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Inspiriert duch die Meditation über die Frage "Wer bin ich?" von Claudia Klinger hat der bekannte Web-Literat Olaf Koch zwei Texte zum Thema eingereicht: Wer bin ich? I. und Wer bin ich? II.


Olaf Koch: "Wer bin ich?"
Eine kontinuierliche Assoziationskette
  Olaf Koch

Olaf Koch
geboren 1963
freier Autor und Journalist,
schlicht Allgemeiner teetrinkender Freiberufler, neben der Arbeit an Computerbüchern nehmen die Schriftstellerei und gelegentliche Übersetzungstätigkeiten immer mehr Raum ein - nicht zu vergessen das KochWeb











A A A A A A A A A


Ichundwelt und - sonst nichts. Eben nichts.



Das Ganze als Gedicht vielleicht so:

Wer bin ich?
Frage und Antwort mit Anweisung zur Meditation

Ich?

Also!

Selbst!

Ich?

Nicht!

Ich bin der, der denkt. Ich bin der, der beobachtet. Bin ich der, der denkt, er beobachte? Bin ich der, der beobachtet, dass er denkt? Beobachte ich mich? Denke ich mich? Denke ich dich? Beobachte ich dich? Beobachtet jemand mich? Denkt jemand mich?

Irgendetwas denkt sich. Eine Verdickung im Sein, könnte die Verdickung im Sein sagen, so wie sie es jetzt scheinlich tut und eine weitere Verdickung im Sein erzeugt, diesmal eine aus Buchstaben. (Denken Buchstaben? Denken Elektronen, die Buchstaben und vieles andere transportieren?)

Beobachten Buchstaben? Und wenn ja, wen? Buchstaben? Oder uns? Die Leser? Man sollte anfangen, sich vor ihnen zu ängstigen. Wo man geht, steht, denkt und beobachtet, beobachten einen diese Dinger, diese Buchstaben, diese verknoteten Gedanken, diese Seinswürste. (Nicht vergessen: Buchstaben Teilmenge von Seinwürste. Nicht vergessen: Seinswürste sind auch wir. - Ist noch Platz hinter den Ohren?)

Vielleicht denken die Buchstaben uns? Meist ist alles eher sehr weit offen und hat eher wenig Enden. Die Wurst hat zwei, befindet sich topologisch gesehen aber innerhalb eines einzigen dreidimensionalen Endes. Aber das O hat keins! Wenn uns das nicht den letzten Halt raubt! Der Tag ist gemacht? Der Tag ist verloren.

Dann das A. Schaut euch das A an. Es hat ein Ende am Anfang (unten links) und ein Ende am Ende (unten rechts). Das grosse A hier, sure. Das kleine meistens nicht.

Ich bin also (vor allen Dingen: also. Schluss mit Schluss.) der, der denkt? Der, der das, was hier in den oberen Absätzen erschien, dachte und dann schrieb, ist der, der denkt? Oder war da etwas, was gedacht und geschrieben hat, ohne dass ich daran gedacht habe, es beim Denken und Schreiben zu beobachten?

Was bleibt? Naja, irgendetwas wird schon bleiben. Wem's drauf ankommt. Von mir aus würde ich mich jederzeit in den Rest auflösen. Ich und der Rest. Ich und Welt? Da ist es ja.

ICH UND WELT. Ist so aufgetaucht. "Ich und Welt" sollte man sich vor dem Frühstück (beim nächsten Ton usw.: 3:39 nach dem Schlafen ist davor) auf der Zunge zergehen lassen. Ich und Welt. Ich, vermeintlich Subjekt, Welt, vermeintlich Objekt. Und und. Dieses und hat es in sich. (Na und?) Ich ist das Wahrnehmende. Welt das Wahrgenommene (als das andere). Und ist Ausdruck des Wahrnehmens, da sich ja Ich als von der Welt Unterschiedenes erkennt. Wenn jetzt Ich und und und Welt zu Ichundwelt werden, dann ist es aus mit den drei Ws Wahrnehmendes, Wahrgenommenes, Wahrnehmung. Ichundwelt und - sonst nichts. Eben nichts. Das ist das, was andere als ichichich samadhi nennen, wenn man es rundumdieUhr spürt und sieht, anstatt nur darüber zu reden. Dauerzustand Erleuchtung.

9.3.97, morgens nach dem Aufstehen


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Olaf Koch: "Wer bin ich?"
Ein zweiter Versuch

Olaf Koch Wenn ich mich lange genug beobachte, stelle ich fest, dass mein Ich das Tätige ist. Unabhängig vom Ich aber beobachtet mich etwas - wie ich feststellen kann, wenn ich mich beobachte. Das ist das Selbst, sagt etwas in mir selbst.

Anders ausgedrückt: Wende ich meinen Wahrnehmungsprozess auf mich selbst an, dann stelle ich fest, dass ich ich selbst bin. Ich bin niemand anderes. Ich bin auch nicht ich von gestern. Ich bin auch nicht ich von morgen. Mindestens die Länge meiner Bartstoppeln und die momentanen Gedanken werden mich von jetzt! und jetzt! und jetzt! unterscheiden. Trotzdem werde/würde ich jederzeit als Antwort auf die Frage "Wer bin ich?" "ich selbst" antworten. Nun, das Ich scheint sich also zu verändern. Aber das Selbst?

Ein anderer Weg.

Einer hat mal gesagt: Ich denke, also bin ich. Ich antworte: Ich denke, also bist du. Ätsch und reingefallen! Und vielleicht würde Gott dasselbe antworten. Ich denke, also bist du. (Wenn man das auf sich selbst anwendet, spricht vielleicht das Selbst mit dem Ich.)

Gott könnte aber auch sagen: Ich bin, also denkst du. Ich bin, also bist du. Ich bin, du denkst. (Ich bin, du denkst, ich nicht sagt er nicht!) Ich bin, du bist. Wir sind. Wir sind ich. Wir sind ein Gedanke. Ich bin ein Gedanke. (Ich bin ein Gedicht, sagt er oder sagt er nicht.)

Wo ein Sein ist, das sich etwas fragen kann, ist auch ein Ich. Wo ein Ich ist, ist immer auch ein Denken. Alles fängt also! an und schon ist da also! ein Ich. Vielleicht sollte man besser schreiben: Ich? Immer Ich? statt Ich. Das erste Mal, dass das Wort/die Denkfigur Ich in der Welt erschien, war es in Form einer Frage. Also!: Ich?

Also ist Ich?, die Kurzform von "Wer bin ich?", die Frage nach dem Selbst. Das ist Yoga. Wenn man beginnt, das Selbst als das nach dem Ich? Fragende und das die Frage nach dem Ich? Tragende zu spüren, dann ist der erste Schritt auf dem Weg zur Erkenntnis gesetzt.

Hat man das Selbst erst einmal gespürt (und auf keinen Fall kann man es anders finden), und das geht nur, indem man in dem Moment, da man das Selbst spürt, selbst das Selbst ist, das sich selbst spürt -

Oje. Hat's gefunkt? Viele Funken machen eine ganz schön anständige Erleuchtung, wenn sie alle in einem einzigen Leben zünden... (...sagt das Selbst zum Ich oder das Ich zum Selbst oder Ich Dir oder Du Mir - das alles was so unterschiedlich aussieht, sieht nur so aus. Ohne Unterschied!) Es gibt nur ein Selbst, aber viele Ichs.



9.3.97, immer noch morgens, aber etwas später

Copyright © 1997 by Olaf Koch