Claudia am 02. Oktober 2003 — 0 Kommentare

Das Problem mit dem Glück

Endlich wieder ein leerer Kühlschrank! Naja, nicht ganz, aber übersichtlich: Aprikosen- und „Waldbeeren“-Marmelade, Butter, drei Eier, im Gemüsefach fünf Zwiebeln, in der Tür Gewürzgurken, zweimal Artischockenherzen in ÖÖl und ein Rest H-Milch, fettarm, der noch für einmal Kaffee reicht. Die Leere gefällt mir so gut, dass ich sogar Lust zum Putzen verspüre, aber ich bezähme mich. Man muss ja nicht allen Lüsten immer gleich folgen.

Glück. Immer öfter fällt mir auf, wie in völlig banalen Situationen, die nichts derartiges erwarten lassen, Glücksgefühle auftreten. Grundlos. Oder, wenn ich schon darauf bestehe, einen Ursache-Wirkungszusammenhang zwischen gleichzeitig existierenden Erscheinungen herzustellen: aus den seltsamsten Gründen! Ein fast leerer, leicht verdreckter Kühlschrank macht mich glücklich, voll ekelt er mich an.

* * *

Glück. Es überfällt mich aus heiterem Himmel und ich komme schlecht damit zurecht. Da trete ich zum Beispiel in mein Arbeitszimmer, gehe bis in die Zimmermitte, wo mir auffällt, dass ich ja jetzt nicht – wie immer – nach rechts gehen werde, Richtung Cockpit. Hab mich ja grad erst erfolgreich losgerissen, ohne Bedauern, aber auch ohne Freude (Real Life ist schon auch ein bisschen gewöhnungsbedürftig!). Ich stehe also in der Zimmermitte und schaue mich um. Von hier aus kann ich die ganze Wohnung einsehen, durch die Flügeltür vor mir übersehe ich das Wohn-Schlafzimmer, durch die andere blicke ich über den kaum mehr als einen Quadratmeter großen Flur in Bad und Küche – na ja, in der Küche seh ich nicht weit, aber immerhin. Und wenn ich mich umdrehe, schaue ich durch die Balkontüren auf das immer noch grüne obere Drittel einiger Bäume auf dem Rudolfplatz. Darüber Himmel.

Nichts Besonderes also. Und plötzlich: Glück! Eine Welle aus Wärme, Licht und Leichtigkeit, die Erdenschwere scheint weniger zu werden. Dafür erhöht das Herz seine Temperatur (Liebe brennt, im Moment ist es ein warmes, angenehmes Glühen), während ich – weder schwebend noch nicht schwebend – ein wenig umher gehe. Im Gehen ist die Leichtigkeit noch weit präsenter, jede Zelle freut sich, nicht so schwer zu sein. Ich registriere, dass ich erstaunlich enspannt bin, obwohl doch ein typischer Sitztag ohne gesunde Pausen hinter mir liegt.
Prompt wundert sich etwas, ein Fragen will anheben – aber ich kann mich noch mal bezähmen und schaue in die verschiedenen Räume, ohne etwas Bestimmtes ins Auge zu fassen. Freue mich einfach über die Ein- und Überblicke, die Helligkeit überall.

Mein Körpergefühl nähert sich dem Optimum und ich registriere nun auch die innere Ruhe. Keine Angst. Kein Sehnen. Wie wunderbar! Der Atem vertieft sich, wodurch das Empfinden auf allen Ebenen intensiver wird. Noch mehr Wärme, Licht und Leichtigkeit, noch mehr Gefühl im Herzen – ich gehe wieder in die Küche und wasche mir die Hände mit kaltem Wasser, gehe sogar aufs Klo, aber es ändert sich nichts. Stabiles Glück, kaum aushaltbar!

Es steigert sich, indem ich es bemerke. Doch gleichzeitig setzt sich das Fragen durch: Wieso fühl ich mich jetzt so? Gibt es einen Grund? Was soll ich jetzt damit machen? Wohin mit dem Glück? Ist es teilbar, mitteilbar, übertragbar? Es gelüstet mich nach einem Akt der Liebe, ein Verlangen, mich zu verströmen setzt ein. Geliebte Menschen kommen mir in den Sinn, doch mein Geist lehnt sie als potenzielle Adressaten für den Moment ab. Sie sind zu wenig bedürftig, ich will doch nicht Eulen nach Athen tragen! Also weiter. Wie ein Suchscheinwerfer leuchtet mein Denken die Ebenen des Seins aus, um eine Anwendung, eine Augabe, einen Auftrag zu erkennen. Das ist der Moment der Projektideen, mehrere gleichzeitig strengen sich jetzt redlich an, den Augenblick des Glücks für ihre Wiedervorlage zu nutzen. Wenn ich mich zu einer von ihnen bekenne, fällt mir jetzt ein, werde ich gleich nach rechts Richtung Schreibtisch gehen und mich wieder auf den Stuhl vor den Monitor setzen. Meine „Grundeinstellung“, Klinger default. Bei aller Liebe, dazu hab‘ ich grad keine Lust!

Was also tun? Ich gehe weiter umher, ziehe auch mal größere Kreise durch alle Räume – soll ich vielleicht raus gehen, einen Spaziergang machen? Ich trete auf den Balkon und sehe hinunter auf die Straße. Es dämmert, der Abend ist kühl und feucht, der Himmel wolkenverhangen. Nichts zieht mich dorthin. Aber wie wunderbar, dass ich von hier aus so weit sehen kann! Der unverstellte Blick in alle Richtungen war ein wichtiger Grund, diese Wohnung zu nehmen. Mein momentanes Befinden kann daher allerdings nicht rühren. Schließlich hab ich diesen Ausblick immer, nicht aber dieses Glücksgefühl.

Habe ich es denn? Nein, es hat mich. Ich kann mich nur wundern und dumme Fragen stellen, nach Ursachen forschen und mögliche Wirkungen abwägen – ich? Warum sage ich zu den Gedanken, die unabweislich von selber kommen, „ich“, wogegen das Gefühl und die Empfindungen als ein „Zustand“ betrachtet werden?

Tu ich ja nicht! In dem Moment, in dem es gelingt, diese Gedanken loszulassen, BIN ich es. Bin dieses innere Brennen, diese Wärme, Helligkeit und Leichtigkeit. Bemerke es, es intensiviert sich, der Atem vertieft sich, ich gehe weiter umher. Unruhiger jetzt. Will teilen, mich verströmen, vielleicht hinaus gehen, irgendwohin, wo Menschen sind. Doch gleichzeitig will ich auch nicht. Es gibt ja nichts zu sagen. Ich weiß keinen „Weg“ zu diesem Glück, es hat mich überfallen. Aber sie würden versuchen, mich in ihre aktuellen Klagen einzubeziehen und wären sauer, wenn das nicht gelingt. Mit Liebe kann die Welt nicht viel anfangen.

Soll ich etwas schreiben? Nein!!! ICH WILL NICHT vor dem PC sitzen, jetzt nicht. Ich gehe weiter umher. Scanne meinen Körper und spüre nach, was eigentlich mit meinen drei chronischen Zipperlein los ist, aber oh Wunder, nichts nervt! Nicht, dass ich plötzlich gesundet wäre, aber irgendwie ist alles gut, wie es ist. Die Entspannung und Wärme überstrahlen bei weitem die kleinen Reste gewohnter Missempfindungen, ich muss richtig nach ihnen suchen – bin ich eigentlich verrückt? Warum SUCHE ich das Unangenehme, warum stelle ich das Glück laufend in Frage?

Mein Denken beginnt, mir auf den Keks zugehen. Soll ich es überschreiben? Etwas lesen? Eine Zeitung – oder vielleicht eine Mailingliste? Dafür müsste ich an den PC, das fällt also aus. Doch auch nach Gedrucktem gelüstet es mich nicht, wie ich merke. Ich will jetzt nichts wissen, meine Stimmung braucht nicht weiter gehoben zu werden, ich brauche keine Infos und muss nicht erbaut werden. Auf Geschichten aus fremden Leben, echten oder erdachten, hab ich erst Recht keine Lust – allenfalls könnte ich jetzt so was wie „die Meißelschrift vom Glauben an den Geist“ lesen, aber auch sie interessiert mich im Moment nicht. Ich brauche keinen mentalen Input, will eigentlich nur, dass die bereits vorhandenen Gedanken mit ihrem langweiligen Fragen und Rechnen, ihrem Suchen nach Gefahr und Widrigkeiten, nach Aufgaben und Gründen endlich aufhören.

Ich will nicht denken, sondern leben. Aber was heißt das – jetzt zum Beispiel?

*

All das kann ich nicht lange ertragen. Das Befinden neigt dazu, in Ekstase und Euphorie überzugehen, bei steigender Unruhe. Ich tue dann in der Regel etwas Drastisches, um die Situation zu verändern, koche mir was und esse zuviel, oder lege mich in die heiße Badewanne. Oder ich gehe wirklich raus, vielleicht einkaufen, vielleicht einen Besuch machen, Leute treffen (womöglich das Glück in ein paar Glas Wein ertränken…) – was immer ich tue, es ist eine Art Scheitern, ein unangemessener Umgang mit etwas, mit dem ich nicht zurecht komme, obwohl es doch das Allerwundervollste ist.
Glück eben.

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