Um Geist & Kultur besorgt?
Oh ja, ich höre schon die vorwurfsvollen Stimmen: die Kunst wird endgültig kommerzialisiert, der Autor verkauft sich an die Konzerne, im Web werden nur noch Texte über Dr.Oetkers Nußflakes zu finden sein.... oh Untergang des abendländischen Geistes!
Kurz gesagt: glaub' ich nicht. Wer nämlich Freude daran hat, Werbetexter zu sein, den hält ja niemand zurück. Er bekäme bei der werbetreibenden Wirtschaft weit mehr Honorar, als mit ein paar Links auf einer Netzkunst- oder Netzliteratur-Webseite zu erzielen sein dürfte.
Wer z.B. schreibt, wird schon bemerkt haben, daß unsere kommerziell-werblich durchgestaltete Umwelt ihre Spuren im Innenraum hinterläßt, aus dem der Schreiber schöpft. Ganz von selbst beziehen sich Autoren und Künstler, die in einer heftigen Beziehung zur Zeit stehen, auch auf die Werbung und die Markenwelten, die uns umgeben. Man zensiert nur hinterher die Firmen- und Produktnamen weg, weil's eben im Bereich Kunst "nicht gern gesehen" wird. Man könnte das geradezu ein mutwilliges Verfälschen nennen, denn manche Realitäten lassen sich kaum ohne die Namen beschreiben: Kann man etwa so einfach ohne Verluste "McDonalds" durch "eine nicht unbekannte Fast-Food-Kette" ersetzen? Oder ist es erzählerisch etwa ganz egal, ob "er seinen braunschen Kaffeeautomaten in Betrieb setzt" oder "seine blitzende Lavazza-Espressomaschine?"
Ja, sie ist da, sie ist um uns herum, die Welt der Waren; der Kapitalismus existiert wirklich, ob wild oder zahm; die Wirtschaft muß produzieren, die Waren müssen bekannt gemacht und verteilt werden - na und? Sollen wir das ewig aus unseren Werken zwanghaft verbannen? Es verschwindet dadurch ja nicht aus der "wirklichen Welt" - wozu also in miesepetriger Hochgeistigkeit verharren? Warum nicht mit dem, was ist, spielen?
Ganz konkret stelle ich mir vor, daß Autoren, wenn sie an ihren Webtexten und Webwerken arbeiten, von selbst auf Ideen kommen, was sich da für eine Werbe-Anbindung eignen könnte. Dabei kämen u.U. oft genauso sehenswerte Ergebnisse und geistvolle Querverbindungen zustande, als wenn man sich auf edles, politisch-korrektes, nonkommerzielles Material beschränkt.
Die Qualität der kulturellen, künstlerischen und Hobby-Webseiten aller Gebiete würde vermutlich eher gesteigert, als daß sie verflacht. Denn wenn die Verfasser ihre Mühen auch kontinuierlich belohnt sähen, würden viele ihre Sorgfalt, Kontinuität, ja Professionalität steigern. Ein Webprojekt, daß plötzlich die Telefonrechnung finanziert, läßt niemand so einfach zur Webleiche verkommen.
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Claudia Klinger