Claudia am 31. März 2004 — 0 Kommentare

Vom Nutzen der Leere

Die Sonne scheint, der Himmel ist blau. Ich trete auf den Balkon und schüttle über mich selber den Kopf: zum ersten Mal hab ich diese kurzfristig blühenden Ex-und-Hopp-Gewächse in Kästen gesetzt, auf dass ihre drastischen Farben den Frühling JETZT SOFORT erlebbar machen. Primeln, Stiefmütterchen – oh Gott, hätte mir das früher jemand prophezeit, ich hätte mir an den Kopf gefasst. Und jetzt gefällt es mir! Wer weiß, vielleicht mach ich ja auch eines Tages Kaffeefahrten mit und kaufe in der dazu gehörenden Werbeveranstaltung überteuerte Heizdecken!

Im Frühling müssen die Zimmerpflanzen mal wieder gedüngt werden. Oder umgetopft. Ob das auch für Menschen gilt? Für mich? In dieser Woche ist ein Schreibimpulse-Kurs zu Ende gegangen und auch das Re-Design eines Maler-Shops, das mich endlos lang beschäftigt hat, ist abgeschlossen. Ein weiterer Auftrag wird ebenfalls noch diese Woche fertig – und dann ist PAUSE!

Die Pause hab ich nicht geplant, aber sie kommt genau richtig. Langsam weicht die Verstrickung in Geschäftigkeiten ein Stück zurück. Am Sonntag hab ich es gar geschafft, einen Teil der Verwaltungsarbeit abzuwickeln, die ich so miesepetrig vor mir hergeschoben hatte. Anfang nächster Woche werde ich FREI sein: morgens den PC einschalten und mich fragen können: WAS JETZT?

Das hab‘ ich lange nicht mehr erlebt! Mindestens ein dreiviertel Jahr nicht. Jetzt, inmitten dieser Frühlingsstimmung, spüre ich, wie sehr es mir gefehlt hat. Nicht die Ruhe, die Pause, die Erholung, sondern dieses Gefühl, dass da vor mir ein freier Raum voller Möglichkeiten liegt, aus dem ich jetzt schöpfen kann: etwas ver-wirklichen, was es so vorher nicht gegeben hat. Etwas, das mich auf neue Weise fordert, ein Hauch von Abenteuer!

Das letzte Abenteuer auf meiner To-Do-List, den Kurs „Club der erotischen Dichter“, musste ich verschieben. Zuwenig Mutige haben sich angemeldet, also bekommt die Sache noch mal vier Wochen Vorlauf. Anders als in den anderen Kursen gestatten wir hier Anonymität unter den Teilnehmern – und doch scheint es eine ziemliche Hürde zu sein, sich schreibend diesem Thema zu nähern. Komisch eigentlich, wenn man bedenkt, wie sexualisiert und enttabuisiert die mediale Welt seit Jahren daher kommt!

Nun, in der „Pause“ wird mir vielleicht etwas dazu einfallen, irgend eine Form der „Verführung zum Mitschreiben“, mal sehen. Vielleicht werde ich aber auch selber verführt: von etwas ganz Neuem!

Navigieren ?

Immer wieder erlebe ich, dass mir nahe stehende Personen wie selbstverständlich davon ausgehen, dass ich meine „Orientierung“, also das Woher/Wohin/Wozu/Wer bin ich „aus dem Internet“ beziehe. Sie glauben, da gäbe es Gemeinschaften und „hoch stehende Persönlichkeiten“, mit denen ich im fortlaufenden Dialog stehe. Jedes Mal, wenn mir das gesagt wird, wundere ich mich! Wie kommen sie nur darauf? So ein „Dialog der Weisheit“ ist doch etwas ungeheuer Seltenes – und per Internet auch nicht leichter zu finden als im sogenannten „realen Leben“. Er ist nicht bloß Text: Worte und Meinungen, folgenlos im Nichts getauscht, sondern er bedarf einer persönlichen Beziehung auf der Basis von Liebe. So etwas zu erleben, ist eine Sternstunde, ist die Ausnahme von der Regel – und als solche alles andere als verlässlich! Sobald ich an einem solchen Dialog festklebe, mich wirklich einlassen will auf den „großen Anderen“, werde ich mit geradezu automatenhafter Sicherheit frustriert.

Der „Guru on Demand“ ist eine Illusion, geschaffen durch meine eigene Imagination – das zu wissen, macht frei und einsam zugleich.

Frei, weil es mich ermächtigt und in die Lage versetzt, auch von meiner Zimmerpflanze zu lernen; vom Putzmann, der einmal die Woche das Treppenhaus reinigt und von der freundlichen Bedienung im Restaurant. Und einsam, weil die gemütliche Alltagsillusion, es gäbe ein tieferes Miteinander, das die grundsätzliche Getrenntheit aufhebt, einfach nicht zu halten ist. Jedes Gegenüber, jeder Andere, ist auch nur ein „ganz normaler Mensch“ wie ich. Also einer, dem im Zweifel die eigene Haut näher ist als die Befindlichkeiten des Nächsten.

So navigiere ich in der Regel alleine durchs Dasein. Die Frage, woran ich mich orientiere, kann ich nicht umfassend beantworten. Alles, was ich „tue“, wenn ich nicht weiß, wo’s lang geht, ist Hinsehen. Das anschauen, was ist. Und zwar solange, bis sich all die Schichten der Wünsche, Illusionen und Ängste verflüchtigen, indem sie ihren Charakter als „Schall und Rauch“ offenbaren. Was bleibt, ist Tatsache – und Tatsachen sind leer. Ohne mich, ohne mein Bewerten und Be-Deuten entlang an eigenen Interessen (sei das nun ein bloß persönlicher Wunsch oder die Rettung der Menschheit), hat nichts Bedeutung. Ist einfach Sternenstaub, der im Universum kreist.

Diese kleine Meditation bewirkt eine Art „Arbeitsspeicher löschen“ im eigenen Mind. Und emotional ereignet sich das Wunder, dass ich den Abgrund unter mir zwar sehe – tatsächlich ist da kein Boden, auf dem ich stehe! – aber ich dennoch nicht hineinfalle, sondern schwebe, fliege…

Naja, nicht immer, aber immer öfter! :-)

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