Claudia am 19. März 2004 — 0 Kommentare

Fasten, Tag 2: Einstieg mit Hindernissen

Eigentlich wollte ich schon vorgestern mit dem Fasten beginnen. Auch erst mal gut gestartet: nach dem Aufstehen kein Kaffee und keine Zigarette, sondern Wasser, Tee, ein Löffel Honig. Im Bioladen kaufte ich Gemüsesaft, Gemüsebrühe und „Kindersaft“, eine Obstsaftmischung, die ich sehr gerne mag. Mittags Brühe, vor- und nachmittags ein Glas Saft – das ist „Buchinger-Fasten“, schonender als das totale Fasten, das nicht mehr so empfohlen wird.

Der völlige Verzicht auf die üblichen Gifte fiel mir nicht schwer – am Vortag hatte ich zum „Abschied“ vom ungesunden Leben ein kleines Fest mit mir selbst und einer Flasche Weiswein veranstaltet. Das nimmt die Lust auf Rauchen am nächsten Morgen erst mal weg und auch nach Kaffee, meinem üblichen Wachmacher, gelüstete es mich nicht.

Schon nach wenigen Stunden spürte ich „die Umschaltung“: es war, als hätte die Zeit sich ein wenig verlangsamt. Alle körperlichen Empfindungen wurden stärker, draußen tobte der Frühling, mein Interesse, vor dem Monitor zu sitzen, sank, und so gönnte ich mir schon bald einen Spaziergang, der im Fitness-Center endete: nicht an den Geräten, sondern in der dortigen wunderschönen Sauna. Ich genoss die Reinigungsrituale, das Schwitzen, das kalte Wasser, das Abliegen in Nahezu-Trance – wunderbar! Hinterher ging ich gleich noch zum Frisör, ließ acht Zentimeter Haare abschneiden, fühlte mich leichter und leichter und wanderte dann durch die sonnigen Straßen Richtung Heimat.

Und dann plötzlich der Einbruch: ich kam an einer Metzgerei vorbei und wurde von eine Welle heftigen Appetits geradezu überwältigt. Gier hatte mich im Griff – erst widerstand ich noch, ging weiter, kaufte in einem kleinen Lädchen etwas ein – und dann kehrte ich doch um, betrat die Metzgerei und verfiel dort kurzfristig einer letzten Völlerei!

Was hatte mich bewegt, das geschehen zu lassen? Natürlich die plötzliche Gier aufs Essen, doch sie allein kann erfahrungsgemäß nichts ausrichten, mein Geist muss „ja“ dazu sagen. Ich hätte bloß weiter gehen müssen und nach wenigen Minuten wäre die Anwandlung verflogen. Warum gab ich also nach? Ich erinnere mich nur an den totalen Unwillen, zu kämpfen. Keine Lust darauf, mich als gespalten zu empfinden in diejenige, die jetzt einen Imbiss will und die Andere, die sagt: Nein, du sollst doch fasten!“ Ich soll überhaupt nicht, ich will – und wenn ich das Gefühl des „ich will“ nicht durchgängig verspüre, dann lasse ich es lieber.

Also gut, ich verbuchte es unter „letzte Sünde“ und verbrachte den Rest des Tages „vorschriftsmäßig“. Als ich dann jedoch abends mit einem Freund aus dem Theater kam und wir durch die warmen, frühlingshaften Straßen wanderten und nicht recht wussten, was tun, hing ich das Fasten-Vorhaben für diesen Tag an den Nagel und ging doch noch mit ihm Essen. Komischerweise hatte ich jetzt keinen Appetit mehr und aß nur eine Kleinigkeit.

So war mein Einstiegstag also volle Kante gescheitert, und ich fragte mich ernsthaft: Will ich wirklich fasten? So ein Fragen heißt nicht Grübeln, es ist eher eine Art In-mich-hinein-horchen. Gerade Fasten kann ich nicht einfach „machen“, denn es greift tief in alle Wesensteile ein. Wenn dann ein Teil von mir der Meinung ist, dass es nicht in Frage kommt, ist der Kopf letztlich machtlos. Klar, man kann sich mühevoll kasteien – aber das ist nicht das Fasten, das ich meine. Schließlich hab‘ ich mich danach gesehnt!

Seit gestern morgen nun bin ich „drin“. Die Saft-, Brühe-, Tee- und Honig-Zufuhr verlief zwar noch ein bisschen chaotischer als „nach Vorschrift“, aber das störte mich nicht: besser ein holpriger „Übergang“ ins Fasten, als wegen marginaler Startschwierigkeiten den Versuch abbrechen.

Jetzt stimmt soweit alles, nur vom Rauchen bin ich noch nicht ganz weg. Auch das wird noch geschehen, am Wochenende, wenn ich viel Zeit habe, mich zu bewegen und das „andere Gefühl“ zu genießen, das mich schon aufgrund der bisherigen „Verzichte“ tief verändert. Zum Beispiel ist die Wirkung von Kaffee wirklich heftig! Das merke ich erst, wenn ich ihn weglasse: erst mal eine stundenlange Fast-Trance, ein „ausgelaugtes“ Körpergefühl: offensichtlich ist dann jede Zelle damit beschäftigt, ihren Stoffwechsel umzukonfigurieren – und das schlaucht. Schlaucht aber auf eine angenehme Weise, fast so, als wäre man nach einer Gartenarbeit „rechtschaffen müde“.

Die Notbremse ziehen

Und nun zum Wesentlichen: Ich bin wirklich froh, die Kurve doch gekriegt zu haben! Erst das Abseilen von all den täglichen „Inputs“ zeigt mir, wie extrem ich in letzter Zeit am Äußeren gehangen habe, wie sehr ich „aus dem Kopf“ lebte. Damit meine ich diese Nichtachtung des Ganzen, wenn ich arbeite oder sonst etwas Zielgerichtetes tue: das MUSS jetzt – und wenn die „anderen Wesensteile“ ihr Recht verlangen, werden sie mit irgend etwas gestopft! Fastend bestehen zunächst all diese Gewohnheiten weiter: ganz automatisch kommt mir die gewohnte Idee, jetzt an den Kühlschrank zu gehen, und… aber es ist bereits nur noch ein Gedanke, den ich mit Verwunderung betrachte. Wer Fasten kennt, weiß, dass man ab dem zweiten, dritten Tag keinen Hunger mehr hat: der Körper schaltet auf Selbstversorgung um und lebt problemlos von seinen angesammelten Reserven. Da ist also einerseits die Idee, etwas zu essen, doch gleichzeitig ist deutlich spürbar, dass der Körper nicht danach verlangt. WER will das also? Wozu brauch ich das?

Es ist fast nie der physische Hunger, der mich treibt, mir irgend etwas einzuverleiben (den warten wir in der Regel gar nicht ab). Sondern eher ein „Erlebnishunger“, bzw. ein Ablenkungsbedürfnis. Das, was ist, scheint „nicht genug“ – und anstatt diesem „Nicht-Genug“ nachzuspüren, es anzusehen, darin zu verharren, bis es mehr von sich erzählt, wähle ich normalerweise das Essen. Etwas fehlt, also nehme ich etwas zu mir. Essen ist das Selbstverständlichste, die schnelle Lösung für Missempfindungen aller Art: ich gönn mir erst mal was! Es ist auch eine Art, sich selbst zu streicheln und zu belohnen, es braucht dazu keine Anderen und keine Fantasie, keine Konzentration und keine große Achtsamkeit.

Und „Essen“ ist nur die deutlichste Form, so zu verfahren. Genauso verhält es sich mit Rauchen, Trinken, die Glotze einschalten – auch „E-Mail abrufen“, auf Webseiten herum surfen und Zeitung lesen kann so benutzt werden. Irgend etwas in mir giert nach mehr, nach Anderem, nach Veränderung des Status Quo – und anstatt mich darauf einzulassen, probiere ich ein Pflaster nach dem anderen aus. Und keines hilft nachhaltig, denn auf diese Weise wird der Grund des Geschehens gar nicht berührt.

Natürlich faste ich jetzt auch, um mein Sommergewicht zu erreichen – zum Winter hin hab ich mir ein paar Kilo zuviel angefressen, die mich wirklich belasten. Hauptsächlich aber sehe ich dieses Fasten als eine Art „Notbremse“: Es katapultiert mich heraus aus dieser schlampigen und unachtsamen Art, mit mir und meinem täglichen Leben umzugehen, rettet mich aus der völligen Veräußerung, in die ich über den Winter zunehmend geraten bin. Ohne mich groß dem entgegen zu stellen. Ich bin wie gesagt nicht bereit, dauernd „mit mir zu kämpfen“. Lieber gehe ich in alles tief hinein, auch ins Schädliche und Ungesunde, bis es seine Folgen spürbar ausbreitet – erst dann sind auch „die anderen Wesensteile“ bereit, Änderungen mitzutragen. Das mach‘ ich schon immer so und bin damit in Frieden. Ja, es scheint mir der effektivste Weg zur Veränderung – für mich.

Heute abend geh ich ins „Liquidrom“: Klassische Musik unter Wasser. Man lässt sich in einem großen Schwimmbad treiben und von unten her kommt die Musik. Eine Sauna gibt’s auch. Ich war noch nie dort, doch jetzt bin ich auch durch das Fasten motiviert, neue Dinge zu erleben. Und wenn diese Tabak-Packung alle ist, ist auch mit Rauchen Schluss – dann werde ich der Leere noch intensiver begegnen als bisher.

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