Claudia am 06. August 2003 — 0 Kommentare

Von Schreibblockaden, kalten Rippchen und Startterminen

Dieser Text entstand am am 6.August 2003 im „Schreibimpulse-Blog“, das ich zur Begleitung meiner Schreibkurse einige Jahre führte. Ich habe ihn ans entsprechende Datum ins Digidiary „gerettet“, da das Blog nach einigen Jahren (mit vielen wunderbaren Schreibkursen!) eingestellt wurde.

Kurzreise nach Frankfurt. Programmierer leibhaftig gesichtet. Sauna und die Lizenz zum Kontakt.

Die Hitze war höllisch. Hinreise am Sonntag, Montag mehrstündiges Arbeitstreffen, gegen Abend dann gleich zurück nach Berlin. Solche Hau-Ruck-Aktionen sind eigentlich nicht mein Ding, aber jetzt musste es einfach mal sein. Nächste Woche fährt Ulf, der die programmiererische Seite von Schreibimpulse.de entwickelt, nämlich in Urlaub. Der Starttermin für die Kurse muss aber VORHER stehen. Ein bisschen Anmeldezeit braucht es ja doch, auch wenn schon über hundert Leute “Interesse gemeldet” haben. Wer weiß, wieviele davon wirklich dabei sein werden! Himmel, ist das spannend….

Wir haben ihn, den Starttermin! Endlich! Noch nicht auf den Tag genau, aber so um den 14. / 15. Oktober geht’s los. In einem lauschigen Biergaren bei Frankfurt erfreute ich mich an “kaltem Rippchen mit Kartoffelsalat” (das es in Berlin nicht gibt) und an unseren Fortschritten. Seit Monaten maile ich mit Ulf, doch gesehen hatten wir uns noch nie. Er war einer derjenigen, die sich freiwillig gemeldet hatten, um mir das Digital Diary von “händischem Betrieb” auf ein automatisiertes Script umzustellen. Ich wollte einfach keine HTML-Tags mehr sehen, wenn ich Diary schreibe. Nur noch in die Eingabemaske tippen, wenn’s mich überkommt – einfach so über’s Web, das müsste wunderbar sein!

Na, jetzt ist es bald soweit. Das “automatische” Digidiary wird bald das Licht der Welt erblicken – aber eher als ein “Abfallprodukt” unserer Zusammenarbeit. Erstmal hab’ ich Ulf nämlich “umgelenkt”. Das Diary war in meiner Prioritätenliste ziemlich nach hinten gerutscht, ich steckte voll fasziniert inmitten der Planungen für schreibimpulse.de. Einen Namen hatte ich noch nicht, aber Ideen und Pläne, die mich ganz neu faszinerten: Endlich mal nicht Webdesign, endlich mal eine eigene Unternehmung: nicht immer nur Andere in Szene setzen, sondern selbst etwas entwickeln!

Ein eigenes Projekt

Das hatte ich schon lange im Hinterkopf. Sogar mit ganz netten Ideen – doch so richtig “los gegangen” ist nichts davon. Die Ideen berührten mich nicht wirklich, oder nur in einer beiläufigen Art. Zum Beispiel die “Saunaseite Berlin”: Ich wollte alle Berliner Thermen und Saunen vorstellen – natürlich nicht datenbankartig öde, sondern so richtig mit Atmosphäre. Szenen von nackten Schwitzenden aller Altersgruppen und Geschlechter, wie sie im Dampf verschwinden, standen mir vor dem inneren Auge. Oder das Aufguss-Ritual: Saunameister wedelt mit dem Handtuch und treibt jedem den Gluthauch der Wüste Gobi über die nackte Haut – und alle tun so, als wär’ das angenehm! Ja, seit meinen Mecklenburg-Jahren geh ich gern in die Sauna, warum also nicht eine “Saunaseite”?? Ich denke immer gleich in Webseiten – aber wie und wann soll ich die alle schaffen?

Die Saunaseite hatte immerhin schon ein “Finanzierungsmodell”. Ich wollte Sauna-Tücher verkaufen, die ein Logo und eine Art Code tragen: Mit blauem Streifen heisst “lasst mich in Ruh!”, mit rotem “Ich bin auf Suche” und mit gelbem “Alles außer Sex” oder “Plaudern erwünscht”. So hatte ich zumindest ins Grobe gedacht. Die Handtuchträgerinnen und Träger würden einander in den Sauna-Anlagen Berlins erkennen – mir hätte sowas gefallen!

Ich finde, es gibt insgesamt zuwenig “Lizenz zur Kontaktaufnahme” außer in klar vordefinierten Situationen wie etwa als Käuferin, Lehrer, Managerin oder Postbeamter. Am richtigen Ort mit entsprechendem Gegenüber, überall, wo wir Rädchen oder Motoren im Getriebe sind, gibt es “vorgestanzte” Kontakte, voraussehbare Kommunikationsformen und Inhalte. Aber sonst?? Im Alltag muss erstmal ‘was Katastrophisches passieren, damit die Menschen miteinander reden. Und sei es nur, dass ein Bus zweimal hintereinander ausfällt.

Ich verplaudere mich! Das “Handtuchgeschäft” sollte nicht das einzige sein, was für Einnahmen sorgt, sondern ich wollte den Berliner Sauna-Unternehmern auch einen “Sauna-Pass” schmackhaft machen: deutliche Rabatte für Neukunden – und diesen Saunapass dann zum Pauschalpreis anbieten, weit günstiger als die zusammen gerechneten Rabatte. Schien mir aussichtsreich, eine “Win-win-Situation” für alle Beteiligten – und ich würde künstlerisch Saunen in Szene setzen!

Die Saunaseite ist dann doch im Ideenstadium geblieben wie noch manches andere. Schließlich geh’ ich nur einmal die Woche schwitzen und so dringlich ist mein Plauderbedürfnis auch wieder nicht. In der Sauna jemanden ansprechen ist zudem leichter, als ein Webprojekt aus dem Boden zu stampfen, dass das für viele einfacher macht. Meine Motivation, die Tage mit Sauna-Betreibern zuzubringen oder Handtuchproduktionsmöglichkeiten zu checken, hielt sich in Grenzen, versetzte mich nicht in Bewegung. Und: in Berlin gibt’s nur wenige gute Saunen, der letzte Standard fehlt ganz – wer hat hier schon einen Schneeraum? Wer kühlt das Wasser weiter herunter, als es aus der Leitung kommt?

Genug davon. Meine anderen Ideen erzähl ich vielleicht auch nochmal, doch seit mich die Kurse beschäftigen, ist das alles vom Tisch! Heute kommt es mir sogar seltsam vor, dass ich nicht weit früher darauf gekommen bin, genau DAS zum Projekt zu machen, was ich im Alltag am liebsten tue: Schreiben, mit anderen kreativ kommunizieren, lockere Gruppen entstehen lassen und soziale Prozesse möglichst ergötzlich für alle gestalten? Der Untertitel meines Diary sprang mir ganz neu ins Auge: “Vom Sinn des Lebens zum Buchstabenglück” – da stand es ja, warum sollte ich in der Sauna und auf den Friedhöfen (davon demnächst!) suchen?

Fast hätte ich diese Domain “buchstabenglueck.de” genannt. Aber Umlaute im Domainnamen sind nicht so gut und die Welt ist voller Zyniker, die das gewollt missverstehen und sich belustigen würden – also schreibimpulse.de!

Vom inneren Zensor

Im Digital Diary bin ich in der letzen Zeit nicht sehr gesprächig. Eine gewisse Scheu hält mich davon ab, die Stammleser mehr als gelegentlich mit Artikeln über das Werden meiner Online-Kurse zu beglücken. Vermutlich behindert mich ein tief sitzendes, in vielen Netzjahren eingefleischtes Sündenbewusstsein: Man macht keine Werbung für eigene kommerzielle Projekte, das ist igitt! Und wäre nicht alles, was ich darüber schreibe, AUCH eine Werbung – ob ich das will oder nicht? Schließlich bin ich fasziniert von meinen Plänen, es begeistert mich, ich kann also nur “werbend” darüber schreiben.

Im Juli also nur zwei Diary-Beiträge und keinerlei “Einfälle”, die NICHT mit schreibimpulse.de zusammen hingen, auf irgend eine Art. Das Diary trocknete aus wie die Brandenburger Wälder. Was tun? Ich fühlte mich schreiberisch gelähmt! Gestern Abend dann, als ein lieber Freund wieder einmal nichts zu einer Frage geantwortet hatte, die mich in Sachen schreibimpulse.de umtreibt (wie so viele derzeit!), wich die Lähmung von mir: Warum soll ich eigentlich genau das aufgeben, was ich in meinem Kurs A vermitteln will? “Von sich schreiben – Webdiarys und mehr” ist der Titel – und ich hör auf, weil ich in den Klauen des inneren Zensors hängen bleibe??? Es darf gelacht werden! :-)))

Warum nicht die Interessenten fragen, wenn ich eine Frage habe, deren Antwort nur sie wissen? Es war nie mein Ding, über Zielgruppen nachzudenken, ich kommuniziere lieber direkt. Es gibt über hundert Leute, denen ich Infos versprochen habe – was lässt mich eigentlich denken, ich dürfe die erst “zur Besichtigung” einladen, wenn alles fertig ist? Kursbeschreibungen, “Über uns”, Konditionen, AGB, Anmeldeformular – da brauch ich noch ein bisschen Zeit. Warum nicht einfach erzählen, was es Neues gibt? Wie der Aufbau läuft, was für neue Erfahrungen ich mache, was bisher geschah… “Von mir schreiben” und “vom Projekt schreiben” sind zusammen gefallen, na und? Ein Ortswechsel dieses Themas auf schreibimpulse.de verschont das Digital Diary davor, zu “eintönig” zu werden – immerhin interessieren sich viele weder fürs Schreiben noch für den Aufbau eines Web-Projekts.

Aber da ist noch etwas: Erzählt die Unternehmerin, was sie unternimmt?? Liest man irgendwo vom Entstehen der vielen Projekte, die mit viel Einsatz und Hoffnung ins Werk gesetzt werden? Gibt’s da eine Schweigepflicht??? Ist es nicht besser, zu warten, bis eine glitzernde Oberfläche steht und alles perfekt wirkt? Und niemals ein Wort darüber verlieren, wie fraglich, problematisch, fehlerträchtig dies und jenes ist, bevor alles “fertig” im Web steht?

Vielleicht ist das wirklich besser, werbetechnisch betrachtet. Aber deshalb monatelang nicht mehr über das schreiben, was mich hauptsächlich bewegt? Kann ich mir nicht vorstellen! Das wär es mir auch nicht wert. Schreibimpulse.de soll mich bereichern und nicht einschränken, beglücken und nicht deprimieren, den Raum der Möglichkeiten vergrößern und nicht zusammenschrumpfen. Ich schreibe also weiter. An dieser Stelle.

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