02. November 2005 — 0 Kommentare

Statusmeldung: Von der Schwierigkeit, in Bewegung zu bleiben

Es ist kurz vor acht, ich versinke in einer Email, lese einen eigenen Text von gestern noch mal durch, mache einen Abstecher auf die Themenliste der gesponserten Diary-Beiträge – es ist die morgendliche Suchbewegung, die Freude an der geistigen Wachheit, die ein Feld sucht, das jetzt gepflügt werden will. Kein konkretes Verlangen stört die Offenheit, keine Hektik kribbelt im Körper, noch bin ich nicht getrieben von dem, was heute muss – ein wundervoller Zustand, der mir in den letzten zwei Wochen kaum zugänglich war.

Mit Arbeit zugeschüttet – schon erstaunlich, wenn man bedenkt, dass die so Zugeschüttete sich noch im September inmitten einer „Krise der Arbeit“ befand, finanziell am Tiefpunkt, noch 300 Euro vom Dispolimit entfernt und ziemlich ratlos, wohin die Reise gehen soll. Ich war am Ende der gewohnten Praxis angelangt, die Dinge einfach auszusitzen, mich aufs „tatsächliche Befinden“ zu konzentrieren und mir vorzumachen, Zahlen auf Kontoauszügen seien ja doch nur Zeichen, von mir selbst mit Bedeutung aufzuladen oder auch nicht. Ich musste mir eingestehen, Angst zu haben, existenzielle Angst um mein gewohntes, selbst bestimmtes Leben, um meine für eine Hartz4-Existenz zu große Wohnung, um mein weiteres Fortkommen, das im Dunkeln lag und von dem ich nur wusste: ich will nicht fort, ich will DA bleiben, wo ich gerade bin!

Einen Status verteidigen, die Besitzstände wahren – wie oft hatte ich über solches Denken und Fühlen gelästert, nun aber war es höchste Zeit, mich darauf zu besinnen! Die Frage „was tun?“ kreiste in meinem Kopf und versuchte, sich gegen die spirituelle Matschbirne durchzusetzen, die vom „Tun des Nicht-Tuns“ faselt und glaubt, sich in den Augenblick (hier & jetzt!) retten zu können, indem handfeste Probleme einfach ausgeblendet werden. Was nicht „von selbst“ geschieht, kann gar nicht gut sein – das ist ihr Credo, damit verweigert sie trickreich Anstrengungen jenseits bekannter Aktionsfelder, bestätigt den Konservatismus gewohnter Verhaltensrepertoires, macht träge und schwach. Es soll Menschen geben, die diese Haltung soweit treiben, dass sie allen Ernstes darauf warten, dass sich in ihrem Briefkasten Geldscheine materialisieren!

Wer bin ich?

Wer versucht, seine Alltagsperson mit ihren Bedürfnissen und Not-Wendigkeiten aus dem großen „Selbst“, von dem alles kommen soll, auszuschließen, sitzt einem bequemen Missverständnis auf. Der Ich-Gedanke ist nur einer unter vielen Gedanken, ja – aber die Miete muss dennoch gezahlt, der Müll trotzdem raus getragen werden. Jeder Körper befindet sich im Stoffwechsel mit seiner Umwelt und hat gelegentlich Anpassungsleistungen zu vollbringen, die sich als „Kampf ums Dasein“ darstellen. Will man dem immer nur ausweichen, die gewohnte Ruhe bewahren, in meditativen Schonräumen geistiges Ikebana treiben anstatt zu tun, was anliegt, dann wird man alsbald zum bloßen „Opfer der Verhältnisse“ – und nicht etwa frei! Verhältnisse, gute und schlechte, entstehen aus dem Verhalten von Menschen. Sich raushalten ist kein Programm, sondern ein Sich-drücken-wollen, das zu immer bedrückenderen Situationen führt.

Wer immer auf derselben Stelle sitzen bleibt, dem verkümmern die Muskeln, Bewegung wird zur Zumutung, später zur Qual. Würde ich immer wie ein Fettauge auf reichhaltiger Suppe schwimmen, gäbe es keinerlei Herausforderungen, ich würde mich nicht weiter entwickeln, sondern zusammen schrumpfen, verknöchern und versteifen.

Solche Betrachtungen waren es allerdings nicht, die mich schließlich in Bewegung versetzten, sondern einfach der Druck der finanziell katastrophalen Lage. Mit dem Durchbrechen der Gewohnheit, über Geldprobleme nicht zu sprechen, stellte sich sofort die gewisse Abenteuerlust ein, die mich ergreift, wenn ich Neuland betrete, das auch Risiken birgt. Ungewohnt war auch der nächste Schritt, das JA zu einem „unselbständigen“ Minijob an zwei Tagen pro Woche. Wenig aber regelmäßig eintreffendes Geld, dafür Rädchen im Getriebe sein, weisungsgebunden, nicht kreativ Neues erschaffend, sondern Vorhandenes pflegend. Von einem schicken Laptop, den ich nur besaß, aber nicht benutzte, hab‘ ich mich ohne größeres Bedauern getrennt, dann folgte eine umfassende Inventur all meiner Aktivitäten: was tue ich und was will ich künftig tun? Was soll dabei heraus kommen? Womit will ich Geld verdienen und was tue ich „just for fun“? Wie eine Existenzgründerin erstellte ich Listen, überlegte Ziele und Zwecke und die Wege dahin.

Und „wie von selbst“ erfuhr ich Unterstützung von den verschiedensten Seiten! Ein neuer Kunde mit einem interessanten Web-Projekt fand sich ein und machte eine Anzahlung; der mehrfach verschobene Schreibimpulse-Kurs zum Thema „Altern“ kam auf einmal doch zustande, ein Freund meiner Texte trat in mein Leben und bot mir einen zinslosen Privatkredit an, Diary-Leser sponserten bis heute zwölf Beiträge. Und als ich eines Morgens gänzlich unerwartet ein paar größere Scheine im Briefkasten vorfand, Morgengabe eines langjährigen Geliebten, war ich wirklich hin und weg!

Wach bleiben, dran bleiben

Würde ich mich unter diesem ermunternden Schulterklopfen der Existenz nun wieder dem gewohnten Dämmerschlaf hingeben, in leicht geänderten Routinen versacken, Business as usual betreiben, dann wäre ich schnell wieder da, wo mich die Finanzkrise erwischt und in Bewegung versetzt hat. Dreh- und Angelpunkt nachhaltiger Veränderung ist in meinem Fall die (tätige!) Auseinandersetzung mit dem Willen und der Motivation. Die darf sich nicht darin erschöpfen, lediglich für ein ausgeglichenes Konto und eine gewisse Verstetigung des Einkommens zu sorgen, um ansonsten ungestört „im Augenblick leben“ zu können. Das JETZT ist nicht der Urlaub, in den man geht, wenn alles getan ist, jetzt ist genau hier, vor diesem Monitor, im Schneidersitz auf dem Stuhl, im vollen Gewahrsein der sich anbahnenden Nackenverspannung und des leichten Ziehens im rechten Oberarm.

Wenn ich weiß, was ich will und warum ich hier sitze, dann bin ich im Stande, auch mal aufzustehen und ein paar Übungen zu machen, um es ohne Schaden noch länger tun zu können. Geht es aber nur um den Cash-Flow, ums Vermeiden einer Hartz4-Existenz, trägt mich das nicht weit, bzw. eben nur bis zur Abwendung der aktuellen Gefahr. Dann folge ich wieder den 10.000 Impulsen, die der Tag für mich bereit hält, wünsche nichts, fürchte nichts, gehe häufig in die Sauna und schreibe darüber, wie nett das ist – bis mich die nächste Krise erwischt: eine neue Ohrfeige der Existenz, weil ich unterhalb meiner Möglichkeiten verharre, Herausforderungen vermeide und versuche, mich im Gemütlichen einzurichten.

Was tun?

Oft schon habe ich darüber geschrieben, dass man seinen Däimon finden muss, um in kreativer Bewegung zu bleiben, habe Käferforscher beneidet, die ihre Lebensaufgabe genau kennen, habe beklagt, dass ich zwar mit der Liebe zur Arbeit geschlagen bin, aber auch unfähig, mich zwischen allerlei möglichen Engagements zu entscheiden. Drüber reden reicht ja meistens schon, dann fasziniert wieder das nächste „mögliche Projekt“ und heraus kommt nur selten etwas. WARUM sollte ich denn auch zusätzliche Anstrengungen machen, wenn doch das Konto bei 1500 steht und die Auftragslage den übernächsten Monat bezahlbar erscheinen lässt? Mehr Sicherheit hatte ich nur selten im Leben und Jahre lang hat es doch so geklappt, was spricht dagegen, so weiter zu machen?

Nichts. Nichts und niemand spricht dagegen. Ich bin es ganz allein, die hier antworten muss. Und es hilft dabei gar nichts, zu wissen, was „man tun sollte“!

Da gerade mein Kurs übers Altern läuft, schiebt sich jetzt wie selbstverständlich der Gedanke an „Altersvorsorge“ ein. Ja, ja, warum soll ich nicht auch endlich vernünftig werden, an die Zukunft denken, mehr Geld verdienen und ordentlich vorsorgen? Nichts dagegen, aber als einziges Ziel täglichen Strebens scheint mir Altersvorsorge ebenso untauglich wie „Hartz4 vermeiden“ – da zieh ich mir lieber eine interessante Krankheit zu und sterbe vorzeitig weg! Ich brauche einfach diesen Hauch von Abenteuer, der nur aufkommt, wenn es um etwas geht, das mich begeistert und erfüllt. Bloßes Bemühen um Absicherung der Bestände kann das niemals leisten.

Lange Zeit hab‘ ich schon nichts mehr Neues angefangen, weil ich mir selbst nicht traute. Diese fluktuierenden, unzuverlässigen Begeisterungen für die eine oder andere Idee, die mich recht häufig anwandeln und schnell wieder verschwinden – sollte ich einer davon aufsitzen? Etwa so, wie ich auch in meinen wenigen Begegnungen mit Geldspielautomaten lieber die Stop-Taste drückte, anstatt zu warten, bis die wirbelnden Scheiben zum Stehen kommen? Am Automaten kassiert oder verliert man immerhin gleich, im richtigen Leben aber geht es nach der Entscheidung erst richtig los: Konzepte werden Projekte, Realisierungen binden, die anfängliche Begeisterung weicht der Ernüchterung und die Mühen der Ebene müssen durchgestanden werden. Ja wie denn? So ganz ohne eine drückende Not oder treibende Gier?

„Wir haben das Glück erfunden“ – sagen die letzten Menschen und blinzeln.
Sie haben die Gegenden verlassen, wo es hart war zu leben: denn man braucht Wärme. Man liebt noch den Nachbar und reibt sich an ihm: denn man braucht Wärme.
Krank-werden und Misstrauen-haben gilt ihnen sündhaft: man geht achtsam einher. Ein Thor, der noch über Steine oder Menschen stolpert!
Ein wenig Gift ab und zu: das macht angenehme Träume. Und viel Gift zuletzt, zu einem angenehmen Sterben.
Man arbeitet noch, denn Arbeit ist eine Unterhaltung. Aber man sorgt, dass die Unterhaltung nicht angreife.
Man wird nicht mehr arm und reich: Beides ist zu beschwerlich. Wer will noch regieren? Wer noch gehorchen? Beides ist zu beschwerlich.

Mit diesem Auszug aus Nietzsches „letztem Menschen“ mach ich für heute Schluss. Den hab‘ ich schon öfter zitiert in all den Jahren, mal im Gestus der Empörung über seinsvergessene Mitmenschen, mal als Selbstverspottung oder Ermahnung. Heute aber freu‘ ich mich einfach daran, wie gut der Text passt – zu einer Daseinsweise passt, die ich bis ins letzte Detail aus eigenem Erleben kenne. Auf einmal sehe ich die ganze ausweglose Perfektion des „letzten Menschen“ – aber ich schaue von außen darauf, es geht mich nicht mehr an.

Was daraus folgt, muss ich erst erleben, bevor ich drüber schreiben kann – ich hoffe mal, es wird nicht ZU beschwerlich! ;-)

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