Claudia am 19. Mai 2004 — 0 Kommentare

Zwischen Sein und Sollen

16 Tage kein Diary-Eintrag. Ich glaub‘, das war die längste Pause, die es je gegeben hat. Ein Teil von mir ist regelrecht in Streik getreten, leider nicht nur in Sachen „Webdiary“. Alles Tun und Machen am PC zeigte sich auf einmal als etwas, das ich lieber vermeiden würde – und ich hab‘ es vermieden bis an die Grenze des Möglichen, sprich: bis das Konto auf Null war. Acht Jahre „am Netz“ – an sowas wie Urlaub dachte ich nie. Ob es daran liegt? Ich weiß es nicht, so richtig „in die Ferne“ hat es mich ja auch nicht gezogen, nur vom Monitor wollte ich mich entfernen, ein paar Meter reichten schon aus.

Putzen, aufräumen, das Klein-Chaos in allerlei Ablage-Ecken beseitigen, Staub saugen – nie zuvor hat all das solchen Spaß gemacht. Noch lieber gehe ich spazieren, ohne Ziel, einfach den Körper in Bewegung spürend, den Duft der blühenden Bäume riechend, die Berliner Skyline mit Fernsehturm Ost bewundernd, die von den nahen Brücken über die Spree und über die S-Bahn so gut zu sehen ist. Auch Blumen gießen auf dem Balkon macht Freude – hätte mir jemand prophezeit, dass ich eines Tages spießige Stiefmütterchen und ähnliche Ex-und-Hopp-Pflanzen erwerbe, um „Frühling, ganz nah“ zu erleben, hätte ich mir an die Stirn getippt. Tja, sag niemals nie!

Auch das Fitness-Center sieht mich wieder jeden zweiten Tag. Monatelang war ich nur zahlende Karteileiche. Die große Langeweile hatte mich überkommen, damals im Januar. Immer dieselben Bewegungen, ein blödes Herumturnen an komischen Apparaten. Also dachte ich mir: Packs mal anders an! Warum nicht mal ein bisschen mehr anstrengen? Nicht nur fit bleiben und dafür eine öde gewordene Routine abziehen, sondern ein Ziel anstreben, Muskeln aufbauen, mal wirklich STÄRKER werden, so dass mir der Kasten Wasser locker in der linken Hand liegt bis hinauf in den dritten Stock. Einen Klimmzug machen können, und nicht wie ein schlaffer Sack hilflos an der Stange hängen…

Gedacht, getan. Bei jedem der Geräte legte ich ein paar „Kohlen“ auf und übte mit deutlich höherem Gewicht. Ging auch ganz gut, doch bemerkte ich erst zwei Tage später, dass der Schmerz am linken Oberschenkel nicht Teil des allgemeinen Muskelkaters war, sondern ein Muskelfaserriss: eine richtige Delle, daneben eine Schwellung. Das war´s erst mal in Sachen Fitness-Center! Erschreckend, wie leicht man sich verletzen kann – und ich hatte es nicht mal bemerkt, während es geschah.

Jetzt trau ich mich wieder, vorsichtig, langsam, und spüre, wie sich der Körper freut. Wir sind nicht dafür gebaut, unsere Tage Tasten klickend vor einem Bildschirm zu verbringen. Auch ein bisschen „zügig Gehen“ zwischendurch reicht keinesfalls aus, um allen Muskeln mal wieder das Gefühl zu geben, am Leben beteiligt zu sein. Nach einer Stunde Training fühl ich mich wie neu, könnte Bäume ausreißen! Aber leider: das braucht es halt nicht, Konto auffüllen ist angesagt, und das geht nun mal nur hinter dem Monitor.

Da sitze ich jetzt wieder und versuche, den Ehrgeiz wieder zu erwecken, den ich brauche, um etwas Neues zu erschaffen. Zum reinen Selbstausdruck reicht mir das Schreiben, mal im Web, mal in einem privaten Mail-Dialog. Könnte ich dem einfach folgen, käme gelegentlich ein künstlerisches Webprojekt hinzu – es gibt so einiges, was ich gerne zeigen, in Form bringen, in die Web-Welt setzen würde, wenn ich es mir leisten könnte. Vielleicht sollte ich diese „Herz-Projekte“ einfach mal beschreiben und Sponsoren suchen?

Zuvorderst stehen jedoch andere Dinge an, neue Schreibimpuls-Kurse zum Beispiel. Es macht Freude, mit einer Gruppe zu arbeiten, Menschen zum Schreiben zu motivieren, Resonanz zu geben, zu kommentieren und zu kommunizieren. Aber Non-Stop kann ich das nicht durchziehen, so einen Kurs nach dem Anderen, dass ich davon alleine leben könnte. Es ist, als verbrauchte ich dabei eine Energie, die ich anderwo auftanken muss: Im Allein-Sein, alleine arbeiten, OHNE dabei ans Geld denken zu müssen. Wie ich mir DAS finanziere, ist im Grunde die Frage, die ansteht.

Grad rief mich ein lieber Freund an, unterbrach mein „Ringen um die richtige Arbeitslaune“, entführte mich für kurze Zeit in seine Welt, die für wenige Minuten eine gemeinsame wurde. Meistens mag ich es nicht, telefonisch unterbrochen zu werden, und sage das auch allen, die das Telefon gern zu mehr als zum bloßen Info-Austausch benutzen. Aber nichts, was ich mir so denke, gilt ja absolut, es gibt Ausnahme-Momente – und das war jetzt so einer. Der Text war ja just in diesem Augenblick zu Ende.

Immer wieder in den Augenblick kommen, das JETZT wahrnehmen und darüber staunen, dass ICH da auf seltsame Weise verschwinde – das ist eine „Übung“, an der ich soviel Geschmack gefunden habe, dass es oft schwer fällt, ins zukunftsorientierte Planen und Arbeiten zurück zu kommen. Ich kenne viele Menschen, die offensichtlich gar keinen Zugang zu diesem immer vorhandenen Paradies haben, sie sind fortlaufend am Denken und Grübeln, am Planen und Fürchten, am Analysieren und Hinterfragen, nehmen ihre Umwelt und auch ihren Körper kaum noch wahr, bis irgend eine Katastrophe unabweisbar dazu auffordert, mal wieder ein wenig wach zu werden, wach für das, was ist.

Nun, egal, wo und wie man sich befindet: es scheint immer die passende Art Katastrophe zu geben! Bei mir ist es halt grad der Kontostand, der mich aufs Heftigste aus dem Augenblick in die virtuelle Welt zurück zieht – in die Welt des rationalen Sorgens um Zukunft und Fortkommen. Dabei will ich gar nicht FORT kommen, verdammt noch mal. Sondern einfach DA sein!

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