Claudia am 04. Mai 2004 — 0 Kommentare

Verschwinden

Wie viele Angler doch mitten in Berlin aktiv sind! An jeder dafür in Frage kommenden Stelle sitzt einer und lauert auf den Fisch. Es ist ein lauer Frühlingsabend, ich wandere rund um die Halbinsel Stralau und genieße die Stille. Nun ja, ganz still ist es nicht, vom anderen Ufer der Rummelsburger Bucht erschallt ein Froschkonzert, in weiter Ferne fahren Autos, auch die S-Bahn ist gelegentlich zu hören. Aber kein Mensch kreuzt meinen Weg, die Angler verschwimmen fast mit dem Hintergrund und langsam kommt die Nacht herauf. Die Luft riecht nach Blüten, es ist sommerlich warm, der Körper entspannt. Langsam ergreift die äußere Ruhe Besitz von mir: Denken an gestern und morgen verstummt, ich sehe, höre, rieche, schau in die Lichter der futuristisch wirkenden Neubauten, die mit manch altem Backsteingemäuer wundervoll kontrastieren, beobachte die kleinen Fische bei der Jagd nach den Schnaken, die dicht über dem Wasser fliegen – warum geh ich hier nur so selten spazieren? Ist doch fast wie Urlaub.

Öfter mal einfach losgehen…

Auf dem Heimweg dann spricht mich eine große, übergewichtige Frau an, nuschelt viel Unverständliches, gerade so verstehe ich: sie will in die Wühlischstraße. Da ist sie hier falsch und da mein Weg in dieselbe Richtung führt, winke ich ihr, mir zu folgen. Drei Tüten und Taschen trägt sie mit sich, sieht aber nicht wie eine Obdachlose aus – oder doch? Aus Littauen ist sie, zum Arbeiten hier. Immer wieder muss sie Pause machen, bleibt hinter mir zurück – Himmel, sie ist kaum dreißig und kann sich schon kaum mehr bewegen! An der Wühlischstraße verabschiede ich mich, aber anstatt eines „Danke“ ernte ich Protest: ich soll mitgehen. Sie öffnet eine ihrer Taschen: ein Zeitungsstapel, irgendwelche Werbeblätter – nein, die werde ich jetzt nicht mit ihr verteilen, nicke ihr kurz zu und mach mich von dannen. Klingle noch bei einem Freund, der in dieser Gegend wohnt, Seitenflügel, zweiter Stock. „Du hattest Glück“, sagt er, „nachts mach ich schon eher mal auf als tagsüber, wenn die Verteiler rein wollen.“. Nun bin ich drin – zwei Stunden plaudern wir über Gott und die Welt, dann der kurze Heimweg, vorbei an allerlei hell erleuchteten Kneipen, drinnen leer, die Menschen sitzen draußen, reden, essen, trinken. Dann über die Modersohnbrücke, die nächtliche Skyline der City Ost ist zu sehen, inklusiv Fernsehturm. Was für ein schöner Abend, ich sollte öfter einfach losgehen, ohne zu wissen, wohin.

Dies ist bestimmt einer der langweiligsten Diary-Einträge, die ich jemals schrieb: keine besonderen Vorkommnisse, keine geistreichen Gedanken – nur so ein Abend, an dem ich einfach den Füßen folge, die schon wissen werden, wohin es geht. In dieser langen Weile hab ich mich wunderbar gefühlt – warum nur? Mir scheint, nicht „wegen etwas“, sondern „wegen nichts“. Einfach da sein, kein Grübeln, Sorgen, Wünschen, Planen im Kopf, kein Erinnern an dies und das, nur laufen, sehen, hören, die Welt bemerken. Und selbst das Gespräch am Ende war so: ohne konkreten Inhalt, ohne „Problemdruck“, locker dahinplätschernd, ohne Sinn und Zweck, ohne Wünschen und Wollen – nicht der Funke einer Spannung. Und doch hab‘ ich mich nicht einen Augenblick gelangweilt, den ganzen Abend lang nicht. War IN der Welt, war anwesend wie selten – war mir vor allem selbst kein Thema zum Nach-Denken. Es erinnert mich an manches Drogenerlebnis früherer Zeiten: Wenn die Wirkung einsetzte, war da ein Gefühl des „Ankommens“, verbunden mit zunehmender körperlicher Entspannung. Endlich HIERJETZT sein, nicht mehr in dieser Distanz, die das „Denken über dies und das“ fortlaufend zwischen mir und allem Anderen aufreißt.

Wenn Älter-werden bedeutet, dafür keine Drogen mehr zu brauchen, bin ich einverstanden, ja, beglückt! Auch Meditationsübungen scheinen nicht unbedingt nötig, nur dieses „von sich absehen“. Ich werde leer und die Welt kann einströmen, ja, ich werde einfach ein Teil von ihr: der Atem in der Nase, der Wind in den Baumwipfeln, das ferne Froschkonzert, der kleine Stein im Schuh, die Littauerin mit ihren Tüten, der volle Mond, ein wenig Wolken-verhangen – ein Kontinuum ohne Grenzen.

Jetzt ist es Morgen, ich sitze wieder wie gewöhnlich am PC und „halte nach Problemen Ausschau“ – so zumindest kommt es mir vor, verglichen mit der gestrigen Stille. Und doch: ganz weg ist sie nicht. Als wäre da hinter mir ein großer offener Raum, in den hinein ich jederzeit „verschwinden“ kann.

Eines Tages werde ich ganz dort hinein verschwinden. Wohin denn sonst?

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