Claudia am 25. November 2003 — 0 Kommentare

Das Männerspielzeug

„Nun komm, du Tier!“, genießerisch, aber vorsichtig tritt der Mann aufs Gaspedal und der flache, rote Ferrari – mehr Geschoss als Auto – setzt sich in Bewegung. Der Sound, der unter der Motorhaube hervor dringt, erinnert an Dschungel: schwarzer Panther kurz vor dem Sprung. Verzückung malt sich ins Gesicht des gut erhaltenen Endfünfzigers, noch bleibt er achtsam, testet das Verhalten des ungewohnten Fahrzeugs, das er für einen Freund in die Werkstatt fahren soll. „380 PS – die wollen beherrscht sein!“, hat der ihm als Rat und Mahnung mit auf den Weg gegeben. Und ja, er findet Gefallen daran, dieses „Wildpferd“ zu beherrschen, spürt dessen Kraft bereits als die eigene, wird zunehmend mutiger, beschleunigt ein wenig – und dann, als ein Porsche routiniert an ihm vorbei zischt, ist es um ihn geschehen!

Erregt tritt er das Gas durch, fasst das Lenkrad fester. Die Landschaft beginnt, vorbei zu fliegen, alle Nerven vom Scheitel bis zum Zeh genießen die Vibrationen. Energie, Kraft und Geschwindigkeit, Mann und Maschine sind eins und fühlen sich wunderbar! Ab und zu muss er abrupt bremsen, klebt dann wie eine wütende Hornisse hinter einem Heuwagen oder einem Traktor, man spürt die Ungeduld, das physische Leiden des Ausgebremst-Werdens – und ahhh, wie gut es tut, endlich am Hindernis vorbei und wieder frei zu sein, frei und allein mit der silbrig glänzenden Straße, die so hingegeben und bereitwillig vor ihm liegt wie eine Geliebte, sein machtvolles Eindringen sehnlichst erwartend.

Die Dramaturgie des „heiteren Fernsehfilms am Montagabend“ erfordert es, dass er nun noch „Born to be wild“ auflegt – es hätte nicht wirklich sein müssen! Und natürlich landet er mit seinem „Geschoss“ letztlich in einem Dorfteich, versinkt blubbernd im schlammigen Wasser und kann sich nur mit Mühe aus dem engen Gefährt erretten. Der Film handelt vom Altern und vom Tod, nachdenklich-amüsant in Szene gesetzt.

Ich schaue einfach zu und empfinde mit. Kein Denken und Bewerten trennen mich mehr von dem Mann, der seine Spritztour mit dem Ferrari genießt. Ich verstehe, fühle, was er fühlt, ohne mich danach zu sehnen, es ihm gleich zu tun. Solche Autos sind Männerspielzeuge, eindeutig. Aber auf einmal kann ich den Mann als Spielenden sehen und einfach lieben, seine Lust, seine Freude genießen – kann mitempfinden, was er da tut: am Lack der Zivilisation ein bisschen kratzen, auf der Suche nach dem Wilden und Grenzenlosen. Auf seine Art.

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