Claudia am 22. Dezember 2003 — 0 Kommentare

Wert und Wertschätzung – über die Konsumkrise

Nun ist die Weihnachts-Einkaufsschlacht ja bald wieder vorbei. Wie ich höre, versucht der Handel noch in letzter Minute, mit neuen Rabatten Käufer zu locken, die immer noch in „Kaufzurückhaltung“ verharren. Schnäppchen jagen ist lange Volkssport Nummer Eins geworden, und es heißt, Geiz sei geil. In den Talkshows sitzen Politiker und grübeln darüber, was sie alles tun könnten, sollten oder müssten, damit das „Sparen“ als oberster Wert aus den Köpfen wieder verschwindet und die Wirtschaft endlich wiederbelebt würde. Hört man ihnen zu, erscheint das Konsumieren leicht als patriotische Pflicht eines jeden, der noch ein Minimum an Verantwortung für diesen Staat empfindet und das soziale Netz erhalten sehen will.

So kann man das betrachten, es ist allerdings eine rein äußerliche Sicht. Klar, die „unsicheren Verhältnisse“ stören die Bereitschaft, größere Anschaffungen zu machen oder gar auf Kredit zu kaufen. Doch warum jagen auch Leute nach Schnäppchen, die das nicht nötig haben? Warum kaufen Besserverdienende bei Lidl und Aldi ein? Warum geht alles nur noch mit immensen Rabatten? Rabatte, die, wie man sich denken kann, auf Preise eingeräumt werden, die es so nie gegeben hat – und deshalb geht der Schuss nach hinten los: jedes Vertrauen darauf, dass ein gutes Produkt auch seinen guten Preis hat, dass dieser Preis etwas mit dem Wert des Erworbenen zu tun hat, geht zum Teufel.

Ich bin keine „gute Konsumentin“. Wenn ich wenig Geld habe, und das ist die meiste Zeit so, dann kaufe ich lieber gar nichts, als dass ich lange nach etwas Billigem herumsuche. Noch immer stehen zwei Plastik-Gartenstühle hier herum, falls mal mehr Leute um den Tisch sitzen sollen. Das uralte Zweisitzersofa hat Risse im Bezugsstoff, es ist lange reif für den Müll. ABER: ich denk‘ nicht dran, mir ein billiges, unbequemes, hässliches und unsorgfältig zusammengeschustertes Möbel für 300 Euro zu kaufen, um es zu ersetzen. Ich weiß genau, was ich für ein Sofa will, und das kostet mindestens 1000 Euro. Bisher jedenfalls – würde ich es morgen irgendwo rabattiert für „nur noch 600 Euro“ sehen, wäre ich in meinem Kaufwunsch irritiert. Denn mein Wunschsofa IST wertvoll: ordentlich verarbeitet, gute Stoffe, groß und bequem, farblich harmonisch – wenn das auf einmal verramscht würde, muss ich mich fragen, ob es wirklich DAS ist, was ich meinte?
Ein kleiner Prozentsatz der Gesellschaft ist immerhin bereit, Fleisch nur noch aus artgerechter Tierhaltung zu kaufen. Gut so! Aber warum ist es so weltfremd, beim Einkauf aller anderen Dinge auch auf die „artgerechte Menschenhaltung“ zu achten? Jeder Billigpreis, jeder (echte) Rabatt mindert den Gewinn der Hersteller und Verteiler, manchmal bis dahin, dass nichts übrig bleibt. Also „rationalisieren“ sie mehr und mehr, nehmen billigere Materialien, mindern die Verarbeitungsqualität, ersetzen Menschen durch Maschinen und quetschen ihre Zulieferer bis aufs Blut aus. Damit entfällt das Wertbewusstsein auf der Herstellungsebene: es macht keine Freude mehr, Dinge zu produzieren, die im Grunde schon Müll sind, bevor sie in die Läden kommen. Kreativität kann sich nicht mehr darin verwirklichen, schöne, gute, innovative Dinge herzustellen, sondern fließt in die Vermarktung und Verpackung, und eben ins Bemühen, immer schneller und billiger zu produzieren.

Die Liebe zum Gegenstand

Ein lieber Freund hat mir ein Regal geschenkt, das ich dringend brauchte. Ich durfte es selber aussuchen und wählte ein leichtes, helles Vollholzregal, einfach zusammen zu bauen. Ein schwedisches System (nicht Ikea!), das es seit 20 Jahren gibt, alles andere als billig. Beim Aufbauen bemerkte ich, dass das Regal nicht den „Sockel“ hat, der noch in der Gebrauchsanweisung eingezeichnet war, sondern statt dessen lediglich auf den beiden Längsseiten Latten angeschraubt werden mussten. Meine Nachfrage beim Verkäufer ergab: Eine „Sparmaßnahme“, der komplette Sockel wäre zu teuer und so ginge es ja auch. Mich hat das gewundert: ICH als Kundin wollte und musste ja NICHT sparen! Ich war bereit, ein teureres und in meiner Anmutung auch rundum perfektes Regal zu kaufen. Gut, man sieht den Unterschied von außen wirklich nicht. Auch die Standfestigkeit ist nicht gemindert, alles ok. Trotzdem wäre es mir lieber gewesen, wenn sich die Perfektion auch durchgängig auf die Bauweise erstreckt hätte.

Warum nur ist unsere Zeit so arm, sich das nicht mehr leisten zu wollen? Auch mein Vollholz-Sideboard hat leider innen furnierte Pressspanplatten als Einlegeböden – man sieht sie nicht, klar, aber man SPÜRT sie, wenn man das Ding mal verschiebt, gar tragen muss. Und man weiß außerdem, was Pressspan so alles ausdünstet. Die richtige Liebe zum Gegenstand will da einfach nicht mehr aufkommen.

Die Liebe zum Gegenstand – ist sie vielleicht überflüssig? Ein unmodernes Festhalten an traditionellen Erwartungen und Gepflogenheiten? Nicht das Besitzen und Benutzen soll offensichtlich im Vordergrund des Umgangs mit den Dingen stehen, sondern das Kaufen im Sinne des Erjagens. Und der Besitz ist dann nur noch „Bedeutung“: eine „Marke“ bringt Status, man zeigt, was man sich leisten kann. Wenn die Mode dann wieder wechselt, ab auf den Müll, das Nächste bitte! Dass dieser letztlich lustarme Prozess in wirtschaftlich schwierigen Zeiten ins Stocken gerät, wundert nicht. Ich bedauere das auch nicht, obwohl mir alle leid tun, die sich verunsichert fühlen, um ihren Arbeitsplatz bangen oder ihn bereits verloren haben.

Vielleicht ändert sich ja etwas, indem diese Gesellschaft altert. Zwar besteht die Werbewirtschaft in ihrem Jugendwahn darauf, nur die 14 – 49-Jährigen als Zielgruppe ins Auge zu fassen, aber damit gräbt sie sich auf Dauer ihr eigenes Grab. Es gibt nun mal immer mehr Ältere und sie haben vergleichsweise viel Geld! Ältere Menschen sind allerdings stärker individualisiert, lassen sich weniger durch Mode und Meinung beeinflussen, wissen einfach schon genauer, was ihnen gut tut. Zum Beispiel ein Radiorecorder-CD-Player mit 50 Bedienelementen und einer 50-seitigen Gebrauchsanleitung tut nicht gut: das Teil kostet einfach zuviel Konzentration auf Technik und frisst kostbare Lebenszeit. Mein Gerät hat genau 15 Knöpfe und Tasten – wobei man mit DENSELBEN Knöpfen sowohl den Recorder, den Player, als auch das Radio steuern kann. Eine Anleitung gibt’s auch, aber die hab ich bisher nicht gebraucht. Genial!

Wert und Sinnlichkeit

„Man gönnt sich ja sonst nichts“, „weil ich es mir wert bin“ – mit solchen Sprüchen wird geworben, aber niemand nimmt das ernst. Allenfalls ist ein äußeres Statusdenken gemeint: Ja, ich leiste mir das, ich gehöre dazu! Wirkliche Wertschätzung benötigt zu ihrer Entstehung bewusste Sinnlichkeit: Farbe, Form, Verarbeitung, Bedienbarkeit, Material – all das macht etwas mit mir, wirkt auf mich, wenn ich mit einem Ding umgehe. Es sind Qualitäten, die ich ERFÜHLEN muss, nicht bloße Quantitäten, um die ich nur wissen kann. Wer die Dinge so erfühlt, ist Eigentümer, Besitzer, Benutzer, wer diese Aufmerksamkeit nicht aufbringen will, ist allenfalls Verbraucher. Ein wirklich passendes Wort, nur seltsam, dass kaum jemand den beleidigenden Gehalt wahrnimmt – es ist das gleiche „Ver-“ wie in „Verachtung“.

Der sinnlich-bewusste Umgang mit den Gegenständen ist ein Akt der Selbstachtung und Selbstliebe. Doch das Selbst, das hier „Beachtung“ erfährt, ist nicht das denkende und rechnende „Ich“, sondern das Ganze, das ich wahrnehme, wenn ich mit einem Ding umgehe. Meine physischen Empfindungen und psychischen Reaktionen auf seine gegenständlichen Qualitäten gehören dazu, aber genauso auch die Bedingungen, unter denen es hergestellt wird. Es stört meinen Genuss, wenn die Menschen, die es produzieren und vermarkten, dabei auf unergonomischen Billigstühlen sitzen müssen, nur einen Hungerlohn bekommen und keine Zeit haben, um es wirklich gut zu machen. Auf (echtem) Rabatt zu bestehen heißt im Klartext: Ich gönne dir deinen Lohn nicht; du sollst dich krumm legen und darben, um mir möglichst billig, am liebsten ganz umsonst das Optimale zu bieten! Mit Wertschätzung geht das nicht zusammen, denn das „Selbst“ ist nicht teilbar: die Ebene, auf der ich Qualität wahrnehme, verbindet mich mit allen anderen Menschen. Wenn ich ihnen ihren Verdienst streitig mache, hat das tief in mir immer eine Entsprechung, die da heißt: Ich verdiene es nicht! Es wird mir nicht wirklich gehören, denn ich habe es nicht angemessen bezahlt. Allenfalls kann ich es „als Beute“ wahrnehmen und allen erzählen, wie trickreich ich es erworben habe. Genießen ist das nicht – und Schnäppchenjäger-Gespräche werden schnell langweilig.

So gesehen ist die derzeitige Konsumkrise vielleicht gar nicht so schlecht. Vielleicht besinnen wir uns ja wieder darauf, was wir uns wert sind.

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