Interview mit Peter Decker, Macher von 'Webhits':

"Die Zeichen stehen
mehr als günstig!"

Peter Decker, der "Erfinder" von Webhits, dem bisher einzigen Zugriffszähler in Deutschland, plaudert für MISSING LINK aus dem Nähkästchen.

CK.: Peter, WebHits ist mit seinem Zugriffszähler und mit den Hitlisten ja eine richtige Institution im deutschen Web geworden. Kannst du kurz erzählen, wie es angefangen hat? WER macht Webhits? Und was ist Euer Ziel?

Peter Decker: WebHits ist ein Gemeinschaftsprojekt meiner eigenen Firma, der STIER & PARTNER GmbH aus Frankfurt am Main, mit Mario Roeber von D & B Proline aus Magdeburg. Mario und ich haben uns im vergangenen Jahr im IRC kennengelernt, danach auf einer IRC-Party uns gegenübergestanden und spontan Freundschaft geschlossen. Aus dieser Freundschaft heraus ist unser gemeinsamer Server "b-online" entstanden. Neben dem Frankfurter Branchenbuch im Internet (es war das erste seiner Art) unterhalten wir nun auch WebHits. Die Idee dazu ist mir im Sommer '96 gekommen, und in der Tat ist WebHits ein echter Senkrechtstarter. Langfristig haben wir uns vorgenommen, unseren Lebensunterhalt mit unserem Internet-Engagement zu bestreiten. Um dies zu erreichen, planen wir z.Zt. noch weitere nützliche Dienste. Mehr wird aber noch nicht verraten. ;-)

    














CK.: Der einfache Zähler kostet jetzt 20 Mark im Jahr. Rechnet sich das denn? Oder ist Euer Dienst nur eine Art Werbung für Zusatzangebote? Wenn ja, welche denn?

Peter Decker: Die reinen Betriebskosten des Servers können wir wahrscheinlich bald aus den Werbeeinnahmen und den Jahresabos finanzieren. Allerdings steht die in das Projekt investierte Zeit auf einem anderen Blatt. Nicht zu vergessen: mit steigenden Counter-Zahlen sind auch immer wieder Investitionen in die Technik notwendig, um den Standard von WebHits zu halten und uns von der amerikanischen Konkurrenz abzusetzen.

CK.: Welche Technik steht eigentlich dahinter? Wie realisiert Ihr die vielen Zugriffe auf Euren Server? Schließich werden tausende Seiten immer mit zeitgleichem Zugriff auf WebHits abgerufen....

Peter Decker: Zeitgleich sind es nicht unbedingt tausende von Seiten, jedoch können schon mehrere Abrufe pro Sekunde eintreffen. Unsere Internet-Anbindung verkraftet einen Datenstrom von 2 MB pro Sekunde, und wir bemühen uns, diesen so selten wie möglich abreißen zu lassen. Gelegentliche "Unpäßlichkeiten" eines Zählers gehen aber meistens zu Lasten des jeweiligen Providers, mit denen ein User ins Netz kommt. So kann es z.B. sein, daß die eigene Homepage erscheint, nicht aber der Zähler. Das heißt nun nicht zwangsläufig, daß WebHits schläft, vielmehr ist dann meist die Verbindung des Providers zu fremden Systemen, somit also auch zu uns, gestört.

CK.: Seit es das WebHits-Forum gibt, hat sich da eine kleine Gemeinde versammelt, die gern über alles mögliche, nur nicht über Fragen rund um den Zähler diskutiert. Ihr habt jetzt sogar eine Chat-Gelegenheit geschaffen. Erzähl doch mal, wie Euch das vorgekommen ist: überrascht gewesen über soviel soziales Leben? Warum bietet Ihr diesen Service, das ist ja nun wirklich kostenlos...?

Peter Decker: Ganz im Gegenteil. Als alter IRC-Hase war ich mir sicher, daß diese Angebote zur Kommunikation gut ankommen würden. Wie kann mich soziales Leben überraschen? Es freut mich, zu sehen, wie Freundschaften geschlossen werden und Austausch stattfindet. Ich selbst habe meine Freundin Danielle über das Netz kennengelernt und bin mir sicher, daß irgendwann die Grenzen zwischen "realem Leben" und "Cyberspace" fallen, mithin das Netz ein ganz selbstverständliches Kommunikationsmedium wird.

    
































PRIVAT
oder
KOMMERZIELL?
















CK.:Es hat da ja einen kleinen Aufruhr gegeben, als Ihr die Möglichkeit abgeschafft habt, durch eigenes mehrmaliges Abrufen den Zählerstand hochzutreiben. Einige Seiten in den Hitlisten stürzen seither kontinuierlich ab. Warum habt Ihr das verändert und nicht gleich von Anfang an verhindert?

Peter Decker: In der Anfangsphase von WebHits konnten wir uns offengestanden nicht vorstellen, daß jemand absichtlich (und täglich!) mehrere hundert Male seine eigene Seite aufrufen würde. Nun, wir wurden eines schlechteren belehrt. Um Chancengleichheit in den WebHits-Charts zu wahren, haben wir den programmtechnischen Mehraufwand auf uns genommen. Als Nebenprodukt ist daraus auch unsere Besucherstatistik entstanden. Jeder registrierte Nutzer kann mit WebHits jetzt auch sehen, wer die lezten 100 Besucher seiner Seite waren.

CK.:Wenn man mal die kommerzielle und die nichtkommerzielle Hitliste vergleicht, stellt man fest, daß die nicht-kommerziellen Seiten die höheren Abrufzahlen haben. Ist das nicht seltsam? Wie erklärst Du das? Sind die Privaten die besseren Webber???

Peter Decker: In Deutschland ist das zur Zeit. auf jeden Fall so. Das Internet bei uns lebt aus meiner Sicht von vielen meist privaten Einzelinitiativen. Dies mag sich in den nächsten zwei, drei Jahren jedoch verschieben. Allerdings muß man auch sehen, daß sich die "großen" kommerziellen Anbieter anscheinend schwertun, Ihre Abrufzahlen zu veröffentlichen. Trotz einiger Gespräche ist es uns bislang nicht gelungen, dort einen Counter installieren zu dürfen. Schade eigentlich!

CK.:Nochmal zur Unterscheidung kommerziell/ nichtkommerziell. Meiner Ansicht nach ist diese Unterscheidung in diesem neuen Medium, daß ja gerade die Grenzen traditioneller Aufteilung in Arbeit und Freizeit bei vielen sprengt, schwer zu treffen und oft wenig nützlich. Ich nenne mal ein paar Fälle: unstrittig kommerziell ist wahrscheinlich eine Firma, die Ihre Angebote, die sie auch auf anderen Wegen bewirbt, nun im Netz bekannt macht.
Was ist aber z.B. mit einer "privaten Seite", die einen guten Inhalt bietet und nun zusätzlich ein zu bezahlendes Angebot dranhängt, z.B. eine Datenbank, in die sich die User eintragen können? Und ist jemand kommerziell, der z.B. einen Sponsor findet, der sein Logo plaziert und dafür dem Verfasser Geld bezahlt, damit der seine - garnicht aus kommerziellen Erwägungen entstandene - Arbeit weitermachen kann? Wird eine Seite kommerziell, wenn der Autor auf ein eigenes Buch hinweißt? Und: dürfen "private" Seiten Links zu kommerziellen Seiten des Verfassers haben oder werden sie dadurch auch schon kommerziell? Bringe mal ein bißchen Licht in diese Finsternis!

Peter Decker: Gerne. Zuallererst bleibt festzuhalten, daß wir die Einordnung den Autoren der Seiten überlassen. Hintergedanke ist zum einen, den gewerblichen wie den privaten Nutzern eine bessere Vergleichsmöglichkeit zu bieten, wenn Sie die Attraktivität ihres Angebots innerhalb der jeweiligen Hitlisten beurteilen wollen. Zum anderen halte ich unsere (wenn auch unvollkommene) Vorsortierung auch für den Surfer für hilfreich, wenn ihn die Neugier packt und er anhand unserer Charts sehen will, was gerade "en vogue" ist.

Die Plazierung eines Werbe-Banners (zumeist kommen diese von Link-Exchange etc. und bringen keine einzige Werbemark als Einnahme) macht natürlich aus einer Homepage noch kein kommerzielles Angebot, auch nicht der Hinweis auf ein selbstgeschriebenes Buch. Wenn im Impressum allerdings die XYZ GmbH steht, würde ich grundsätzlich kommerzielle Interessen hinter einem solchen Angebot vermuten.

    




CK.: Webhits ist kritisiert worden wegen der Bannerwerbung, die zu pornografischen Angeboten führt. Wie siehst Du dieses Problem der Pornografie im Web? Macht Ihr Euch darüber Gedanken?

Peter Decker: Selbstverständlich machen wir uns Gedanken und sehen auch die Problematik. Das angesprochene Banner haben wir mittlerweile entfernt, weil es definitiv gegen unsere Auflage verstoßen hatte, nicht DIREKT auf Seiten mit expliziten Bildern zu führen. Jedoch muß natürlich auch gesehen werden, daß prinzipiell jede Seite im Netz mit allen anderen verbunden. Wir sind der Auffassung, daß es die Aufgabe von Eltern ist, mit Hilfe geeigneter Software ihre Kinder zu schützen. Gleichzeitig liegt die Verantwortung für Inhalte bei den Autoren der Seiten und nicht bei einem Webcounter oder einer Suchmaschine, die auf die Angebote linkt.

CK.:Ihr habt einen Wettbewerb ausgeschrieben, es geht um die kreative Einbindung des Zählers auf der jeweiligen Homepage. Kannst Du das kurz schildern? Wie steht es mit der Resonanz?

Peter Decker: Wir sind im Laufe der Zeit auf unzählige Seiten gestoßen, welche die vielen Konfigurationsmöglichkeiten unseres Counters voll ausschöpfen. Da haben sich einige Autoren viel, viel Mühe gemacht und wir dachten, die sollte belohnt werden. Bis zum 15. November kann sich noch jeder zum "WebHits Art Contest" anmelden und mitmachen. Es kommen täglich neue Teilnehmer dazu, und der Wettstreit ist voll entbrannt. Wir haben einige Sachpreise ausgesetzt (dem vom Publikum gekürten Sieger winkt ein Highspeed-Modem) und freuenn uns über die große Resonanz.

CK. Was macht Dir an Deiner Arbeit am meisten Spaß? Wieviele Stunden arbeitest Du pro Woche? Surfst Du auch noch "privat" im Netz? Hast Du bestimmte Wünsche für die Zukunft ?

Peter Decker: Hmm. Am meisten Spaß macht mir das durchweg positive Feedback in Bezug auf unser Projekt, sei es durch eine spontane E-Mail oder eine Bemerkung im Chat oder im Forum. Die Stunden, die ich für WebHits verbringe, kann ich nicht zählen, WebHits hat sich fast schon zum Fulltime-job entwickelt. Aber zu einem, der mir und Mario in der Tat riesigen Spaß macht, zumal wir noch viele Pläne realiseren wollen und die Zeichen mehr als günstig stehen!

CK: Gibt es noch was, was Du gern sagen möchtest?

Bei dieser Gelegenheit möchte ich mich unbedingt bei allen Freunden von WebHits für die vielen nützlichen Anregungen und Kommentare bedanken und gleichzeitig alle um Verständnis bitten, die auf Ihre Hilferufe eine vielleicht manchmal etwas einsilbige Antwort erhalten. Von dem Jahresbeitrag können wir leider keine Hotline unterhalten und bauen auf die Experimentierfreude und die Geduld des Einzelnen, wenn es mal nicht auf Anhieb mit dem Counter klappen will. Und ja, wir haben auch eine Hilfeseite, auf der wirklich fast alle immer wiederkehrenden Fragen, die uns per E-Mail erreichen, beantwortet werden. Dies als kleiner, augenzwinkender Hinweis ... ;-).

CK: Vielen Dank, Peter, daß Du Dir die Zeit genommen hast - und frohes Schaffen auch weiterhin!

Interview: Claudia Klinger 30.10.1996