Claudia am 21. November 2002 — 0 Kommentare

Wohnen & Wünschen

über die Frage nach dem richtigen Wohnen tut sich mir die Welt des Wünschens wieder auf. Es erscheint mir als ein kleines Wunder und fühlt sich völlig neu an. Ihr könnt ruhig darüber lachen, doch ich habe tatsächlich geglaubt, ich wäre da heraus gewachsen, geläutert, ein Stück weit heilig geworden, weil vermeintlich frei von materiellen MEHR-Bedürfnissen. Schließlich hegte ich Jahre lang keine konkreten Vorstellungen mehr, WIE und WAS ich im persönlichen Umfeld gerne anders gewollt hätte, als es war und noch ist.

Welch ein Irrtum! Ich war einfach erstarrt in einer lange Jahre eingeübten Haltung, die ein bestimmtes Leben zu zweit erst ermöglichte: eine Form, die ja in jedem Fall ein Konstrukt aus Kompromissen ist. Wenn man dann noch den Frieden über alles setzt und Auseinandersetzungen meidet, muss man sich nicht wundern, dass die Form sich nicht mit der eigenen Veränderung entwickelt, sondern nach und nach zum festen Gehäuse erstarrt, das nicht mehr allzu viel Leben beinhaltet.

Im Zuge des Umziehens entschwindet nun nicht nur DIESE, sondern – zumindest für den Moment – JEDE Form eines gewohnheitsgestützten Alltagslebens. Ich kann mich nicht mehr wirklich an ein „vorher“ erinnern, in das ich zurückfallen könnte – und stehe so vor dem Nichts, vor einer Leere.

Diese wirkt allerdings – wieder nur für den Moment gesprochen – nicht gefährlich, sondern als die Fülle, zumindest der Möglichkeit nach. Wobei diese Fülle noch nicht durch bestimmte Wunschbilder ausdefiniert ist, sondern da ist einfach nur offene Weite – freier Raum, noch ganz ohne Stress, ihn irgendwie füllen zu müssen.

Ausnahme: über die künftige Wohnung nachdenkend, die Basistation zur Erkundung dieser unbekannten Fülle, erlebe ich auf einmal wieder konkrete Vorstellungen und Wünsche! Es ist, als fließe eine neue Energie durch meine Nervenfasern und alles fällt an seinen Platz: Die Wahrnehmung, die Aufmerksamkeit, das leibhaftige Erleben und spürende Erleiden der jeweiligen Umwelt, das mir – anders als früher – heute selbstverständlich ist, bekommt auf einmal den Sinn, der ihm für mein Empfinden lange fehlte: ich richte mich danach! Wenn mich Morgensonne froh stimmt, dann ist ein Ostzimmer morgens genau richtig. Wenn ein Blick in die Weite für meine Psyche ein Lebenselexier bedeutet, werde ich mich nicht in einen Stadtteil vergraben, in dem es nur Häuserschluchten gibt – und seien die Häuser und Menschen dort noch so interessant.

Spüren, fühlen, leben…

Es scheint auf einmal möglich, auf eine Weise zu leben, die ich bisher nur als Herangehensweise bei der Gestaltung von Webseiten kannte: wenn eine Proportion nicht stimmt, eine Farbe sich mit der anderen beisst, tut das richtig WEH – und ich ändere es. So entstehen meine Webwelten, von denen viele sagen, sie seien recht ansprechend. Warum nur ist es so unendlich schwer und langwierig, mit der Lebenswelt auf dieselbe Weise zu verfahren???

Was ich hier sagen will, klingt vermutlich für viele ganz banal: Wer richtet sich denn NICHT nach den eigenen Wünschen? Wer möchte NICHT die Dinge so gestalten, dass sie ihm behagen und Zustände vermeiden, die unangenehm wirken?

Ich kann den Unterschied, den ich meine, an mir selbst am besten erläutern: natürlich hatte ich von Kindheit an „Wünsche“, wollte dieses und jenes haben, strebte nach Bewegungsfreiheit, nach Anerkennung, und nach allem, was bei den Menschen, die mir wichtig waren, „angesagt“ schien. Später begann ich, gesellschaftliche Werte in dieses Motivationskorsett einzubauen: was dem (recht abstrakten!) „Gemeinschaftsgedanken“ nützt, ist auch gut und soll verwirklicht werden – ein Motiv, das bei entsprechender Gemütslage gern auch ins Gegenteil umkippt: alles, was der Selbstverwirklichung des Individuums nützt, ist gut!

So füllt sich das Pantheon der obersten Werte: nach Peergroup, Individum und allerlei Gemeinschaften folgen Friede und soziale Gerechtigkeit, Erhaltung der Natur, bis hin zur Gesundheit, die in vorgerücktem Alter ins Zentrum des Interesse rückt – eine Gesundheit, die man sich dann meist von Labors ertesten und vom Arzt bestätigen lassen muss, weil jeder direkte Zugang dazu verloren gegangen ist.

Damit ist angesprochen, was ich meine: alle diese Wertsetzungen hatten nichts mit mir zu tun, sondern wurden von wem auch immer übernommen bzw. aus abstraktem Denken hergeleitet. Dazu dient auch der irrsinnige Input aus Geschriebenen, die vielen Worte der Weisen und die Erkenntnisse der Wissenschaften bis hin zum ständigen Trommelfeuer der Werbung, die uns vor Augen führt, wie wir sein sollen und leider immer noch nicht sind.

Im Normalfall kommt mensch vielleicht gar nie auf die Idee, mal zu bemerken: all das hat ja gewiss seine Wahrheit und seinen Sinn – aber WAS BITTE hat das mit mir zu tun? Mit dem ganz konkreten Menschen, der ich über die Jahre geworden bin?

Und selbst wenn er aufkommt, dieser Gedanke, so ist doch nichts gewonnen, solange er allein bleibt, solang ihm kein Erleben, Leiden, Genießen, Verlangen, kein FüHLEN zur Seite steht. Als reiner Gedanke wird er gleich wieder vom nächsten verdrängt, der mit gleichem Recht sagt: Interessiert doch eh niemanden, wichtig ist jetzt der Ausgleich zwischen der ersten und der dritten Welt, die Rettung des Rentensystems, die Verhinderung des IRAK-Kriegs oder auch die Weiterentwicklung der „Grünen Meme“ in den gelben Bereich hinein. Im übrigen zeigt deine Körperfettmessung katastrophale Werte an, kümmer dich lieber mal darum!

Diese, so normal wirkende Art und Weise des „Lebens aus dem Denken“, gerät schnell zu einer Hetze, einem ewigen Pendeln zwischen Anstrengung und Scheitern, zwischen Euphorie und Zynismus, und echte Befriedigungen sind selten – was sollte das auch sein? Kurze Momente des Erfolgs, wenn etwas erreicht wurde, das von solchen Wertsetzungen bzw. Autoritäten gefordert ist? Nur Momente, nur Gedanken – üblicherweise gedacht in einem Körper, dessen Brust- und Zwischenrippenmuskulatur kaum mehr beweglich und zu echter Freude physisch gar nicht mehr fähig ist.

…atmen!

Seit einigen Wochen assistiere ich Dienstags meinem Lehrer Hans-Peter Hempel im Kurs „Yoga für Anfänger“ an der Technischen Universität – es sind immer so zwischen 14 bis 24 Studentinnen und Studenten, junge Leute, bei denen eigentlich noch nicht so viel kaputt sein dürfte. Aber wie sie ATMEN, bzw. NICHT ATMEN! Es erschreckt mich – und doch erinnere ich mich, dass ich mit 36 ganz genauso war und alles ganz normal fand. (Dass es mir körperlich total beschissen ging, hatte ich zu ignorieren gelernt).

Es ist jedoch alles andere als „normal“, wenn man als Norm einen beweglichen und durchatmeten leibseelischen Gesamtorganismus setzt. Dieser würde nach einer Anstrengung, wie sie eine Yoga-übung darstellt, in einer Art Resonanz bzw. in einem Nachhall „automatisch“ ca. dreimal verstärkt einatmen. Und zwar deshalb, weil während der Anstrengungsphase üblicherweise eine gewisse Atemnot aufkommt (erst der weit fortgeschrittene Yogi hat gelernt, auch WÄHREND der Anspannung genügend einzuatmen und hat diese Reaktion nicht mehr nötig).

Statt dessen: Nichts! Bei bestimmt zwei Dritteln bewegt sich der Brustkorb praktisch gar nicht mehr. Sie sind auch allesamt sehr still: kein Stöhnen, kein hörbares Ausatmen – zu jeder eigentlich „natürlichen“ psychophysischen Lebensäußerung müssen sie erst langwierig ermuntert, gefordert, motiviert werden – und gelgentlich auch BERüHRT. Sonst wüßten sie vielleicht gar nicht, WO der Brustkorb ist, bzw. kennen ihn nur als Bild aus dem Spiegel, wenn sie kontrollieren, ob der eigene Body den Bildern aus den Medien ähnelt (…Waschbrettbauch? Bauch/Beine/Po? ).

Bin ich abgeschweift? Eigentlich nicht. Der Körper ist die Basis allen In-Der-Welt-Seins. Als Instrument der Wahrnehmung von Qualitäten kann er nur funktionieren, wenn alle seine Systeme frei funktionieren, in ständiger Interaktion mit der Welt und mit den eigenen Prozessen. Auf dieser Basis steht die Zwischenwelt der Empfindungen und Gefühle, die einerseits als körperliche Phänomene spürbar, andrerseits von der Welt des Denkens her beeinflussbar sind – Empfindungen („ahhhh, was für ein schöner Raum!“) eher weniger, Gefühle wie Zorn, Trauer, Sympahtie eher mehr.

Einem Menschen, der von Kind an in ein hypertrophiertes Denken hinein erzogen wird und dessen Körper- und Gefühlsebenen entsprechend verkümmert sind, dem bleibt nur das „rechnende Denken“, das Denken in Quantitäten und abstrakten Werten. Wobei für den, der im konkreten Einzelfall eigentlich nichts mehr spürt, abstrakte Werte nichtssagend und beliebig gegeneinander austauschbar sind. Ein diffuses Gefühl der Verweiflung ist das Ergebnis, gewisse Reste von Impulsen streben immer noch nach dem Guten/Wahren und Schönen, nach dem Angenehmen und Freudvollen, Nach Liebe, sonne, Wärme und Zärtlichkeit – aber ein übergroßer Teil des eigenen Wesens schneidet diese Impulse ab und sagt: Das gibt es nicht! Du träumst! Sei vernünftig! Und was dergleichen Teufelssprüche mehr sind.

Ich hör jetzt auf, denn die Arbeit ruft. Sollte ein lieber Leser jetzt meinen, mit dem, was ich hier schreibe, werde weder die Welt gerettet noch ein Staat gemacht, dann kann ich nur sagen: Wir haben ja schon eine Welt und einen Staat – von denen „gemacht“, die kaum mehr atmen und fast nichts spüren, die also hauptsächlich abstrahieren und berechnen anstatt mitzufühlen, zu sorgen und zu lieben. Zufrieden damit???

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