Das Web wird oft als bunte Bilderwelt mit lockenden Shopping-Malls beschrieben, doch ist das nur die halbe Wahrheit. Ein Universum aus Texten wächst ins schier Unendliche: Immer mehr Schreibende veröffentlichen im Netz. Ohne Verlag und Lektor, mal mit, mal ohne literarischen Anspruch, fast immer unbezahlt: die Freude am Schreiben und Experimentieren ist Anreiz genug.
Die Zeit einsamer Poeten im stillen Kämmerlein ist lange vorbei. Kommunikationsfreudige Autoren, Grüppchen, Stämme und Szenen vernetzen sich miteinander. Selbst ihre Werke stammen manchmal von mehr als einem Autor - oder gar gleich von einem Computer. Kreative Webprojekte und Experimente laden zum Lesen und Mitschreiben: Interaktivität bleibt hier kein leeres Versprechen.
"Bitte dichte für mich, Poetron!" - ein Besuch bei Günters Genialem Gedicht Generator Poetron4G ist allen zu empfehlen, denen es an eigenen Einfällen mangelt. Poetron4G läßt niemanden im Stich, wenn die Muse mal streikt, sondern wirft auf Mausklick fertige Gedichte aus. Günther warnt den Besucher vorsichtshalber vor den Abgründen des elektronischen Intellekts. Das Selbstwertgefühl des arbeitslos gewordenen Autors könnte ja Schaden nehmen. Doch Poetron4G gestattet dem Besucher immerhin, ein paar Worte beizusteuern. Aus den Vorgaben "Netz, wandern, unendlich" entsteht so das Gedicht:
"Netz in zeitloser Zahl - In zeitloser Zahl ist unendlich der Vogel! Welch spöttisches Träumen! In zeitloser Zahl! Ja Netz, wandern und rattern ist niedlich, so entbehrlich und unendlich!".
Mag Poetron4G ruhig spotten: der berühmte Cyrano-Server widerlegt die Rede von der Entbehrlichkeit des Netzes. Ganz wie das literarische Vorbild hilft ein Computerprogramm dabei, einen erfolgreichen Liebesbrief zu verfassen. Dabei kann zwischen "verzweifelt", "poetisch" und "stürmisch" gewählt werden. Für die persönliche Note fragt das Programm z.B. nach der Augenfarbe der Geliebten. Anschließend wird der Empfänger benachrichtigt, daß im Web eine spannende Botschaft wartet. Wie konnten wir nur so lange ohne Cyrano auskommen?
Zu den Flaggschiffen unter den literarischen Webseiten gehören die sogenannten Mitschreibprojekte. Ein Moderator gibt Idee und Regeln vor und kümmert sich um die Pflege. Die Startidee ist entscheidend, denn sie muß eilige Surfer zum Mitmachen anregen. 23:40 Das Gedächtnis spielt z.B. mit der Idee vom richtigen Zeitpunkt. Besucher senden Erinnerungen an eine beliebige Uhrzeit ein, Beobachtungen, Erfahrungen, Botschaften oder Kurzgeschichten. Da der Tag 24 Stunden hat und das Gedächtnis im Minutentakt funktioniert, stehen 1440 mögliche Zeitpunkte zur Verfügung. Der Trick: die Texte können nur "zur rechten Zeit" gelesen werden, nur einmal pro Minute öffnet sich das Gedächtnis. Liegt zu dieser Uhrzeit noch kein Text vor, hat man Pech gehabt. Ein Trost: Wer es erfolglos versucht hat, wird ins Separé eingeladen, wo ein Blick auf bereits vorhandene Erinnerungen gestattet wird.
Nicht nur ein Tag, sondern gleich ein halbes Jahrhundert bietet sich den Autoren des Generationen-Projekts als gemeinsames Thema. Jan Ulrich Hasecke hat das Projekt ins Web-Leben gerufen, in dem die Teilnehmer Ereignisse beschreiben, die sie zwischen 1950 und 2000 bewegt haben bzw. noch bewegen werden. Das Gedächtnis ist jedoch kein langweiliges Geschichtsbuch: Das persönliche Erleben ist gefragt, nicht die coole Beschreibung historischer Ereignisse. Eine gute Idee, die junge und alte Autorinnen und Autoren miteinander ins Gespräch bringen kann, ein richtiges Generationen-Projekt eben!
Geradezu klassisch wirken daneben die Werke der "Hyperfiction": Geschichten, deren Handlung sich jeweils anders entwickelt, je nachdem, welchen Weg der Leser per Mausklick einschlägt. Das von Roger Nelke moderierte Projekt Die Säulen von Llacaan versteht sich als "interaktiver Netzroman" und gibt sich entsprechend labyrinthisch. Mitschreiber können den Einstiegspunkt selbst wählen und zu einem Beitrag beliebig viele Fortsetzungen schreiben. Nelke hofft, daß so "eine Welt der Phantasie entsteht, in der wir uns heimisch fühlen können". Da die Fantasiewelt Llacaan von den auch hierorts bekannten drei Säulen "Denken, Fühlen, Wollen" gestützt wird, fällt das vermutlich nicht schwer.
Wer sich eher durch Bilder als durch Worte inspirieren läßt, ist bei der Suche nach dem Tiefseefisch von Andre Hornischer richtig, ein interaktiver Comic zum Lesen und Selberschreiben.
Schreibe einen Text, schicke ihn jemandem, der ihn weiterschreibt, verändert und wieder weitergibt - das Prinzip "Wandertext" ist für die Netzwelt wie geschaffen. Natürlich müssen die einzelnen Stadien des Textes archiviert werden, so daß die oft überraschenden Veränderungen besichtigt werden können. Der cyberphilosophische Wandertext "Baal lebt", der in Regula Ernis Schreibstuben ausgestellt wird, zeigt sich in mittlerweile zehn Versionen.
Mehr Textexperimente finden sich auf Seiten, die der aus den USA stammenden Tradition des "Kreativen Schreibens" verpflichtet sind. Etwa die drei Mitmach-Projekte bei Writing for Fun, deren Schreibideen jede Schreibblockade überwinden helfen sollen. Eines heißt "Zum Fressen gern" und fordert frisch-fröhlich: "Freßt was ihr gern habt: euren Freund, eure Katze, den Lieblingsdozenten, das Auto...".
Sehr viel traditioneller geht es dagegen in den Textsammlungen zu, die den Großteil der Literaturseiten im Web ausmachen. So kann man z.B. in der Textgalerie Stunden damit zubringen, die in Lyrik und Prosa sortierten Beiträge zu lesen. Glücklicherweise gibt es die Galerie auch zum Herunterladen, so daß die Telefonkosten im Rahmen bleiben.
Sehr viel mehr als gesammelte Werke bietet die liebevoll gestaltete Zauberwelt CyberZauber. Eine "Zauberfee" lädt ein, an magischen Büchern mitzuschreiben, zum Beispiel an der Geschichte "Die Spinne im InterNetz". Ähnlich Fantasy-verliebt zeigen sich auch die "Visible Thoughts" an Lady Ravens kleinem Platz im Web. Lady Raven sammelt "Geschichten die im Kopf auftauchen und wieder verschwinden. Träume an die man sich nach dem Aufwachen erinnert. Bilder, die an einem vorbeiziehen, kurz bevor man einschläft". Neugierige finden die Beiträge unter Stichworten wie "Kuß, Liebe, Tod, Freiheit, Erotik, Angst" und vielen mehr.
Während vor nicht allzu langer Zeit Tagebücher noch mit Schlössern gegen fremde Blicke gesichert wurden, ist im Web nun das große Outing angebrochen. Eine wachsende Gemeinde von Tagebuchschreibern beglückt uns mit Berichten aus dem ganz privaten "realen Leben", wie es auf Cyberdeutsch heißt. Ob Ehestreit oder Magenverstimmung, Ärger mit Lehrern oder Chefs, nichts bleibt verborgen. Wozu noch "Lindenstraße"? Tagebücher können immerhin auf eine lange Geschichte als literarische Form zurückblicken. Und manches persönliche Webtagebuch ist nicht so ganz ernst gemeint: Titel wie TaBU - Das großartigste, überflüssigste, lustigste, langweiligste, tiefgründigste, oberflächlichste Online-Tagebuch, das je unbeachtet im Rampenlicht stand, sind eher Regel als Ausnahme.
Das mehrfach ausgezeichnete Cyber-T@gebuch der Jugendkunstwerkstatt Koblenz verfolgt dagegen ernsthafte Ziele. Junge Leute aus vielen Länder berichten im Rahmen des fünfsprachigen Projekts aus ihrem Alltag und lernen sich so kennen. Eine echte Perle für Tagebuchfans ist die hier gepflegte Liste von Tagebüchern im WWW . Chroniken wie Welcome to my Neurosis erwarten die Leser, daneben Reisetagebücher, fiktive Tagebücher und das von Christoph Berndt herausgegebene historische Tagebuch eines Auswanderers.
Unmöglich, auf ein paar Seiten die ganze Welt der Texte vorzustellen, doch zum Glück gibt es ja gepflegte Verzeichnisse, die weiterhelfen. Erste Adresse für Schreib- und Lesefreudige ist sicher OLLi mit den berühmten Literatur-Links von Oliver Gassner. Über 400 kommentierte und bewertete Quellen weisen den Weg zu Autorinnen und Autoren, Schreibprojekten, Webzines, Bibliotheken und Archiven. Auch Foren und Chats fehlen nicht. Der erfreulich aktuelle Lotsendienst hat Gassner den Silbernen Pegasus eingebracht, den Sonderpreis des Internet-Literatur-Wettbewerbs der ZEIT.
Spezialisierter zeigt sich das Surfboard Unterwegs von Dirk Schröder: Digitale Kunstprojekte und Hyperfiction sind hier versammelt. Neben Beispielen - hauptsächlich aus den USA - finden sich Infos über Programme, die das "hyper-texten" erleichtern. Eine kommentierte Liste literarischer Newsgroups ergänzt das nützliche Angebot.
Neben den Link-Verzeichnissen gewinnt ein anderer Weg, das Web zu erforschen, immer mehr Freunde. Verwandte Homepages schließen sich zu Webringen zusammen und verlinken ihre Seiten wie Perlen an einer Schnur. Der Surfer läßt sich vom Ring-Logo leiten und wandert entspannt von Seite zu Seite. Der von Guido Grigat gepflegte Internet-Literatur-Webring BLA verbindet so derzeit über 40 Stationen. Ein Großteil der Projekte bietet fantasievolle Überraschungen und Gelegenheiten zum Mitschreiben. Grigat wählt die Teilnehmer sorgfältig aus, denn BLA ist dem literarischen Experimentieren mit dem neuen Medium gewidmet. Anders der Webring Webfehler - Autoren im Netz, der vergleichbar funktioniert, aber allein die Freude am Schreiben voraussetzt. Ringmeisterin Carola Heine pflegt nebenbei auch noch den Wellenbrecher, einen Webring deutschsprachiger Online-Tagebücher.
Wer vom Surfen erschöpft ist, mag vielleicht in Wolfgang Tischers Literatur-Cafe einkehren, wo neben Infos, Texten und wechselnden Mitschreibprojekten auch ein Literatur-Chat zu finden ist. Oder man steigt um auf Email: die von Sven Stillich initiierte Mailingliste Netzliteratur führt ein niemals endendes Gespräch darüber, was denn Netzliteratur sein könnte. Manche Teilnehmer glauben, die Liste sei selbst, wonach sie suche - neue Mitsucher werden gerne aufgenommen.