Claudia am 14. November 2003 — 0 Kommentare

November: Zeit zum krank sein

„Ich deliriere. Fieber 40 plus. Eine heiße Sache ;-)“ Die SMS des fernen Geliebten erreicht mich just in dem Augenblick, als ich den Zahn, der mir gerade aus der Brücke links oben gebrochen ist, wehmütig betrachte. Eine Schweinerei! Zwei Jahre war das Teil erst alt, wogegen die Aufbauten, die ich seit über 25 Jahren zum Kauen benutze, erst in letzter Zeit ihre Erneuerungsbedürftigkeit spüren lassen. Das war noch Wertarbeit, nachhaltig, nicht mit Blick auf baldiges „Update“ ins Werk gesetzt!

„Und mir ist gerade ein Zahn heraus gebrochen“ simse ich zurück. Es wird ihn erheitern, denk ich mir. Denke dann daran, dass ich jetzt also wirklich zum Zahnarzt muss, was für ein Aufwand! Ganz zu Schweigen von den Kosten. Ob ich nach Polen fahren soll? Noch größerer Aufwand, kommt nicht in Frage! Wo ich doch noch immer nicht gesund bin, grade mal auf dem Weg dahin. Erkältung, Bronchitis – mein Fitness-Center hat die Sauna wegen Bauarbeiten still gelegt. Seither geh ich nicht mehr hin und handle mir prompt die erste richtige Krankheit seit vielen Jahren ein. Kein Wunder.

Ich telefoniere mit meiner Mutter, die vor zwei Tagen operiert wurde. Wenn der Krebs noch nicht gestreut hat, kann sie noch zehn Jahre leben, heißt es. „Mir geht’s gut“, sagt sie, und dass ihr das keiner glaubt. Auch ich sage, dass ich es nicht glaube – und merke, dass ich dabei bin, mich von der Wahrheit des Herzens zu entfernen. Ich will ihr Gelegenheit geben, ihr Leiden auszudrücken, wenn sie das möchte – aber ich weiß, sie will das nicht und wird es auch nie wollen. Und ehrlich gesagt, ich finde das gut so. Ich bin genau wie sie.
Ich?

Am Anfang war das Wort, und Gott war das Wort, und das Wort war bei Gott. Das gewaltige Mantra aus der Bibel tritt mir ins Bewusstsein. Es verweist auf die Tatsache, dass wir die Dinge schöpferisch zu Realitäten formen, indem wir sie benennen. Sie dadurch vom großen Ganzen abtrennen und zum „Objekt“ machen. Bewusstsein entsteht, wenn uns ein Gegenstand entgegen steht: ein Hindernis, ein Leiden, eine Krankheit, eine Gefahr. Damit etwas in diesem Sinne „entgegen stehen“ kann, muss ich zuvor beschließen, wo ich MICH verorte. Was bin ICH? Antworte ich „dieser Körper!“, dann werde ich mit diesem Körper leiden, verzweifeln und untergehen. Und daraus ein Riesendrama machen, für mich und für andere.

Das habe ich nicht vor. Ich werde den Teufel tun und mich so (oder anders) definieren, mich mit irgend etwas identifizieren. Ich bin nicht der Körper, sondern finde ihn vor. Ich erlebe ihn und kann ihn betrachten. Die Tatsache, dass ich z.B. den Arm heben kann, also aus dem Willen eine physische Wirkung verursachen, bedeutet nicht zwangsläufig, dass dieser ganze Mechanismus „Gedanke-Wille-Aktion-Wirkung“ ICH bin. Denn ich kann ihn ja beobachten.

WER beobachtet? Habe „ich“ einen Zahn verloren? Das erinnert mich an die jedem geläufige Szene, wenn man mit einem Auto-Besitzer losgeht, um irgendwohin zu fahren. „Ich stehe da drüben“, sagt er. Das ist genau dasselbe: Er hat seine Ich-Definition so ausgedehnt, dass sie das Auto mit umfasst.

Kann man machen, warum nicht? Aber den Preis muss man immer bezahlen. Jede Selbst-Identifikation bringt Nutzen und Aktionsspielräume, aber auch Kosten: Leiden an Verlust und Vergänglichkeit.

Damit man mich nicht missversteht: Ich GLAUBE nichts! Weder an wandernde Seelen noch an einen Geist ohne Materie, und auch nicht an das Leben als Lehr-Anstalt, in dem wir Lern-Erfahrungen machen, um uns zu „entwickeln“ und eines Tages ins Nirvana oder Paradies einzugehen. Ebenso wenig glaube ich das Gegenteil, bin keine Anhängerin des wissenschaftlichen Weltbilds mit all seinen Stoffen und Prozessen, schwarzen Löchern, wechselnden Modellen vom Kosmos und seiner großen geistigen Leere. Auch Atheismus ist ein Glaube.

Fortschritt bedeutet für mich, nicht mehr zu glauben, das Nicht-Wissen auszuhalten und es dabei zu belassen. Wenn man den Verstand mal daran gewöhnt hat, dass er nicht für alles und jedes zuständig ist, wird das Leben sehr viel angenehmer.
Einfach da sein

Nun bin ich ja wirklich schwer abgehoben! Eigentlich wollte ich über das Krank-Sein schreiben, denn zur Zeit sind so viele um mich herum krank, genau wie ich. Der Programmierer von schreibimpulse.de kämpft seit Wochen mit einer schweren Erkältung, ein Kursteilnehmer kann nicht mehr in den Monitor sehen, ohne dass sich die Augen entzünden. Mein Ex-Lebensgefährte ist gerade erst dabei, wieder fit zu werden – ich sag mir einfach: es ist November! Zeit zum krank sein. Alle Natur stirbt und auch wir kränkeln halt so mit, denn wir sind Teil davon. Nichts besonderes.

Mehr und mehr fällt mir auf, was für ein Krieg an all diesen Fronten geführt wird, um das Unvermeidliche mit allen Mitteln zu bekämpfen. Sowohl die herrschende Medizin als auch die alternativen Lehren und Systeme sind sich in einem einig: Wir müssen gesund werden, möglichst lange gesund bleiben, und wenn das nicht mehr geht, dann ist zumindest das Ende so lange wie möglich hinaus zu schieben. Warum hat man meine 96-jährige Großtante noch mit Reanimationsversuchen belästigt? Sie ist gestorben, als ihr klar wurde, dass sie aus dem Krankenhaus nicht mehr zurück in ihre Wohnung, sondern in ein Pflegeheim kommen wird. Ist daran irgend etwas falsch? Hätte man sie lieber noch ein paar Jahre neben die anderen final Siechenden gelegt und mit dem Dekubitus gekämpft?

Oder bleiben wir beim ganz normalen Alltag: Warum sollen wir denn fortlaufend funktionieren? Das tun nicht mal die Computer, denen wir die Organisation unserer Welt mehr und mehr überlassen. Den Stress, immer fit, schön und gesund zu sein, brocken wir uns selber ein – warum eigentlich?

Ich habe meine Krankheit genossen. Endlich mal sagen können: Ich kann nicht! Ich pack das jetzt nicht, bin wie in Trance, kann mich nicht konzentrieren, muss mich hinlegen, kann zumindest nicht so ranklotzen wie sonst – wunderbar! Wenn das mal alle mitbekommen haben und die Welt trotzdem nicht einfällt, erlebt man eine ganz neue Art von Entspannung und Gelassenheit. Die Lizenz zum nutzlosen und irrationalen Einfach-nur-da-sein. Auf einmal ist Zeit und Muße da, um „in sich zu gehen“, bzw. zu erforschen, was diese Worte wohl bedeuten. Das Bewusstsein weitet sich: die Welt des alltäglichen Funktionierens mit seinen Zielen und Zwecken ist plötzlich nur ein kleiner, unwichtig gewordener Aspekt des Ganzen. Neue Räume des Erlebens tun sich auf, alle Dinge und Tätigkeiten zeigen sich in einem andern Licht – wer jetzt mental daran kleben bleibt, sofort gesunden zu sollen oder trotz Krankheit weiter zu funktionieren, versäumt etwas!

Nun ja, mag man denken, so eine kleine Erkältung, was ist das schon? Bekomm du mal deine „tödliche Diagnose“, dann sehen wir weiter! Ja, darauf bin ich auch gespannt. Aber nicht so sehr, dass ich ständig zum Arzt gehe, ohne krank zu sein, nur so als eine Art TÜV. Der Scheckheft-gepflegte Mensch, immer in Erwartung der bösartig veränderten Zelle, der sich schließenden Herz-Ader – das ist ein Trend, der ohne mich auskommen (und Kasse machen) muss. Meine Krankheit gehört mir, auch die letzte.

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