Das Internet - ein kommerzieller Flop? - Prognose 1 - von Dr. Reinhold Grether


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Was seit annähernd einem Jahr lediglich in Form eines dramaturgischen BEISEITE zu hören war, bricht nun in den HAUPTSTROM marktforschungsgestützter Netzprophetie ein:
1.) Wer im Rahmen der derzeitigen technologischen Möglichkeiten online sein möchte, ist bereits online.
2.) Das Netz ist - und bleibt auf unabsehbare Zeit - ein profitresistentes Zuschussgeschäft.
Satz eins gilt vorerst nur für die USA, Satz zwei WELTWEIT.


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Forum-Banner Kommerziell war das Netz schon immer ein Flop, jetzt schwindet die Aussicht auf eine baldige Trendwende. Wer im Netz bleibt, pessimistischere Stimmen als meine rechnen mit einem Drittel WWW-DEV-NULL übers Jahr, tut dies jedenfalls nicht seiner ROI-Gewinn- erwartung wegen. Krass und überzogen formuliert, hat das Netz dem ersten grossangelegten Versuch seiner Kommerzialisierung seine eigenen polydirektionalen, multiplikatorischen und egalisierenden Regeln aufgezwungen und statt anderer sich selbst bereichert - wie ein selbstessender Wirt, der seine Parasiten genüsslich in die Pfanne haut.


Wachstum geschieht in Sprüngen und MOMENTUM und GLOOM&DOOM begleiten seine Phasen. Welche Gründe lassen sich für den Umschlag, der zunächst die USA erfasst, benennen?

Stand der Technik. Zwar lässt sich die Bedienung eines Browsers in wenigen Minuten erlernen, aber eine einigermassen befriedigende Beherrschung des Zusammenspiels unsausgesetzt sich verändernder Hard- und Softwarekomponenten erfordert ein enormes Zeitquantum und eine hohe Frustrations- toleranz. Von den Kosten ganz abgesehen, ist nur ein kleiner Bevölkerungsanteil zu diesem Aufwand bereit.

Vergleichbares gilt für die Netzerschliessung. Unter tausend Online-Stunden ist ein erträglicher Netzüberblick nicht zu haben. Auch die leistungs- fähigste Netzkanalisierung verlangt Klassifikations- kompetenz und Lust am Umgang mit grossen Wissensmengen. Ein auf Null gestellter Filter macht wenig Sinn.

Aufmerksamkeitsgrad. In amerikanischen Haushalten läuft der Fernseher täglich sechs bis sieben Stunden. Weil er wie ein Springbrunnen das Auf und Ab der Lebensvollzüge nur begleitet, schlägt er nicht sonderlich aufs Zeitbudget. Anders der Computer. Er verlangt hoch konzentrierte Aufmerksamkeit. Sobald andere Götter neben ihm auftauchen, stürzt er ab.


Lernkurven. Begeisterung kommt auf, wenn die Lernkurven steil sind. Je besser wir eine Sache verstehen, desto flacher werden sie. Deshalb erleiden Medien Abbrüche auf beiden Seiten. HIER misslingt, wie gerade geschildert, der Eintritt, DORT jedoch gelingt der Ausstieg, weil einen nichts mehr richtig reizt.

Mikropayment. Im Gegenschlag gegen die erste grosse Globalisierungswelle zwischen 1860 und 1920 wurde das Geld, das im Goldstandard frei beweglich war, in unseren dreissiger und siebziger Jahren nationalisiert. Ein grenzenloses Netz wie das Internet braucht im Prinzip eine globale Währung. Sie müsste vom Internationalen Währungsfond in Zusammenarbeit mit den Notenbanken ausgehandelt und von der G-7- oder G-8-Gruppe abgesegnet werden. Wie konfliktträchtig und zeitraubend ein solcher Einstieg in die Re-Internationalisierung des Geldes wäre, muss nicht betont werden. Es genügt ein Blick auf den EURO, um die Aussichten des GLOBO, auch eines lediglich internettauglichen GLOBO-I, abzuschätzen. Alle darunter liegenden Lösungen dürften jedoch die Transaktionskosten nicht so nachhaltig absenken, dass wachstumsträchtige mikropaymentbasierte globale virtülle Märkte sich bilden könnten. Es ist dann, auf unabsehbare Zeit, mit einer unüberschaubaren Vielzahl von Teillösungen zu rechnen, die eben auch nur Teilmärkte zustandebringen.

Überfluss. Ökonomie, auch Internetökonomie, entsteht durch Knappheit. Information, die übertragen wird, vervielfältigt sich. Knapp wird es erst wieder, wenn die professionelle Aufbereitung von Informationen mehr Nutzen erzeugt als deren frei flottierende Verfügbarkeit.

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Was heisst das nun für die nicht eben kleine Gruppe von Menschen, die ihr wirtschaftsliches Los mit dem Netz verbunden haben?
Ich denke vor allem an die WEBDESIGNERINNEN UND WEBDESIGNER. 1.) Die Nachfrage nach Webdesign wird anhalten, allerdings bei verminderten Zuwächsen.2.) Die Nachfrage nach ausgefallenem und hochprofessionellem Webdesign wird in dem Masse ansteigen, wie Auftraggeber Differenzqualitäten höher schätzen als blosse Netzpräsenz. 3.) Webdesigner sollten mehr Gewicht auf die fortdaürnde Pflege von Seiten und Angeboten als auf deren einmalige Erstellung legen. 4.) Im Gespräch mit dem Auftraggeber sollte der Kommunikationswert von Seiten gegenüber ihrem Gewinnwert betont werden. 5.) Der Aufwand für die Plazierung von Seiten in Suchmaschinen, Katalogen, Zeitschriften darf dem für die Webgraphik nicht nachstehen. 6.) Sozio-Design vor Info-Design, Info-Design vor Objekt-Design.

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Der Auftrieb durch mächtige GEGENTENDENZEN wie die informationelle Unterfütterung der Globalisierung, der Datenfluss in Intra- und Extranets, das breite nonprofitorientierte Selbstdarstellungsspektrum sowie die allgemeine Wissens- und Kommunikationsdigitalisierung halten m.E. die Krise im Zaum, sodass es viel eher zu Wachstumseinbrüchen als zu Minuswachstum kommen wird. In Deutschland, wo sich trotz der geringen Computerdichte deutliche Absatzschwächen zeigen, gewinnen die sechs Krisenfaktoren nur langsam an Gewicht. Hauptentwicklungshindernis hier ist zweifellos die Telekom mit ihren masslosen City-Tarifen, zeigen doch sämtliche Marktuntersuchungen, dass Medienkonsumenten ihr Medienbudget so gut wie nicht, ausgesprochen zögerlich und höchst widerwillig aufstocken. Dem durchschnittlichen Medienbudget (unter 150 Mark monatlich) bleibt das Netz von vornherein verschlossen.

Dr. Reinhold Grether