Claudia am 27. September 2005 — 0 Kommentare

Familie verpasst

Eine kleine Meditation über Kinderlosigkeit

Seine drei Kinder sind jetzt sieben, elf und 18. Bernd – fast genauso alt wie ich – erzählt beiläufig, dass sie die große, zusammengelegte Altbauwohnung nun auf dem Papier wieder trennen werden, damit die Älteste als Haushaltsvorstand einer eigenen Bleibe Hartz4 beantragen kann. Sein Einkommen reicht nicht mehr für alle, die gut bezahlten Manager-Jobs sind Vergangenheit, das Angesparte ist lange aufgebraucht. Für sich alleine zu sorgen, wäre trotzdem kein Problem, sagt er, aber eine fünfköpfige Familie braucht mehr, viel mehr.

Ich bewundere Bernd. Niemals jammert er über seine „familiären Lasten“, nicht einmal unterschwellig. Ein bisschen mehr staatliche Unterstützung könnte sein, das ja, aber ansonsten sind ihm seine Kinder trotz gelegentlicher Schwierigkeiten eine frei gewählte, ungebrochene Freude. Voller Energie und meist bei bester Laune arbeitet er täglich zehn Stunden und mehr an seiner neuen Freiberuflerexistenz. Was er von seinen Kids erzählt, zeigt, dass er nicht etwa der immer abwesende Vater ist, der sich um nichts kümmert und die ganze Erziehungsarbeit seiner Frau überlässt. Wie schafft er das bloß alles – und über so viele Jahre?

Familie – nein danke!

Das hätte ich auch haben können, denk‘ ich mir manchmal. Bernds Frau ist mir vom Typ her ähnlich, sie ist auch tatsächlich „die Frau nach mir“, die Frau, die er geheiratet hat, nachdem sich unsere Wege vor 23 Jahren trennten. Ich wurde Hausbesetzerin, Mieteraktivistin, grün-alternative Polit-Funktionärin, er machte Karriere und gründete Familie.

Dass ich nicht seine Frau und Mutter dreier Kinder geworden bin, war nicht zufälliges Schicksal. Auch der „Mann nach Bernd“, ein cholerischer Individualist, dem ich weder Kinderwunsch noch Vater-Qualitäten zugetraut hätte, zeugte später noch einen Sohn – und ebenfalls mit einer Frau, die mir nicht ganz unähnlich war. Es lag allein an mir: ich wollte nicht heiraten und gebunden sein, wollte keine Kinder, die meinen Bewegungsspielraum einengen würden. Allein schon der Gedanke, schwanger zu sein, konnte mich in Panik versetzen, doch wurde ich tatsächlich niemals schwanger, trotz lebenslänglich nachlässiger Verhütungspraxis.

Warum war ich so? Der Zeitgeist der 70ger und 80ger Jahre ließ mich glauben, meine Verweigerung sei „ganz normal“, ja, angesagt und revolutionär. Nina Hagen schrie laut und vorwurfsvoll heraus, was viele dachten:

Warum soll ich meine Pflicht als Frau erfüllen?
Für wen? Für die? Für dich? Für mich?
Ich hab‘ keine Lust, meine Pflicht zu erfüllen!
Für dich nich‘, für mich nich‘, ich hab‘ keine Pflicht!
….
Marlene hatte andere Pläne.

Simone Beauvoir sagt, Gott bewahr‘!
Und vor den ersten Kinderschreien
muss ich mich erstmal selbst befreien.

Als sie später die Geburt ihrer ersten Tochter Cosima Shiva lustvoll zelebrierte, merkte ich einmal mehr, dass ich dabei war, etwas zu verpassen. Selbstbefreiung ist kein Konzept, das für ein ganzes Leben vorhält, sie bleibt ohne Sinn, wenn nichts dabei heraus kommt. Und Mitte dreißig stand ich inmitten meines ganz persönlichen „Nichts“: eine tiefe Krise zerbröselte meinen ersten Lebensentwurf, den man mit den Worten „aktiv dagegen sein“ hätte beschreiben können. Ich hatte geglaubt, die Welt sehr schnell zum Besseren verändern zu können und mich im Kampf an vielen Fronten zerschlissen. Nun war ich am Ende meiner Kräfte angekommen und musste loslassen, musste mich – nach einer Phase der dringend nötigen Erholung – völlig neu erfinden.

Die neue Sicht der Dinge

Der vorwurfsvolle Tunnelblick ausschließlich auf Missstände ist damals für immer von mir gewichen – unter anderem erkannte ich endlich, dass das Argument, keine Kinder in DIESE BÖSE WELT setzen zu wollen, niemals ehrlich gemeint war. Es ging nicht um die Kinder, sondern immer nur um mich, mein Wohlbefinden, meine persönliche Freiheit, meine Angst vor Bindung und Verantwortung. Dass ich so geworden war, lag auch nicht allein am Zeitgeist, sondern vor allem an ganz persönlichen Familienerfahrungen: die zerrüttete Ehe meiner Eltern, der cholerische und unberechenbare Vater mit seinem Quartalsalkoholismus, die Atmosphäre von Angst und Bedrückung, Einengung und Terror, die meine Kinder- und Jugendjahre überschattete, hatten mir den Gedanken an Familie von Anfang an in schwärzesten Farben gemalt: DAS wollte ich keinesfalls so oder ähnlich noch einmal erleben!

In den folgenden Jahren erfuhr ich einen inneren Frieden wie niemals zuvor. Ich schloss Freundschaft mit mir selbst und mit dem ehemals so verhassten Vater, verzieh ihm alle seine Schandtaten, da ich mittlerweile meine eigenen Abgründe ausreichend kennen gelernt hatte. Einen Rückweg in eine „Normalbiographie“ konnte es für mich jedoch nicht mehr geben: was gewesen war, hatte mich geformt, zu dem gemacht, was ich geworden war – und da ich mich auf einmal jenseits aller inneren Sklaventreiberei („du solltest…“) ohne Urteile sehen und schätzen konnte, nahm ich diese Form dankbar an. Meine Eltern haben getan, was sie konnten, und was dabei heraus gekommen ist, ist gar nicht mal schlecht! Ende der Kritik, Ende der Vorwürfe, Ende der Schuld-Debatten – ich war, spät aber doch noch, erwachsen geworden.

Mein Blick auf Kinder hat sich seitdem deutlich verändert. Ich bewundere den Mut und die Kraft, die Eltern aufbringen und ich sehe auch ihre Freuden, wo ich früher nur ihre Leiden und Beschränkungen erkennen konnte. Den neuen, noch etwas bemüht kinderfreundlicheren Zeitgeist unterstütze ich, wo ich kann – und bin damit einverstanden, als Kinderlose mehr Steuern und andere Abgaben zu bezahlen.

Wunderbare Wesen!

In Gottesgabe, dem kleinen Dorf in Mecklenburg, wo ich zwei Jahre lebte, hatte ich das Glück, neben einem dreijährigen Kind zu wohnen, das meinen Lebensgefährten oft besuchte. Zwar war ich für das kleine Mädchen die böse Hexe, die in ihren Augen um die Aufmerksamkeit ihres Freundes konkurrierte, doch für mich war es eine wundervolle Erfahrung, überhaupt mal ein Kind aus der Nähe zu erleben! Will man „etwas davon haben“ muss man selbst ein Stück weit wieder Kind werden – eine interessante, lustvolle und in mancher Hinsicht lehrreiche Erfahrung, die einen eigenen Artikel wert wäre. Es entzückte, erstaunte und erheiterte mich, mit welch selbstverständlicher Dominanz sie meinen Partner zu beherrschen suchte, wie unverstellt sie ihre Bedürfnisse klar machte und wie heftig ihre emotionalen Reaktionen wurden, wenn etwas nicht nach ihrem Kopf ging. Das war noch echtes, natürliches Leben, nicht das verdruckste, gehemmte und berechnende Verhalten, das für zivilisierte Erwachsene so typisch ist! Auch die Art, wie sie die Welt wahrnahm, bewunderte ich: hoch konzentriert, total wach – dafür muss unsereiner einen einwöchigen Meditationsretreat einlegen, um auch nur annähernd diese Präsenz zu erreichen. Ich verstand plötzlich, was Kinder ihren Eltern geben können, wenn sie dafür offen sind.

Einen echten Kinderwunsch aus einer Liebesbeziehung heraus hatte ich selbst niemals verspürt, und auch jetzt stellte er sich nicht im nachhinein ein, etwa in Form des Bedauerns, etwas sehr Schönes im Leben versäumt zu haben. Meine neue Liebe zu Kindern geht eher einher mit einem verstärkten Gefühl der Dringlichkeit, in diesem Leben mehr zu tun als nur das persönliche Befinden im Bereich des Gemütlichen zu halten. Ich möchte nützlich sein, meine innere und äußere Freiheit und Ungebundenheit, die wesentlich auf Kinderlosigkeit aufgebaut ist, soll auf irgend eine Art und Weise auch Eltern, Kindern und jungen Menschen nützen. Es macht mich glücklich, dass das Internet Kontakte ermöglicht, die im physischen Nahraum, wo die Generationen hübsch getrennt leben, niemals zustande kämen. Meine philosophische Ader und meine angesammelte Lebensweisheit kann ich so gelegentlich jungen Menschen zur Verfügung stellen, die Rat und Orientierung suchen. Das entsteht ganz beiläufig, weil man zu Beginn eines Gesprächs selten vom Alter des Gegenübers weiß, und ist weit authentischer und ehrlicher, als wenn es ein hierarchisches Verhältnis (wie zu Verwandten, Lehrern, Autoritäten…) gäbe. Trotz des Altersunterschieds ist es ein echter Austausch, ein Geben und Nehmen, kein „Rat schlagen“ von oben herab.

Über den Tod hinaus

Vorgestern war ich im Kino und schaute mir den Film „Broken Flowers“ an. Ein alternder Mann, dem gerade wieder eine Frau weglief, die mehr wollte als eine Affäre, erhält einen rosafarbenen Brief ohne Absender und Unterschrift. Darin wird ihm mitgeteilt wird, dass er einen Sohn hat, der jetzt 19 Jahre alt ist und sich vielleicht gerade auf der Suche nach seinem Vater befindet. Im minimalistischen Stil Jim Jarmuschs, der an Aki Kaurismäki erinnert, wird gezeigt, wie der Protagonist, der ansonsten recht desinteressiert aufs eigene, irgendwie bedeutungslose Leben schaut, auf einmal Jungs um die zwanzig ins Auge fasst: das könnte SEIN SOHN sein! Man ahnt, wie es ihn bewegt, obwohl sich seine Mimik kaum verändert.

Es gibt eine Art Kinderwunsch, die ich die männliche nenne, denn sie hat nichts mit der Lebensqualität zu tun, die Kinder ihren Eltern ermöglichen, nichts mit Alltag, Beziehung, Familie, Sicherheit und Nähe. Vielleicht kann ich sie deshalb mitempfinden, weil ich das Bedauern, all das verpasst zu haben, nicht spüre. Wohl aber überkommt mich, selten aber doch, eine gewisse Wehmut, dass meine Gene nicht weiter getragen werden: dass kein neuer Mensch, der die Hälfte seiner Potenziale von MIR mitbekommen hat, meinen Tod überleben und sich vielleicht in alle Zukunft fortpflanzen wird.

So fühlt man erst, wenn man das Ergebnis der eigenen Gen-Ausstattung anzunehmen und zu lieben gelernt hat – für mich war das leider zu spät. Ich tröste mich damit, dass immerhin meine Schwester drei wunderbare Kinder zur Welt gebracht hat, ein bisschen Klinger lebt weiter, ganz physisch. Was mich angeht, muss ich mich halt weiter bemühen, gute Texte zu schreiben, möglichst bis zuletzt, solange ich noch eine Maus bedienen kann. Vielleicht sind ja einige darunter, die mich überleben. Ich arbeite dran.

Dieser Artikel wäre nie geschrieben worden, hätte ihn nicht ein Diary-Leser unterstützt und sein Wunschthema „verpasste Familienplanung“ vorgegeben. Zunächst zweifelte ich, ob das so funktionieren kann, jetzt freue ich mich, mich diesem „Schreibimpuls“ ausgesetzt zu haben! Herzlichen Dank, es hat mich wirklich inspiriert!

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