Claudia am 24. September 2003 — 0 Kommentare

Wie ich schreiben lernte

Ich schreibe. Nicht für „Bewusstheit und Selbsterkenntnis“, nicht um als Autorin unsterblich zu werden, nicht fürs Geld verdienen, nicht um mich meiner selbst zu vergewissern, nicht um mein Publikum zu unterhalten oder gar die Welt zu retten – ich schreibe einfach. Alles das ist vielleicht zeitweise im Kopf, im Gefühl intendiert, aber in Wahrheit schreibe ich einfach nur. Weil ich es gelernt habe. Nicht als „Methode“ mit Werten und Kriterien, sondern als „Geste“.

G.L. Reschke meint, wie viele in unserem in dieser Hinsicht eigensinnigen Land, es sei unmöglich, schreiben zu lernen. Es sei unsinnig, Schreibkurse zu besuchen. Entweder man macht es, oder man macht es nicht. Recht hat er, einerseits: man muss es schon tun, selber tun und immer wieder tun. Das nimmt einem niemand ab.

Andrerseits: Wie bin ich denn dahin gekommen, zu schreiben, wie ich es heute praktiziere? Wie viele Andere hatte ich von Anfang an einen Draht zum Schreiben, es fiel mir nie schwer, ich konnte lesen und schreiben, bevor ich in die Schule kam und als ich endlich dort war, war das Schreiben der Hauptgrund, mich da wohl zu fühlen, fähig, anerkannt. Besser als in der Kinderbande im Hof, wo die Barbarei und das Recht des Stärkeren herrschte – ich war zufällig die Schwächste. Will mich jetzt nicht darüber verbreiten, was das im Einzelnen bedeutete!

Aber trotz allen Talents: ich lernte nur, vorhandene Schubladen zu bedienen, ein entfremdetes Schreiben, das eine „Leistung“ darstellt – der Erörterungsaufsatz zum Beispiel, für den ich schon gleich gerügt wurde, weil ich der eigenen Meinung zu großen Raum gab. Später lernte ich, sämtlich geforderten Varianten von Texten perfekt zu erstellen, kein Problem! Doch es gab überhaupt keinen Weg, keine Idee, keine Anregung in Richtung eines anderen, eigenen Schreibens. Klar, man wurde mit der Weltliteratur bekannt gemacht, und damit auch in eine Anbetungshaltung versetzt: nur der AUTOR, nur der ANERKANNTE Autor hat das Recht, zu schreiben, etwas selber zu sagen und zu meinen – oder auch Wissenschaftler: die brauchen allerdings einen großen Fußnotenapparat, um ihre Berechtigung nachzuweisen. Und dann ist da noch der Journalismus – na ja, dazu brauch ich jetzt nichts sagen, das ist in den meisten Fällen die Entfremdung schlechthin. Journalisten sind die ersten, die man durch Programme ersetzen könnte, wenn die Software gewisse qualitative Sprünge machen könnte. Ich hab einige Erfahrungen gemacht und weiß, wie es meistens läuft: Das Negative, das Niedere, Schädliche, Widersprüchliche, Fragliche und Gefährliche muss berichtet werden, alles andere ist im Grunde uninteressant. Da würd‘ ich doch lieber putzen gehen, als meinen Geist ins journalistische Joch zu zwängen!

Lösung und Lockerung

Und dann, irgendwann Mitte dreißig, die ersten Creative Writing-Kurse. Volkshochschule, alles recht erschwinglich, just for fun mal eben so mitzunehmen: Wow, was für ein Erlebnis! Keine Schubladen mehr, keine Kriterien, keine Anbetung, no Respekt!! Einfach schreiben – und zwar das, was aus mir kommt, was sich von selber schreibt, wenn der ganze Schmodder an Überbau, an Wollen, Meinen, Denken und Sollen mal beiseite gelassen wird. Das ist nicht so einfach per Beschluss zu erlernen: ab jetzt schreibe ich „echt und ehrlich“. „Echt“ und „ehrlich“ sind genau wieder Kategorien wie alle anderen Vorgaben – wirklich schreiben ist JENSEITS des Wollens und Entscheidens, jenseits des Bewertens und jedweder Moral. (Einschließlich der spirituellen Moral der Selbstsuche und Findung, der Ego-Demontage oder was auch immer). Wenn der Schreibfluss im Gang ist, eröffnet sich ein ganz neues Feld der Beobachtung: Als wär ich mir selber ganz fremd, schreibe ich nieder, was durch meinen Kopf geistert, versuche auch, Gefühle und Empfindungen mitzubeschreiben – und merke dabei im Lauf der Zeit, wie substanzlos das „an sich“ alles ist. Erst wenn ich auswähle, das Geschriebene in Form bringe, zu einem bestimmten Zweck nutze, dann bin ich auf der Ebene der Bewertungen angekommen: Ist das auch „echt“? Ist es „gut“?

Beim öffentlichen Schreiben, wie etwa hier im Diary, ist der „Selbsterkenntnis-Gewinn“ ganz automatisch größer als in einem „geheimen Tagebuch“, das muss ich nicht mal extra anstreben. Während ich das jetzt nieder schreibe, bin ich noch in meiner „Winword-Umgebung“, bin mit mir allein, doch wenn ein Stück Text entstanden ist, wenn der Schreibfluss stockt und die Bewertung einsetzt, lese ich es noch mal durch und frag mich: Will ich das SO veröffentlichen? Zum Beispiel der Teil über Journalismus: in der Erstfassung war der noch härter formuliert und auch jetzt hat er noch „Verletzungspotenzial“. ABER: ich kenne doch auch gute, engagierte Journalisten, finde es mutig, wie sich viele selbst in Gefahr bringen, um von gefährlichen Orten noch zu berichten. Ohne Journalisten, die so manche Schweinerei aufdecken, hätten wir einen ganz anderen Staat – ist es da angemessen, den gesamten Journalismus mal eben in die Tonne zu treten, weil es grad gut passt? Weil die Gedanken nun mal so auf die leere Seite flossen, der Drive des ganzen Absatzes von einem Übel zum nächsten drängte, die Ausdrucksweise ganz von selber drastischer wurde??? Beim zweiten Lesen seh‘ ich mehr, sehe nicht nur schwarz oder weiß, werde mir der Vielschichtigkeit und Komplexität wieder bewusster – und je nachdem, was ich dann für ein Gefühl zum Geschriebenen bekomme, streiche ich es weg, entschärfe es oder lasse es stehen. Würde ich ein „geheimes Tagebuch“ führen, hätte ich dazu keinen Anlass: jedwede Emotion, jeder spontane Gedanke ginge ein in die große Materialsammlung „Tagebuch“, die sowieso keiner liest, die mich also gar nicht motiviert, von meinen aktuellen Scheuklappen auch wieder abzusehen.

Was ist da nun „echt und ehrlich“ oder nicht?? Für mich geht es darum gar nicht, mich begeistert der Prozess als solcher. Wie sich aus dem Chaos im Kopf ein Text entwickelt und wie er sich dann im Rahmen der inneren Auseinandersetzung mit dem Gesagten noch verändert: es ist immer wieder ein Abenteuer, jedes Mal. Die einzige Erkenntnis, die ich im „geheimen Tagebuch“ gewinnen würde, wäre vergleichsweise dünn: ich bin gedanklich zu allem fähig, bin widersprüchlich und verändere mich fortlaufend.

Um die beobachtende Haltung gegenüber der eigenen Gedankenproduktion zu gewinnen, sind die Techniken des Kreativen Schreibens unschlagbar effektiv. Wobei man sie nicht nur kennen, sondern auch anwenden muss, zumindest eine Zeit lang, bis sich die „Art, zu schreiben“ geändert hat. Jahrelang schrieb ich Briefe an meinen Yogalehrer – lange Briefe, etwa in der Länge dieser Diary-Artikel. Darin setzte ich mich mit den Yoga-Erlebnissen auseinander, doch schnell wurden es Briefe über Gott und die Welt. Es war klar, dass er diese Briefe nicht schriftlich beantworten würde, allenfalls nahm er manchmal einen Gedanken heraus und kommentierte ihn in der nächsten Yogastunde, während wir Schüler entspannt auf dem Rücken lagen und seiner Stimme lauschten, die bereits aus dem langen Atem sprach, den wir erst gewinnen wollten.

Die Briefe hatten zunächst eine sehr bemühte, abgerundete und abgesicherte Form: voller Bezüge auf Autoritäten, auf das, was Andere sagten, auf Moral und Tradition der eigenen Generation, auf Denkinhalte aus spirituellen Lehren und vieles mehr. Auch an meinen Lebensgefährten, der lange Zeit in Italien lebte, schrieb ich solche Briefe – er sprach dann von dem Schrecken, der ihn angesichts einer solchen „Großkalibrigkeit“ überkam: wie kann man darauf noch „ganz normal“ antworten?

Es wurde erst anders, als ich das Kreative Schreiben entdeckte und etliche Kurse besuchte. Sehr schnell schrieb ich mich frei von allem, was nur „zur Absicherung“, Begründung oder Rechtfertigung in die Texte geriet. Die Entdeckung des Schreibflusses, zum Beispiel im Versuch, „automatisch“ zu schreiben, war grundstürzend. Übungen wie „10 Minuten schreiben ohne aufzuhören“ faszinierten mich: was da alles zu Tage kam, was alles „aus mir“ heraus sprudelte! Und dann natürlich gleich die Frage: bin das ICH? Üblicherweise war ich ja mit meinen Gedanken vollständig identifiziert, der Prozess des „Zuerechtbiegens“, des Sortierens, Auswählens, Bewertens verlief derart schnell, dass ich gar nicht bemerkte, was für ein ungestaltetes vielfältiges Material sich da von Augenblick zu Augenblick abspult.

Genau wie mich die Yoga-Übungen physisch und psychisch entspannten, lockerte sich auch mein Umgang mit den Denkinhalten im Zuge der Schreibkurse. Im Yoga beobachtete ich den Atem, die physischen Empfindungen in verschiedenen Haltungen, und stellte fest: das ist eine ganz eigene Ebene, da tut sich etwas, das nicht ich tue. Und es wirkt sich sogar auf andere Ebenen aus: auf Gefühle und Gedanken, die mich zu Handlungen und Verhalten veranlassen. Meine selbstverständliche Identifikation mit dem Körper zerbröckelte schnell – genau wie die fraglose Identifikation mit dem „ich denke“ zerbrach, als ich in den „Fluss“ des freien Schreibens eintauchte.

Zwanzig Jahre lang suchte ich immer wieder gern meine Schreibgruppe auf – zu selbst organisierten Schreibnachmittagen oder Abenden. Einmal im Jahr veranstalteten wir ein Schreibwochenende auf dem Land und erlebten in der Natur noch ganz andere Anregungen als in den Häuserschluchten der Stadt. Das „abenteuerliche Schreiben“ wird niemals langweilig, ganz anders als das Schreiben für Schubladen, das ich 1996 und ’97 wieder praktizierte, als ich meine Internet-Erforschungen für die Printpresse in verdauliche Formen goss. Das Netz war noch ganz jung und kaum im Bewusstsein der Gesellschaft, ich durfte also im Prinzip schreiben, was ich wollte, Hauptsache Internet. Und doch spürte ich den Unterschied deutlich, der mit den unausgesprochenen Vorgaben verbunden war: vorgeschriebene Länge, sachliche Dichte, immer mal ein Gag, was zum Schmunzeln, dabei aber bitte nicht zu persönlich! Klar, die Gazetten brauchen das so – aber als sich die Möglichkeit ergab, mit Webdesign Geld zu verdienen anstatt durch fremdbestimmte Kanalisierung meines Schreibflusses zog ich das bei weitem vor.

Wer bin ich? Weiß ich das besser, seit ich so schreibe? Ich weiß nur, dass meine früheren Annahmen nicht stimmten, und das ist schon viel wert. Es ist sowieso eine Frage, deren Beantwortung darin liegt, dass man eine andere Haltung zur Frage gewinnt – nicht etwa eine konkrete Antwort. Ja, eine Antwort wäre geradezu tödlich, denn mit ihr wäre das Abenteuer des Lebens zu Ende.

Heut schließ ich mal mit einem schönen Zitat:

„Paranoia, der Geist, der neben sich steht, wird zu Metanoia, dem Geist, der bei sich und somit frei von sich ist. Wenn sie sich nicht aneinander klammern, sind die Hände frei, zu handeln; wenn sie den Blick von sich selbst lösen, sind die Augen frei zu schauen; wenn das Denken sich nicht bemüht, sich selbst zu verstehen, ist es frei zu denken. In solchem Fühlen, Sehen und Denken braucht das Leben keine Zukunft, um vollständig zu sein, auch keine Erklärungen, um sich zu rechtfertigen. In diesem Augenblick ist es vollendet.“

– Allen Watts –

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