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![]() Ausblick: Wohin die Reise geht | |
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Wohin die Reise geht, wissen alle: Richtung Cyberspace, ins Wunderbare Weite WEB.
Der Zug ist angefahren, jetzt wird beschleunigt. Fast jede Zeitung hat ihre Online-Rubrik; in
den Firmen wird überlegt, was man ins Netz bringen soll oder wie die vorhandene Präsenz
zu verbessern wäre. Parteien und Politiker, Behörden und Verbände, Vereine und Initiativen
stehen nicht zurück. Kaum noch eine Versammlung zugunsten gemeinsamer Anliegen findet
statt, wo nicht jemand aufsteht und vorschlägt: "Bringen wir das doch ins Internet!" Sogar die
ersten politischen Papiere mit langatmigen Erklärungen trudeln als seitenlange E-Mails ein
und wollen zu Web-Seiten locken, wo es mehr vom Gleichen gibt. Was es bringen soll, die Dinge ins Netz zu bringen, weiß noch niemand so genau, wichtiger ist, daß man es tut. Früher oder später wird da schon der Rubel rollen. Die Anderen sind schließlich schon da oder gerade dabei, einzusteigen, also! Keine Sorge, hier entsteht keine kulturpessimistische Klageschrift. Im Gegenteil, ich bin froh über jeden, der kommt. Je mehr Menschen, Gruppen und Zusammenhänge aller Art im Netz sind, desto vielfältiger wird es, desto mehr wachsen unsere Möglichkeiten. Dennoch staune ich, daß der Run aufs Internet eine hierzulande ungewöhnliche Geschäftigkeit erzeugt: da wird nicht mehr vertagt und erstmal zur Kur gefahren, nein, man beeilt sich, als gäbe es etwas umsonst. Liebe Leute, wunderbar, daß Ihr kommt, aber denkt daran: das Schlimmste kann passieren, wenn ein großer Wunsch in Erfüllung geht. Denn Ihr habt recht: es gibt im Netz 'was umsonst, ja, jede Menge! Genug für alle, mehr als irgend jemand verbrauchen kann - verbrauchen? Das ist ja gerade das Neue, das uns - gewöhnt an eine Welt der knappen Güter und entsprechendes Wirtschaften - am Internet so irritiert. Im Cyberspace wird zwar durchaus konsumiert, aber nicht verbraucht! Im Frühjahr 1995 gab es ca. 20.000 Webseiten, heute schätzt man ihre Zahl auf 50 Millionen - bis auf wenige Ausnahmen (kommerzielle Datenbanken, Pornomarkt) sind sie kostenlos abrufbar. In einer TV-Welt mit bis zu 500 Programmen ist es schon schwer, erfolgreich Pay-TV zu veranstalten - im Web ist das Tauschangebot "Inhalte gegen Geld" vorerst chancenlos. Es gibt Gesundbeter dieses Zustands, die meinen, es komme auf Qualität an, z.B. seien die Produkte des professionellen Journalismus und der Printmedien ungleich höherwertig als die Inhalte der unzähligen Homepages und E-Zines, die ohne etablierte Produktionsstrukturen auskommen müssen (und können!). Auf Dauer werde die Netzgemeinde dies erkennen und bereitwillig für Premium-Produkte zahlen. Dem läßt sich entgegnen, daß der Wunsch, "to be wired" auf ganz Anderes gerichtet ist, als auf eine Verdoppelung des schon Bekannten. Das Web war auch spannend, bevor es SPIEGEL und TAGESSCHAU gab. Wichtiger noch: Was Qualität ist, bestimmt der Surfer, das Individuum, nicht mehr die Massenmedien der Gutenberg-Galaxis und ihre Protagonisten. Es ist durchaus möglich, daß das steuerlos gewordene Individuum die Neuigkeiten des südbadischen Kaninchenzüchtervereins oder die Blondinenwitze auf der Nicht allein die Tatsache, daß sich mit Inhalten bislang nichts verdienen läßt, ist ein Problem, es sieht auf den ersten Blick so aus, als könne man als Anbieter nur verlieren. Sämtliche Bestandteile einer Web-Site können beliebig oft abgespeichert, kopiert und weiterverarbeitet werden (aus Tagesschau wird DPA). Die ursprüngliche Seite bleibt immer vollständig, egal, wie viele User von dort Gedanken übernehmen, Texte kopieren, Bilder speichern, HTML-Code abkupfern und womöglich aus all dem etwas Neues kreieren. Man muß es sich mal auf der Hirnrinde zergehen lassen, was es bedeutet, daß Güter im Netz nicht verschwinden, wenn sich jemand bedient - ganz entgegen dem, was wir aus der physischen Welt kennen. Copyright, hör' ich Euch jetzt denken, Gesetze, Cyberpolizei - vielleicht lassen sich damit ja während einer übergangszeit krasse Auswüchse vermeiden. Wer aber glaubt, mit einem in der Printwelt entstandenen Gesetzesinstrumentarium im Netz etwas auszurichten, hat die andersartige Struktur des Netzes noch nicht realisiert. Damit ist nicht gemeint, daß es immer einfache Möglichkeiten geben wird, Server außerhalb der Copyright-Staaten zu nutzen, um geklaute oder verbotene Inhalte zu verbreiten. Viel grunderschütternder ist doch die Tatsache, daß es hier gar nicht darum geht, kriminelle Energien im Zaum zu halten, sondern daß die technischen und strukturellen Bedingungen des Web unseren Begriff von (geistigem) Eigentum und Besitz zerbröseln lassen, ja geradezu auf den Kopf stellen. Seiten, auf denen nichts zu holen ist, sind einfach nicht erfolgreich, es ist, als säße man in seiner Wohnung und müßte nach den Dieben rufen: Kommt her und greift zu! Zudem ist kopieren gar nicht nötig. Netzmoralisch auf der Sonnenseite bewegt sich, wer einfach einen Link auf die Seite mit dem Fremdinhalt setzt: alle wünschen sich Links auf ihre Seiten, man bedankt sich, Links werden verteilt wie Orden (manche Orden sind eigentlich nur getarnte Links!) Kurz: jeder kann aus weltweit verteilten Ressourcen etwas 'Eigenes' zusammenstellen und damit sogar erfolgreicher sein als die Anbieter der ursprünglichen Bestandteile. Was wird also geschehen? Wie die ungewöhnlichen Verhältnisse im Reich des überflusses kreativ nutzen? Gucken wir doch mal in die Offline-Welt und schauen, was da passiert: weil die staatlichen Finanzmittel rapide knapper werden, wird überall die Kulturförderung gestrichen und an den sozialen Sicherungssystemen gerüttelt. Staatliche Gelder sind aber letztlich nur das, was die Wirtschaft und die Arbeitnehmer erarbeiten und anteilig an staatliche Institutionen zur Erfüllung der für alle nützlichen Aufgaben abgeben. Da die Wirtschaft aufgrund der vielbesprochenen Globalisierung sich mehr und mehr vor den Zahlungen drückt, ist immer weniger Geld da, um Geistesarbeiter zu finanzieren: Künstler, Literaten, Wissenschaftler, Lehrkräfte und Sozialarbeiter werden arbeitslos. Gleichzeitig entdecken die Unternehmen und Organisationen das Netz für sich, das Land, in dem die Kultur blüht, die Kunst gedeiht, an jeder Ecke Texte entstehen und wo ein fröhliches Experimentieren im Gange ist, wie es im Real Life schon lange nicht mehr möglich ist. Da stehen sie dann, die kommerziellen Seiten, einzeln und verloren oder zu sogenannten Shopping-Malls zusammengefaßt, rücken ihr Angebot ins schönste Licht, und kaum einer kommt! Die Enttäuschung ist groß und man übt sich entweder in zähneknirschenden Durchhalteparolen oder stimmt einen Abgesang auf das eben noch hochgelobte neue Medium an. Wie gut beraten wären die kommerziellen Anbieter doch gewesen, hätten sie erst einmal selbst - ganz privat - das Netz ein halbes Jahr erkundet! Dann nämlich hätten sie aus eigener Erfahrung gelernt, daß es für fröhliche Surferinnen und Surfer kaum einen Grund gibt, "zum Einkaufen" ins Netz zu gehen. Zumindest in den Städten ist alles leicht zu haben, Kataloge und Versandhändler ergänzen das Angebot der Kaufhäuser, Großmärkte und Ladenzeilen und - so sagen zumindest die Umfragen - Net-Surfer gehören oft zu den Besserverdienenden, die nicht darauf angewiesen sind, wegen ein paar Mark mehr oder weniger zeitfressende Preisvergleiche anzustellen. Im Netz - und das ist das Entscheidende - wird nicht die zusätzliche Shopping- Gelegenheit gesucht, sondern Dinge, die in den heutigen Städten nicht mehr so einfach zu finden sindt: Gemeinschaft, Kontakt, Ausdrucksmöglichkeiten und Anerkennung. Wer das bieten kann - und dazu bedarf es des fortlaufenden und glaubwürdigen Einsatzes vieler kreativer und kommunikativer Leute - kann auch so nebenbei seine offline produzierten Waren auf dem neuen Weg verteilen. Nicht als Hauptsache, sondern als zusätzlicher Service. Wenn ich als Surferin meine verschiedenen Lieblingseiten besuche und nach und nach finde ich dort auch akzeptable, zur Seite passende (!) Produktangebote vor, dann bin ich bereit und bequem genug, das Angebot auch anzunehmen. So könnten - wenn alles gut läuft - auf einer neuen Ebene die alten Verhältnisse wieder hergestellt werden, die in der Offline Welt der Städte gerade nicht mehr funktionieren: Die Künstler und Geistesarbeiter schaffen öffentliche Räume, die das Besuchen und Mitmachen lohnen - und rundherum und mitten hinein gruppiert die Wirtschaft ihre Konsumangebote. Sie finanziert (über Werbung, Sponsoring oder Festanstellungen) die Kulturarbeiter und bekommt dafür die Möglichkeit, das Web als Vertriebsschiene zu nutzen. Wer bei diesem Modell - das auch andere schon ausgeführt haben - verliert, ist der Staat und Mega-Organisationen aller Art, die nicht in der Lage sind, kleinteilig vorzugehen. Die große Zeit der Massen und Massenmedien geht im Informationszeitalter zu Ende. Sollen wir darüber weinen? |