Claudia am 13. November 2003 — 0 Kommentare

Leben und Arbeiten: Was anliegt

Immer mehr altbekannte Webprojekte verschwinden aus dem Netz. Langsam wird das „Urgestein“ des Internet der frühen Jahre vom Fluss der Veränderung abgetragen und zerrieben. Viele haben ihre „Herzprojekte“ einfach eingestellt, andere versuchen auf die eine oder andere Art, ihr bisher kostenloses Webschaffen zu kommerzialisieren. Fortlaufend Werte erschaffen, Qualität ins Netz stellen und dafür über die Jahre nur ein bisschen Schulterklopfen und viel Meckereien zurück zu bekommen, ist offensichtlich auf Dauer nicht nachhaltig. Es kostet immerhin Zeit, Herzblut und Energie, die an anderer Stelle fehlt – z.B. dort, wo Geld verdient werden muss.

Mein persönliches Leben & Arbeiten ist eine ständige Suche: Wie schaffe ich es, für das, was ich am liebsten tue, bezahlt zu werden und nicht für irgend etwas Anderes? Ich gehöre nicht zu denen, die da von Anfang bis Ende eine klare Trennung akzeptieren: hier der Brotjob, der mich ruhig anöden darf, dort die Kunst, die Freiheit, das „Wahre, Schöne und Gute“. Das wäre allenfalls lebbar, wenn der „Brotjob“ eine einfache körperliche Arbeit wäre, wie etwa Putzen. Etwas arbeiten, bei dem man sich bewegt und nicht viel denken muss, lässt große Freiräume für „geistige Arbeit“ – kostet dann aber doch zuviel Energie und wird, was sehr ungerecht ist, auch noch extrem beschissen bezahlt.

Meine Schreibkurse sind ein Schritt in Richtung „Verwirklichung“ – mit Gruppen und Individuen online zu kommunizieren, Schreib-Projekte anzuleiten, etwas von dem weiter zu geben, was mich selbst so unendlich bereichert, ist tatsächlich ein Stück Erfüllung! ABER, das sehe ich jetzt schon, nachdem zwei Kurse einige Wochen laufen: es kann nicht das EINZIGE sein! Es ist mir nicht möglich und auch nicht wünschenswert, in der Rolle der „Schreibkurs-Leiterin“ vollständig aufzugehen. Denn ich schreibe ja auch selbst und habe nicht vor, das einzustellen. Würde ich nur noch „vermitteln“, müsste ich ansonsten verstummen – und ich merke, dass ich nicht im Traum daran denke! Im Gegenteil, mir fallen mehr Themen ein denn je, ich fühle stärker als sonst die Lust, zu schreiben, und die neuen „ungeschriebenen Artikel“ kommen mir sogar besser, wichtiger und inhaltsreicher vor als so Manches, was mir schon in die Tasten floss, als ich noch genug Zeit und Muße zum Schreiben hatte.

Damit komme ich wieder an den Punkt, der sich mir nicht zum ersten Mal aufdrängt: Wie schaffe ich mir einen Freiraum zum Schreiben, ohne dass ich diesen Freiraum durch Mehrarbeit auf anderen Ebenen selber finanzieren muss? Ganz klar: Ich brauche dafür ein „passives Einkommen“: Geld, das verdient wird, ohne dass ich dafür ständig neu arbeiten müsste. Denn jedes neue Projekt, jede neue Dienstleistung, die ich mir ausdenke, bekannt mache und vermarkte, zieht mich ja wieder vom Schreiben ab, besetzt jene inneren Ressourcen, aus denen meine Texte fließen, mit den jeweils mit ihr verbundenen Inhalten und Aufgaben.

Neue Impulse

Dass ein langjähriger Diary-Leser im August ganz von selbst damit angefangen hat, „mich zu fördern“, hat mich in innere Bewegung versetzt. So etwas ist also möglich, geschieht einfach so, ohne dass ich es erwartet oder verlangt hätte! Ein anderer bemängelte, dass ich nirgends meine Kontonummer veröffentliche. (hier: 24891109, Postbank Berlin, 10010010) Ich staune und frag mich, ob das eine „Methode“ wäre: Soll ich um Förderer und Spenden werben? Soll ich meine uralte Konditionierung endlich mal ablegen, die mir vorschreibt, bescheiden zu sein, mich nicht anzupreisen, keine Lob-und-Dank-Mails im Web auszustellen, und niemals auf so etwas wie „Return of Investment“ zu achten?

Natürlich müsste ich dann den Förderern etwas „Zusätzliches“ bieten – aber das ließe sich ja durchaus machen! Die ganze Idee könnte ich als Projektidee in eigener Sache begreifen, genauso, wie ich üblicherweise die Interessen und Vorhaben meiner Webdesign-Kunden kreativ aufgreife und ihnen Gestalt gebe. Statt dessen hab‘ ich mich jahrelang nicht mal um die eigene Startseite im Web gekümmert: www.claudia-klinger.de ist gegenüber dem Digital Diary sträflich vernachlässigt – warum eigentlich? Vorgestern hab‘ ich es immerhin geschafft, in einer Nachtsitzung diese Seite mal aufzuräumen. Jetzt zeigt sie wirklich meine gesamte Weblandschaft seit 1996 und ich muss nicht mehr über Google nach eigenen Seiten suchen. Ein erster Schritt – weitere werden folgen, ich weiß nur noch nicht, welche.

Ein alter Freund riet mir, auf dieser Startseite meine Webdienstleistungen zuoberst zu nennen – genau das mach‘ ich nicht, denn die Domain www.claudia-klinger.de repräsentiert mich in meinem Gefühl ALS GANZES. Was dort an erster Stelle steht, wird immer das sein, was mir gerade am wichtigsten ist – und Webdienstleistungen sind das derzeit eher nicht. Natürlich freu ich mich über jeden neuen Kunden, versenke mich nach wie vor in dessen Projekt – aber ganz persönlich bin ich auf der Suche nach MEHR, nach vielfältigeren Einkommensquellen, die der Verschiedenheit meiner Aktivitäten 1:1 entsprechen. Bezüglich Webdesign, wo ich meine gestalterisch-organisatorische Ader auslebe, ist alles lange klar. Und auch die Schreibkurse sind fürs erste erfolgreich und als „zweites Bein“ ausbaubar. DAS ist gerade aktuell, deshalb steht „Transfer 2004 – Wenn die Nacht am tiefsten ist“Rauslink an erster Stelle. Ich werde mich da noch mal ein Stück tiefer einlassen, eventuell selber mitschreiben. Bei nur 16 Tagen Laufzeit ist das auch möglich.

Fehlt noch das eigene Schreiben. Denn schon wieder drängt die Zeit, ein Webdesign-Kunde braucht mich, die Kursteilnehmer erwarten meine Kommentare zu ihren Texten. Ich fühle ich mich als Zeit-Diebin und komme allenfalls zu einem kurzen Bericht über den Stand der Dinge. Nicht aber zu alledem, über das ich furchtbar gerne schreiben würde: Über Krebs zum Beispiel (meine Mutter ist gestern operiert worden), über die subtil ins Totalitäre steuernde Entwicklung des Medizinbetriebs, über Vorsorge, Krankheit und Gesundheit, über das Altern und seine interessanten Qualitäten, über Sex und Erotik, über die spezifisch deutsche Art, Veränderungen abzublocken, zu verurteilen, zu jammern und zu klagen, anstatt neugierig ins „Unversicherbare“ aufzubrechen – Themen ohne Ende bilden eine Art Schlange, einen Rückstau in meinem Bewusstsein, der mir sagt: Ich muss etwas ÄNDERN, um wieder in den Fluss zu kommen. So wie bisher geht es nicht weiter: ich kann nicht bleiben, was ich immer war, tun, was ich immer tat – ich will MEHR.

Für dieses „Mehr“ eine Gestalt zu finden, ist das, was anliegt. Vielleicht finde ich sie in den „16 heiligen Nächten“ – mal sehen.

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